8.00. Neuer Tag, neuer Schock [OFFEN]

5:30 Uhr zeigt die Armbanduhr, es dämmert bereits. Vögel beginnen in den hohen Bäumen mit ihrem Pfeifkonzert. Nah und fern geben sich die Hähne Wettkämpfe, wer am lautesten kräht! Hunde tollen herum, treiben ihre Spiele, bellen und jaulen. Die Katze von gestern schleicht verstohlen vorüber, würdig mich aber heute Morgen keines Blickes. Ich stehe an der Gitterstabtür und atme tief die frische Morgenluft ein.

Missmut steigt auf: ‚Verdammt, ich sitze den achten Tag im Kerker und die Welt tut so, als sei nichts geschehen!‘ Dennoch wird die Laune sogleich besser, denn jetzt erinnere ich die gestrigen Aktivitäten der Eltern: ‚Wie es wohl beim Attorney gelaufen ist? Ob alle ihre Witness Affidavit gemacht und dann darauf noch angestoßen haben?‘ Ich schmunzel und flüstere: „Die Filipinos lassen normalerweise keine Möglichkeit zum Feiern aus. Sollen sie!“

Jedes Mal, wenn ich mich vorsichtig auf das wackelige Bett setze, hoffe ich, es möge nicht zusammenbrechen. Der lauwarme Schluck aus der Wasserflasche schmeckt abgestanden. Es kommt mir die Plastiktüte mit dem Zeug darin in den Sinn. Das Zeug, welches eigentlich in eine Toilettenschüssel und mit Wasser hinuntergespült gehört. Hier gibt es weder Schüssel noch fließendes Wasser, abgesehen von Tropfen Kondenswasser, die manchmal an den Wänden herunterlaufen.

Ich rede zur Ecke der Zelle, dort wo sich auf dem Boden Umrisse abzeichnen, die von einem Bad stammen könnten: „Was hätte ich denn tun sollen? Etwa in die Ecke scheißen? Wie gut, dass ich von den Einkäufen ein Arsenal unterschiedlich großer Plastiktüten besitze und wie gut, dass ich den duftenden Alkohol zum Desinfizieren der Hände habe.“

Die fest verschnürte Tüte liegt jetzt irgendwo hinter dem Haus. Sie ist im hohen Bogen dicht an der Hauswand entlang in die Richtung des Bades geflogen. Das ist ein idealer Ort, denn dort gibt es keine weiteren Zellen. Die Waage in mir hält sich zwischen Ekel und teuflischer Freude über die Stinkbombe: ‚Hätte ich sie geradezu auf den Park- und Exerzierplatz werfen sollen? Lieber nicht! Übermorgen wird dort wieder der Appell am Montagmorgen mit dem Hissen der philippinischen Flagge stattfinden. Gar nicht auszudenken was passieren würde, wenn ein Polizist oder gar der unsympathische Mayor der Polizeistation auf die Tüte, die nach zwei Tagen in der prallen Sonne von den Gärgasen wie ein Ballon aufgedunsen wäre und unter hohem Druck stünde, tritt und die dann laut explodiert. Nun liegt die Tüte sicher im Gebüsch und vergammelt.‘ Müßig, daran weitere Gedanken zu verschwenden.

„Ein Königreich für einen starken Kaffee!“, seufze ich wehmütig. Was vor der Verhaftung einfach und völlig normal gewesen war, ist jetzt kompliziert oder unerreichbar. „Verdammt!“, ermahne ich mich selber laut, „Komme nicht wieder in dieses unsägliche Gedankenkarussell. Das bringt nämlich nichts außer Kopfschmerzen.“

Ich muss wieder eingeschlafen sein, denn das Scheppern der Gitterstabtür, das Klimpern der Schlüssel und das Rufen dringen wie durch einen zähen Nebel zu mir: „Mr. Heger, Dusche, Frühstück und Besuch wartet auch schon!“

‚Diese sympathische und liebgewonnene Stimme kenne ich‘, wabert es durch mein Gehirn. Sofort bin ich hellwach: „Officer Sarang, wie schön Sie zu hören und zu sehen! Wer ist es denn?“

„Lassen Sie sich überraschen, Mr. Heger!“

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Mit Handtuch und Seife bewaffnet, marschieren wir direkt zum Bad der Polizeistation. Unter der Dusche wiederhole ich Officer Sarangs Worte: „Besuch wartet auch schon. Lassen Sie sich überraschen!“
Die Neugierde treibt mich zur Eile: ‚Wer mag der frühe Besucher sein?‘ Beim Umlegen der Uhr sehe ich, dass es schon fast acht Uhr ist.

