4.04. Das unmoralische Angebot

Michael Kabaltos, der Vater von Phil und gleichzeitig der Ehegatte von Aboys (Romolo Taslig Junior) Cousine Vicente, Rica Restito (die Mutter von Sam) und Lang (Lydia Barcella, die Mutter von Jan und Dan) sollen sich um 12 Uhr im BSWD einfinden. Rica hat ihre älteste Tochter Silvia mitgebracht. Silvia ist hier in Tugalm City verheiratet.

Pünklich um 12 Uhr erreicht Michael das BSWD-Gelände. Rica, Silvia und Lang warten schon. Die drei Frauen haben für die Kinder gekocht. Heute mit Schwerpunkt auf Fisch. Aber auch Reis, Früchte, Süßigkeiten und Softtrinks bringen die Frauen den Kindern Phil, Aboy, Sam, Jan und Dan ins BSWD. Sogar eine Tupperdose mit knusprig frittiertem Fisch, eine Dose mit Reis und eine kleine Dose mit verfeinerter Sojasosse haben sie für Tommy dabei.

Michael springt aus der Motorela und schnippt die Zigarettenkippe weg. Die Begrüßung ist kurz und oberflächlich.

„Na, dann wollen wir mal sehen, was das BSWD von uns will.“, sagt Michael spöttisch.

Die Frauen reagieren sichtlich nervös, sehen aber ausgeruht und erholt aus. Silvia und Lang sind sogar leicht geschminkt. Silvia hat ihre Augenbrauen nachgemalt und korrigiert.

Er zeigt auf die Tüten: „Sehr gut, Ihr habt das Essen für die Kinder dabei.“
Silvia antwortet schnell: „Wir haben auch etwas für Tommy gekocht.“

Rica und Lang nicken zufrieden.

„Du hast Tommy heute früh besucht? Wie geht es ihm?“, fragt Lang besorgt.

„Ganz gut, ich habe die Zelle entmüllt und gereinigt“, antwortet Michael nicht ohne Stolz und fährt fort: „Tommy hat einen Attorney zu Besuch gehabt. Den Namen habe ich schon vergessen. Die Polizistinnen haben den wohl geschickt. Tommy ist nicht begeistert und er wird den sicher nicht nehmen. Franco und Attorney De Baron sind jetzt bei Tommy.“

Die Gruppe begibt sich auf den Weg zum Maschendrahtzauntor. Die Frauen diskutieren über die Attorneys.

„Gut, dass Tommy den Attorney der Polizei nicht genommen hat. Der kommt von der Polizei, was soll das schon sein?“, empört sich Lang.

Silvia nickt und entgegnet: „Traue niemals der Polizei. Michael, wir haben mit meinem Mann und Freunden über Attorney De Baron gesprochen. Mein Mann und ich, wir kennen uns nur sehr wenig mit Attorneys aus, aber was wir über De Baron gehört haben, war nicht besonders gut. Er soll schlampig und sehr langsam arbeiten. Der fordert ständig Geld von seinen Klienten und hat immer neue Frauen. Und im Court (Gericht) soll der nicht gerade sehr erfolgreich sein.“

Lang und Rica nicken und ziehen mehrmals schnell die Augenbrauen nach oben.

Michael zündet sich eine Marlboro an: „Kagawad hat sich auch in die Richtung über De Baron geäußert. Dessen Ruf ist nicht gut. Franco dagegen ist ganz begeistert von De Baron.“

„Was weiß ein junger Kerl wie Franco schon über Attorneys?“, kommentiert Lang im herablassenden Ton.

„Tommy muss entscheiden“, erwidert Michael schnell.

Rica berichtet: „Wir haben mit Ernesto telefoniert. Er sagt, Tommy soll auf Attorney Padernesto warten. Der will Tommy seine Acceptance zukommen lassen.“

„Wir können doch später Tommy besuchen und mit ihm darüber reden und ihm das Essen bringen“, beendet Michael das Gespräch.

Sie haben das große Tor des Youth Home-Geländes erreicht. Michael drückt die Klingel, die sich zum Schutz vor Regen in einem Kasten befindet.

