1.01. Verhaftet! [OFFEN]

Titelseite

Die Reise ins Verderben beginnt.

Du bist weder wach noch schläfst du wirklich tief. Dein momentaner Zustand ist irgendwo dazwischen. Wie es die Wissenschaft formuliert, ist der hypnagogische Zustand die Phase zwischen Wachsein und Schlaf. Also die Phase, in der das Bewusstsein erlischt und das Gehirn die Kontrolle darüber übernimmt. Du fantasierst Undefinierbares, bist also bereits in die irreale Traumwelt abgedriftet.

Das Klopfen! Ist das Traum oder Realität? Das leise, gleichmäßige und zugleich beruhigende Atmen der Kinder.

Du spürst die Wärme! Irgendwo noch tief im Unterbewusstsein formen sich Fragen: ‚Wann habe ich die Aircon (Klimaanlage) erst auf minimal und dann genervt vom ständigen Luftstrom ganz abgeschaltet?‘ Dir fehlt jegliches Zeitgefühl. Der Nebel im Kopf lichtet sich ein wenig und die Gedanken werden klarer.

Von irgendwo her vernimmst du Geräusche und das unverständliche Flüstern mehrerer Leute. ‚Geräusche und Flüstern? Warum höre ich das?‘, fragt deine innere Stimme.

Jetzt bemerkst du Lichter. Es blitzt nervös durch deine noch geschlossenen Augenlider, die bei jedem Blitzen blutrot aufleuchten. ‚Verdammt starke Lichter!‘, ruft die Stimme in dir. Du öffnest die Augen, bist leicht benommen, noch ein wenig konfus und spürst einen leichten Anflug von Migräne. Dein Mund und dein Rachen sind trocken. Du fühlst dich kraftlos, gerädert und übermüdet.

Die zuckenden, nervösen Lichter werfen unentwegt hektische Schattenspiele an die Zimmerdecke im Türbereich.

Es klopft: „Plonk, plonk, plonk.“

Die Sekunden verrinnen. Du liegst, unfähig zu reagieren, auf dem Bett. ‚Komm zu dir!‘, schellen in dir die Alarmglocken. ‚Hier stimmt etwas nicht.‘

Erneutes Klopfen an die schwere Glastür. Diesmal energischer, lauter und penetranter. Das Klopfen wird durch den Vorhang gedämpft. Der ist dick wie ein Berberteppich, zweiteilig, braun und bedeckt die gesamte Front des Raumes.

Widerwillig setzt du dich auf das Bett. Automatisch und mehr oder weniger unbewusst räumst du das Bettzeug zurück, streichst das Laken glatt und wirfst das Kissen an seinen Ort. Hinter dir schläft ein Kind. Es liegt an der Wand. Das macht das Ordnen des Bettzeuges einfach. Dabei fixierst du ständig die blickdichten Vorhänge.

Das leise, gleichmäßige und beruhigende Atmen des Kindes an der Wand hinter dir, ist gleich dem Atmen der Kinder auf den zwei Betten vor dir. Die Kinder schlafen tief und fest. Nach dem Tag voller Aktionen heute, ist das kein Wunder.

Das nervöse, hektische Zucken der Lichter an der Zimmerdecke lässt die Situation gespenstisch surreal erscheinen.

‚Warum ist es nur so warm im Hotelraum? Wann habe ich die Aircon abgeschaltet?‘, fragst du dich erneut. Es fällt dir immer noch schwer, klare Gedanken zu fassen.

Nun drückst du den Knopf deiner Armbanduhr und es wird 22:15 Uhr angezeigt.

‚Nein, für Besucher ist es definitiv zu spät‘, stellst du verwirrt fest.

