1. Kapitel • 1. Teil • mit 3 Unterkapiteln [ohne Passwort]

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Reise ins Verderben

Dies ist das 1. Kapitel (Samstagsabend), mit den ersten drei Unterkapiteln der Erzählung / des Thrillers „Reise ins Verderben“ kostenlos für Sie!

Der Thriller ist mein Werk und ich besitze die alleinigen Rechte [© ™ ®] daran.

Ich wünsche Euch viel Spaß und jede Menge Spannung beim Lesen!

Euer
Konstantin von Weberg [NOKBEW™]

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1.00. Präambel

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Inhaltsverzeichnis

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1. Kapitel • Samstagnacht (Verhaftet!)

1.01. Ungebetene Gäste

Ich kann doch nicht ahnen, dass die Reise mit einem Klopfen beginnt.

„Plonk, plonk, plonk.“

Ein dumpfes Klopfen dringt zu mir durch. Bin ich wach oder schlafe ich? Ich bin wohl im Niemandsland, in der Zwischenwelt. Die Wissenschaft nennt diese Phase zwischen dem Wachsein und dem Schlaf den hypnagogischen Zustand.

Dort bin ich!

Ein wenig gleite ich in Richtung Wachsein. Das Nervensystem und das Gehirn melden sich, denn sie ärgern mich mit rationalen Gedanken und Fragen: ‚Verdammt, ist das warm im Raum! Das Atmen fällt schwer. Es ist stickig und es ist offensichtlich kaum noch Sauerstoff in der Luft. Aber wo bin ich und wie spät ist es? Wann habe ich die Klimaanlage genervt vom ständigen Luftstrom abgeschaltet?‘ Der Nebel im Kopf lichtet sich und das Denken wird klarer. Dennoch fehlt mir noch jegliches Zeitgefühl.

Neben dem tiefen Atmen der Kinder sind dort weitere Geräusche und die gehören nicht hierher. Vor dem Cottage diskutieren angeregt Menschen. Jetzt wird an der Tür gerüttelt. ‚Abgeschlossen! Die habe ich von innen verriegelt‘, erinnere ich mich dunkel.

Meine grauen Zellen arbeiten langsam: ‚Klopfen und Rütteln an der Tür? Draußen Menschen? Was ist da los? Warum sind die hier?‘

Jetzt bemerke ich auch die Lichter. Es blitzt blutrot durch meine noch geschlossenen Augenlider.

‚Verdammt starke Lichter!‘, ruft es in mir. Ich öffne die Augen, bin aber noch zu schlaftrunken, um adäquat reagieren zu können, fühle mich wie gerädert und spüre leichte Kopfschmerzen in den Schläfen. Mein Mund und der Rachen sind staubtrocken.

Die blitzenden Lichter werfen unentwegt hektische Schattenspiele an die schweren Vorhänge und an die Zimmerdecke im Türbereich.

Es klopft erneut: „Plonk, plonk, plonk.“

Die Sekunden verrinnen und ich bin immer noch unfähig zum Handeln. Jedoch schellen in mir jetzt die Alarmglocken: ‚Komm endlich zu dir!‘ Hier stimmt etwas nicht. Ganz und gar nicht!‘

Erneutes Klopfen an der schweren Glastür. Diesmal energischer und penetranter. Das Klopfen wird durch den zweiteiligen Vorhang gedämpft. Der ist dick wie ein Berberteppich und bedeckt die gesamte Front des Raumes. Widerwillig setze ich mich auf das Bett. Mehr oder weniger unbewusst streiche ich das Laken glatt, räume das Bettzeug zurück und werfe das Kissen an seinen Ort. Hinter mir schläft ein Kind.
Es liegt an der Wand und das macht das Ordnen des Bettes einfach. Unentwegt fixiere ich den blickdichten braunen Vorhang. Das beruhigende Atmen des Kindes an der Wand ist gleich dem Atmen der Kinder auf den zwei Betten vor mir. Die Kinder schlafen tief und fest. Das wundert mich überhaupt nicht, ist es doch heute ein Tag voller toller Aktivitäten gewesen. Glücklich aber erschöpft sind die Jungen vor ein paar Stunden eingeschlafen.

Die Schattenspiele der Lichter lassen die Situation gespenstisch surreal erscheinen.