Rica beschleicht ein mulmiges Gefühl. Es sind die unguten Erinnerungen daran, wie der Wachmann sie nicht zu den Kindern gelassen hat. Sie betet in sich hinein, dieser unfreundliche Kerl möge keinen Dienst haben. Und tatsächlich erscheint das Gegenteil von Ricas bösen Erinnerungen. Ein junger, gepflegter und vor allem freundlicher Wachmann in einer gut sitzenden Uniform.

„Aha, Sie sind also die Eltern der Fünf aus Sendong City?“, fragt er, während er die Schlösser aufschließt und die schweren Gliederketten abwickelt. „Ma’am Solano erwartet Sie schon. Schön, dass Sie so schnell kommen konnten.“

Michael und die Frauen sind über die unerwartete Freundlichkeit überrascht.

Vorsichtig fragt Rica: „Dürfen wir unsere Kinder sehen? Wir haben für sie gekocht.“

Endlich öffnet sich quietschend das Tor. Der junge Mann schreitet voran zum Gebäude: „Das, Ma’am, kann nur Ma’am Solano oder Sir Sala entscheiden. Aber warum nicht?“

Auch Silvia hat unangenehme Erinnerungen an Ma’am Solano und die Kinder im BSWD-Büro. Sie ist froh, nicht wieder allein in die Höhle des Löwen zu müssen. Sie hofft, die Kinder sind gefasster und weinen nicht wieder. Auch möchte Silvia nie wieder alleine auf diese Ma’am Solano treffen.
‚Eine merkwürdige, suspekte Frau. Und dann hat Ma’am Solano diese zweideutigen Bemerkungen während ihres Besuches gemacht. So, als seien die Eltern schuld, dass ihre Kinder nun unter Obhut des BSWD stehen‘, erinnert sie mit einem flauen Gefühl in der Magengegend. Sie hat natürlich mit ihren Eltern und Lang und Matthew über die Bemerkungen und Anspielungen Solanos geredet. Silvia will heute sehr vorsichtig sein.

Auch Michael erinnert Sir Salas zweideutige Aussagen in der BSWD-Kantine. Am liebsten würde er sich eine anzünden. Aber im Flur des Youth Home ist das sicherlich nicht gestattet. Seit fünf Minuten sitzen sie nun schon vor der verschlossenen Bürotür. Entfernt sind von irgendwo Kinderstimmen zu hören. Ob es die Stimmen ihrer Söhne sind, kann Michael nicht ausmachen.

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Endlich öffnet sich die Bürotür und die kleine, übergewichtige, aber freundlich lächelnde Ma’am Solano steht im Türrahmen. Anstatt einer Bluse mit Knöpfen trägt sie heute ein graues T-Shirt. Über ihrer linken Brust prangt das BSWD-Emblem. Michael erinnert sich an den schiefstehenden Betonklotz vor dem BSWD-Gelände. Den Klotz ziert das gleiche Emblem.
Ma’am Solano ist überfreundlich, ja fast schon überschwänglich: „Herzlich Willkommen im BSWD und im Youth Home.“

Nun sitzen die Gruppe und Ma’am auf Stühlen in einer Ecke des Büros. Das Büro ist ausgestattet wie hunderte Büros von staatlichen Organisationen auf den Philippinen. Hellgelbe Ölwandfarbe, polierter Betonfußboden, weiß lackierte Deckenplatten aus Sperrholz, schäbige, übervolle Aktenschränke, billige, aus Holz gezimmerte Schreibtische. An die Schreibtische sind die handgeschnitzten und mit Ornamenten verzierten Namensschilder von Sir Sala und Ma’am Solano angeschraubt. Es gibt einfache Desktop-Computer und einen billigen Nadeldrucker mit Endlospapier dazu. Auch der obligatorische Wasserspender mit Hähnen für heißes und kaltes Wasser und die umgedrehte Gallon-Wasserflasche darauf fehlen nicht. Es sind kaum persönliche Gegenstände vorhanden. Die Wände zieren die gleichen Poster wie im Polizeigebäude und den Polizeibüros. Ein übergroßes Organigramm hängt hinter den Schreibtischen. Sir Salas Zweig befindet sich ganz links. Er als oberstes Glied der Youth-Division, darunter gleich Ma’am Solano. Waagerecht daneben zahlreiche weitere Divisions des BSWD.