Während des Tages hat einer der Jungen SMS-Kontakt mit seiner älteren Schwester gehabt. Sie lebt hier in Tugalm City, ist hier verheiratet, kommt aus dem Dorf und ist im Dorf – wie auch die Kinder – aufgewachsen. Die Kinder die jetzt tief und fest schlafen. Du kennst die Schwester seit ihrer Jugend und auch ihre Familie, die Eltern, die vielen Verwandten, die Freunde und Nachbarn. Das Milieu der fünf Jungen ist das Dorf, aus dem ihr heute früh angereist seid. Du bist dort nur Gast. Ein willkommener Gast und Freund. Das Dorf schmiegt sich an den Fluss und beides Dorf und Fluss enden am und im Meer. Es ist dort idyllisch. Das ist es, idyllisch!

Der Wirrwarr deiner Gedanken ist unbeschreiblich!

Besucher, überhitztes Zimmer, die Aircon ist ausgeschaltet. Dann das gedämpfte, unverständliche Flüstern, die undefinierbaren Geräusche vor der Cottagetür und die hektischen Lichter, deren Strahlen den Vorhang und die Zimmerdecke im Türbereich abfahren und dort Schattenspiele werfen.

Immer noch Konfusion im Kopf! ‚Komm endlich zu dir‘, ruft erneut deine innere Stimme. ‚Hier ist etwas faul, etwas stimmt nicht. Ganz und gar nicht. Schon den ganzen Tag sind da diese negativen Vibrationen gewesen. Oder wie sollst du es beschreiben? Mit dem Wort „Vorahnung?“ Irgendetwas stimmt hier nicht. Ganz und gar nicht!‘

In Unterhose und dem knielangen T-Shirt, also so wie du geschlafen hast, begibst du im diffusen Licht zur Tür. Du stolperst über einen achtlos liegengelassenen Kinderrucksack und schaust du durch den Spalt der schweren Vorhänge zur gläsernen Tür. Die gesamte Frontwand der Cottage besteht aus sehr dickem Glas.

Ein starkes, punktförmiges Licht blendet dich brutal, sodass beim Wimpernschlag ein roter Punkt verbleibt. Zum Schutz hältst du dir nun die Hand über die Augen und spähst gespannt. Erschrocken stellst du fest, da draußen sind unzählige Leute und ihre Taschenlampen werfen harte Strahlen in die samtweiche tropische Nachtluft.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fragst du dich: ‚Was hat das zu bedeuten? Warum sind da unzählige Leute mit Taschenlampen, die ihre gleißenden Strahlen in die staubige und feuchte Nacht werfen oder mich brutal blenden? Warum diese Taschenlampenorgie? Hier gibt es doch Licht, auch wenn es nur schwach leuchtet.‘

Dein Gehirn funktioniert endlich und signalisiert höchste Alarmbereitschaft: ‚Was es mit der Meute vor der Hotelcottage auf sich hat, das wirst du wohl gleich erfahren.‘

Das ungute Gefühl wird heftiger: ‚Verdammt, ich habe schon den ganzen Tag diese negativen Vibrationen und Emotionen gespürt. Irgendetwas stimmt nicht. Ganz und gar nicht!‘

Nachdem die Leute deine Konturen hinter der dicken Glasscheibe wahrnehmen, enden sofort die gepressten Diskussionen. Die erkennen, dort ist jemand und der steht erstaunt hinter dem Glas schaut verwirrt und ist erschrocken.

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Vorsichtig öffnest du eine handbreit die Tür. Auch um besser hören zu können, weil durch das dicke Glas eine Kommunikation kaum möglich wäre.

„Darf ich einen Blick in den Raum werfen?“, schnauft es unter dir.

Die Frau, die vor dir steht, mustert dich von unten nach oben. Sie misst nur etwa 1,60 Meter, ist von korpulenter Statur und unter ihrem Busen baumelt ein laminierter Ausweis am Band. Die Hochfrisur erinnert an die sechziger Jahren. Das cremefarbene Kostüm mit Weste besteht vermutlich aus Kunstfaser und die Sandalen sind vorne offen und etwas zu klein, denn ihre rot lackierten Zehen ragen über die Spitzen der Schuhe hinaus. Die Frau ist nervös, schwitzt stark und atmet sehr kurz.

‚Als habe sie gerade einen Sprint hinter sich‘, kommt es dir in den Sinn. ‚Hoffentlich hyperventiliert die jetzt nicht und fällt hier um‘, sinnierst du besorgt und verwundert.