Meine innere Stimme brüllt das Chaos im Kopf nieder: ‚Das überhitzte Zimmer. Die schlafenden Kinder. Die Lichter vor dem Raum und die vielen Menschen, die an die Tür klopfen und daran rütteln. Komm endlich zu dir! Hier stimmt etwas nicht! Ganz und gar nicht!‘

Ich erinnere mich: ‚Schon den ganzen Tag sind da immer wieder diese negativen Vibrationen gewesen. Diese Art von düsterer Vorahnung!‘

Ich drücke den Knopf der Armbanduhr und es wird 22:15 Uhr angezeigt.

„Nein, für Besucher ist es definitiv zu spät“, flüstere ich.

Während des Tages hatte ein Kind, das ist Sam gewesen, SMS-Kontakt mit seiner älteren Schwester gehabt. Sie wollte uns vielleicht im Hotel besuchen. Die Schwester lebt hier in Tugalm City. Aufgewachsen ist sie, wie auch die fünf Jungen die mich heute begleiten, im Dorf, aus dem wir in der Früh angereist sind. Ich kenne die Schwester aus dem abgelegenen Dorf und auch ihre Eltern und die Familie. Das ist das Milieu der fünf Jungen. Ich bin dort ein willkommener Gast. Idyllisch gelegen, schmiegt sich das Dorf an den ruhigen Fluss, der im Pazifischen Ozean mündet.

In Unterwäsche, so wie ich geschlafen habe, begebe ich mich im diffusen Licht zur Tür, stolpere über einen achtlos liegengelassenen Rucksack der Kinder und schaue durch den Spalt der schweren Vorhänge zur gläsernen Tür. Die gesamte Frontwand des Cottages besteht aus Glas. Ein helles Licht blendet mich so stark, dass beim Wimpernschlag ein roter Punkt auf der Netzhaut verbleibt. Zum Schutz halte ich die Hand über die Augen, spähe nach draußen und erschrecke über die schiere Anzahl der Leute vor der Tür. Ihre Taschenlampen werfen harte Strahlen in die samtweiche tropische Nachtluft.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch frage ich mich: ‚Was hat das zu bedeuten? Warum sind da unzählige Leute mit Taschenlampen? Hier gibt es doch Licht am Vorplatz des Cottages, auch wenn es nur schwach leuchtet.‘

Mein Gehirn funktioniert endlich und signalisiert nun höchste Alarmbereitschaft: ‚Was es mit der Meute vor dem Cottage des Hotels auf sich hat, das werde ich sicherlich gleich erfahren.‘

Das ungute Gefühl in der Magengegend wird heftiger: ‚Verdammt, diese Vorahnungen! Irgendetwas stimmt hier nicht, ganz und gar nicht!‘
Nachdem die Leute meine Konturen hinter der Glasscheibe wahrnehmen, enden auch sofort die gepressten Diskussionen.

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Vorsichtig öffne ich eine Handbreit die Tür.

„Darf ich einen Blick in den Raum werfen, Sir?“, keucht atemlos eine ältere Frau in verständlichem Englisch. Sie ist es wohl, die geklopft hat.

Die Frau mustert mich, aber scheut den direkten Augenkontakt. Sie ist nicht sehr groß und von korpulenter Statur. Vor ihrem Bauch hängt ein laminierter Ausweis. Sie schwitzt und atmet bedenklich kurz.

‚Hoffentlich hyperventiliert die Dame jetzt nicht und fällt hier um!‘, denke ich besorgt.

Trotz der schnellen Atmung grinst die Frau und das verunsichert mich total. Dieses dumme Grinsen ist vollkommen fehl am Platz, denn alle Anwesenden hinter und neben ihr wissen, dass es nichts zu grinsen gibt. Die Situation ist weder komisch noch witzig und schon gar nicht lustig. Das Gegenteil ist der Fall. Misstrauen, Argwohn und Aggressionen liegen in der Luft. Die negativen Vibrationen sind in der gespannten Atmosphäre deutlich spürbar, sie sind fast greifbar.

‚Warum also grinst die Frau so blöde?‘, grollt es in mir.

Die Leute bauen sich nun neben und hinter der Frau auf. Da sind Angestellte des Hotels und Personen, die für mich nicht einzuordnen sind. Polizisten, die, obwohl sie zivile Kleidung tragen, sofort als Polizisten zu erkennen sind und natürlich Polizisten in Uniform. Auch ein Kamerateam fehlt nicht. Es sind wirklich sehr viele Leute, die mich nun zugleich erstaunt und erwartungsvoll mustern und fixieren. Einige mit ausdruckslosem, andere mit versteinertem und wieder andere mit grinsendem Gesicht. Es herrscht ein angespanntes Schweigen, das nur vom vereinzelten Räuspern unterbrochen wird.