„Sir Sala, der Head-Off vom Youth Home, lässt sich entschuldigen. Er hat andere wichtige Aufgaben“, flötet Ma’am Solano überfreundlich und fährt fort: „Sehr schön, dass Sie sofort kommen konnten. Das erleichtert die Sache ungemein.“

Ihr letzter Satz erzeugt Unbehagen bei den Eltern und Silvia.

Ma’am Solano hebt einen flachen Stapel Zettel vom Tisch auf und fragt: „Ich möchte kurz wissen, wer zu welchem Kind gehört.“ Mit Blick auf Silvia redet sie weiter: „Die junge Dame kenne ich ja bereits, die Schwester vom Sam.“

Rica antwortet für die angesprochene Silvia: „Ja, und ich bin die Mutter, Rica Restito, von Silvia und Samuel und ich möchte meinen Sohn Sam heute gerne sehen.“ Rica empört sich: „Gestern bin ich fortgeschickt worden. Ihr Wachmann war sehr unfreundlich zu mir. Das gehört sich nicht!“

„Entschuldigen Sie Ma’am, aber wir haben Anweisung. Die Kinder dürfen keinen Besuch haben“, entgegnet freundlich Ma’am Solano.

Lang ist aufgeregt und keucht: „Ich bin die Mutter von Jan und Dan, mein richtiger Name ist Lydia Barcella, aber alle rufen mich einfach nur Lang.

Bitte, Ma’am, lassen Sie uns zu unseren Söhnen!“

„Das wird sich schon machen lassen, nach unserem Gespräch heute. Aber lassen Sie uns erst reden.“ An Michael gerichtet fragt Ma’am Solano: „Sie sind Philipps Vater, also von Phil? Ist hier kein Elternteil von Aboy, also von Romolo Junior?“

Michael antwortet nervös: „Ja, Ma’am, ich bin Phils Vater, Michael Kabaltos und eng mit Aboy verwandt. Meine Frau und Romolo Taslig Junior, also Aboy, sind Cousins. Ich kann für Aboy sprechen.“

Ma’am Solano räuspert sich, trocknet Schweiß von Stirn und Nase und rückt die goldene, barocke Lesebrille auf ihrer Nasenspitze zurecht. Sie sucht sichtlich nach Worten: „Gut, ich will nicht lange um den heißen Brei reden. Die Kinder haben im Hotel teilweise nackt geduscht, waren anschließend nackt auf den Betten, haben Dinge mit ihren privaten Organen getan und dieser Heger hat zugeschaut. Wahrscheinlich hat er die Kinder dazu auch aufgefordert!“

Michael protestiert sofort und wird ärgerlich: „Nein, Ma’am, Tommy hat uns erzählt, er habe „Schluss jetzt“ zu den Kindern gesagt. Dann haben wir die Kinder gefragt, was im Hotel gewesen ist und die Kinder haben uns davon, was Sie hier gerade erzählen, nichts berichtet und, soweit wir das wissen, auch nicht den Polizistinnen.“

Ma’am Solano ist aufgeregt und atmet kurz. Ihre Augen treten aus den Augenhöhlen und ihr Gesicht rötet sich: „Aber uns haben die Kinder das erzählt und die Polizei wird sich Ihre Kinder noch einmal vorknöpfen. Da können Sie ganz sicher sein!“

Auch Michael hat ein erhitztes Gemüt: „Das hat die Polizistin uns erzählt, dass die Kinder, BSWD-Mitarbeitern so etwas erzählt hätten. Also haben die Kinder das zu Ihnen gesagt, Ma’am?“

„Ja, sage ich doch, Mr. Kabaltos. Mir haben die Kinder das erzählt und ich habe das der Polizistin Ma’am Papillio berichtet.“

„Aber warum reden Sie mit den Kindern über diese Dinge? Das ist die Aufgabe der Polizei!“, entrüstet sich Lang.

Rica und Silvia nicken heftig und zucken mit den Augenbrauen.