Das vollkommen unpassende Grinsen in ihrem verschwitzten Gesicht verwirrt dich. Die grinst dich blöde an, wo doch alle Anwesenden hinter und neben ihr genau wissen, dass es nichts zu grinsen gibt. Die Situation ist weder komisch noch witzig und schon gar nicht lustig. Das Gegenteil ist der Fall. Misstrauen, Argwohn und Aggressionen liegen in der Luft. Die negativen Vibrationen und Emotionen sind in der gespannten Atmosphäre deutlich spürbar, sie sind greifbar.

‚Also, warum grinst die Frau so blöde?‘, grollt es in dir.

Ihr Gefolge baut sich nun neben und hinter der Frontfrau auf. Du erkennst Angestellte des Hotels, Personen die nicht zuzuordnen sind, Polizisten die, obwohl in Zivil, sofort als Polizisten zu erkennen sind und natürlich Polizisten in Uniform. Da sind wirklich sehr viele Leute, die dich nun erstaunt und erwartungsvoll anstarren, mustern und fixieren. Einige mit ausdruckslosen, andere mit versteinerten und wieder andere mit grinsenden Gesichtern. Es herrscht ein angespanntes Schweigen, dass nur vom Keuchen und vereinzelten Räuspern unterbrochen wird.

Dir dämmert es: ‚Das ist die Ruhe vor dem Sturm!‘

Ein kräftiger Typ mit riesiger Kamera auf der rechten Schulter steht direkt hinter der Hochfrisur. In diesem Moment springt die LED der Kamera von rot auf grün. Der gleißende Spot auf der Kamera macht die Nacht zum Tag.

Keiner sagt ein Wort. Gespannte, explosive Atmosphäre.

Die Frontfrau, sie mag um die 60 sein, wiederholt ihre schwachsinnige, vollkommen überflüssige rhetorische Frage: „Darf ich in den Raum schauen?“ und beendet mit einem schmalzigen und langgezogenem „Bitte!“ ihre Ansprache.

„Warum?“, würgst du heraus.

„Möglicherweise begehen Sie gerade einen Verstoß gegen das Gesetz?“, keucht sie.

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Die kurze und absolut überflüssige Konversation ist dann auch sofort beendet. Da gibt es also noch jemand neben dir, der diese nächtliche Unterhaltung unter gleißendem Kameralicht, zwischen der hyperventilierenden Frontfrau und dem spärlich gekleideten und schockierten Deutschen vollkommen überflüssig findet. Die wenigen Worte sind ihm zu viel. Er verliert in dem Moment die Nerven, klatscht seine schweißnasse Pranke an die Tür, drückt die nach innen auf, die hyperventilierende Hochfrisur beiseite, dich in den Raum und an die Wand. Nun presst er die linke Hand auf deine Brust und hält dich so auf Abstand. In der rechten Hand glänzt und funkelt im Licht der Kamera und der vielen Taschenlampen eine hochglanzpolierte verchromte Automatik. Du hast wirklich keine Ahnung von Waffen, aber das kann nur eine Kaliber .45 sein. Die macht dir ehrlich Angst, vor der hast du wahrhaften Respekt. Worte sind hier, wie an der Glastür absolut überflüssig. Du bist zur Salzsäule erstarrt. An dir regt sich nichts mehr. Absolut gar nichts!

Unzählige Leute drängen in den Raum und dich, die hyperventilierende Frontfrau und den verschwitzten korpulenten Typen mit glänzender Wumme und Glatze an die Wand des Zimmers. Das ist die Wand gegenüber den drei Betten. An dieser Wand befinden sich ein Schreibtisch, eine flache Anrichte mit Samsung TV und der Kühlschrank. Der Polizist mit der Fünfundvierziger reißt dich plötzlich herum, dreht dich mit dem Gesicht zur Wand, biegt professionell deine Arme hinter deinen Rücken und du spürst das kalte Metall an den Handgelenken. Das sind wahrlich keine angenehmen Geräusche, wenn die Sperrklinken über die Rasten der Handschellen rutschen. Verdammt schmerzhaft bis an die Anschläge rutschen! Deine Arme sind nicht dünn wie Strohhalme. Du bist ein kräftiger Typ mit einem Lebendgewicht von mehr als 115 Kilogramm.

