9.00. Vicente und Michael (Mik-Mik) [OFFEN]

Das Feuerwerk beginnt gegen Mitternacht, aber durch die Gitterstabtür und den Fensterspalt ist nur wenig davon zu sehen. Die Gebäudewand der Polizeistation und der Platz vor den Zellen mit den hohen Bäumen leuchten und blitzen jedoch immer wieder in allen Farben auf. Begleitet wird das Spektakel von den Donnerschlägen und dem Jauchzen und Jubeln der Menschen draußen und der Arrestierten in den anderen Zellen.

Ich spüre einmal mehr die Stacheln der Einsamkeit, der Traurigkeit und schließlich der Frustration. ‚Verdammt, wofür und warum entzieht man mich dem Leben?‘, frage ich mich und ermahne mich sofort leise: „Komme nicht wieder in diese Gedankenspirale. Denn nach der Frustration folgt die Wut und was bitte soll ich mit der Wut hier anfangen? Das marode Bett zerschlagen, gegen die Wand boxen, laut an der Tür rütteln oder wie in einer Gummizelle bis zur Besinnungslosigkeit brüllen?“

Plötzlich wird mir bewusst, warum es kein Bad in der Zelle gibt. Es ist zerschlagen worden.

Also lege ich mich wieder auf das Bett. Die Kerze flackert auf dem Boden, der Lion Tiger Moskitokiller glimmt und verbreitet einen Duft von Räucherstäbchen. Der Bass der Disco lässt das Bett ab und an erzittern und dringt sogar manchmal bis zu meinem Magen vor. Irgendwann falle ich dann doch in einen unruhigen Schlaf. In meinen kurzen Wachphasen höre ich die Disco, die bis in die frühen Morgenstunden geht. Vielleicht habe ich insgesamt etwa vier Stunden geschlafen.

Nun kann ich nicht mehr einschlafen und sie spielen „The Power of Love“, diese grauenhafte Version von Jennifer Rush. Danach ist endlich Schluss mit Disco. „Ja, dieses Lied würde ich auch spielen, wenn ich eine Party hätte und meine Gäste vergraulen will.“ Ich lache leise über meinen eigenen Scherz. Viel lieber würde ich jetzt etwas Anspruchsvolleres hören. Pink Floyd, Alan Parson oder Faithless würden mich bestimmt auf andere – bessere – Gedanken bringen.

Fünfzehn Minuten später reicht der gut beleibte Wachmann einen großen Becher Kaffee und ein Tütchen Dunkin‘ Donuts durch die Gitterstabtür. Ich denke, das kommt von den Teenagern. ‚Haben die sich etwa so lange auf dem Platz vor der Polizeistation vergnügt? Warum nicht! Ob Mik-Mik und seine Vicente wieder im Wachturm schlafen durften, mit fantastischer Aussicht auf das Feuerwerk? Dass es überhaupt möglich ist, dort zu schlafen. Wir sind auf den Philippinen und hier läuft so einiges anders. Im positiven wie im negativen Sinne.‘

Der Kaffee und die leckeren Donuts beleben die Sinne und unglücklicherweise auch meine Verdauung. Es ist 5:25 Uhr. ‚Nein, der Schließer wird frühestens gegen sechs wenn nicht sogar erst gegen sieben Uhr aufkreuzen.‘ Also, Business as usual und das Geschäft wie gestern Nacht erledigen. Dann die Tüte gut verknoten und an den gleichen Ort wie gestern werfen. ‚Ob die Straßenköter wieder die Entsorgung erledigen?‘, frage ich mich und stelle fest: ‚Wie gut, dass ich noch die alten Zeitungen, Wasser, Seife, Handtuch und Alkohol besitze.‘

Jetzt gegen 5:45 Uhr ist es hell genug, sodass ich mir die Zeitung von gestern noch einmal vornehmen kann. Zu meiner Story ist nichts zu finden. Ich vertreibe mir die Zeit mit Sudoku. Viel lieber würde ich jetzt in einem Krimi schmökern. Håkan Nesser und sein tolles Werk „Barins Dreieck“ würde gut zu meiner absurden Situation passen. Etwas vordergründig Lustiges von Peter Høek, wie „Die Kinder der Elefantenhüter“ wäre ebenfalls gut, um wenigstens mental diesem unwürdigen Ort für kurze Zeit zu entfliehen.

