7.03. Der Rest des Tages [OFFEN]

Das Lesen der Zeitungen ermüdet, zumal die Blätter überwiegend in Englisch verfasst sind und das Level meinen sprachlichen Horizont oft übersteigt. Über mich wird nicht berichtet, vielleicht in den kommenden Samstags- oder Sonntagsausgaben. ‚Sonntag Zeitungen kaufen‘ setze ich auf meine imaginäre Einkaufsliste.

‚Wie es wohl den Eltern und Freunden in Attorney De Barons Office ergeht? Es ist schon nach 19 Uhr. Ob die Witness Affidavits angefertigt sind?‘

Draußen ist es bereits stockfinster und die Stadt erwacht zum Leben. Der Verkehrslärm dringt bis in die Zelle: das ständige Hupen, das scharfe Anfahren und das quietschende Bremsen der Fahrzeuge. Dann das Dröhnen der vielen Motorräder mit den kleinen Motoren und den fehlenden Schalldämpfern. Dazwischen die fliegenden Händler, die schreiend gegen den Verkehrslärm ankämpfend ihre Waren anbieten. Ab und an schwillt Musik mit stampfenden Bässen heran, um dann sofort wieder abzuebben. Sammeltaxen, das sind Multicabs (Minibusse) oder Motorelas (Motorräder mit Anbauten für Fahrgäste), als fahrende Stereoanlagen. Halbwüchsige übertönen sich aggressiv, um die Ziele der Sammeltaxen bekanntzugeben und um Fahrgäste für ihre Taxen zu gewinnen.

Auch die Disco auf dem Platz vor dem Polizeigelände läuft sich warm. Die Bässe dröhnen bereits, bisher aber erst auf halber Lautstärke.

Genau vor einer Woche bin ich mit den Jungen zum zweiten Mal an diesem Tag in der Gaisano Mall gewesen, um Tabletten gegen Phils Zahnschmerzen zu kaufen. Wir haben auch noch im Foodcorner Burger gegessen und Eistee getrunken.

Mit Wehmut denke ich an die unbeschwerte Zeit: ‚Für mich habe ich zwei Büchsen Becks Bier gekauft. Deutsches Bier in der Gaisano Mall, das hätte ich nicht erwartet. Mein letzter Einkauf in Freiheit.‘ Beim Gedanken an ein kaltes Bier läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ein Bier ist jetzt unerreichbar.

‚Einkaufen und Geld ausgeben‘, kommt mir in den Sinn. Im Kopf rechne ich die Ausgaben zusammen: ‚Das sind seit Samstag jeden Tag 20.000 Piso gewesen. Also sechs Tage und jeden Tag etwa 400 Euro. In Summe sind das etwa 2400 Euro. Plus die 120.000 Piso für den Attorney, was umgerechnet auch etwa 2400 Euro entspricht.‘ Ich erschrecke und stöhne in Richtung des Teppichs aus Spinnweben an der Unterseite des Bettes über mir: „Oh, mein Gott! Das sind schon 4800 Euro und das in nur sechs Tagen! Mit welchem Ergebnis? Das Ergebnis ist, ich sitze im stinkenden, heißen, finsteren Loch!“

Die Kerze, die auf dem Fußboden flackert, beleuchtet die Situation ein wenig. Beim Observieren der Spinnweben bemerke ich eine Spinne in der Größe eines Daumennagels, die eine Fliege einspinnt und für das Aussaugen vorbereitet.

Frust kommt auf: „Das muss aufhören! Die Eltern und die Freunde müssen zurück ins Dorf, die Kinder raus aus dem BSWD oder das essen, was dort gekocht wird. Das Grundproblem bin ich und meine verdammte Lage! Ich muss hier endlich raus. Mach was, Tommy!“

Nun stehe ich an der Zellentür und blicke in die schwüle Tropennacht. Die zwei Halogenstrahler sind scheinbar kurz vor dem Ende ihrer Lebensdauer und bescheinen deshalb den Zellenvorplatz nur noch dürftig. Das diffuse Licht der Strahler in Kombination mit den bunten Lichtblitzen der Kirmes oder was das auch immer für ein Fest sein mag, wirken unter den Palmen und den gewaltigen Mahagonibäumen fast gemütlich. Es fehlen nur das Meer, die Freunde, das gute Essen und das Bier und schon könnte man meinen, am Strand in einem Resort zu sein. Glücklich und unbesorgt das Leben und die Freiheit genießen.

