6.00. Kein Sterbenswörtchen [OFFEN]

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Fast zwei Uhr und stockfinstere Nacht. Es ist offensichtlich bewölkt, da nicht einmal Mondlicht durch das Fenster scheint. Die Disco ist beendet und du bist beim Song „I Want to Know What Love Is“ von Foreigner eingeschlafen. Eine dieser Superschnulzen. Du fragst dich, wovon du wach geworden bist? Da sind Stimmen zu hören. Es scheint einen handfesten Streit zu geben, denn du hörst jetzt das Klatschen von Ohrfeigen und die dumpfen Geräusche von Faustschlägen, gefolgt von unterdrücktem Keuchen und Stöhnen. Es wird zischend geredet, doch verstehen tust du nur die flehenden Worte: „No, no, please, Sir!“ Die wütenden Antworten darauf sind gedämpft und in Visayan-Sprache. Dann hörst du, wie Wasser auf den Boden klatscht, etwa in der Art, als wenn ein großer Stein in eine Tonne geworfen wird. Dazu das Stöhnen, Keuchen und angestrengte Atmen von mindestens zwei Männern. Wasser klatscht erneut auf den Boden und der dritte Mann hustet und japst panisch nach Luft. Er muss in eine Tonne oder Wanne getaucht worden sein.
Einer der Männer flüstert mit unterdrückter Stimme: „Historia, historia!“ Du kennst das Wort und übersetzt es mit: „Rede, rede!“
Schlagartig wird dir klar, dass dort jemand zum Reden gebracht werden soll und zwar mit Waterboarding. Der Gefolterte hustet und japst weiter nach Luft. Das erneute Geräusch eines dumpfen Schlages (vielleicht in die Magengegend), gefolgt von einem Aufschrei und Stöhnen.
„Historia!“, zischt erneut einer der Folterer. Gedämpft tut er das, sicherlich aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen und entdeckt zu werden. Du bist zur Salzsäule erstarrt, traust dich kaum zu atmen.
„Genug!“, sagt die zweite Stimme. Der Gefolterte stöhnt, fleht etwas Unverständliches und japst weiter nach Luft.
„Fuck!“, ruft wütend die erste Stimme. Schritte und Schleifgeräusche, dann wird laut und ungestüm das Tor des Maschendrahtzauns aufgeschlossen und aufgestoßen. Im Schatten der matten Strahler von der Hauswand gegenüber erkennst du drei Gestalten. Eine der Zellen wird geöffnet und der Mann hineingeworfen. Fieses Gelächter vor den Zellen, jetzt die Geräusche von Feuerzeugen und der Geruch von Zigaretten, dann das Klappern und Scharren des Tores und schließlich wieder der laut klimpernde Schlüsselbund. Du springst auf und spähst vorsichtig durch die Zellentür. An der Gebäudeecke verschwinden die rot glühenden Lichtpunkte der Zigaretten.
‚Scheiße, was war das denn gerade?‘, denkst du panisch und drehst, zitternd vor Aufregung, ein paar Runden auf etwa drei Quadratmetern. Dein Puls verlangsamt sich schnell und dir bleibt nichts weiter übrig, als dich verstört zurück auf das viel zu laut ächzende Bett zu legen. Du lauschst der gedämpften, ängstlichen Unterhaltung aus einer der Zellen. Der Gefolterte scheint sich beruhigt zu haben, ab und an hustet er noch. Nun weint und schluchzt er nur noch leise.

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Bis vier Uhr in der Früh tust du kein Auge mehr zu. Im Gegensatz zu gestern krähen die Hähne heute wieder. Das wirkt tatsächlich, als gehe das nervige Krähen ständig reihum und du sitzt im Zentrum. Die bereits halbvolle Kunststoffflasche wird nun mit Urin gefüllt, bis kein Tropfen mehr hineinpasst. Nicht auszudenken was wäre, wenn du richtig aufs Klo musst oder Durchfall bekommst. Hier gibt es nichts, wirklich absolut nichts, weder ein Loch im Boden noch Wasser aus der Wand. Kondens- und Tropfwasser, das hat es hier in dieser Gruft wahrlich zu Genüge.

Dein Körper nimmt sich dann doch, was er braucht und du nickst weg. Die Geräusche an der Zellentür lassen dich wenig später hochschrecken. Automatisch checkst du die Zeit: 6:05 Uhr. Es duftet nach Kaffee und Pandesal.
„Michael!“, schreist du vor Freude und verfehlst beim Aufspringen wieder nur um Haaresbreite den Balken des Bettes über dir.

„Maayong buntag“, sagst du in Visayan.
„Good morning“, antwortet Michael in Englisch.

Er hält schon die ganze Zeit einen großen Becher mit der Aufschrift „Bo’s Cofeshop“ und eine Papiertüte mit herrlich duftenden Pandesal – diese weichen Hefebrötchen – in die Zelle. Du beginnst, diesen netten Kerl zu lieben. Michael erklärt in gebrochenem Englisch, dass der Wärter erst gegen 7:00 Uhr die Zellen öffnen wird und der Wachmann an der Schranke nun sein bester Freund wäre. Nur drei Marlboro und Michael wurde vorgelassen. Absolute Ausnahme, da du ja Ausländer bist!

Dir kommt die Folterszene in der Nacht in den Sinn und plötzlich bist du dir nicht mehr sicher, war das ein Traum oder Realität? Dein Blutdruck und dein Puls erhöhen sich, deine Stirn wird feucht. ‚Nein!‘, schaudert es dir bei den Gedanken und Erinnerungen. ‚Die Emotionen waren zu echt, das war kein Traum.‘ Später willst du schauen, was aus dem Opfer geworden ist. Zu Michael sagst du kein Sterbenswörtchen.