Heute bricht der achte Tag in Haft an und ich merke, dass ich die letzten Tage ziemlich paralysiert gewesen bin. Wahrscheinlich bin ich es zu einem guten Teil immer noch. Aber die Erinnerungen an geliebte Bücher und Musik kehren zurück. Ein guter mentaler Status ist jetzt besonders wichtig, denn ich werde meine gesamte Kraft für diesen Kampf benötigen.

Bei jeder Bewegung wackelt das Bett bedenklich und ich flüstere zum Teppich aus Spinnweben über mir: „Verdammt, es muss doch eine Lösung geben! Denke nach, Thomas Heger! Krisenmanagement! Problem analysieren, Lösung finden, Lösung anwenden. Das kann doch nicht so schwer sein. Aber das erste Problem ist doch, nicht zu wissen, wer der Gegner ist. Polizei? Staatsanwalt oder sogar das Jugendamt BSWD? Dieser anonyme Anrufer – der verdammte Idiot – hat den Stein ins Rollen gebracht. Ich fürchte, ich werde nie erfahren, wer das gewesen ist. Gut, da ist dieses Gesetz, welches es untersagt, sich mit Kindern unter zwölf Jahren in einem Hotel aufzuhalten, geschweige denn dort zu schlafen. Es sei denn, es besteht ein verwandtschaftliches Verhältnis oder es gibt einen sozialen Auftrag.“

Meine linke Hand pocht und ich blicke vorsichtig unter das Pflaster. Der Ritz, den die Handschelle verursacht hat, ist entzündet. ‚Also Pflaster, Wundsalbe und Jodtinktur kaufen lassen.‘

Ich rede leise vor mich hin: „Wie heißt es im Gesetz? Dort ist die Rede vom „Sozialen Auftrag“ Was habe ich dazu zu bieten? Ich habe die Witness Affidavits der Eltern. In den Zeugenaussagen ist festgehalten, dass wir Dinge für die Schule kaufen wollten. Weiter, dass wir nur aufgrund der verlängerten Reisezeit im Hotel geschlafen haben, da ich nicht mit den Kindern mitten in der Nacht auf den unsicheren philippinischen Straßen unterwegs sein wollte. Das Schlafen im Hotel ist zum Schutz der Kinder und mich gewesen. Ich habe die Verantwortung für die Jungen gehabt. Das muss ich in meiner Aussage beim Attorney unbedingt auch darlegen und als wichtig markieren.“ Plötzlich bin ich genervt, weil ich merke, mich schon wieder gedanklich im Kreis zu drehen.

Meine Gemütslage verfinstert sich. Erneut rede ich mit mir selbst : „Verdammt, ich zerbreche mir ständig über den gleichen Mist den Kopf und komme auch immer wieder zum gleichen Ergebnis: Ich kann in diesem Moment nichts tun und irgendwann muss ich den oder die richtigen Menschen von meinen Argumenten überzeugen. Und das ist der Staatsanwalt, der sogenannte Fiscal, der wird hier auch Prosecutor genannt. Diese Vielfalt von Begriffen ist nicht das Einzige, was mich verwirrt. Bin ich denn die Person, die die Zügel noch in der Hand hält? Planen kann ich eine Menge, aber auch Umsetzen? Sehe ich die Welt richtig oder überschätze ich mich nicht gerade gewaltig?“

Dann bin ich doch nochmal eingeschlafen, denn die Geräusche, die ich im Unterbewusstsein vernehme, kann ich zuerst gar nicht zuordnen. Erst die tiefe Stimme des Wachmanns lässt mich hochfahren: „Mr. Heger, WC, Dusche!“

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Die Dusche mit kaltem Wasser tut ausgesprochen gut. Ich fühle mich wie neugeboren und als ich aus der Dusche trete, sitzen dort schon Vicente und ihr Mik-Mik. Da sie die ersten Besucher heute Morgen sind, haben sie drei Stühle ergattern können. Die langsam im Kreis laufenden Zombies aus den anderen Zellen beachten uns nicht.

