6.08. Zahnarzt und Zellenvorplatz [OFFEN]

Haus der Gesundheit

Besonders Rica und Lang sind über die Worte der TV-Leute zu Attorney De Baron zutiefst verunsichert. Michael dagegen ist der Meinung, die Reporter vom Fernsehen und auch der Typ von der Zeitung heute früh wollten sie doch nur mit ihrer arroganten Art einschüchtern und ihnen Angst einjagen.

Viel Zeit über das Gerede nachzudenken bleibt Rica, Lang und Michael nicht, weil sie von ihren Söhnen belagert und eingenommen werden.

Der Zahnarzt hat alle Hände voll zu tun mit den Fünf aus dem Dorf. Die drei Elternteile sind glücklich, dass der Doktor repariert, was zu reparieren ist und nicht sofort, wie es so oft beim staatlichen Zahnarzt passiert, der dreimal im Jahr bei ihnen im Dorf auftaucht, die Extraktionszange zum Einsatz kommt.

„Der Nächste bitte!“, ruft plötzlich die junge Zahnarzthelferin.

Der 11-jährige Aboy hat zwei Milchzähne verloren, weil kommende Zähne Platz zum Wachsen brauchen. Aber Aboy wäre nicht Aboy, würde er nach der Behandlung nicht mit viel Dramatik über das Ziehen der Zähne berichten und stolz und breit grinsend die zwei verlorenen Zähne allen Beteiligten präsentieren.

Sams Mutter Rica ist Sozialarbeiterin Ma’am Solano zuwider. ‚Warum werden die Kinder von Medienleuten befragt? Warum billigt Ma’am Solano das? Was treibt die Frau für ein Spiel? Welche Ziele verfolgt sie?‘ Rica hat nicht den Mut ihre Gedanken auszusprechen. Dennoch ist Rica gezwungen, Ma’am Solano eine Frage zu stellen, die ihr unter den Nägeln brennt: „Ma’am Solano, entschuldigen Sie, dass ich störe“, beginnt leise Rica ihre Frage.

Ma’am Solano schaut von ihrem Smartphone auf und rückt die Lesebrille auf der Nasenspitze zurecht. Sie räuspert sich und ist überfreundlich: „Ma’am Restito, Sie stören überhaupt nicht, was kann ich für Sie tun?“

Rica ist unsicher, dreht ihr einfaches Cellphone in der Hand und stammelt leise: „Ma’am, morgen kommen doch Aboys Vater und Phils Mutter. Da dachte ich, also, es wäre doch gut, wenn wir morgen am Freitag unsere Söhne bei Ihnen im Kinderheim besuchen könnten?“

Ma’am Solano schaut mit ausdrucksloser Miene, dann antwortet sie in einem kurzen Anfall überschwänglicher Freude: „Aber ja, Ma’am Restito, warum denn nicht! Die Damen von der Polizei haben, soweit ich weiß, die Befragungen der Kinder beendet.“ Vertrauensvoll legt Ma’am Solano ihre Hand auf den Handrücken von Rica. Rica ist erneut an diesem Tag verwirrt, denn sie kann die plötzliche Freundlichkeit von Ma’am Solano nicht einordnen. Ma’am Solano schaut mit einem kurzen bösen Seitenblick zu den drei armseligen Straßenjungen, die etwas abseits neben dem Wachmann sitzen. Sie flüstert: „Im Gegensatz zu diesen Drei, sind Ihre Kinder, Ma’am Restito, sehr angenehm ruhig, gut erzogen und problemlos. Kommen Sie doch morgen etwas früher und bringen Sie wieder Ihre Speisen. Die Kinder schwärmen davon!“

Rica empfindet Mitleid mit den drei traurig dreinblickenden elternlosen Straßenjungen und lächelt ihnen aufmunternd zu.

Lang beobachtet die Szene, hört zu und staunt. Durch Ma’am Solanos Freundlichkeit wird sie mutig: „Ma’am, wann dürfen unsere Jungen zurück zu uns nach Hause?“

Wieder denkt Ma’am Solano mit dieser leb- und ausdruckslosen Miene nach und schweigt dabei. Dann seufzt sie: „Das kann ich nicht sagen, weil das der Staatsanwalt entscheidet. Wir führen nur aus, was uns aufgetragen wird.“

Michael hört der Unterhaltung misstrauisch zu und bewundert gleichzeitig Aboys Milchzähne.

Ma’am Solano mustert die drei Eltern und sagt vollkommen emotionslos: „Für Ihren Tommy wäre es besser, Sie zeigen ihn an!“

Rica, Lang und Michael sind einen Moment perplex und schütteln die Köpfe. Ma’am Solano widmet sich wieder ihrem Smartphone.

Rica flüstert zu Lang: „Warum sagt sie das?“

Michael wird ärgerlich und will gerade protestieren, da kommt Jan freudestrahlend aus dem Behandlungszimmer. In seiner Begleitung ist die hübsche Zahnarzthelferin. Sie trägt einige Zettel bei sich und stellt freundlich fest: „Na, Sie haben ja tapfere Jungs, würden Sie bitte hier unterschreiben und keine Sorge, die Behandlung ist kostenlos, es zahlt der philippinische Staat.“

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Zellenvorplatz

Franco und Marielou sind zurück und bringen neben der Scheckkarte und 20.000 Piso auch vier kleine Flaschen Eistee und einen kleinen Karton mit Donuts. Es ist die gleiche Sorte Donuts, die ich immer einigen Familien mitgebracht habe, wenn ich von meinen Ausflügen ins Dorf zurückgekehrt bin.

