2.13. Endlich TV News

Jetzt gegen 8:45 Uhr wird endlich der Bericht gesendet. Sehr zum Verdruss der Zuschauer wurden alle weiteren News des Morgens und das Wetter vor dem Bericht über Tommy und die Jungs gebracht.
Der Kommentator schreit aus dem Off: „ABC-PTV exklusiv!“ Seine Stimme wird noch lauter, atemloser und überschlägt sich, „Tugalm City, Deutscher im Nobelhotel verhaftet! Fünf Minors gerettet!“ Der Sprecher redet ununterbrochen weiter. Schlägt die Informationen mit seinem aufdringlichen Redestil, der stark an das Geknatter eines Maschinengewehrs erinnert, den Zuschauern wortwörtlich um die Ohren.
Die ersten Bilder zeigen den offenen Empfangsbereich, die Lobby und den Empfangstresen des Hotels.
Schnitt. Das Cottage kommt ins Bild. Es ist stockfinstere Nacht. Eine Deckenlampe leuchtet schwach. Die Leute vor dem Cottage nutzen Taschenlampen. Sie beobachten eine kleine dicke Frau, die vorsichtig an die Cottagetür klopft. Nach dem zweiten Klopfen öffnet sich die Glastüre eine Handbreit. Kurz redet die Frau mit der Person im Raum.
(Silas und Mikel-Loy, das ist Silas 14-jähriger Cousin, rufen gleichzeitig: „Tommy!“)
Plötzlich wird die Cottage von den Leuten gestürmt. Die kleine dicke Frau wird in den Raum gedrückt, Kamera- und Mikrofonmann mit in das Zimmer gezogen.
Schnitt. Für einen kurzen Moment funkelt eine Pistole im Kameralicht unter Tommys Nase.
Schnitt. Tommy mit Gesicht an der Wand. Ein dicker Polizist legt Tommy Handschellen auf dem Rücken an.
Schnitt. Tommy ist in eine Ecke des Raumes gedrängt. Alle reden auf ihn ein. Er senkt den Kopf. Die Kamera zoomt sein Gesicht bis auf übernatürliche Bildschirmgröße. Der Reporter startet den Versuch eines Interviews. Vergeblich, denn Tommy dreht sich mit angewidertem Gesicht zur Seite. Weg vom dickem Mikrofon, weg von der Kamera.
Schnitt. Eine hektische Kamerafahrt durch das Hotelzimmer und dem Bad folgt. Die schlafenden Kinder auf den Betten kommen ins Bild. Gesichter und Unterleiber sind wieder stark verpixelt.
Schnitt. Tommy wird mit niedergedrücktem Haupt von einem Polizisten im schnellen Lauf durch das nächtliche Hotel getrieben.
(Im Gegensatz zum Einspieler dauert die Szene nun über zwei Minuten.)
Schnitt. Tommy sitzt auf der Rückbank im Polizeiwagen. Eingeklemmt zwischen einer durchaus hübschen Polizistin und einem kräftigen, zufrieden grinsenden Typen mit stark verschwitzem T-Shirt. Der Typ hat seine Hand in Tommys Nacken und drückt Tommy weiter nach vorne.
Schnitt. Die Kinder und Tommy befinden sich in einem engen, niedrigen Büro. Alle schweigen. Die Gesichter der Kinder weiterhin zur Unkenntlichkeit verpixelt.

Der Bericht ist vom ununterbrochenen atemlosen Gequassel des schreienden Kommentators und von dramatischer Musik untermalt.
Schnitt. Weiterhin im Polizeibüro. Die Reporter starten nochmal den Versuch eines Interviews. Tommy sagt nichts, hält sich die Hände schützend vor das Gesicht.
Die Handschellen wurden offensichtlich zuvor abgenommen.
Schnitt: Tommys Hand und Arm sind blutig. Die Kamera zoomt das ins Vollbild.

