6.10. Skypen um Unsummen [OFFEN]

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Du stehst seit einer guten Stunde an der Gitterstabtür, blickst auf die verwitterte Gebäudewand der Polizeistation und drückst deine Stirn gegen die rostigen Stäbe. Das Warten und die Ungeduld zermürben dich. Für die neuen Zeitungen fehlt dir jegliche Konzentration. Doch endlich, an der Gebäudeecke tut sich etwas. Es ist tatsächlich Officer Sarang, der um die Gebäudeecke spurtet. Er begrüßt dich wie einen alten Freund, überschwänglich und herzlich, lässt das Schloss knacken und die Türe beim Öffnen quietschen. ‚So schöne Geräusche sind das!‘, freust du dich.

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Als ihr den Windfang betretet, geht gerade weiter hinten im Flur die Tür von Ma’am Papillios Büro auf und die Dame vom Empfangstresen des Hotels tritt gemeinsam mit Ma’am Papillio hinaus. Sie verabschieden sich fröhlich. Dich bemerken sie nicht. Officer Sarang drückt dich sanft in sein Büro und verschließt schnell die Tür.

Du wunderst dich zwar, warum die Hotelfrau hier in der Polizeistation ist, aber fragen wirst du Officer Sarang dazu nicht, denn sicherlich ist sie von den Polizistinnen befragt worden. Stattdessen fragst du: „Sir, wieder im Dienst?“

„Ja, Sir Heger, bin zurück im Dienst“, seufzt der Officer.

Auf Officer Pangutanas Schreibtisch steht dein Rucksack: „Sir, wäre Skype möglich?“

„Sicher, Sir Heger!“

Bis auf Officer Sarang ist das Büro verwaist. Du starrst auf des Officers leeren Schreibtisch, dann zum Officer.

„Oh, mein Sohn John!“, errät der Officer deine Gedanken. „Der ist ein paar Tage bei meiner Schwester. Da sind auch weitere Kinder. Sir, Sie glauben nicht, was derzeit hier los ist!“

Du fühlst dich angesprochen und ziehst die Augenbrauen zusammen: „Wegen mir, Sir?“

Der Officer wird verlegen, fährt sich übers Haar und stöhnt: „Im Allgemeinen haben wir ja immer viel zu tun und ja, natürlich auch wegen Ihnen.“

Du beginnst deinen Laptop aufzubauen.

„Entschuldigen Sie, wenn ich erneut frage, aber Ma’am Papillio hat gestern – oder war das vorgestern? – gesagt, die Entscheidungsgewalt zu einer Entlassung läge beim Staatsanwalt. Wissen Sie etwas Genaueres oder gibt es neue Entwicklungen, Sir?“

Officer Sarang sind die direkten Fragen unangenehm, das ist dir inzwischen klar. Er sortiert nervös Papiere und antwortet schnell: „Nein, Sir Heger, da bin ich überfragt.“

Du gibst dich mit der Antwort zufrieden, denn dein Laptop piept und du fragst nach dem WiFi-Passwort, welches Officer Sarang dann gleich eintippt.

Vorsichtig fragst du: „Und wie ist die Pressekonferenz gelaufen? Haben wirklich so viele Leute an fünf schlafenden Kindern und einem Deutschen im Hotel Interesse?“

Officer Sarang antwortet wieder ausweichend: „Ach, die Pressekonferenz, die ist unspektakulär gewesen. Jedenfalls für uns Polizisten.“

Mit der Antwort kannst du absolut nichts anfangen. Du belässt es dabei und stellst keine weiteren Fragen mehr. Skype startet auch bereits.

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Es dauert nur Sekunden, dann ist die Verbindung mit Bild und Ton hergestellt. Officer Sarang bemerkt noch, dass die Zeit ab 18 Uhr sehr vorteilhaft sei, da nur noch wenige das Internet in der Polizeistation nutzen. Dann zieht er sich an seinen Schreibtisch zurück und klappt den Laptop auf.

„Hallo, Tommy!“, tönt es aus den Lautsprechern. Du hörst Geschirr klimpern und klirren.

„Ihr seid wohl gerade mit dem Frühstück fertig, was?“

Wie in der letzten Skype-Sitzung sitzt deine Schwester Sabine in Vaters Chefsessel und bedient die Tastatur.

„Jaha“, beantwortet deine Mutter die Frage nach dem Frühstück.

Du kannst weder deine Mutter noch deine Lebensgefährtin Marie oder deinen Vater sehen, aber hören tust du sie, denn alle rufen nun: „Guten Morgen, Tommy!“

Der Hund deiner Eltern Mickey bellt dazwischen. „Mickey aus, komm her und mach Platz, wir skypen jetzt!“, versucht dein Vater den Hund zu beruhigen.