‚Marielou hat sich daran erinnert‘, freue ich mich und bin auch ein wenig angetan.

Wir verspeisen die leckeren Donuts und trinken den kühlen Eistee dazu, aber vermeidet es, über meine Situation zu sprechen. Schnell sind wir beim Thema Ausbildung und Studium. Es beginnt für Jonathan die Highschool, für Marielou das neue Semester am Sendong City Colleges und für Franco das Studium am kommenden Montag in Libertad de Santos. Wie immer zu Beginn des neuen Semesters werden Gebühren fällig. Franco hat bereits 2000 Piso an seine Schwester für sein Studium gesendet. Trotzdem schauen mich plötzlich die Drei mit einem vielsagenden Dackelblick an. Schnell wechsel ich das Thema, obwohl ich schon ahne, dass das Thema nur aufgeschoben und nicht aufgehoben sein wird. Nun reden wir über die Witness Affidavits, die Zeugenaussagen, welche morgen im Office des Attorneys De Baron angefertigt werden sollen. Franco, Marielou und Jonathan wollen unbedingt meine Großzügigkeit ihnen gegenüber in den Witness Affidavits wissen.

„Das mit deiner Großzügigkeit, Tommy, sollte aber auch in die Witness Affidavits von allen Anderen rein!“, sagt Marielou resolut und erklärt mit fester Stimme ihr Vorhaben: „Dafür werde ich morgen schon sorgen!“ Marielou überlegt kurz und hat plötzlich einen fragenden Blick: „Tommy, was passiert, sollte der Fall, bevor er ins Gericht geht, niedergelegt werden? Also schon auf dem Schreibtisch des Fiscals, dem Staatsanwalt, beendet wird? Dann wären die Witness Affidavits doch völlig nutzlos!“

Von der Seite habe ich das Thema noch nicht betrachtet, überlege kurz und antworte: „Wenn das eintreten sollte, wäre das natürlich ganz toll, Marielou! Ich werde später mit den Polizistinnen darüber reden, wenn ich telefonieren darf. Ich muss die fragen, wie es nun weitergeht und wann ich endlich entlassen werde. Der nächste Schritt nach den polizeilichen Ermittlungen ist der Fiscal. Nun seid Ihr aber schon für morgen mit dem Attorney verabredet. Marielou, wenn der Fiscal die Akte von der Polizei auf den Tisch bekommt und gleich dazu Eure positiven Aussagen über mich, kann das doch nicht schaden!“

Weil sie von den Argumenten überzeugt sind, nicken Marielou, Franco und Jonathan zufrieden.

In dem Moment kommen Rica, Lang und Michael vom Haus der Gesundheit und von den Jungen zurück.

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Rica, Lang und Michael haben auf der Fahrt zur Polizeistation beschlossen, Tommy weder etwas von den drei arroganten TV-Leuten noch von deren Spott über Attorney De Baron zu berichten. Sie wollen Tommy damit nicht auch noch belasten, denn der habe schon genug Sorgen, denken sie.

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Viel Zeit verbleibt nicht, um mit den Eltern zu reden, da es bereits fast 16 Uhr ist und in Kürze die Besuchszeit beendet sein wird und ich zurück in die Zelle muss.

Die Mütter Rica und Lang berichten glücklich, dass alle Eltern morgen früh die Kinder im BSWD besuchen dürfen und dass die Jungs eine kostenlose Zahnbehandlung bekommen haben.

„Das ist doch toll!“, entgegne ich. Dann fällt mir ein, was ich Michael, der lieber Mik-Mik genannt werden möchte, schon den ganzen Tag fragen wollte: „Mik-Mik, wo schläfst Du kommende Nacht?“

Mik-Mik ist über die Frage überrascht und zündet sich nervös eine Zigarette an: „Also, bei einem Cousin.“ Franco schaut betreten zur Seite. Er erinnert sich wohl an den unnötigen Streit in seiner Kirche.

Mit der Antwort musst ich mich zufriedengeben, denn was außerhalb der Polizeistation passiert, das kann ich nicht beeinflussen.

Wir sind in Zeitdruck und ich sage schnell: „Ihr braucht Geld!“

Mik-Mik ist über den Themenwechsel sichtlich erfreut und berichtet lachend über Aboy und dessen zwei Milchzähne, die Aboy nun stolz in der Hosentasche trägt.

Ich verteile wie gestern die Geldbeträge. Für das Essen morgen, Beträge an die Frauen, an Mik-Mik und an die drei jungen Freunde Franco, Marielou und Jonathan.

Der Wachmann erscheint, aber er schlägt heute nicht den Gong, um damit die Besucher lautstark an das Gehen zu erinnern. Meine Freunde sind auch die Letzten am Zellenvorplatz. Bevor ich weggeschlossen werde, räumen wir schnell ein wenig auf. Die Zeit nutzte ich, um den Wachmann an das Cellphone zu erinnern: „Erlaubt habe das Telefonieren Ma’am Papillio schon.“

Ein schneller Abschied folgt. Die Männer mit leichtem Händeschütteln, die Frauen mit flüchtigen Umarmungen.

Die Zellentür quietscht, der Schlüsselbund klimpert und das Schloss knackt. Ich bin zurück im feuchten Kerker, sitze auf dem versifften Bett, blättere desinteressiert in den neuen Tageszeitungen und hoffe, die Polizisten mögen mein Cellphone nicht vergessen.

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