Stattdessen gehst du zum Tagesgeschäft über und fragst die Fragen, die dir auf der Seele brennen. Michael hat inzwischen zwei Stühle vor die Tür gestellt. Auf dem einen sitzt er, auf dem anderen liegen seine staubigen Füße. Du ahnst etwas, willst das Thema aber erst später erfragen. Deine erste Frage lautet: „Michael, hast Du Geld an Vicente gesendet?“

Michael erzählt begeistert: „Ja, Tommy, mit LBC-Moneytransfer und ich habe Vicente angerufen. Das Dorf ist in Sorge um dich und alle beten, dass Du bald zurück zu Deiner Familie kannst. Vicente und ihre Mutter sind traurig, weil Du nicht Attorney Padernesto genommen hast. Aber Padernesto ist sehr teuer, wir wissen das. Kennst Du die Geschichte meiner Frau eigentlich, Tommy? Der Padernesto hat die Mutter von Vicente vertreten, als die Polizei Vicentes Vater erschossen hat. Die Polizei hat geglaubt, Vicentes Vater sei ein Kommandant der kommunistischen Rebellen der New Peoples Army, der NPA. Die leben weit oben in den Bergen und kämpfen gegen die korrupte Regierung. Eine Salve aus dem Maschinengewehr und vier Männer waren sofort tot, Tommy. Vicente ist damals erst fünf Jahre alt gewesen. Der Major der Polizei hat lebenslänglich bekommen. Attorney Padernesto war damals wirklich sehr gut und engagiert, wird erzählt. Nach zwölf Jahren wurde der Major der Polizei aus der Haft entlassen, aber schon ein Jahr später auf offener Straße erschossen.“ Michael zieht kräftig an der Marlboro und ist nachdenklich: „Lege dich niemals mit der NPA an.“ Er lacht leise.

Nach dem Erlebnis in der Nacht und dieser Geschichte jetzt siehst du die Polizei auf den Philippinen in einem ganz anderen Licht.
Du verschluckst dich am Kaffee, hustest und denkst: ‚Verdammter Mist!‘ Aussprechen tust du das nicht, weil du vorsichtig mit Michael bist. Deshalb stellst du deine Frage im neutralen Tonfall: „Warum erzählt Ihr das nicht früher, Michael? Wenn der Padernesto so gut und engagiert ist, dann hätte ich den doch nehmen können! Franco ist gestern total glücklich gewesen, als er mitbekommen hat, dass ich De Baron nehme. Shit, Franco ist doch sofort ins Law Office gerannt und hat De Baron meinen Entschluss mitgeteilt.“ Nun bist du zutiefst verunsichert, beißt dir auf die Unterlippe und wischst den Schweiß aus dem Gesicht. Alle Eltern und Freunde, wie der Kagawad Jacub Castro, hätten gerne Attorney Padernesto als deinen Attorney gesehen und du Idiot nimmst De Baron! Mit erhitztem Kopf grübelst du: ‚Hast du nun die Eltern und Freunde gegen dich aufgebracht? Ist das das Ende der Freundschaften?“

Michael scheint deine Gedanken lesen zu können: „Attorney De Baron ist okay, Tommy, denke ich. Nimm den De Baron, der ist ja auch hier in Tugalm City und kennt alle wichtigen Leute, wie Franco und sein Pastor sagen.“

Michaels Worte beruhigen dich. Du denkst an die Appearance Fees beider Attorneys. Geld ist auch ein Entscheidungskriterium, da du nur ein kleiner Angestellter und kein Millionär bist.

„Okay, Michael, dann en­ga­gie­re ich De Baron.“

„Tommy, jeder ruft mich Mik-Mik und nicht Michael.“

Wegen Mik-Miks Themenwechsels klopfst du ihm erleichtert auf die Schulter. Mik-Mik ist von deinen Emotionen überrascht, versteht aber die Gründe nicht und wiederholt verdutzt: „Tommy, De Baron ist okay.“

Du bist den Tränen nahe. Wie passend, dass gerade in diesem Moment der Wachmann mit dem großen Schlüsselbund aufkreuzt, das Schloss knacken und die Tür beim Öffnen quietschen lässt. Du bist der Erste, der ins Bad darf, das ist auch inzwischen bitter nötig. Eine wohltuende Dusche folgt. Michael ist nicht zu sehen, als du nach dem Bad eilig deine Zelle passierst. Du musst wissen, was aus dem Folteropfer geworden ist. Du spähst in die erste Zelle, aber es ist kein Mann mit Verletzungen zu sehen: „Alles okay hier?“, fragst du.
„Okay, Joe.“
Das gleiche Spiel an Zelle Nummer drei und vier, ein Opfer ist nicht auszumachen. Der Wachmann wundert sich über dein Verhalten. Du tust desinteressiert, unschuldig und schaust nach Mik-Mik. Der liegt auf deinem Bett und schläft den Schlaf der Gerechten.
‚Verdammt‘, denkst du, ‚du hast das doch geahnt, schmutzige Füße, zerknitterte Wäsche! Der hat wieder irgendwo gepennt. Das muss später geklärt werden.‘

Du lässt Mik-Mik schlafen und reihst dich in die schweigenden Zombies ein, die langsam im Kreis dahinschreiten. Niemand weist frische äußerliche Verletzungen auf. Seelisch haben wohl einige einen Knacks, da nimmst du dich nicht aus.

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