6.00. Waterboarding [OFFEN]

Fast zwei Uhr und stockfinstere Nacht. Es ist offensichtlich bewölkt, da nicht einmal Mondlicht durch das Fenster scheint. Die Disco ist beendet und ich bin beim Song „I Want to Know What Love Is“ von Foreigner eingeschlafen. Eine dieser Superschnulzen. Ich frage mich, wovon ich wach geworden bin? Doch da sind Stimmen zu hören. Es scheint einen handfesten Streit zu geben, denn ich höre jetzt das Klatschen von Ohrfeigen und die dumpfen Geräusche von Faustschlägen, gefolgt von unterdrücktem Keuchen und Stöhnen. Es wird zischend geredet, doch ich verstehe nur die flehenden Worte: „No, no, please, Sir!“ Die wütenden Antworten darauf sind gedämpft und in Visayan-Sprache. Dann höre ich Wasser auf den Boden klatschen, etwa in der Art, als wenn ein großer Stein in eine Tonne geworfen wird. Dazu das Stöhnen, Keuchen und angestrengte Atmen von mindestens zwei Männern. Wasser klatscht erneut auf den Boden und der dritte Mann hustet und japst panisch nach Luft. Er muss in eine Tonne oder Wanne getaucht worden sein.
Einer der Männer flüstert mit unterdrückter Stimme: „Historia, historia!“ Das übersetze ich mit: „Rede, rede!“
Schlagartig wird mir klar, dass dort jemand zum Reden gebracht werden soll, und zwar mit Waterboarding. Der Gefolterte hustet und japst weiter nach Luft. Das erneute Geräusch eines dumpfen Schlages (wahrscheinlich in die Magengegend), gefolgt von einem Aufschrei und Stöhnen.
„Historia!“, zischt erneut einer der Folterer. Gedämpft tut er das, sicherlich aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen und entdeckt zu werden. Vor Schreck erstarrt, traue ich mich kaum zu atmen.

„Genug!“, sagt die zweite Stimme. Der Gefolterte stöhnt, fleht etwas Unverständliches und japst weiter nach Luft.

„Fuck!“, ruft wütend die erste Stimme.

Schritte und Schleifgeräusche, dann wird ungestüm das Tor des Drahtzauns aufgeschlossen und aufgestoßen. Im Schatten der matten Strahler von der Hauswand gegenüber erkenne ich drei Gestalten. Eine Zelle wird geöffnet und der Mann hineingeworfen. Fieses Gelächter vor den Zellen, jetzt die Geräusche von Feuerzeugen und der Geruch von Zigaretten, dann das Scharren und Scheppern des Tores und schließlich wieder der laut klimpernde Schlüsselbund. Ich springe auf und spähe vorsichtig durch die Zellentür. An der Gebäudeecke verschwinden die rot glühenden Lichtpunkte der Zigaretten.

‚Scheiße, was war das denn gerade?‘, denke ich panisch und drehe, zitternd vor Aufregung, ein paar Runden auf etwa vier Quadratmetern. Mein Puls verlangsamt sich und es bleibt mir nichts weiter übrig, als mich zurück auf das viel zu laut ächzende Bett zu legen. Ich lausche der gedämpften, ängstlichen Unterhaltung aus einer der Zellen. Der Gefolterte scheint sich zu beruhigen. Ab und an hustet er noch, aber jetzt weint und schluchzt er nur noch leise.

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Bis vier Uhr in der Früh mache ich kein Auge mehr zu. Im Gegensatz zu gestern, krähen die Hähne heute wieder. Das hört sich tatsächlich so an, als gehe das nervige Geschrei ständig reihum und ich befinde mich im Zentrum. Die bereits halbvolle Kunststoffflasche wird nun mit Urin gefüllt, bis kein Tropfen mehr hineinpasst. Nicht auszudenken was wäre, wenn ich jetzt richtig aufs Klo müsste oder gar Durchfall bekäme. Hier gibt es nichts, wirklich absolut nichts, weder ein Loch im Boden noch Wasser aus der Wand. Nur Kondens- und Tropfwasser hat es hier in dieser Gruft wahrlich zu Genüge.