‚Widerstand zwecklos‘, kapitulierst du still im Gedanken, denn dass die nicht viel reden wollen, haben die Eindringlinge ja ziemlich deutlich gemacht. Überdeutlich!

Eine wahrhaft filmreife Szene in der du der Hauptdarsteller bist. „Alles im Kasten?“, möchtest du der hektisch dokumentierenden Kamera zurufen, aber tust es nicht. Das sind sicherlich Typen von einem lokalen Sender. „ABC-TV“ kannst du auf dem Plastiküberzug der Kamera lesen.

‚Die Kinder!‘, erinnerst du dich besorgt.

Die Kinder bekommen vom Chaos im Raum nichts mit. Sie schlafen tief und fest den Schlaf der Gerechten. Wie Kinder eben schlafen. Da könnte ein Vulkan ausbrechen oder eine chromblitzende Fünfundvierziger abgefeuert werden.
Sie schlafen so tief, wohl als Ergebnis des ereignisreichen Tages: Die über vierstündige, anstrengende Busreise, der Besuch der Shopping-Mall „Gaisano“, mit Gaming Zone und das Pizza und Eis essen. Die Krönung des Tages, ist aber das ausgelassene Planschen, Schwimmen und Toben in der Poollandschaft gewesen.

Die Frontfrau und einige andere Frauen (es mögen Hotelangestellte sein) gaffen die schlafenden Kinder an, halten sich kollegial die Hände vor die Münder und kreischen hysterisch im Chor: „Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!“

Dieses vollkommen unnötige, künstliche und nervtötende Kreischen macht dich aggressiv. Es schreit in dir: ‚Ihr blöden, dummen Weiber! Millionen Kinder in aller Welt schlafen in Unterwäsche! Keiner ist nackt! Es gibt also absolut keinen Grund hier hysterisch herum zu kreischen!‘

Ein stummer Protest. Du bleibst still.

Nachdem die Sperrklinken links und rechts über die Rasten gerutscht sind, ist sofort die riesige chromblitzende Fünfundvierziger verschwunden. Die erkennen nun, dass du nicht aggressiv, sondern kooperativ bist. Aber auch die wirklich attraktive Polizistin, mit dem hochgebundenen Pferdeschwanz und der strammen dunkelblauen Uniform, trägt zur augenblicklichen Entspannung der Lage bei. Ihr natürliches und freundliches Lächeln ist bei weitem wirkungsvoller als jede Fünfundvierziger. Die Situation entspannt sich. Sie lächelt nett und glaubhaft. Ganz im Gegensatz zur kleinen dicken Frontfrau, mit der immer noch hektischen Atmung und dem Dicken, der nun seinen ganzen Stolz, das ist die Fünfundvierziger zwischen Gürtel und hängendem Bierbauch in die Hose steckt. Das eingefrorene Lächeln dieser beiden unangenehmen Personen verzerrt deren Gesichter zu hässlichen Fratzen. In ihren dich fixierenden Augen, funkelt böse der Abscheu und Hass dir gegenüber.

Der Raum jedoch wird immer voller.

‚Wo kommen nur all die Menschen her und was – verdammt nochmal! – ist hier so interessant?‘, fragst du dich, mit aufkommender Panik.

Du bist in die Ecke der Glasfront und der Wand mit TV gedrängt. Es fällt dir schwer, dich auf die Fragen der Polizistin zu konzentrieren. Im Raum herrschen bereits tumultartige Zustände. Die Kinder jedoch schlafen den Schlaf der Gerechten.

