4.01. Was war das denn? [OFFEN]

Der Officer und ich passieren soeben die Schranke, da hält mich der Schrankenwärter an: „Ihr Besucher ist Mr. Kabaltos?“

Ich unterbreche den Wärter: „Das ist schon okay, Sir, der Officer hat es erlaubt. Mr. Kabaltos darf noch am Zellenvorplatz bleiben. Ich bin sicherlich auch schnell zurück.“

„Nein, nein“, wehrt der Wärter ab, „es ist sein Cellphone, das er hier deponiert hat, das summt ständig.“

Der Wärter und der Officer wechseln rasch einige Worte. Sie bitte mich zu warten, denn schon begibt sich der Officer zu Michael, um den zur Schranke zu holen.

Michael checkt sein Cellphone und wir begeben uns in Officer Sarangs Büro. Meine Begleiter setzt sich an Sarangs Schreibtisch. Hinter Officer Pangutanas Monitor sitzt ein gutaussehender, sportlich-elegant gekleideter Herr. Er wird um die 40 Jahre alt sein. Der Herr, er trägt am Handgelenk eine sicherlich unechte Breitling, springt auf und reicht mir freundlich die Hand: „Mr. Heger, schön Sie kennenzulernen. Ich habe von Ihrer dummen Geschichte gehört. Darf ich mich vorstellen, Pizzaro, Attorney Pizzaro.“

Wir schütteln uns kräftig die Hände, obwohl das auf den Philippinen nicht Tradition ist. Das Englisch des Anwaltes scheint recht gut zu sein. ‚Wahrscheinlich war der Anwalt ein paar Jahre im Ausland.‘, sinniere ich

Attorney Pizzaro setzt sich wieder hinter den Monitor und bedient die Tastatur des Computers. An der Schreibtischecke ihm gegenüber nehme ich Platz, kann aber den Screen des Monitors nicht sehen. Ich entgegne: „Ja, eine dumme Geschichte, so könnte man es nennen. Ich denke, das ist mehr eine dumme Geschichte.“

„Sie kennen die Kinder und deren Eltern näher, Mr. Heger?“

„Ja, natürlich, Sir. Ich kenne die Jungen seit deren Geburt und die Eltern schon länger.“

„Gut, das ist ein Pluspunkt. Einen Attorney haben Sie noch nicht?“

„Nein, Sir, Sie sind der erste Attorney, mit dem ich spreche.“

Attorney Pizzaro liest in einer dünnen Polizeiakte.

„Ist das meine Akte?“, frage ich neugierig.

Attorney Pizzaro ist verwundert über meine Frage: „Ja, eine Kopie davon, Ma’am Tolisan war so freundlich.“

In meinem Gehirn beginnt es zu arbeiten. Mir wird klar, das ist der Anwalt, den die Polizistinnen empfehlen. Dagegen frage ich mich sofort, ob ein Anwalt der von der Polizei unter vorgehaltener Hand empfohlen wird, da die Polizei keine Anwälte empfehlen darf, wirklich der Richtige sei? Ich werde vorsichtig.

Der Attorney fährt fort, während er die Akte studiert: „Nun gut, die Kinder sagen nichts über Missbrauch aus. Es gibt auch keine anstößigen Fotos. Sie haben die Cottagetür freiwillig geöffnet, Mr. Heger. Die Kinder haben geschlafen und niemand ist nackt gewesen, als die Rettungsaktion stattgefunden hat. Aber die Jungen haben zuvor nackt im Hotel auf den Betten getobt. Ups, merkwürdig“, sagt er beim Umblättern, „da fehlt eine Seite. Die ist wohl nicht für mich bestimmt.“

Der Attorney grinst ölig und wendet sich dem Computer zu. Er tippt kurz und haut laut auf die Entertaste: „Republic Act 9208, Human Trafficking, lebenslange Haft!“

Ich glaube zuerst mich verhört zu haben. Im Kopf hallt es nach: ‚Lebenslange Haft!‘ Dann denke ich, der macht Witze. Das Gesagte prallt an mir ab, denn das will ich nicht hören.

