9.04. Zwangsheirat [OFFEN]

Mik-Mik und ich vertreiben uns die Zeit mit Erinnerungen und dem Erzählen von gemeinsam erlebten Geschichten. Wir lachen gerade darüber, wie Romolo beim fröhlichen Umtrunk im Garten von Adon, dem Vater von Franco, zum letzten Becher angesetzt hatte und beim Trinken mitsamt dem Stuhl einfach nach hinten umgekippt und genau so liegengeblieben war. Es war ihm – Gott sei Dank – nichts passiert, da der weiche Sand den Sturz abgedämpft hat. An dem Abend hatten wir von Romolo nur noch die Sohlen seiner Flip-Flops gesehen.

„Auweia, sind wir betrunken gewesen!“, lache ich laut.

Auch Mik-Mik grient und zieht dann an der Zigarette.

„Ich war danach noch zwei Tage krank“, schüttelt es mich bei den Erinnerungen an die Kopfschmerzen und stöhne: „Cola, Tanduay Rum und Eis sind ein höllisches Gesöff.“

Mik-Mik verzieht das Gesicht und es schüttelt ihn ebenfalls.

„Auch Deine Hochzeitsfeier wird mir immer in guter Erinnerung bleiben. Wie lange ist das jetzt her, elf oder schon zwölf Jahre?

„Ich bin schon 12 Jahre verheiratet“, seufzt Mik-Mik, „so lange, wie Phil alt ist.“

„Wie schnell die Zeit vergeht. Na, jedenfalls ist es mir nach der Feier auch ein paar Tage nicht wirklich gut gegangen.“

Mik-Mik grinst breit: „Weißt Du eigentlich, dass die mich zur Heirat gezwungen haben?“

„Nein!“, sage ich überrascht, „Aber warum denn?“

„Na ja“, druckst Mik-Mik herum, „Vicente war doch erst 16 und ich schon über 20.“

„Ach?“, erwidere ich, „16 und 20? Das ist jung!“

Adon, Romolo, einige andere Onkel von Vicente, der Kagawad und weitere Leute haben mich damals überall gesucht. Die wollten mich verprügeln und sonst was mit mir anstellen. Ich bin aber schnell aus dem Dorf abgehauen.“ Mik-Mik sagt ernst: „In den Bergen bei meinen Freunden, den Rebellen der NPA, konnte mich keiner finden. Mensch, Tommy, hatten die einen Highblood, als bekannt geworden war, dass Vicente schwanger ist.“

Vor Schreck verschlucke ich mich, huste und speie Mineralwasser aus: „Was, schwanger, mit 16?“

Mik-Mik tut verlegen: „Ja, so ist das damals gewesen. Mein Vater und sein Cousin, ein Kommandant der kommunistischen Rebellen, hatten vermittelt.“ Mik-Mik lacht plötzlich laut auf: „Was hatte ich für eine Wahl gehabt, mit einer Pistole auf der Brust, Tommy? Keine! Heiraten oder Anzeige wegen Verführung Minderjähriger und dann, ab in den Knast. Da habe ich Vicente halt geheiratet.“

„Aber, aber“, stammle ich, „Ihr liebt Euch doch?“

„Ja, natürlich ist es auch eine Liebesheirat gewesen!“

Ich muss beim Gedanken an die Pistole als Entscheidungshilfe zur Zwangsheirat lachen: „Eine Pistole auf der Brust? Da fällt die richtige Entscheidung wohl ziemlich leicht, was Mik-Mik? Haben sie Dir wirklich eine Waffe auf die Brust gesetzt?“

Mik-Mik prustet los: „Das mit der Pistole-auf-der-Brust sage ich nur so, weil es ein Sprichwort bei uns ist und Vicente ist wirklich eine tolle Frau!“ Unerwartet springt er auf: „Tommy, schau dort, Kagawad, Franco, Marielou und Jonathan sind an der Schranke!“

‚Dieses Sprichwort mit der Waffe kenne ich auch‘, denke ich und griene in mich hinein.

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Die vier Besucher tragen schwer an Tüten mit Tupperdosen und Getränken. Marielou und Kagawad bemerken, dass sie uns schon an der Schranke haben lachen hören. Ich erzähle die lustige Story von Romolo noch einmal im Telegrammstil. Das sorgt auch jetzt für Gelächter. Die Geschichte von Mik-Mik und seiner Vicente möchte ich lieber ruhen lassen.
Wir halten uns nicht lange mit der Begrüßung auf, sondern richten vier umgedrehte Colakisten, so gut es eben geht, als Tafel her. Auf die Kisten legt Kagawad Pappen und als Tischdecke dienen uns die Plastiktüten. Die Teenager nehmen die Deckel der Tupperdosen als Teller. Das Essen ist eine Mischung aus frisch Gekochtem und Resten der Geburtstagsfeier gestern. Die Speisen sind vorzüglich. Besonders eine helle Suppe vom Schwein mit viel Gemüse, in die ich noch Reis hinein tue, schmeckt mir besonders gut. Wie üblich gibt es kalte Cola, Sprite oder Royal, das wie Fanta aussieht und schmeckt, als Getränke dazu. Zum Nachtisch haben wir den großen Rest einer einfachen zuckersüßen Cremetorte.