Es sind dann auch nur einige Fragen, die die junge Polizistin stellt: Was ist das Alter und die Herkunft der Kinder? Aus welchem Ort kommt ihr und warum übernachtet ihr im Hotel? Es folgen Fragen, zu deiner Person und ob du in irgendeiner Weise mit den Jungen verwandt bist oder ob du ein Priester, ein Lehrer oder Trainer einer Mannschaft wärst? Verwirrt beantwortest du die merkwürdigen Fragen.

Die Medientypen sind zu zweit. Der eine hält mit der Kamera weiter hemmungslos drauf, der andere ist ein ungeduldig schubsender Kerl. Er schiebt sich frech zwischen dich und Polizistin, hält plötzlich ein dickes Mikrofon mit Pudelfellüberzug unter deine Nase und schüttet sofort einen Schwall Fragen über dich aus. Das Pudelfellmikrofon riecht auch so wie es aussieht, nach nassem Hund. Angewidert drehst du dich von diesem Ding weg. Die Polizistin scheint über die Dreistigkeit des Reporters perplex zu sein. Der Dicke mit der Fünfundvierziger verliert wieder einmal die Nerven. Er schiebt den protestierenden Medienmann beiseite, baut sich demonstrativ vor dir auf, kramt mühselig ein zerknülltes Papier aus der speckigen Hosentasche und fängt laut an zu lesen:

„You have the right to be silent….“
(„Sie haben das Recht zu schweigen…. „)

Das undeutliche, genuschelte Englisch und sein starker philippinischer Akzent lässt dich kaum etwas vom Vorgelesenem verstehen. Die zunehmende Lautstärke im Raum tut das Übrige. Nach dem Wort „Silent“ ist deine Konzentration dahin. Es interessiert dich eh mehr, was mit den Kindern geschieht. Die aber schlafen ungerührt einfach weiter. Wie Kinder eben schlafen, tief und fest.

Die hübsche Polizistin reißt dich aus deiner Gedankenwelt: „Haben Sie verstanden, Sir?“

Das Gedränge im Raum wird unerträglich. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Der Raum wird stetig voller.

Die Polizistin wiederholt ihre Frage. Du nickst nur kurz, antwortest dann aber ehrlich: „Nein!“

Als Reaktion schüttelt sie den Kopf und sagt kurz: „Be quiet (Schweigen Sie)!“ Bei der Lautstärke muss sie brüllen.

‚Nimmt denn keiner Rücksicht auf die schlafenden Kinder?‘, denkst du verbittert. ‚Be quiet!‘, hallt die Ansage der Polizistin in deinem Kopf nach. ‚Na ja, dass ihr nicht auf großartige Konversation aus seid, habt ihr ja nun ziemlich deutlich heute Abend gemacht.‘ Du äußerst das nicht und behältst deine wirren Gedanken schön für dich. Der fette Typ mit der riesigen Fünfundvierziger hat heute schon einige Male die Nerven verloren!

Die Kamera rauscht nur so durch den Raum. Der gleißende Spot wirft harte Schlagschatten auf Wände, Teppichboden, Zimmerdecke, Einrichtung, eure privaten Dinge, auf die Kinder, auf dich und die unzähligen Eindringlinge. Endlich findet jemand den Lichtschalter. Es werden immer mehr im Raum. Auf drei Betten präsentieren sich vollkommen ungeschützt die schlafenden Jungen. Alle tragen nur Unterwäsche.

‚Ihnen war es wohl auch zu heiß im Raum‘, liegt es dir auf der Zunge. Den Gedanken schluckst du ebenfalls und bleibst weiter still.

Das Chaos im Raum ist mittlerweile unbeschreiblich. Einige machen mit ihren Handys Fotos oder Filme. Eine uniformierte Polizistin von kleiner und untersetzter Gestalt nutzt dazu eine digitale Pocketkamera. Das TV-Team leuchtet indessen das Badezimmer aus.

Frauen jeglichen Alters kreisen im Schwarm – wie die Aasgeier um die Beute – um die Betten. Ständig hörst du dieses „Oh, mein Gott! Oh, mein Gott“ in diesen extrem nervtötenden, spitzen Tonlagen.