Ma’am Solano beachtet Lang nicht, sondern macht den Eltern Vorwürfe: „Wissen Sie, alle fragen sich hier in Tugalm City, warum Sie Ihren Kindern erlauben, mit einem Ausländer zu reisen und auch noch im Hotel zu übernachten.“

Die Eltern und Silvia haben den Eindruck, Ma’am Solano erstickt gleich. Ihre Atmung ist äußerst hektisch und es rasselt beim Ausatmen. Trotzdem legt Ma’am nach: „Was sind das nur für Eltern? Das fragen sich hier alle!“

Die Frauen und Michael sind heute auf diese Vorwürfe vorbereitet. Sie hören das nun zum wiederholten Mal und haben darüber geredet.

Michael ist kämpferisch. Etwas zu laut entgegnet er: „Ma’am, wir und die Kinder kennen Tommy Heger schon sehr lange und da waren niemals irgendwelche komischen Geschichten und dann wollten die doch auch nur eine Nacht bleiben, wegen der schlechten Straßen und längeren Reisezeit.“

Die Frauen nicken und schluchzen ein wenig, behalten aber die Contenance.

Ma’am Solano unterbricht Michael: „Bitte beruhigen Sie sich, Mr. Kabaltos. Trotzdem sage ich Ihnen, ist da auch nur ein Fünkchen Wahrheit an dem, was die Kinder erzählt haben, dann gnade Ihrem Heger Gott.“

„Tommy hat unseren Kindern nichts angetan, Ma’am. Da sind wir uns ganz sicher“, flüstert Lang heiser. Sie schwitzt, ihr Kopf ist gerötet.

Silvia reicht es, die Situation wird für sie unerträglich. Sie will nur noch weg: „Ma’am, darf ich jetzt meinen Bruder sehen und die anderen Kinder?“

Rica ergänzt schnell: „Wir bringen den Jungen das Mittagessen, es wird sonst kalt.“ Sie zeigt zu den Tüten, die neben der Bürotür warten.

„Also gut“, lässt sich Ma’am Solano erweichen, „ich gebe Ihnen 10 Minuten. In der Kantine. Aber vorher hören Sie sich mein Angebot an. Sie möchten doch so schnell wie möglich Ihre Kinder zurück?“
Die Frauen nicken, Hoffnung keimt.

Michael entgegnet misstrauisch und trotzig: „Natürlich!“

„Dann zeigen Sie diesen Heger an! Aber ich denke, das werden Sie nicht tun! Aber wenn sie das tun, kommen Ihre Söhne sehr schnell zu Ihnen zurück. Dafür sorge ich und verbürge mich.“

Die Frauen und Michael glauben sich verhört zu haben.

Michael denkt und fragt sich sofort: ‚Welches Ziel verfolgt diese Frau?‘

Auf den Schock folgt die Empörung:
Ein entschiedenes: „Nein!“ von Rica.
Ein spitzer Schrei: „Niemals!“ von Lang.

„Wir wollen nun die Kinder sehen.“, versucht Michael das Gespräch lautstark zu beenden. Er steht kurz auf und setzt sich dann wieder.

Silvia bedeckt ihr Gesicht mit beiden Händen und schweigt. Wahrscheinlich weint sie leise.

„Das Essen wird kalt, ich weiß“, versucht Ma’am Solano zu beschwichtigen. „Sie sollen sich mein Angebot einfach nur durch den Kopf gehen lassen, sonst nichts!“

Michael steht wieder: „Gut, Ma’am, dann ist doch alles gesagt.“

Auch Silvia springt auf und trocknet die Tränen in den Augenwinkeln.

Ma’am Solano ist plötzlich wie ausgewechselt. Im scharfen Befehlston spricht sie: „10 Minuten und Sie reden mit den Kindern nicht über das Thema. Ist das klar?“

Die Eltern sind überrascht und erschrocken über Ma’am Solanos plötzlichen Stimmungswandel und nicken.

„Die Kantine ist den Flur entlang und dann links. Und vergessen Sie nicht, es ist besser, wenn wir zusammenarbeiten. Besser für alle!“

Michael wagt nicht, seine Gedanken auszusprechen. Er fragt sich: ‚Besser für wen? Für den BSWD? Für uns, für alle?‘ und kommt zum Schluss: ‚Nur nicht für Tommy!‘

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