Der Attorney aber legt nach. Er tippt hektisch auf die Tastatur ein und lässt wieder die Entertaste laut knallen: „Republic Act 7610, Child Abuse, 12 bis 15 Jahre Haft.“

Mir wird heiß, der Puls erhöht sich und der Blutdruck steigt. Mein Blutzucker dagegen fällt augenscheinlich, denn ich beginne zu zittern. Augenblicklich fühle ich mich hundeelend. Verwirrt schüttel ich den Kopf, wische mit meinem kleinen Tuch den Schweiß von der Stirn und krächze mit trockener Kehle: „Aber, aber, die Kinder, die, die, sagen doch nicht gegen mich aus und die Eltern sind für mich und meine Freunde auch!“

Die Gedanken drehen sich in meinem Kopf wie ein Karussell und ich deklariere Attorney Pizzaro als verrückt. ‚Das Geschäft mit der Angst!‘, durchzuckt es mich wie ein Blitz. ‚Jawohl!‘, schreit es in mir, ‚Der will mir Angst einjagen, um mich als seinen Klienten zu gewinnen!‘ Sofort fälle ich mein Urteil über Attorney Pizzaro: ‚Nein, so nicht, mit dem nicht! So nicht!‘

Attorney Pizzaro ist aber noch nicht fertig mit seinen unglaublichen Aussagen: „Die Eltern sind Ihre Freunde? In der Situation wäre es besser, die Eltern zeigen Sie an!“

Ich glaube erneut, mich verhört zu haben. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Nun bin ich total verwirrt und rede heiser: „Niemals!“ Mein trockener Rachen kratzt, ich huste, räuspere mich mehrmals und bringe die Worte kaum über die Lippen: „Warum sollten die Eltern das tun?“

Attorney Pizzaro bearbeitet die Tastatur und antwortet beiläufig, er wirkt dabei arrogant: „Weil es besser ist.“

Für mich ist das Gespräch gelaufen. Ich verschränke demonstrativ die Arme auf der Brust und rücke mit dem Stuhl ein wenig nach hinten. Der Kunststoffstuhl knarzt erbärmlich auf dem Betonfußboden. Gleich einem Trompeter mache ich dicke Backen und stoße die Luft laut aus.

Attorney Pizzaro versteht meine Körpersprache wohl nicht. Wie und was er fragt, wirkt wie Sarkasmus: „Geht es Ihnen gut, Mr. Heger?“

Es tritt mir erneut der Schweiß auf die Stirn und ins Gesicht. Den wische ich mit hektischen Bewegungen fort und schweige, weil ich sprachlos bin.

Der Attorney hat plötzlich eine Visitenkarte in der Hand. Die hat die Größe und Dicke einer Scheckkarte, ist aus Plastik und hat eine hochglänzende Oberfläche. Wenn ich die Karte drehe, wirken die Schrift und das Logo dreidimensional.
Gedankenverloren lasse die Hightech-Visitenkarte in den Fingern kreisen und betrachte sie traurig von allen Seiten. Am liebsten würde ich sofort aufspringen, aus dem Raum rennen und beim netten Michael sein. Obwohl ich nie im Leben geraucht habe, schreit mein Körper, während ich an Michael denke, nach Nikotin. Oder schreit mein Körper nach Zucker? Nach Schokolade? Es ist mir gerade unklar, was mit dem blöden Körper los ist. Aber mir ist immer noch elend zumute und das leichte Zittern lässt nicht nach.

Wieder scheint Attorney Pizzaro in meinen Kopf schauen zu können: „Sie brauchen Rechtsbeistand, Sir Heger.“

‚Ach, plötzlich redet er mich mit „Sir“ an‘, denke ich verärgert.

Attorney Pizzaro steht nun hinter dem Schreibtisch. Entgegen seiner eleganten Erscheinung hängt und klimpert an seinem Gürtel ein Schlüsselbund am Karabiner. Markant sind die voluminösen Toyota-Autoschlüssel. Die gehören sicherlich zu einem fetten SUV.

„Rufen Sie mich an oder geben Sie den Polizistinnen Bescheid und warten Sie nicht so lange. Meine Telefonnummer ist auf der Karte.“

Wir schütteln uns erneut die Hände. Diesmal ist seine Hand dominant und kraftvoll. Sie wedelt meine Hand wie ein Taschentuch in der Luft herum. Mit großen Schritten verlässt der Attorney den Raum. Ich sinke erschöpft in den blöden, laut knarzenden Kunststoffstuhl, bin verwirrt und verärgert und habe nur einen Gedanken: ‚Was war das denn?‘

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