Hinter Sabine kommen Marie und deine Mutter ins Bild, beide halten Kaffeetassen in den Händen. Du glaubst, den Kaffeeduft bis in Sarangs Büro riechen zu können. ‚Wie stark Suggestion sein kann‘, denkst du kurz und legst gedanklich das heutige Thema, welches dir unter den Nägeln brennt, fest: ‚Finanzen!‘

„Heute kein Franco?“, ruft Sabine.
„Und kein Micha?“, deine Mutter.

„Nein, die können doch nicht jeden Tag, bis die Nacht anbricht, in der Polizeistation bleiben. Hier ist es schon bald sechs Uhr und draußen dunkelt es bereits. Der Vater, der ständig bei mir ist, heißt übrigens Michael und nicht Micha.“

„Ach, ja, die Zeitverschiebung“, ruft Marie über Sabines Schulter gebeugt ins Mikrofon. „Hier ist es fast elf Uhr morgens“, bemerkt sie und nimmt einen tiefen Schluck aus der Tasse. Das suggeriert dir Kaffeegeschmack im Mund.

„Tommy“, beginnt Sabine das Gespräch, „die Deutsche Botschaft in Manila hat noch nichts zu Deinem Fall von der Polizei gehört. Dort in der Botschaft sind aber auch noch einige Mitarbeiter im Urlaub. Dann haben wir Dir eine Liste mit Anwälten per E-Mail gesendet, die die Botschaft empfiehlt und uns zugesendet hat. Die sind leider alle im Großraum Manila oder Cebu und die Dame vom Auswärtigen Amt hat erneut gesagt, dass Problem sei, Du müsstest dann immer die Reisekosten und Spesen zahlen, wenn der Anwalt anreist. Außerdem hat die nette Dame vom Auswärtigen Amt gesagt – wir haben übrigens mit dem Auswärtigen Amt und der Deutschen Botschaft heute früh telefoniert – dass, wenn Du kein Vermögen habest, könnest Du einen Pflichtverteidiger beauftragen. Das nennt sich wohl „Public Attorneys Office“, kurz „PAO“ genannt. Das ginge aber erst, nachdem der Fall beim Staatsanwalt eingereicht worden sei und die Dame rät von diesen staatlichen Anwälten dringend ab. Die täten halt nur das Nötigste, so hat sie sich geäußert.“

„Sabine, Sabine, warte!“ unterbrichst du deine Schwester. „Vielen Dank, Ihr habt Euch ja umfassend informiert! So viele Informationen, ich bin wirklich beeindruckt!“

„Tommy!“, schneidet nun aufgeregt deine Mutter deinen neuen Satz ab. Besorgt fährt sie fort: „Wir haben, während wir auf Dich gewartet haben, Berichte auf Youtube über philippinische Polizeistationen und Gefängnisse gesehen.“

Mit bitterer Stimme berichtet Marie: „Tommy, sei vorsichtig, da herrschen Mord und Totschlag. Dann diese gefährlich aussehenden, von oben bis unten tätowierten Typen und dazu die überfüllten Zellen. Ist es bei Dir auch so übel?“

Sabine fragt ungläubig: „Und ist das wirklich wahr? Müssen die Familien ihre Leute versorgen? Es gibt keine Verpflegung von der Polizei?“

Dir behagt es gar nicht, dass sich das Thema weg von Anwälten und Finanzen bewegt. Deine Computerzeit ist sicherlich auch limitiert. Du rufst ins Mikrofon: „Keine Sorge, ich bin alleine in der Zelle und Michael hat die Zelle gesäubert.“
Das Waterboarding und die anderen negativen Erfahrungen mit der Polizei verschweigst du.
„Heute ist auch der sehr nette Police Officer Sarang im Büro. Der ist total okay! Also macht Euch keine Sorgen! Ich muss mit Euch etwas Wichtiges zum Thema Attorney, das heißt auf Deutsch Anwalt, besprechen. Ich habe einen Anwalt und der fertigt schon morgen Aussagen von den Eltern und einigen Freunden zu der Geschichte an.“

Marie staunt: „Du hast Dir schon einen Anwalt genommen? Tommy, Deine Mutter und Sabine haben gesagt, Du willst gleich 5.000 Euro auf die Philippinen überweisen?“

„Jetzt lasst mich bitte erst einmal reden! Meine Computerzeit ist auch sicherlich begrenzt. Habt Ihr den Deutschen aus Sendong City kontaktiert? Der heißt Wolfgang und ich habe Euch seine E-Mailadresse gesendet. Will der das mit dem Geldtransfer überhaupt machen?“