Es dämmert mir: ‚Das ist die Ruhe vor dem Sturm!‘

Der kräftige Typ mit der Kamera auf der rechten Schulter steht direkt hinter der kurzatmigen Frau. In diesem Moment springt die LED der Kamera von Rot auf Grün. Der gleißende Spot auf der Kamera macht die Nacht zum Tag. Keiner sagt ein Wort. Gespannte, explosive Atmosphäre.

Die Frau vor der Tür, sie mag um die 60 Jahre alt sein, wiederholt ihre überflüssige rhetorische Frage: „Sir, darf ich in den Raum schauen?“ und beendet mit einem aufdringlichen „Bitte!“, das sie unendlich dehnt, die Ansprache.

Ich würge ein „Warum?“ heraus.

„Wir sind uns sehr sicher, dass Sie gerade einen Verstoß gegen geltendes Gesetz begehen!“

Ein älterer Mann hinter der Frau raunt im Befehlston: „Um das zu überprüfen, sind wir hier und das tun wir jetzt!“

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1.02. Verhaftet

Die kurze Konversation an der Glastür des Cottages ist dann auch sofort beendet. Da gibt es also noch jemand neben mir, der diese nächtliche Unterhaltung unter gleißendem Kameralicht, zwischen einer Hyperventilierenden und einem spärlich bekleideten und schockierten Deutschen vollkommen überflüssig findet. Das Wenige, was die untersetzte Dame und ich geredet haben, war ihm wohl schon zu viel gewesen. Er verliert in dem Moment die Nerven, klatscht seine schweißnasse Hand an die Glastür, drückt die nach innen auf, die Frau mit nervöser Atmung beiseite und mich in den Raum und an die Wand. Nun presst er die linke Hand auf meine Brust und hält mich so auf Abstand. In seiner rechten Hand glänzt und funkelt im Licht der Kamera und der vielen Taschenlampen eine hochglanzpolierte verchromte Automatik. Ich habe wirklich nur sehr wenig Ahnung von Schusswaffen, aber der Größe nach könnte es eine Kaliber .45 sein. Der direkte Blick in die Mündung der Waffe schockiert und macht Todesangst. Ich bin zur Salzsäule erstarrt. An mir regt sich nichts mehr. Absolut gar nichts!

Unzählige Leute drängen in den Raum und die kleine Frau die geklopft hat, den Typ mit der glänzenden Automatik, eine junge Polizistin und mich dicht an die Wand des Zimmers. Das ist die Wand gegenüber den drei Betten. Hier befinden sich hoteltypische Dinge, wie ein Schreibtisch, eine flache Anrichte mit Samsung TV und der Kühlschrank. Plötzlich reißt mich der Polizist mit der Waffe herum, dreht mich mit dem Gesicht zur Wand, biegt professionell die Arme hinter meinen Rücken und ich spüre wenige Sekunden später das kalte Metall an den Handgelenken. Das sind wahrlich keine angenehmen Geräusche, wenn die Sperrklinken über die Rasten der Handschellen rutschen. Und sie rutschen verdammt schmerzhaft bis an die Anschläge.

‚Widerstand zwecklos‘, kapituliere ich still im Gedanken und dass die nicht viel reden wollen, haben die ungebetenen Gäste ja ziemlich deutlich gemacht.

Überdeutlich!

Eine wahrhaft filmreife Szene, in der ich der Hauptdarsteller bin. „Alles im Kasten?“, möchte ich dem Kamerateam zurufen, aber tue es nicht. Das sind bestimmt Typen von einem lokalen Sender. „ABC-TV“ kann ich auf dem Plastiküberzug der Kamera im Licht der Taschenlampen erahnen.

‚Die Kinder!‘, erinnere ich mich besorgt.

Die Kinder aber bekommen vom Chaos im Raum nichts mit. Sie schlafen tief und fest den Schlaf der Gerechten. Wie Kinder eben schlafen. Da könnte ein Vulkan ausbrechen oder eine chromblitzende Automatik abgefeuert werden, so schnell wachen die nicht auf.

Es ist auch kein Wunder, dass die fünf Jungen so fest schlafen, nach den vielen Unternehmungen des Tages: Eine über vierstündige, anstrengende Busreise über schlechte Landstraßen, der Besuch der Shopping-Mall „Gaisano“, mit Gaming Zone, Pizza und Eis. Die Krönung des Tages ist für die Kinder aber eindeutig das ausgelassene Planschen, Schwimmen, Rutschen und Toben in der Poollandschaft gewesen.