Die Begrüßung ist wie gestern ausgesprochen emotional und Vicente tupft sich auch heute Tränen aus den Augenwinkeln. Mitgebracht haben sie ofenfrische Brötchen, Zuckerschnecken und vier Becher Kaffee auf einem Träger, in dem eigentlich sechs Becher Platz finden. Vicente errät meine Gedanken, schaut sich schnell um und flüstert: „Zwei Becher haben wir an die Wachmänner an der Schranke gegeben.“

Wir grinsen verstohlen: „Durftet Ihr also wieder im Wachturm schlafen?“

„Und sogar die Dusche an der Rückseite des Turms benutzen“, erklärt Mik-Mik. Er hat für sich eine Art Gulasch von Leber und Nieren und Reis in kleinen Tüten mitgebracht.

„Tommy, sorry, dass wir erst so spät kommen.“ Mik-Mik schüttet den Reis und den Innereiengulasch auf den Pappteller.

„Wir sind erst spät zum Schlafen in den Turm gekommen. Die Disco und das Feuerwerk“, freut sich Vicente.

„Kein Problem, Ihr Zwei, ich habe geschlafen. Mik-Mik, was Du da auf dem Teller hast, sieht aber gut aus.“

„Tommy, möchtest Du?“

„Nein, nein, Brötchen und die Zuckerteile sind okay für mich.“

„Mik-Mik macht sich nichts aus Kuchen und süßen Sachen.“ Vicente blickt verliebt zum Gatten.

„Außer Cola und Dich natürlich“, antwortet Mik-Mik und macht ganz kurz einen Kussmund.

Wir lachen und genießen die Minuten.

„Mik-Mik und Vicente, habt Ihr einen Plan, wann Ihr zurück ins Dorf fahren wollt?“ Meine Stimme klingt trauriger, als ich das will.

„Ich bleibe, Tommy!“, ruft Mik-Mik sofort und zündet sich nach dem Essen eine More an.

„Ich muss leider heute zurück, Tommy. Morgen beginnt die Schule wieder und die Kleinen brauchen mich.“

„Vicente, Du musst Dich nicht entschuldigen. Ich denke, alle anderen werden auch zurückreisen?“

„Rica und Lang haben gesagt, sie würden kommende Woche noch bleiben. Gerade Rica Restito hat eine sehr große Familie und fast alle Kinder sind schon groß“, entgegnet Vicente.

„Romolo und Kagawad müssen auf jeden Fall zurück.“ Mik-Mik bläst den Rauch der Zigarette aus und bietet mir eine an.

Aus Gefälligkeit nehme ich an: „Nächste Woche wird sozusagen die Woche der Entscheidung. Die Polizistinnen liefern an den Staatsanwalt und ich werde mich wohl dort verteidigen müssen. Gut, dass wir Eure Witness Affidavits schon haben und gut, dass Ihr zu mir steht!“

„Tommy, wir sind von Deiner Unschuld überzeugt!“, sagt Vicente ein wenig zu laut, „Du musst beten, Tommy, das hilft.“

„Der Staatsanwalt wird sich dann die Kinder vornehmen“, kommt Mik-Mik auf das Thema zurück.

„Na, in einer Woche sehen wir klarer.“ Ich fahre mir durch das Haar und das Pflaster auf dem linken Handrücken fällt ab.

Vicente erschrickt: „Tommy, Deine Hand! Das sieht nicht gut aus!“

„Ach, ja, Ihr müsst Pflaster, Jod, eine Heilsalbe und Sonntagszeitungen kaufen. Aber ich habe keine Schere oder Messer, um das Pflaster zu zerschneiden“

„Das können wir doch in der Drogerie machen, Scheren und Messer sind hier bestimmt verboten“, erklärt Mik-Mik. Plötzlich fährt er sich in die angenähte Hosentasche, ist überrascht und flüstert: „Tommy, die Wachmänner haben mich nicht gefilzt, mein Cellphone ist hier.“

„Ich habe einige Arrestierte telefonieren sehen. Vielleicht ist das nicht verboten?“

„Doch, doch, verboten! Nur in Ausnahmefällen und mit Genehmigung der Officers erlaubt“, flüstert Mik-Mik.

„Ich könnte schnell einen Text an meine Familie senden. In Deutschland ist es aber erst 2 Uhr in der Nacht, die schlafen bestimmt. Hier, Mik-Mik, wickele das Cellphone in mein kleines Tuch, dann gehe ich in die Zelle. Dort, wo der Müllberg gewesen ist, kann mich niemand sehen.“

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