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Michael, den alle Mik-Mik nennen und seine attraktive Ehefrau Vicente springen von der Sitzecke auf, als ich mit noch feuchtem Haar das Büro von Officer Sarang betrete. Die Begrüßung ist stürmisch, herzlich und ungewohnt emotional. Vicente erscheint gelöster. Das liegt wohl daran, weil andere Freunde aus dem Dorf nicht anwesend sind. Vicente ist von allen Müttern die Jüngste und hat neben Rica und Lang offensichtlich einen schweren Stand. Sams Mutter Rica könnte gut und gerne Vicentes Mutter sein. Vicente hat ihren ältesten Sohn Philipp schon sehr früh bekommen. Sie tupft sich Tränen aus den Augenwinkeln, während wir uns setzen.

„Es ist sicher dem netten Officer Sarang zu verdanken, dass Ihr zwei so früh schon hier sitzen könnt.“

Mik-Mik und Vicente nicken zufrieden in Richtung Officer Sarang, der gerade Wasser kocht. Auf dem Tisch stehen schon Tassen, liegen Tütchen mit Nestlé 3 in 1 Fertigkaffee und aus der Papiertüte duftet es verführerisch nach frischen warmen Pandesalbrötchen.

„Wie war Euer Nachmittag gestern bei Attorney De Baron?“

„Sehr gut, Tommy, wir haben alle die Witness Affidavits gemacht!“, freut sich Vicente und reicht zwei Seiten mit der Überschrift „Witness Affidavit“ und einem blauen Stempel „Kopie.“

Es ist die Zeugenaussage von Vicente Kabaltos.

Ich überfliege das in einfachem Englisch geschriebene Dokument und stelle fest: „Sehr schön, alle wichtigen Informationen sind vorhanden. Hier und da ist es mit meiner Hilfe für die Kinder aus dem Dorf ein wenig zu dick aufgetragen, aber das soll wohl so sein. Ich denke, um den Staatsanwalt zu beeindrucken.“

Mik-Mik und Vicente nicken und wir schütten das Kaffeepulver in die Tassen. Vicente reißt die Papiertüte auf. Leckere Pandesalbrötchen und Zuckerschnecken präsentieren sich. Officer Sarang kommt im richtigen Augenblick mit dem heißen Wasser dazu. Das Frühstück belebt die Sinne. Eine Minute des Glückes.

„Und habt Ihr dann noch etwas gegessen und getrunken, wie das De Baron vorgeschlagen hatte?“, unterbreche ich die Stille.

„Oh, ja“, stöhnt Mik-Mik. „Wir haben gut gegessen.“

„Und gut getrunken“, schubst Vicente ihren Mik-Mik mit kritischer aber freundlicher Miene an.

„Aber betrunken war ich nicht!“, verteidigt sich Mik-Mik lachend.

„Tommy, wir sind gegen 21 Uhr mit den Teenagern zum Platz vor der Polizeistation aufgebrochen. Da ist doch noch dieses Fest mit Livemusik und Disco“, erklärt Vicente.

Mik-Mik ergänzt und lacht erneut: „De Baron hat fast eine Flasche Schnaps alleine getrunken. So schnell konnten wir gar nicht gucken. Romolo wollte dann mit dem Kagawad bei einem Freund übernachten. Rica und Lang sind zurück zu Ricas Tochter. Franco ist wohl in seine Kirche gefahren. Die Disco und die Liveband waren toll. Die Teenies haben sogar getanzt.“

„Ja, die tolle Disco höre ich jede Nacht und mein Attorney ist also ein Alkoholiker“, entgegne ich sarkastisch.

Officer Sarang, Mik-Mik und Vicente fassen meine Rede als Scherz auf und lachen herzlich. Nun muss auch ich lachen.

„Das Fest ist dieses Wochenende vorbei, Mr. Heger. Heute Nacht soll es ein großes Feuerwerk geben“, freut sich der junge Officer.

„Na, schönen Dank auch!“ Jetzt schwingt der Frust deutlich in meiner Stimme mit.

„Vielleicht lässt Dich Sir Sarang mal schauen?“, fragt Vicente ernst.

„Bin nicht im Dienst!“, kommt es schnell vom Officer.

„Wo habt Ihr denn heute Nacht geschlafen?“, frage ich die Eheleute.

Officer Sarang ist wieder mit Wasserkochen beschäftigt. Mit einem Seitenblick zum Officer flüstert Vicente verstohlen: „Im Wachturm, neben der Schranke.“

„Ganz oben, da ist es gut!‘, erklärt Mik-Mik.