Die Frau von der Tür und einige andere Frauen, möglicherweise sind es Hotelangestellte, gaffen die Kinder an. Die schlafen jedoch einfach weiter, wie ich jetzt erkenne, nur mit Unterwäsche bekleidet, weiter auf den Betten. Die Frauen halten sich dabei kollegial die Hände vor die Münder oder gestikulieren wild mit den Armen und kreischen hysterisch im Chor: „Oh, mein Gott! Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!“

Dieses absolut künstliche und nervtötende Kreischen macht aggressiv. Es schreit in mir: ‚Ihr blöden Weiber, was kreischt ihr hier herum? Ist es die Unterwäsche? Millionen Kinder in aller Welt schlafen so und niemand ist nackt! Es gibt also absolut keinen Grund, hier so ein widerliches Theater zu veranstalten!‘

Es ist und bleibt ein stummer Protest, denn ich bleibe still und es gibt auch gerade größere Probleme.

Nachdem die Sperrklinken links und rechts über die Rasten gerutscht sind, ist sofort die riesige chromblitzende Automatik verschwunden. Die erkennen wohl, dass ich nicht aggressiv, sondern kooperativ und ruhig bin. Aber auch die attraktive Polizistin, mit dem hochgebundenen Haar und der dunkelblauen Uniform, trägt zur augenblicklichen Entspannung der Lage bei. Ihr natürliches Lächeln ist bei weitem wirkungsvoller als jede Automatik. Die Situation entspannt sich. Sie lächelt nett und glaubhaft. Ganz im Gegensatz zur kleinen Frau, die nun etwas ruhiger atmet und dem Dicken, der seinen ganzen Stolz – die Automatik – zwischen Gürtel und Bierbauch in die Hose gesteckt hat. Das gefrorene Lächeln dieser beiden Personen, verzerrt deren Gesichter zu Fratzen. In deren Augen funkelt Abscheu und Hass.

Der Raum jedoch wird immer voller.

‚Wo kommen nur all die Menschen her und was – verdammt nochmal! – ist hier so interessant?‘

Panik ergreift mich.

Ich bin immer noch in die Ecke von der Glasfront und der Wand mit TV gedrängt. Es fällt mir schwer, mich auf die Fragen der Polizistin zu konzentrieren, die nun auf mich einprasseln. Im Raum herrschen bereits tumultartige Zustände. Die Kinder jedoch schlafen den Schlaf der Gerechten.

Die junge Polizistin stellt dann auch nur einige Fragen: Was das Alter und die Herkunft der Kinder ist? Aus welchem Ort wir kommen und warum wir im Hotel übernachten? Es folgen Fragen, zu meiner Person und ob ich in irgendeiner Weise mit den Jungen verwandt, ob ich ein Priester, ein Lehrer oder Trainer einer Mannschaft bin. Verwirrt beantworte ich die merkwürdigen Fragen.

Die Medientypen sind zu zweit. Der eine hält mit der Kamera weiter hemmungslos drauf, der andere ist ein ungeduldig schubsender Kerl. Er schiebt sich frech zwischen Polizistin und mich, hält plötzlich ein Mikrofon mit einem Überzug, dass an das Fell eines Pudels erinnert, unter meine Nase und schüttet sofort einen Schwall Fragen über mich aus. Das Mikrofon riecht dann auch so, wie es aussieht, nach nassem Hund. Angewidert drehe ich mich weg. Die Polizistin scheint über die Dreistigkeit des Reporters einen Moment perplex zu sein. Der Dicke mit der Automatik verliert wieder einmal die Nerven. Er schiebt den protestierenden Medienmann beiseite, baut sich demonstrativ vor mir auf, kramt mühselig ein zerknülltes Papier aus der Hosentasche und fängt an, laut zu lesen:

„Sie haben das Recht zu schweigen….“

Sein rudimentäres Englisch in Kombination mit dem starken philippinischen Akzent lässt mich kaum etwas von dem verstehen, was er da vorliest. Die zunehmende Lautstärke im Raum tut das Übrige. Nach dem Wort „Schweigen“ ist meine Konzentration dahin. Es interessiert mich gerade mehr, was mit den Kindern geschieht. Die aber schlafen einfach tief und fest weiter.

Die Polizistin reißt mich aus meiner Gedankenwelt: „Haben Sie verstanden, Sir?“

Das Gedränge im Raum wird unerträglich, da ein ständiges Kommen und Gehen herrscht und es immer voller im Raum wird.