Es ist eine abnorme Situation. Die fünf Jungen schlafen tief und fest in Unterwäsche, zwei sind ohne T-Shirt und alle werden von unzähligen Handys, Fotoapparaten und der professionellen Kamera gefilmt. Die Kinder können weder ihre Privatsphäre schützen noch sich wehren noch Widerspruch einlegen. Sie schlafen einfach weiter tief und fest, trotz des Chaos und der Lautstärke im Raum.

Vor der Privatsphäre der schlafenden Kinder haben die vollkommen schamlosen Eindringlinge absolut keinen Respekt.

Obwohl es in dir brüllt, flüsterst du deine Worte: „Seid Ihr verrückt? Hört endlich auf Fotos zu schießen. Lasst doch die Kinder in Ruhe! Die schlafen doch!“

„Be quiet!“, befiehlt die attraktive Polizistin sofort.

Der Kameramann hält brutal, ungehemmt und ungeniert weiter drauf. Die Kinder und den (vermeintlichen) Täter in der Totalen. Dein verzerrtes Gesicht wird bildfüllend gezoomt. So – genau so! – liebt man das in den TV-News. Action-TV pur, Rettungsaktion, Chaos im Hotelraum, Ausländer, Polizei, fünf kleine philippinische Kinder. Und für den TV-Sender ist alles exklusiv, denn es ist kein weiteres TV-Team oder Reporter weit und breit auszumachen.

Dir wird klar, dass hier eine krasse Story produziert wird: „Ausländer mit fünf halbnackten Knaben im Hotelzimmer!“

Schlagartig wird dir die Situation – die Sensation! – bewusst. Und das ist ein harter Tiefschlag in deine Magengrube! Du erkennst mit Grausen, dass Storys wie diese Kassenschlager sind! Das ist ein absoluter Knaller!

Übelkeit steigt auf und dir ist augenblicklich glühend heiß. Du schwitzt und beginnst mit trockener Kehle, krächzend und räuspernd, die Situation zu erklären. Der Reporter hält sofort das stinkende Ding unter deine Nase. Die hübsche Polizistin mustert dich scharf und erinnert dich so an ihre Worte: „Be quiet!“ Wieder drehst du dich vor dem ekelhaften Mikrofon weg. Du schweigst und bleibst still. Außer den Medienleuten wird dir keiner zuhören. Du brennst darauf, die Situation zu erläutern, die Dinge zu erklären. Man könnte die Angelegenheit doch sofort aus der Welt schaffen! Aber andererseits, heißt es nicht so schön: „Alles was sie jetzt sagen, kann später gegen sie verwendet werden!“ Wie oft hast du diesen Psalm in Krimis gehört. ‚Hat der Dicke nicht so etwas in der Art genuschelt?‘, erinnerst du dich.

Du willst reden, aber du bleibst still. Es rumort in dir. Dich quält augenblicklich nur noch eine Frage: „Was – verdammt – ist das Problem?“ Die rutscht dir dann auch raus.

Die attraktive Polizistin antwortet: „Wir reden darüber in der Polizeistation. Be quiet!“

Auf ihr Zeichen öffnet der Dicke eine Handschelle. Der demonstriert mit der Hand auf der protzigen Pistole seine angespannte Alarmbereitschaft und würde dich bei der kleinsten falschen Bewegung sofort umlegen. Daran besteht kein Zweifel, gar keiner! Jede deiner Bewegungen wird genau observiert. Ein sehr junger Polizist durchsucht deine kurze Hose, schaut in dein Portemonnaie, steckt das zurück in die Hosentasche und übergibt die Hose an die untersetzte Polizistin, die fleißig Fotos gemacht hat. Ohne Worte aber grinsend, hält dir die Untersetzte die Hose und deine Sandalen vor dein Gesicht. Schweigend kleidest du dich an.

Die Untersetzte macht ihre attraktive Kollegin auf die bereits roten Druckstellen an deinen Handgelenken aufmerksam. Danach sitzen die Handschellen lockerer.

Das Chaos im Raum jedoch hält unerbittlich an. Die Kinder haben einen unerschütterlichen Schlaf.

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