Mein Körper nimmt sich dann doch, was er braucht und ich nicke noch einmal weg. Die Geräusche an der Zellentür lassen mich jedoch wenig später hochschrecken. Automatisch checke ich die Zeit: 6:05 Uhr. Es duftet nach Kaffee und Pandesal.

„Michael!“, schreie ich vor Freude und verfehle beim Aufspringen wieder nur um Haaresbreite den Balken des Bettes über mir.

„Maayong buntag“, begrüße ich Michael in Visayan.

„Good morning“, antwortet Michael in Englisch.

Er hält einen großen Becher mit der Aufschrift „Bo’s Cofeshop“ und eine Papiertüte mit herrlich duftenden Pandesal – diese weichen Hefebrötchen – in die Zelle. Ich beginne, diesen netten Kerl zu lieben. Michael erklärt in gebrochenem Englisch, dass der Wärter erst gegen 7:00 Uhr die Zellen öffnen werde und der Wachmann an der Schranke nun sein bester Freund sei. Nur drei Marlboro und Michael wurde vorgelassen. Absolute Ausnahme, da ich ja Ausländer sei!

Mir kommt die Folterszene in der Nacht in den Sinn und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob das die Realität oder doch nur ein Traum war? Mein Blutdruck und der Puls erhöhen sich, meine Stirn wird feucht. ‚Nein!‘, schaudert es mir bei den Gedanken und Erinnerungen. ‚Die Emotionen waren zu echt, das war kein Traum.‘ Später schaue ich, was aus dem Opfer geworden ist. Zu Michael sage ich dazu kein Sterbenswörtchen.

Stattdessen gehe ich zum Tagesgeschäft über und frage die Fragen, die mir auf der Seele brennen. Michael hat inzwischen zwei Stühle vor die Tür gestellt. Auf dem einen sitzt er, auf dem anderen liegen seine staubigen Füße. Ich ahne etwas, will das Thema aber erst später ansprechen. Meine erste Frage lautet: „Michael, hast Du Geld an Vicente gesendet?“

Michael erzählt begeistert: „Ja, Tommy, mit LBC-Moneytransfer und ich habe Vicente angerufen. Das Dorf ist in Sorge um Dich und alle beten, dass Du bald zurück zu Deiner Familie kannst. Vicente und ihre Mutter sind traurig, weil Du nicht Attorney Padernesto genommen hast. Aber Padernesto ist sehr teuer, wir wissen das. Kennst Du die Geschichte meiner Frau eigentlich, Tommy? Der Padernesto hat die Mutter von Vicente vertreten, als die Polizei Vicentes Vater erschossen hat. Man sagt, die Polizei habe geglaubt, Vicentes Vater sei ein Kommandant der kommunistischen Rebellen der ‚New Peoples Army, der NPA.‘ Die leben weit oben in den Bergen und kämpfen gegen die korrupte Regierung. Eine Salve aus dem Maschinengewehr, Tommy, und vier Männer waren sofort tot. Vicente ist damals erst fünf Jahre alt gewesen. Der Mayor der Polizei hat lebenslänglich bekommen. Attorney Padernesto sei damals wirklich sehr gut und engagiert gewesen, wird erzählt. Nach zwölf Jahren wurde der Mayor der Polizei aus der Haft entlassen, aber schon ein Jahr später auf offener Straße erschossen.“ Michael zieht kräftig an der Marlboro und ist nachdenklich: „Lege dich niemals mit der NPA an.“ Er lacht leise.

