2.14. Mein Verhör [OFFEN]

(Fortsetzung Kapitel 2.09.)

„Gut, Ihre persönlichen Daten hätten wir, Mr. Thomas Heger“, sagt Police Officer Ma’am Papillio und klopft mit dem Kugelschreiber zweimal auf den Schreibtisch. Sie gibt mir den Personalausweis zurück: „Wir benötigen Ihren Reisepass. Diese ID-Karte (damit meint sie den Personalausweis) reicht nicht aus.“

„Ja, natürlich, der Reisepass liegt im Apartment. Den kann ich bringen lassen, wenn ich telefonieren darf“, antworte ich schnell, blicke auf die Armbanduhr und denkr laut: „8:30 Uhr durch. In Sendong City sind sie bestimmt schon wach. Ich meine im Dorf in der Nähe von Sendong City.“

„Über das Telefonieren reden wir später, wenn wir hier fertig sind“, entgegnet Ma’am Papillio freundlich. „Sie führt weiter aus, „Mister Heger, wir müssen sicherstellen, dass Sie ein gültiges Visum besitzen.“

Ma’am Tolisan erweitert Ma’am Papillios Satz: „Also, dass Sie kein Alien, wir meinen, dass Sie nicht illegal im Land sind!“ Sie ergänzt streng: „Sonst hätten Sie automatisch ein Verfahren am Hals.“

„Ja, gut, Ma’am, ich habe ein Visum im Reisepass. Das zeige ich Ihnen, das ist kein Problem.“

Ma’am Papillio liest meine Gedanken: „Mister Heger, wir wollen Ihren Reisepass nicht einziehen.“

Es entsteht eine kurze Gedankenpause.
Ma’am Papillio leitet das Verhör. Ma’am Tolisan macht Notizen auf gelbem Papier. Ma’am Papillio reibt sich die Augen. Ein wenig Wimperntusche verschmiert und zieht einen feinen Strich zur Schläfe.

Ich studiere sie heimlich: ‚Etwas zu stark gepudert! Vielleicht überdeckt sie Aknenarben? Aber auch der dunkelroter Lippenstift erscheint etwas zu gewagt für eine Polizistin. Sie hat etwas Japanisches. Das fein gezeichnete Gesicht mit den hübschen kleinen asiatischen Augen, den hohen Wangenknochen und der schmalen kessen Nase. Die schulterlangen Haare trägt sie heute als Pferdeschwanz und nicht als Dutt wie gestern Nacht. Sie wirkt schneidig in der Polizeiuniform. Eine wirklich attraktive Polizistin!‘ Damit schließe ich die Gedanken ab und schätzt Ma’am Papillio auf etwa 30 bis 35 Jahre. Ich würde es nicht wagen, diese Frage zu stellen. Sie erinnert sehr an die Japanerin in Quentin Tarantinos Film „Kill Bill.“

Ma’am Tolisan dagegen ist das genaue Gegenteil. Die Ärmste wirkt, als sei sie gerade aus ihrer Uniform herausgewachsen. Von kleiner Statur hat sie unglücklicherweise einen viel zu dicken Hintern und sehr stämmige Beine. Ihre Uniformhose spannt gefährlich im Schritt, während sie Mineralwasser holt. Das runde Gesicht befindet sich ohne Hals direkt auf den Schultern.

Die beiden Polizistinnen agieren wie eine Person. Oft beendet die eine den Satz der anderen oder ergänzt das Gesagte um Informationen. Das lässt auf ein eingespieltes Team – auf ein professionelles Verhörteam – schließen.

Bei Beiden fehlen heute die Waffen in den Halftern. Die schwarzen Koppel, die die Polizistinnen tragen, haben auf dem Rücken Taschen mit Handschellen. Links und rechts an der Koppel gibt es weitere kleine Taschen mit Druckknöpfen. Die Verschlüsse der Koppel zieren Embleme der Polizei.

‚Also heute keine Waffen!‘, registriere ich, ‚Scheinbar vertraut man mir ein Stück weit und sie sind der Meinung, dass von mir keine Gefahr ausgeht.‘

Das Verhör war bis hierher auch eher ein lockeres Gespräch. Es gibt keinen speziellen Verhörraum und keine brutalen Folterknechte, die eine vermeintliche Wahrheit erpressen. Keine starken Tischlampen, die blenden. Nicht einmal ein Tonband oder ein anderes Aufnahmegerät liegt auf dem Tisch. Die Polizistinnen sowie Officer Sarang und der stille Officer Pangutana verhalten sich mir gegenüber sehr nett, freundlich, gelassen und zuvorkommend. Keine Aggressionen. Auch die Zeit scheint keine Rolle zu spielen. ‚Asiatische Gelassenheit‘, kommt mir in den Sinn. Wir trinken das kühle Mineralwasser aus kleinen Flaschen.