„Mit Blick über die ganze Stadt!“, freut sich Vicente. Sie zwinkert ihrem Ehemann Mik-Mik zu und macht ganz kurz einen Kussmund: „Es war eine schöne Nacht!“

Mik-Mik grinst verlegen und flüstert: „Nächste Nacht können wir wieder dort schlafen. Die Wärter am Tor sind okay, es ist aber ein Geheimnis!“

„Denn eigentlich nicht erlaubt“, sagt Vicente schnell, da Officer Sarang zurück zur Sitzecke kommt.

„Und wie geht es den Kindern im BSWD Kinderheim?“

„Ach“, winkt Mik-Mik ab, „denen geht es gut. Haben schon Freunde gefunden. Drei Rugbyboys und zwei Brüder aus einer kaputten Familie.“

„Rugbyboys? Das sind doch die Straßenjungen, die Klebstoffe schnüffeln? Von denen hatten die Jungs erzählt, als wir mit ihnen in Officer Sarangs Büro zu Mittag gegessen haben.“

Vicente antwortet: „Ja, diese Rugbyboys sind wirklich sehr arme Gestalten, vollkommen ohne Familie und ganz alleine auf der Welt.“

Mik-Mik weiß zu berichten: „Viele von denen wollen aber irgendwann gar nicht mehr nach Hause oder in ein Heim. Ich bin mir sicher, die Drei werden es nicht lange im BSWD Kinderheim aushalten und versuchen abzuhauen.“

Officer Sarang bestätigt das und seufzt: „Und wir haben mit den Früchtchen unsere Heidenarbeit!“

So erzürnt habe ich Officer Sarang noch nicht erlebt, der fährt fort: „Stehlen, betteln, ziehen sich zuerst Klebstoffe und dann Drogen rein, werden die Runnerboys der Drogenbarone oder handeln selber mit Drogen und vor allem belästigen sie die Leute. Das gibt kein gutes Bild für unser Land und den Tourismus.“

Ich wechsel lieber schnell das Thema: „Gibt es etwas Neues im Dorf?“

Vicente hat plötzlich ein sehr trauriges Gesicht. Das beunruhigt mich sehr: „Vicente, alles okay im Dorf?“

Vicente sucht nach Worten: „Wir haben gestern mit meiner Mutter telefoniert. Da kreisen sehr merkwürdige Gerüchte im Dorf.“

Mik-Mik fällt seiner Frau ins Wort: „Es heißt, der anonyme Anruf, der bei der Polizei eingegangen war, käme aus Sendong City oder sogar aus dem Dorf, Tommy.“

Vicente ist den Tränen nahe: „Es wird erzählt, Tommy, dass jemand nur auf eine Gelegenheit gewartet habe, dich in Verruf zu bringen.“

„Um Dir eins auszuwischen, Tommy!“, ruft Mik-Mik ein wenig zu laut, sodass Officer Sarang, der inzwischen wieder an seinem Laptop arbeitet, kurz aufschaut.

Ich schüttel ungläubig den Kopf und stottere vor Schreck: „Mich in Verruf bringen, mir eins auswischen? Ja, aber warum denn? Habe ich Feinde im Dorf? Das wäre mir neu. Alle sind doch immer total nett und freundlich zu mir gewesen. Es gab nirgendwo ein böses Wort.“

„Vielleicht ist jemand neidisch auf Dich, Tommy!“, flüstert Vicente und führt aus: „Neidisch und verärgert, da Du dieses und jenes Kind und dessen Familie unterstützt hast, aber eben nicht das Kind des Anrufers. Vielleicht deshalb, Tommy.“

„Ja, aber wer erzählt denn so etwas und wer soll das sein?“

„Tommy, das sind doch nur Gerüchte! Darauf solltest Du nichts geben. Typisches Dorfgequatsche. Ich habe gehört, dass der oder die das gesagt hat, was wiederum der oder die von dem oder der gehört hat und so weiter und so weiter. Dummes Gerede ist das, Tommy!“ Mik-Mik wischt den Schweiß von seiner Stirn und stöhnt: Ich könnte jetzt eine Zigarette gebrauchen, aber hier im Büro darf man nicht.“

Die Gerüchte im Dorf verwirren und beunruhigen. Mir erscheint das Büro des Officers plötzlich zu eng und zu muffig. Es ist heiß und das Atmen fällt schwer. Ich muss raus, brauche frischen Sauerstoff und werde hektisch: „Officer Sarang, entschuldigen Sie die Störung, aber wäre es okay, ich unterhalte mich am Zellenvorplatz weiter mit meinen Freunden?“

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