Erneut stellt die Polizistin die Frage: „Haben Sie verstanden, Sir?“

Ich nicke gedankenverloren, antworte dann aber ehrlich: „Nein!“

Als Reaktion schüttelt sie den Kopf und sagt kurz: „Schweigen Sie!“ Wegen der Lautstärke redet sie sehr laut.

‚Nimmt denn keiner Rücksicht auf die schlafenden Kinder?‘, denke ich verbittert. ‚Schweigen Sie!‘, hallt die Ansage der Polizistin in meinem Kopf nach. ‚Na ja, dass ihr nicht auf großartige Konversation aus seid, habt ihr ja heute Abend ziemlich deutlich gemacht.‘ Ich äußere das nicht und behalte die Gedanken für mich. Der dicke Typ mit der riesigen Automatik hat heute schon einige Male die Nerven verloren!

Die Kamera rauscht nur so durch den Raum. Der gleißende Spot wirft harte Schlagschatten auf Wände, Teppichboden, Zimmerdecke, Einrichtung, unsere privaten Dinge, auf die Kinder, auf mich und die unzähligen Eindringlinge. Endlich findet jemand den Lichtschalter. Es werden immer mehr im Raum.

Das Chaos im Raum ist mittlerweile unbeschreiblich. Einige machen mit Handys Fotos oder Filme von den immer noch schlafenden Jungen. Eine uniformierte Polizistin von untersetzter Gestalt nutzt dazu eine digitale Pocketkamera. Das TV-Team leuchtet indessen das Badezimmer aus.

Frauen kreisen im Schwarm – das erinnert mich an Aasgeier, die über die Beute fliegen – um die Betten. Ständig höre ich dieses „Oh, mein Gott! Oh, mein Gott“ in diesen extrem nervtötenden, spitzen Tonlagen.

Es ist eine abnorme Situation. Die fünf Jungen schlafen tief und fest in Unterwäsche, zwei sind ohne T-Shirt und werden von unzähligen Handys, Fotoapparaten und der professionellen Kamera gefilmt. Die Kinder können sich weder schützen noch wehren noch Widerspruch einlegen. Sie schlafen einfach, trotz des Chaos und der Lautstärke um sie herum, weiter. Vor der Privatsphäre der Kinder zeigt keiner Respekt.

Obwohl es in mir brüllt, flüstere ich meine Worte: „Seid Ihr verrückt? Hört endlich auf Fotos zu schießen. Lasst doch die Kinder in Ruhe! Die schlafen doch! Was – verdammt nochmal! – wollen Sie und was soll das Theater hier?“

„Seien Sie still!“, befiehlt die Polizistin streng.

Der Kameramann hält ungehemmt und ungeniert weiter drauf. Die Kinder und den (vermeintlichen) Täter in der Totalen. Mein verzerrtes Gesicht wird bildfüllend gezoomt. So – genau so! – liebt man das sicherlich hier in den TV-News. Action-TV pur, Rettungsaktion, Chaos und Geschrei im Hotelraum, Ausländer, Polizei und kleine philippinische Kinder. Und für den TV-Sender ist alles exklusiv, denn es ist kein weiteres TV-Team oder Reporter weit und breit auszumachen.

Mir wird klar, dass hier eine krasse Story produziert wird: „Ausländer mit halbnackten Knaben im Hotelzimmer!“

Schlagartig wird mir die Sensation bewusst. Und das ist ein harter Schlag in die Magengrube! Storys wie diese sind absolute Knaller!

Übelkeit steigt auf und mir wird augenblicklich heiß. Ich schwitze und beginne mit trockener Kehle die Situation zu erklären. Der Reporter hält sofort das stinkende Ding unter meine Nase. Die Polizistin mustert mich erneut scharf und erinnert mich so an ihre Worte: „Seien Sie still!“ Wieder drehe ich mich vor dem Mikrofon weg. Ich schweige und bleibe still. Außer den Medienleuten wird mir doch keiner zuhören. Ich brenne darauf, mich endlich zu verteidigen und die Dinge zu erklären. Wir könnten die Angelegenheit doch sofort aus der Welt schaffen! Aber andererseits, heißt es nicht so schön: „Alles was sie jetzt sagen, kann später gegen sie verwendet werden!“ Wie oft habe ich diesen Psalm in Krimis gehört. ‚Hat der Dicke nicht so etwas in der Art genuschelt?‘

Es rumort in mir und mich quälen Fragen: ‚Was – verdammt, was? – ist das Problem? Glauben die etwa, ich sei ein Sexgangster?‘ Die Frage stelle ich dann auch: „Wo ist das verdammte Problem?“