„Was ist mit den Kindern? Wo sind sie?“, frage ich plötzlich in die Stille hinein und bin selber ein wenig darüber überrascht.

„Machen Sie sich keine Sorgen um die Kinder, Sir.“, antwortet Ma’am Papillio gedehnt. So wie sie die Worte betont, klingt es erstaunt oder vorwurfsvoll. So als wolle sie sagen, warum fragen Sie nach fremden Kindern? Was kümmert Sie das?

Ma’am Tolisan ergänzt Ma’am Papillios Satz: „Die sind unter der Obhut des BSWD.“

„BSWD?“, wiederhole ich.

„Bureau of Social Welfare and Development, kurz BSWD genannt“, klärt Ma’am Tolisan auf.

Ma’am Papillio lehnt sich zurück: „Sie können die Kinder später sehen, sofern die Kinder Sie sehen wollen.“

Das überrascht und lässt mich mutiger werden: „Ma’am Papillio“, warum haben Sie mich verhaftet?“

Ma’am Papillio antwortet nicht direkt: „Wir haben hier in unserer Stadt vor kurzem einen ähnlichen Fall gehabt. Ein US-Amerikaner im Hotel mit einer Minderjährigen. Das hat viel Aufsehen erregt.“

„Und uns eine Heidenarbeit eingebracht!“, stöhnt Ma’am Tolisan laut.

„Die Leute hier sind jetzt sehr sensibilisiert“, ergänzt Papillio ernst und beugt sich zu mir vor. Sie faltet die Hände auf der Schreibtischplatte: „Und nun Sie mit einer fast identischen Story.“ In Ma’ams Stimme und Gesicht glaube ich ein Hauch Traurigkeit zu erkennen.

Zerknirscht reibe ich die Augen: „Ich habe niemals jemanden belästigt.“

„Schön, dass Sie die Frage beantworten, ohne dass wir sie stellen müssen. Haben Sie nicht? Wirklich nicht?“, fragt Papillio schnell und mit Nachdruck.

Ma’am Tolisan fixiert mich über ihre Lesebrille hinweg.

„Nein, habe ich nicht!“, antworte ich überhastet.

„Aber Sie mögen die Jungen doch? Sind das nicht Ihre Freunde? Sie mögen doch Kinder, Mr. Heger?“

„Mögen! Mögen? Ich kann die halt gut leiden. Das sind die Kinder meiner Freunde aus dem Dorf. Zuerst einmal sind die Eltern – die Väter – meine Freunde. Mein Gott, die sind so arm, die haben mir leidgetan.“

„Leid?“, wiederholt Ma’am Papillio langsam.

„Ja, leid. Die haben kaum Geld. Also nichts übrig, um Dinge für die Schule zu kaufen. Ich wollte nur helfen.“

„Helfen?“, wiederholt nun Ma’am Tolisan gedehnt und fragend.

Wieder diese Stille. Die beiden Polizistinnen fixieren mich. Sie starren mich mit stechenden Augen an. Ihre Blicke sind fordernd, so als wollen sie sagen, heraus mit der Sprache. Mir ist das Angestarrt werden und die gespannte Stille höchst unangenehm. Ich fühle mich mit jeder Sekunde des Schweigens mehr und mehr in die Enge getrieben. Den strengen Blicken der beiden Autoritätspersonen halte ich nicht weiter stand, fühle mich wie ein kleines Kind, welches beim Schummeln erwischt wurde. ‚Wieso eigentlich?‘, grübel ich. Trotzdem reibe ich mir verzweifelt erneut die Augen. Nur um nicht den bohrenden Blicken der beiden Frauen ausgeliefert zu sein.

„Wir wollten doch am nächsten Tag – also heute, heute früh – zurückreisen. Nur wegen der verdammten Baustellen und der dadurch verlängerten Reisezeit haben wir im Hotel geschlafen. Warum bin ich nicht bloß sofort am gleichen Tag zurückgereist? Verdammt, eine Nacht im Hotel zu schlafen, das ist doch kein Verbrechen! Was soll das alles hier? Ich habe sogar die Dame am Tresen des Hotels gefragt, ist das ein Problem mit den fünf Kindern in ihrem Hotel zu schlafen? Oh, gar kein Problem, hat sie geantwortet.“ Ich bin in Rage, mein Kopf glüht, das Blut pocht in den Schläfen und im Hals, ich kann den Puls fühlen und hören. Die letzten Worte waren zu laut.