„Ja!“, ruft Sabine. „Wir haben Wolfgang per E-Mail und…“

Du wirst hektisch und fällst Sabine ins Wort: „Sehr gut, dann weist bitte sofort von meinem Girokonto 150.000 Piso an. Moment, das sind überschläglich 3.000 Euro. Weist doch gleich 4.000 Euro an und nicht, wie ich beim gestrigen Gespräch gesagt habe, 5.000 Euro. Der Anwalt braucht zur Annahme des Falls einen Betrag von 80.000 Piso und für die gerichtsfesten Aussagen von den Eltern und den Freunden noch einen Betrag. Der Anwalt hat heute gesagt, ich solle gleich 120k Piso, also etwa 2.400 Euro anweisen, auch schon für folgende Arbeiten.“

Das Klimpern der Löffel in den Tassen hat während deinen Ausführungen aufgehört. Die Münder Sabines, Maries und deiner Mutter stehen offen. Es tritt eine bedrückende Stille ein. Mickey winselt leise irgendwo im Raum.

Marie kommt zu sich und stammelt: „Ja, aber, Tommy, was sind denn das für Unsummen?“

„Die Acceptance Fee, das ist die Gebühr für den Anwalt bei Annahme des Falls, ist wohl so üblich hier. Auch die Höhe der Summe von 80k Piso, die der Anwalt De Baron fordert, liegt im normalen Bereich. Ein anderer Attorney hat nur für die Acceptance Fee 130k Piso aufgerufen! 130k Piso! Nur, damit der erst einmal beginnt, sich zu bewegen!“

Marie nickt: „Ja, das haben mir Deine Eltern und Sabine so erzählt. Ich musste leider gestern arbeiten, ein wichtiges Meeting. Sorry, Tommy, ging nicht anders.“

Du verschweigst den arroganten Attorney Pizzaro vor Marie, bist noch nicht fertig mit deiner Rede und holst tief Luft: „Die Eltern, die Kinder im Jugendheim sowie Franco und andere Freunde müssen versorgt werden. Das muss ich so tun, die sind doch auf meiner Seite! Da war ja auch wirklich nichts im Hotelzimmer gewesen. Die Eltern glauben mir. Die sind leider sehr arm, Handwerker, Fischerleute, mit sehr geringem Einkommen. Die Mütter kochen für mich und für die Jungen. Also, ich habe seit Samstag jeden Tag 20.000 Piso vom Automaten holen lassen und verbraucht. Also sechsmal rund 400 Euro, das sind etwa 2400 Euro.“

Deine Schwester Sabine und deine Mutter haben erschrockene Gesichter, Marie schaut ungläubig, schluckt und stöhnt: „Also, mit dem Betrag, den wir jetzt anweisen sollen, sind das 6400 Euro! Tommy, das Geldverbrennen muss aufhören!“

„Ja, Marie, sobald die Aussagen der Eltern fertig sind, können die alle ins Dorf zurück! Das Jugendheim verpflegt die Kinder doch auch. Sicherlich nicht so fürstlich und lecker wie wir derzeit, aber satt werden die dort allemal.“

Ratlosigkeit beherrscht den Augenblick und bei deiner Familie in Deutschland ist eine bedrückende Ruhe im Raum. Keiner hat Ideen, Lösungen, Antworten.
Es platzt aus dir heraus: „Marie, bitte kündige das Festgeldkonto! Da liegen etwa 15.000 Euro mit dreimonatiger Kündigungsfrist. Aber weist erst die 4.000 Euro an Wolfgang an. Der wird den Betrag dann an Attorney De Baron anweisen. Das sind die 120k Piso, also rund 2.400 Euro, sodass der Mann arbeiten kann.“

Marie murmelt gedankenverloren: „Attorney De Baron, komischer Name.“

„Tommy!“, ruft deine Mutter plötzlich bestürzt. „Wann entlassen die Dich endlich? Wenn die Kinder, die Eltern sowie Deine Freunde für Dich sprechen, wo ist dann das Problem?“

„Hier ticken die Uhren anders, Mutter. In Deutschland hat man keine Zeit, aber Geld und auf den Philippinen hat man scheinbar alle Zeit der Welt, aber niemand hat Geld!“

„Tommy, wir haben auch nicht viel Geld!“, antwortet deine Mutter entrüstet. Marie und Sabine wiederholen die Antwort deiner Mutter, Mickey bellt aufgeregt dazwischen und dein Vater brüllt, um alle zu übertönen: „Tommy, die nehmen dich aus! Mickey – verdammt nochmal – jetzt halt endlich mal die Klappe, wir skypen!“

Marie hakt dort ein und sagt schnell: „Tommy, sei bitte vorsichtig mit dem Geld und verwöhne die nicht. Das, was Dein Vater sagt und so wie Du das erzählst, da scheint was dran zu sein!“

„Aber soll ich jetzt sparen? Jetzt, wo es um mein Leben geht?“, rufst du verzweifelt und zu laut.