„Das war lecker!“, sage ich und klopfe mir zufrieden auf den vollen Bauch.

Der Kagawad verteilt Verdauungszigaretten. Außer Marielou und Franco blasen alle blauen Rauch in den Himmel. Jonathan und ich mit dicken Wangen, Kagawad und Mik-Mik aus den Lungen. Wir schweigen und genießen die Sekunden des Friedens. Auch die anderen Arrestierten und deren Besucher unterhalten sich zur heißen Nachmittagsstunde in gedämpfter Lautstärke.

Marielou wird unruhig. Sie wirkt zuerst nachdenklich, dann nervös und nun verlegen: „Tommy“, beginnt sie zögerlich, „wir müssen Dich etwas zur Schule fragen, denn morgen sind die Ferien zu Ende.“

Ich schnippe die Kippe in die Stahltonne. Natürlich ist mir klar, worum es bei Marielous Frage geht. Deshalb rede ich nicht lange um den heißen Brei herum: „Wie viel wird denn benötigt, Marielou?“

Marielou ist von der Direktheit überrascht. Sie wird sogar ein wenig rot und flüstert: „2.000 wären toll, Tommy. Für ein neues T-Shirt zur Schuluniform, dann auch Dinge für den Unterricht und natürlich die Gebühren für die neuen Kurse.“

Nun ist Franco ganz hippelig auf seiner Colakiste: „Tommy, ich brauche auch noch einmal 2.000 Piso und wir alle brauchen Fahrgeld, um zurück ins Dorf und ich nach General De Santos zu fahren.“

„Aha, Franco, also für Dich noch einmal 2.000?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wende ich mich an Jonathan: „Und was ist mit Dir, junger Mann?“

Der ist überrascht, angesprochen zu werden: „Ich brauche für die Highschool nur 1.000 Piso“, antwortet Jonathan ehrlich und mit glänzenden Augen.

Das sind schon wieder Beträge, die mir überhaupt nicht behagen. Aber verhandeln will ich mit den traurig dreinblickenden Teenagern dann auch wieder nicht.

„Na gut, dann muss Franco zum ATM. Und wer möchte Franco begleiten?“

Jonathan springt auf.

„Franco, 20.000 Piso bitte. Bringe mir die Belege und die gesamte Summe.“

„Natürlich!“, entgegnet Franco mit Nachdruck in der Stimme und ernstem Gesicht.

Unvermittelt wirft Jonathan die Marlboro beiseite, dreht sich zur Zelle, bläst schnell den Rauch aus, dreht sich zurück zu uns und ruft: „Die Eltern stehen an der Schranke!“

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Auf halbem Weg vom Zellenvorplatz und der Schranke wechseln Franco und Jonathan einige kurze Worte mit den Müttern, Romolo und Silas.

„Phu!“, stöhnt Rica beim Setzen, „Ist das immer anstrengend im Jugendheim.“

„Ja, aber glücklicherweise ist heute nicht diese komische Ma’am Solano dort gewesen“, sagt Lang und fragt den Kagawad: „Jacub, Du hast doch bestimmt Marlboro dabei?“

„Und dieser Sir Sala ist auch nicht aufgetaucht“, ergänzt Vicente und lässt sich von ihrem Mik-Mik Cola in dessen Pappbecher einschenken.

Silas stürzt sich auf den Rest der Torte. Sein Vater Romolo raucht halbherzig eine von Mik-Miks More. „Marlboro kratzt mir zu sehr im Hals“, krächzt er und nimmt auch einen tiefen Schluck Cola.

„Wie geht es den Jungs? Ich hoffe, die dürfen bald heim!“, frage ich die Eltern.

Rica berichtet von Ma’am Burque und dass diese gesagt habe dass die Kinder nächste Woche dem Staatsanwalt vorgeführt werden würden und dass alle Elternteile dabei sein sollen. Es würde sich dann entscheiden, wie es weiterginge und ob die Jungen schnell nach Hause kämen.

Ich kommentiere das mit „Also absolut nichts Neues!“ und fahre mir durch das verschwitzte Haar.

Vicente erzählt aufgeregt, dass drei Straßenjungen und zwei aus einer kaputten Familie jetzt die neuen Freunde ihrer Söhne sind und die Zehn sich mit gesundem Appetit die Bäuche voll geschlagen haben.

Ich erinnere mich, wie aufgebracht Officer Sarang über die klebstoffschnüffelnden Straßenjungen gewesen ist.