Die graue Katze schleicht vorbei, verharrt in der Vorwärtsbewegung, dreht neugierig den Kopf zu mir, erblickt mich, miaut auffordernd und springt davon. „Verhöhnt die mich?“, frage ich mich ärgerlich. „Dieser blöden Katze geht es besser als mir! Die ist frei und kann tun und lassen, was sie will.“

Die Wut und der Frust rumoren in mir. Ich flüstere in die Nacht: „Verdammt noch mal, wer oder was gibt der Polizei das Recht, mich hier in diesem unwürdigen Kerker einzupferchen? Dann diese extrem ätzenden Medienleute. Wittern die eine Sensation? Und die Nichtregierungsorganisation im Dorf der Eltern und Kinder. Was hat das zu bedeuten? Sicherlich nichts Gutes!“

Attorney De Baron und sein hohles Schwadronieren über die Medien und die NGOs.

Ich kratze porösen Rost von den Baustählen der Gittertür und rede gedankenverloren vor mich hin: „Diese Attorneys! Pizzaro, der sofort mit extrem hohen Haftstrafen zu hergeholten Vergehen gegen irgendwelche Gesetze gedroht hat. Das ist das Geschäft mit der Angst. Darauf falle ich nicht rein! Dann dieser Padernesto mit seinem überzogenen Angebot. Glaubt der, der könne mich abzocken oder will der das Mandat nicht? Ist das ein Abwehrangebot? Und was soll ich nur von De Baron halten? Auf der einen Seite ist er ein pomadiger alternder Frauenheld, auf der anderen Seite aber auch irgendwo witzig. Für De Baron ist alles gar kein Problem. „Nächste Woche gehen sie nach Hause!“, waren seine Worte.“

Über die Polizei wundere ich mich ebenfalls. Ich kratze am Rost der Stahltür: „Einerseits behandelt die Polizei mich überkorrekt und zuvorkommend, erlaubt sogar ein Treffen mit den Kindern – in ihren Augen sind die fünf Jungen meine potenziellen Opfer! – und erlauben die Kommunikation mit meiner Familie in Deutschland, andererseits die erniedrigende Festnahme, inszeniert als TV-Event. Weiter das verstörende nächtliche Waterboarding, die krude Geschichte um den Tod von Vicente Kabaltos Vater und das beharrliche Schweigen der Polizisten zu meiner Geschichte.“

Das Rostblättchen, welches ich zuvor von einem Stahlstab mit dem Fingernagel abgebrochen habe, schnippe ich in die Nacht und komme zum Ergebnis: „Das passt doch alles nicht! Auf der einen Seite das genüssliche öffentliche Zurschaustellen während der Verhaftung und auf der anderen Seite diese schon merkwürdig erscheinende, überfreundliche und zuvorkommende Behandlung in der Polizeistation.“ Ich schüttel den Kopf und erzähle leise weiter: „Asien verwirrt, erschüttert und enttäuscht mich zutiefst! Asiaten werden plötzlich undurchschaubar und unberechenbar! Zuvor war mir das nicht bewusst, habe ich es nicht sehen wollen, war es immer Urlaub!“

Aus den anderen Zellen höre ich leise Unterhaltungen, Seufzer und Schnarchgeräusche.

Ich bin nun still, obwohl in mir, wütend und anklagend, die innere Stimme schreit: ‚Das ist kein Urlaub mehr und hör endlich auf, die Armut im Land zur Romantik zu verklären! Mensch, Tommy, wohin hast du dich nur manövriert? Unwissentlich, blauäugig und dumm!‘

An der Gitterstabtür atme ich einige Male tief die samtweiche tropische Luft ein und wieder aus, komme dadurch ein wenig runter und begebe mich zurück zum wackeligen Bett. Nun liege ich erneut auf der Matte und dem Kissen. Beides hat Michael, der von allen Mik-Mik gerufen wird, besorgt.

„Die Eltern der Kinder, meine Freunde hier und die Familie in Deutschland“, spreche ich zur Spinne, die ruhig und unbeirrt ihr Werk verrichtet, „geben Sicherheit und Hoffnung.

Ich schließe die Augen und ermahne mich leise selber: „Schluss jetzt mit dem Grübeln, Tommy, beende die Qualen im Kopf!“

Es dauert tatsächlich nur wenige Minuten und ich bin eingeschlafen.

[Ende 7. Kapitel und sechster Tag]

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2 Kommentare zu „7.03. Der Rest des Tages [OFFEN]“

    1. Leider gibt es ähnl. Geschichten auf den Philippinen. Nicht unbedingt mit Missbrauch, sondern mehr Drogengeschichten in die auch Ausländer rein geraten.
      Wie es dann den Ausländern dort ergeht, ist sehr real! Ausquetschen wie eine Zitrone und dann in den Dreck treten. Und dabei immer schön Grinsen!

      Danke für Dein Lob!!!! 😸💯💝👌💯💟📖📚

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