Nach dem Erlebnis in der Nacht und dieser Geschichte jetzt sehe ich die Polizei auf den Philippinen in einem ganz anderen Licht. Ich verschlucke mich am heißen Kaffee, huste und sinniere: ‚Verdammter Mist!‘ Das spreche ich, mit Rücksicht auf Michael, nicht aus. Auch stelle ich meine nächste Frage im neutralen Tonfall: „Warum erzählt Ihr mir das nicht früher, Michael? Wenn der Padernesto so gut und engagiert ist, dann hätte ich den doch nehmen können! Franco ist gestern total glücklich gewesen, als er mitbekommen hat, dass ich De Baron beauftrage. Shit, Franco ist doch sofort ins Law Office gerannt und hat De Baron meinen Entschluss mitgeteilt.“ Ich bin ich verunsichert, beiße mir auf die Unterlippe und wische den Schweiß aus dem Gesicht. Gedanken kreisen im Gehirn: ‚Alle Eltern und Freunde, wie der Kagawad Jacub Castro, hätten lieber Padernesto anstatt De Baron als meinen Attorney gesehen und ich Idiot nehme De Baron!‘ Der Kopf glüht und ich frage mich erschrocken: ‚Habe ich nun die Eltern und Freunde gegen mich aufgebracht? Ist das das Ende der Freundschaften?“

Michael scheint meine Gedanken lesen zu können: „Attorney De Baron ist okay, Tommy, denke ich. Nimm den De Baron, der hat doch auch sein Law Office hier in Tugalm City und kenne alle wichtigen Leute, wie Franco und sein Pastor sagen.“

Michaels Worte beruhigen mich. Ich denke an die Appearance Fees beider Attorneys und spreche die Gedanken aus: „Geld, Michael, ist auch ein Entscheidungskriterium, da ich nur ein kleiner Angestellter und kein Millionär bin. Okay, Michael, dann en­gagie­re ich De Baron.“ Ich bin das Thema Attorneys leid.

„Tommy, jeder ruft mich Mik-Mik und nicht Michael.“

Wegen Mik-Miks Themenwechsels klopfe ich ihm erleichtert auf die Schulter. Mik-Mik ist von meinen Emotionen überrascht, versteht aber die Zusammenhänge nicht und wiederholt verdutzt: „Tommy, De Baron ist okay.“

Ich bin emotional aufgewühlt und den Tränen nahe. Wie passend, dass gerade in diesem Moment der Wachmann mit dem großen Schlüsselbund aufkreuzt, das Schloss knacken und die Tür beim Öffnen quietschen lässt.

Der Erste, der ins Bad darf bin ich! Das ist auch inzwischen bitter nötig. Eine wohltuende Dusche folgt. Michael ist nicht zu sehen, als ich nach dem Bad eilig an meiner Zelle vorbeihusche. Ich brenne darauf zu erfahren, was aus dem Folteropfer geworden ist und spähe in die erste Zelle, aber es ist kein Mann mit Verletzungen auszumachen: „Alles okay hier?“, frage ich.

„Okay, Joe!, Give me one Job (Gib mir einen Job)“, ertönt es mehrstimmig.

Das gleiche Spiel in Zelle Nummer drei und vier, ein Opfer ist nicht auszumachen. Der Wachmann wundert sich über mein Verhalten. Ich spiele Desinteresse und schaue nach Mik-Mik. Der liegt auf dem Zellenbett und schläft den Schlaf der Gerechten.

‚Verdammt‘, denke ich, ‚ich habe das doch geahnt, schmutzige Füße, zerknitterte Wäsche! Der hat wieder irgendwo gepennt. Wahrscheinlich auf der Straße! Das muss später geklärt werden.‘

Ich lasse Mik-Mik schlafen und reihe mich in die schweigenden Zombies ein, die langsam im Kreis dahinschreiten. Niemand weist frische äußerliche Verletzungen auf. Seelisch haben wohl einige einen Knacks, da nehme ich mich mittlerweile nicht mehr aus.

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