Silas leckt die Tortencreme von den Fingern und ist ganz begeistert von Ma’am Burque: „Die Jungs haben eine junge und total nette Erzieherin. Sie gibt morgen sogar Schulunterricht!“

Romolo scherzt: „Na, wenn Du die Erzieherin so toll findest, kann ich Dich im Austausch mit Aboy ja ins BSWD stecken.“

Silas erschrickt zuerst, erkennt dann aber den Scherz, grient und erwidert: „Ha, ha, Papa, sehr komisch.“

„Die kommende Woche ist die Woche der Entscheidung. Also nächsten Sonntag weiß ich hoffentlich, was Sache ist!“, fasse ich die Lage zusammen.

Kagawad betreibt Zweckoptimismus. Ohne Emotionen prophezeit er: „Du gehst heim, Tommy. Da habe ich überhaupt keine Zweifel.“

„Dein Wort in Gottes Gehörgang“, kommentiere ich.

Rica blickt auf meine Hand: „Tommy, das hat sich infiziert.“

Vicente erschrickt: „Sorry, Tommy, aber ich habe vergessen, das Pflaster und eine Heilsalbe zu besorgen.“

Ich lache: „Ich habe es ja auch versäumt, Dir heute Morgen Geld dafür zu geben, Vicente. Das kann doch Mik-Mik nach der Besuchszeit machen.“ Ich wende mich an Vicentes Ehegatten: „Und Zeitungen, Mik-Mik, vielleicht steht etwas über unsere Story darin?“

„Tommy, zeig mir das mal!“, sagt Rica, kramt aus ihrer Handtasche ein Fläschchen Ethylalkohol und Servietten einer Fastfoodkette hervor und beginnt vorsichtig, die oberflächliche Wunde auf dem linken Handrücken zu säubern.

Der Alkohol brennt und ich beiße die Zähne zusammen. Mit „Ein Pflaster habe ich leider nicht“ beendet Rica die Wundversorgung.

„Ich besorge das später!“, ruft Mik-Mik voller Tatendrang.

In dem Moment treten Franco und Jonathan freudestrahlend durch das quietschende Zauntor. Inzwischen sind einige der anderen Besucher gegangen und die Zwei finden schnell Sitzgelegenheiten. Feierlich übergibt Franco die drei Dinge: VISA-Karte, vier Belege des Geldautomaten über jeweils 5.250 Piso und die zwanzig zusammengerollten Tausender.

Ich frage Silas, ob zum Start der Highschool 1.000 Piso reichen würden? Er scheint darüber erleichtert zu sein, nicht selber fragen zu müssen, nickt kaum sichtbar und sagt schnell: „Der Mikel-Loy braucht auch Schulgeld.“

Marielou und Franco bekommen jeweils 2.000 und jeweils 500 für den Bus. Romolo, Silas, Kagawad und Jonathan jeweils 1.500. Romolo nimmt die 1.000 für Mikel-Loy entgegen. Für das Essen der Jungen gebe ich an Rica 2.000. Die Mütter Rica und Lang bekommen jeweils 1.000. Dann noch an Vicente 1.500 und an Mik-Mik 2.000, da der für mich noch einiges besorgen muss.

Ich erschrecke, komme ins Schwitzen und spreche meine Gedanken laut aus: „Ojemine, das sind 19.500 Piso! Also lange halte ich das finanziell nicht durch.“

Meine Freunde schauen betreten zur Seite. Eine ungute Stille setzt ein. Ich bin so in Gedanken, dass ich den Wachmann in meinem Rücken überhaupt nicht bemerke. Mit aller Kraft drischt der mit einem Stahlstift auf das aufgehängte Stahlrohr ein und schreit: „Time! Time! Time!“ Die extrem geräuschvolle Aufforderung an die Gäste, nun sofort das Gelände zu verlassen. Ich fahre vor Schreck hoch, denke ‚Der Typ ist vollkommen irre‘ und lasse die restlichen vier Tausender fallen. Silas und Jonathan springen herbei, sammeln die Scheine auf und übergeben sie mir. Mir klingeln die Ohren.

Der Wachmann drängt zur Eile. Zum Aufräumen, zu langen Abschiedsszenen oder zu einem Gebet von Franco bleibt keine Zeit. Vicente und Marielou haben Tränen in den Augen. Schnell drücken sie mich und sofort danach werde ich weggeschlossen. Mik-Mik weiß, was er für mich zu besorgen hat. Ich rufe ihm dennoch hinterher: „Bringe auch noch Mineralwasser, Schokolade und Marlboro, Mik-Mik!“

Vicente, Marielou, Silas und Jonathan drehen sich noch mehrmals um und winken mir zu. Durch die Gitterstäbe winke ich zurück. Franco ist schon an der Schranke und nimmt dort sein Cellphone entgegen. Ich drücke meine Stirn gegen die Eisenstäbe und beobachte, wie meine Freunde an der Schranke vorbei in die Welt verschwinden. Die Welt, die mir versagt bleibt.

[Ende 9. Kapitel und achter Tag – Sonntag]

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