Officer Sarang steht plötzlich neben dir und fragt in Englisch: „Haben Sie Probleme, Sir?“

Ebenfalls in Englisch antwortest du aufgeregt: „Nein, nein, Sir! Wir diskutieren nur wichtige Dinge!“

Officer Sarang schaut interessiert auf deinen Laptop. Du zeigst auf die Personen und beginnst zu erklären, erleichtert und dankbar, damit der Diskussion über das Geld ein Ende zu setzen: „Meine Schwester Sabine, meine Lebensgefährtin Marie und meine Mutter. Mein Vater ist gerade nicht zu sehen.“

Doch dein Vater taucht genau in dem Moment mit Mickey auf dem Arm im Bild auf: „Mickey, schau mal, da ist der Tommy im Computer.“

Mickey winselt und versucht sich zu befreien. Ihr winkt in die Computerkamera.

Die Frauen winken dem smarten Officer zu. Der sagt nur: „Sehr gutaussehende Familie, besonders Ihre Schwester, Sir Heger!“

Deine Schwester Sabine schmunzelt und übersetzt.

Du erklärst weiter in Englisch: „Das ist der ausgesprochen nette Police Officer Sir Sarang. Ein wirklich feiner Kerl!“

Deine Mutter beschwert sich: „Redet Deutsch, ich verstehe überhaupt nichts!“ und ergänzt sofort: „Der Polizist sieht aber wirklich nett aus!“

Du übersetzt und Officer Sarang bedankt sich höflich für das Kompliment.

„Marie, Sabine, bitte erledigt das mit der Geldanweisung heute. Morgen ist schon Freitag. Das Geld wäre dann frühestens Montag oder Dienstag hier!“

Marie schüttelt langsam den Kopf, schnäuzt sich und antwortet mit weinerlicher Stimme: „Tommy, was sind das für Unsummen? Und können wir denn dem Wolfgang überhaupt trauen?“

„Wir müssen, Marie!“

Sabine ist um positive Stimmung bemüht. Heiter berichtet sie: „Gut, der Wolfgang, Marie und ich sind nämlich schon auf Facebook befreundet. Dort können wir gut kommunizieren.“ Marie nickt leicht.

„Officer Sarang, Sir, wie lange dürfen wir skypen?“

„Oh, open end, Sir Heger! Ma’am Papillio ist bereits nach Hause.“ Officer Sarang grinst jungenhaft: „Außer uns und ein paar wahrscheinlich schon schlafende Bereitschaftspolizisten ist kaum noch jemand in der Polizeistation anwesend.“

Officer Sarangs Cellphone klingelt.

„Habt Ihr das gehört? Open end heute!“

„Tommy, Papa hat um 14 Uhr einen erneuten Termin beim Kardiologen. Wir müssen uns nun schnell fertig machen.“

„Und Marie und ich, wir erledigen das mit dem Geld und dann muss ich heute Mittag meine Steuern machen. Das Amt hat schon gemahnt.“

„Gut“, erwiderst du traurig, „dann werde ich meine E-Mails checken und im Internet surfen. Mein Cellphone – ach, ich meine Handy, weil alle sagen hier Cellphone – muss ich auch checken. Dann sagen wir nun Tschüss! Und macht Euch keine Sorgen. Das wird sich schon alles aufklären. Wir bleiben optimistisch.“

Deine Mutter ruft: „Wir Hegers sind Kämpfer!“

Dann tönt es mehrstimmig aus den Lautsprechern: „Tschüss, Tommy!“

Officer Sarang hat inzwischen den kleinen Fernseher eingeschaltet und die Fernbedienung zu deiner Rechten gelegt. Aus seinem Laptop ertönt die Melodie von Counter Strike.

Du wendest dich deinen E-Mails zu. Deinen Freunden, deinem Chef und den Kollegen wirst du erst einmal nicht berichten.
‚Vielleicht ist der Spuk ja doch schneller beendet als gedacht?‘, überlegst du voller Zuversicht. Also E-Mails checken, Homebanking und News über dich im Internet suchen, Wolfgang anrufen oder E-Mail schreiben und die SMS im Cellphone prüfen.

Es staut sich sofort viel an, wenn man seine Gadgets nicht ständig zur Verfügung hat. Wie gut, dass es einen Officer Sarang gibt.

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