Wieder redet nur die Polizistin: „Wir reden darüber in der Polizeistation. Es ist besser, Sie schweigen jetzt!“

Auf ihr Zeichen öffnet ein junger Polizist eine Handschelle. Der Dicke demonstriert – mit der Hand auf der Automatik – seine angespannte Alarmbereitschaft und würde mich sicherlich bei der kleinsten falschen Bewegung sofort umlegen. Daran habe ich keinen Zweifel, gar keinen! Jede meiner Bewegungen wird genau observiert. Der junge Polizist durchsucht meine kurze Hose, schaut in mein Portemonnaie, steckt das zurück in die Hosentasche und übergibt die Hose, an die untersetzte Polizistin, die fleißig Fotos gemacht hat. Ohne Worte aber grinsend, hält sie mir die Hose und meine Sandalen vor das Gesicht. Schweigend kleide ich mich an.

Der junge Polizist macht seine Kolleginnen auf die roten Druckstellen an meinen Handgelenken aufmerksam. Das habe ich nicht bemerkt. Weder Brennen noch Schmerz. Ich denke, das ist das Adrenalin. Nun sitzen die Handschellen etwas lockerer.

Das Chaos im Raum hält unvermindert an. Die Kinder jedoch schlafen weiter tief und fest.

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1.03. Spießrutenlauf

Mit diesem unangenehmen Typ ist nicht gut Kirschen essen. Das ist mehr als klar. Aber wenn ich nun denke, dass der schwitzende Bulle in seinen schäbigen Zivilklamotten mit mir fertig wäre, dann habe ich mich aber gewaltig geschnitten. Und auch die Medienleute haben noch lange nicht genug. Nein, der Spaß – die wahre Action – soll erst noch folgen.

Ich bestätige, dass der Inhalt des blauen Adidas Rucksacks mein Eigentum ist. Auch werde ich und mein Portemonnaie nochmals gefilzt. Das Portemonnaie wird mir zurück in die rechte vordere Hosentasche gesteckt.

Verzweifelt versuche ich noch einmal die Situation zu klären. Es sprudelt aus mir heraus: „Die Eltern der Kinder sind meine Freunde aus dem Dorf. Wir schlafen doch nur im Hotel, wegen der vielen Baustellen zwischen den Städten und der daraus resultierenden längeren Reisezeit. Das ist doch viel zu gefährlich, mitten in der Nacht nach Sendong City zurückzukehren. So spät ist es auch fast unmöglich, eine Motorela vom Bus Terminal zurück ins abgelegene Dorf zu finden. In Sendong City ist in der Nacht und in der gesamten Stadt oft Stromausfall. Dann die Kriminalität am Bus Terminal und in der Stadt.“

Ich stottere atemlos die Argumente herunter und denke gleichzeitig: ‚Ich rede mich um Kopf und Kragen.‘ Aber ich kann nicht anders. Das muss jetzt gesagt werden, weil ich mich wehren muss und rechtfertigen will. Dann gäbe es da noch einige weitere Gründe, die das Schlafen im Hotel erklären würden.

Mein viel zu schnelles Englisch mit deutschem Akzent, verstehen die Filipinos wohl kaum, denn während meiner Rede blicken mich einige fragend, andere grinsend und weitere mit erstauntem Gesichtsausdruck an. Das Grinsen verunsichert mich und lässt mich wütend werden: ‚Meine Lage ist ernst. Ich habe Handschellen an. Was – verdammt nochmal – gibt es da zu grinsen? Was, bitteschön, was?‘ Der Zorn bricht nicht heraus. Ich bleibe still. In dieser Ausnahmesituation kommt es mir auch nicht in den Sinn, dass Asiaten ihre wahren Emotionen gerne hinter einem stehenden Lächeln verbergen.

Die attraktive Polizistin – ihr Namensschild verrät, sie heißt „Papillio“ – gibt mit ernster Miene und abwehrenden Händen die Zeichen, still zu sein. Nachdem ich das ignoriere, unterbricht sie meinen Wortschwall: „Bitte, Sir, seien Sie still!“ Auf ihrer Stirn zeigen sich Sorgenfalten. Sie redet im Befehlston.

„Okay, okay!“, ist meine viel zu überhastete Reaktion. Es klingt zu entschuldigend, zu unterwürfig.

Der Trubel und das Chaos im Raum gehen ununterbrochen weiter. Aber niemand denkt auch nur daran, die Kinder zu wecken. Dem Dicken mit der Automatik wird es jetzt wohl zu turbulent. Es folgt ein kurzer Blickkontakt mit der Polizistin und der Abtransport beginnt.