„Beruhigen Sie sich, Sir“, antwortet Ma’am Tolisan ruhig und ohne jegliche Gemütsregung. Auch Ma’am Papillios Lächeln ist versteinert. Ihre Gesichter erinnern an die Gesichter der Theatersymbolik: Ein Gesicht lacht breit, das andere weint. Komödie und Tragödie soll das darstellen.

‚Ist das hier nun eine schmierige Komödie oder wird das eine schreckliche Tragödie?‘, frage ich mich.

Ich habe zwei ständig freundlich grinsende Gesichter vor mir. Lächeln als Schutzwall. Dahinter verbergen sich die wahren Emotionen. Absolut verborgen und nicht deutbar. ‚Wie einfach hat man es da in der westlichen Welt. Gesichter sprechen dort – meistens jedenfalls – Bände.‘

Ma’am Tolisan ergreift das Wort: „CIDG Inspektor Villanova hat Ihnen doch gestern Nacht den Paragrafen gezeigt? Nicht? Mit seinem Tablet-PC. Dieser Paragraf genügt. Das legitimiert uns, bei Ihnen im Hotel an die Tür zu klopfen. Und einige Kinder sind unter 12 Jahre alt?“

Vorwurfsvoll ergänzt Ma’am Papillio: „Und Sie sind kein Cousin, Onkel oder nicht etwa der Schwager?“

„Oder der Stiefvater?“, triumphiert Ma’am Tolisan plötzlich laut auf.

„Nein, bin ich nicht“, erwidere ich trotzig. Der Trotz kommt mir sofort fehl am Platz vor und wiederhole in normaler Tonlage und mit unterdrückten Emotionen: „Nein, ich bin nicht mit den Kindern verwandt.“

„Warum ist denn niemand der Verwandten der Kinder mit Ihnen gereist?“, fragt Ma’am Papillio verständnislos und schüttelt den Kopf.

„Ich habe einige Erwachsene gefragt. Die haben aber alle kurzfristig abgesagt und ich wollte reisen, um die Kinder nicht zu enttäuschen. Ich hatte ihnen die Reise versprochen. Es war sozusagen ein verspätetes Weihnachtsgeschenk. Wir wollten auch Schultaschen und andere Utensilien für die Schule kaufen.“

„Gut, gut“, wehrt Ma’am Tolisan plötzlich ab, „das reicht an Informationen, Mr. Heger.“

Über die Reaktion bin ich verwundert.

Ma’am Papillio räuspert sich: „Also gut, wir können notieren, Sie haben die Kinder weder belästigt noch missbraucht!?“

Die plötzliche Direktheit macht sprachlos. Ich stottere: „Nein! Natürlich nicht!“ Sofort ärgere ich mich, über das dumme Stottern.

„Gut, dann warten wir ab, was die Kinder zu sagen haben.“ Ma’am Tolisan klingt unbeeindruckt und skeptisch.

Im gleichen Tonfall fügt Ma’am Papillio hinzu: „Und natürlich die Eltern.“

Es entsteht wieder eine belastende Stille, die Ma’am Papillio mit einem in die Länge gezogenem „Okay“ beendet. Sie sagt das „Okay“ im gleichen Tonfall wie gestern Abend im Büro, als CIDG-Officer Villanova mit ihr ein paar kurze Worte gewechselt hat.

‚Dieses Okay‘, kommt mir in den Sinn, ‚welches Frauen gerne dann verwenden, wenn etwas ganz und gar nicht okay ist.‘

Mir wird plötzlich mulmig und flau in der Magengegend. Die Blicke der Polizistinnen und mein scheuer Blick treffen sich kurz.

Wieder diese belastende Stille.

Dann fällt mir ein: „Officer Sarang hat gesagt, da sei noch eine gute Nachricht für mich drin oder so ähnlich hat er sich ausgedrückt.“

„Officer Sarang redet manchmal etwas zu viel“, seufzt Ma’am Papillio und flüstert leise, „Ihre Gadgets sind okay, keine anstößigen Bilder gefunden.“ Diesmal klingt ihr „Okay“ glaubhaft.

„Mr. Heger, wir sind fürs Erste fertig.“

„Handy, ich meine Cellphone, Ma’am, bitte“, flüstere ich leise aber hörbar.

„Einen Augenblick“, antwortet Ma’am Papillio und ist schon aus dem Büro.

Ohne mir weitere Beachtung zu schenken, beginnt Ma’am Tolisan aufzuräumen.

Minuten später fliegt die Bürotüre auf: „Ma’am Tolisan“, sagt Ma’am Papillio außer Atem, „gib bitte Mr. Heger sein Cellphone.“

Zu mir sagt sie kurz: „Die Eltern und sehr nahe Verwandte der Kinder sind nicht erlaubt.“

Ich antworte mit einem lang gezogenen: „Okay.“

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