Unvermittelt greift der Dicke meine Hände, die mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt sind. Er schiebt mich vor sich her aus dem Raum. Ein Teil der Leute folgen und natürlich die sensationsgeile Kamera.

Die Frau, der ich geöffnet habe, atmet nun bedeutend ruhiger. Sie bleibt mit vielen anderen im Raum. Ich blicke kurz in ihr Gesicht. Sie lächelt zufrieden und fixiert mit dem Smartphone ununterbrochen die Kinder. Mein Blick streift die drei nebeneinander stehenden Betten, mit den immer noch tief und fest schlafenden Kinder.

‚Auf Wiedersehen Kinder. Was wird nun werden?‘, denke ich traurig ohne auch nur ein Wort zu verlieren.

Der Bulle schiebt, drängt (die Kamera nimmt alles gierig auf), schnauft und schwitzt und drückt plötzlich meine Arme nach oben, bis es in den Schultergelenken knackt und schmerzt. Ich stöhne und verziehe schmerzerfüllt das Gesicht. Dann klatscht er seine schweißnasse linke Pranke in meinen Nacken und drückt den Kopf nach unten. Das Nackenklatschen wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn schon durch das Hochziehen der Arme und dem darauf folgenden stechenden Schmerz in den Schultern krümme ich mich nach vorne. Da ich noch niemals zuvor in meinem Leben verhaftet worden bin und auch noch niemals den Genuss erleben durfte, Handschellen tragen zu dürfen, bin ich mir nicht sicher, ob dies der spezielle philippinische Polizeigriff ist. Auf jeden Fall sind wir, der kleine stolze Polizist und der gebeugte deutsche Hühne, absolut medientauglich.

Und schon beginnt in dieser Pose der Spießrutenlauf. Der Bulle befindet sich hinter mir, leicht nach rechts versetzt und wird immer schneller. Rasch geht es an Cottages, schockierten Hotelgästen, Ausländern mit sehr jungen Filipinas, aber auch an ungläubig glotzende Familien mit Kindern vorbei. Die Polizeiaktion scheint die komplette Hotelanlage geweckt zu haben. Ausgenommen davon sind meine fünf Jungen. Die werden jetzt sicherlich gerade recht unsanft geweckt.

Alles fliegt in dieser surrealen asiatischen Tropennacht an mir vorbei.

Wir kommen an der schönen Poollandschaft mit Minirutsche und künstlichem Wasserfall vorbei. Im Augenwinkel sehe ich Gäste, die an der Bar Cocktails schlürfen und neugierig die Hälse recken. Dann passieren wir die Lobby. Rechts ist der Empfangstresen und dahinter die nette und gutaussehende junge Empfangsdame. Sie trägt einen dunkelblauen Kimono. Beschämt schaut sie zu Boden und dann auf.

‚Erkenne ich ein Hauch Traurigkeit in ihren Augen?‘, frage ich mich, als sich für Sekundenbruchteile unsere Blicke treffen.

Während des erniedrigenden Laufes begleitet uns parallel, die – im wahrsten Sinne des Wortes – immer mitlaufende Kamera.

Der Typ drückt mich gekonnt in den kleinbusgroßen Toyota Pick-up. Vorne sitzen Fahrer und Beifahrer, Officers in Uniform. Die drehen sich nicht einmal um und schweigen. Der Fahrer, er liegt halb über dem Lenkrad, schnippt desinteressiert seine Kippe aus dem halb offenen Seitenfenster. Ich sitze nun mittig auf der Rückbank. Der Bulle, er hat sich bisher nicht mit Namen vorgestellt, setzt sich zeitgleich rechts neben mich. Das geht auch nicht anders, da er nicht die geringsten Anstalten macht, seine ekelhafte Pranke aus meinem Nacken zu nehmen und meinen Kopf ohne Unterbrechung medientauglich nach unten drückt.

Denn die Kamera hält weiter drauf. Zuerst durch die linke Seitenscheibe des Rücksitzfensters. Der Platz links wird nun von der attraktiven Polizistin, sie hat etwas Japanisches im Aussehen, eingenommen, sodass dort jetzt die Sicht versperrt ist. Nun filmen die Typen in der Hocke durch das Fenster des Fahrers. Der lässt dies amüsiert geschehen, zündet sich lässig eine weitere Zigarette an und setzt sich, obschon es finstere Nacht ist, die dunkle „Ray Ban“ auf.

Der vom Adrenalin gesteuerte Idiot neben mir lässt nicht locker. Seine Pranke wirkt wie eine Schraubzwinge in meinem Nacken. Er drückt mich weiter nach unten, grinst äußerst zufrieden und kaut dabei auf einem imaginären Kaugummi herum. Nun sitzt er in Siegerpose, um der Kamera zu imponieren und um die wenigen Minuten im Rampenlicht zu genießen.

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Ich hingegen versuche verzweifelt zu verstehen, was hier gerade abgeht: ‚Verdammt nochmal, wo ist das Verbrechen? Wer gibt diesen Typen das Recht, mich hier bis auf das Blut zu erniedrigen? Verbrechen hin oder her, was soll das mit der Kamera?‘ Es bleibt ein unartikulierter Protest. Dennoch ist mein Innenleben im Aufruhr und es schreit in mir: ‚Tommy, wehre dich! Tue etwas, lasse dir das nicht gefallen!‘ Ich aber bin aus einer rationalen Welt und führe eine lautlose Diskussion mit mir selber: ‚Wäre es nicht möglich, in einem Gespräch das Problem zu klären? Gut, okay‘, denke ich verzweifelt, ‚das Polizeifahrzeug sowie der Hotelraum sind sicherlich nicht Orte einer Beschwerde oder sogar eines Streitgespräches.‘

Kopfschüttelnd wundere ich mich über mich selbst: ‚Mein Gott, was habe ich in dieser abstrusen Situation bloß für bescheuerte Gedanken?‘

Mit geschlossenen Augen komme ich verbittert zum Schluss: ‚Es ist bereits geschehen und es geschieht gerade jetzt. Ich bin ihnen ausgeliefert. Hier wird zuerst erniedrigt, an den Pranger gestellt, vorverurteilt, verurteilt, zugeschlagen, erschlagen, erschossen und dann eventuell nachgefragt.‘

‚Nachgefragt, ob man Täter sei. Nur die Sensation und nicht der Mensch zählt.‘

Jetzt sind mir im wahrsten Sinne des Wortes die Hände gebunden! Und die Hände sind, obschon die Handschellen gelockert worden sind, immer noch verdammt schmerzhaft gebunden! Das hat zur Folge, dass die Handschellen zwischen der Rücksitzlehne und meinem Lendenbereich die Handrücken einritzen.

Ich bin und bleibe still und wirke nach außen cool. In mir brodelt es. Keiner bemerkt meine Verzweiflung, den Ärger, den Frust und die Wut. Es kocht in mir und ich kann nichts machen. Von einer auf die andere Sekunde bin ich machtlos! Bin nicht mehr der eigene Herr. Meine Persönlichkeitsrechte werden mit den Füßen getreten. Es wird mir Gewalt angetan und das ist eine verdammte „Polizeigewalt.“

Eine kaum wahrnehmbare Geste der Polizistin und der stolze Polizist rechts neben mir entfernt endlich die Schraubzwinge aus meinem Nacken. Die wortlose Kommunikation zwischen der Schönen und dem Biest funktioniert.

„Wir reden in der Polizeistation. Seien Sie unbesorgt!“, spricht die Polizistin, im verständlichen Englisch zu mir. Sie fährt fort: „Mein Name ist Police Superintendent Ma’am Papillio und das ist CIDG Senior Police Inspector Sir Villanova.“

Ich richte mich auf und rutsche ein wenig nach vorne. Die Handschellen zwischen Rücken und Rückbank brennen auf den wunden Stellen. Der Bulle neben mir hat ein breites Grinsen im speckigen Gesicht. Seinen Namen habe ich bereits vergessen. Erscheint mir auch nicht wirklich wichtig. Wohl genervt vom Spot der Kamera weist Ma’am Papillio die Typen an, mit den Filmen aufzuhören. Ihr Wort hat Gewicht. Der Spot erlischt sofort.

Hinter uns springen recht sportlich Leute auf. Aufgeweckte Kinder sind das nicht. Vorsichtig blicke ich mich um. Da stehen noch zwei weitere Polizei Pick-ups. Von den fünf Kindern ist nichts zu sehen.

Unvermittelt startet der Motor. Der schwere Wagen schaukelt und umschifft tiefe Pfützen. Wir verlassen den regennassen Parkplatz des Hotels. Blaue und rote Polizeilichter blitzen in der Nacht, spiegeln sich in den Pfützen und an den Regentropfen der Polizeifahrzeuge. Das Getriebe kracht laut, der Motor und die Sirene heulen auf. Rücksichtslos drängt sich der Fahrer in den fließenden Verkehr und gibt brutal Gas.

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