Silas, Romolos Sohn, kommentiert die Szene: „Seht mal, Tommys Hand und Arm. Tommy blutet.“ Schnell ist man sich einig, dass diese Verletzungen nur während der Festnahme entstanden sein können. Mit „Polizeigewalt, brutale Methoden“, und „der arme Tommy“, werden die Bilder durch die aufgeregten Zuschauer kommentiert.
Schnitt. Die Kinder sitzen auf einem Betonklotz vor einem hässlichem Gebäude. Der nervige Kommentator und die dramatische Musik machen endlich eine Pause.
Nun sind die Kinder zu hören. Ihre Gesichter wiederhin zur Unkenntlichkeit verpixelt.
Die freundliche Reporterin fragt: „Ihr Fünf wurdet gestern Abend vor einem Deutschen aus dem Hotel gerettet. Wie heißt der Deutsche?“
„Tommy“, ruft Sam schnell.
Dann antwortet auch Aboy. Er ist aber nicht zu verstehen, er spricht offensichtlich zu leise. Die junge Dame mit dem Mikrofon fragt mit sanfter Stimme, ob die Kinder den Deutschen kennen und wie lange Sie ihn schon kennen würden. Was Sie gestern unternommen hätten? Auch warum die Gruppe nicht am selben Tag zurückreiste. Dann berichten die Kinder begeistert vom gestrigen Tag. Von der riesigen Gaisano Mall, Pizza und dem Swimmingpool.
Oft sind die Fünf nicht zu verstehen, da sie entweder alle gleichzeitig und dann übermäßig laut oder einzeln und dann aber zu leise reden. Einige Male haben die Zuschauer den Eindruck, dass das Mikrofon ausgeschaltet ist.
Es folgt ein weiterer Schnitt. Sam ist nun mit der Reporterin allein.
Sie redet nicht mehr im netten Plauderton. Plötzlich klingt sie gehetzt, ihre Stimme ist nicht mehr samtweich, sondern hart und bestimmend. Sie fragt mit sehr ernster Stimme: „Also einige von Euch haben nackt geduscht?“
„Ja“, Sams knappe Antwort.
„Und der Deutsche, Mr. Heger war dann auch im Bad?“
„Ja.“ Für ein Bruchteil einer Sekunde sehen die Zuschauer, dass Sam die Lippen weiter bewegt, also offensichtlich weiterredet. Er ist aber nach dem „Ja“ stumm geschaltet, also nicht mehr zu hören.
Dafür umso lauter jetzt die Stimme der Reporterin (anstatt des nervigen Sprechers): „Weitere Informationen folgen in den 12 Uhr-Nachrichten. Hier auf ABC-PTV. Suzette Zambrano, ABC-PTV, Tugalm City. Bleiben Sie dran!“
Bei den letzten (fast gesungenen) Worten der Reporterin wurde das hässliche Gebäude gezeigt. Es war während des Interviews im Hintergrund der Kinder zu sehen. Das Polizeipräsidium wurde auch kurz gezeigt. Dann ist der Bericht beendet.
Die Zuschauer in Kandayos Wohnzimmer sind perplex. „Die haben nackt geduscht. Und Tommy war im Bad.“, werden die letzten Informationen des Berichtes wiederholt.
Ausgerechnet der öfters leicht entrückte Matthew kommt als Erster zu sich: „Das sagt doch gar nichts. Vielleicht hat er ihnen nur Handtücher oder Seife gebracht.“
„Aber warum duschen die nackt?“, sinniert Rica laut.
„Würdest du nicht auch nackt duschen, hättest du eine Dusche im Haus?“, antwortet Vicente schnell. Viele nicken.
„Klar“, erwidert Rica gedankenverloren.
Silas lacht: „Die gehen doch immer ‚ohne‘ baden. Im Meer und im Fluss.“
Mickel-Loy stimmt zu: „Alle gehen so baden. Äh.. ich nicht mehr.“ Die Kinder lachen laut. Mickel-Loy wird kurz rot.
Michael stöhnt: „Ich muss eine rauchen, wer kommt mit?“ Silas, Mikel-Loy und einige weitere Teenager melden sich sofort. Ernesto schwieg bisher. Nun verschießt er giftige Blicke auf die Teenager. Die verstehen die wortlose Kommunikation und trauen sich nun nicht mehr aus dem Wohnzimmer.
Kagawad (der Ortsvorsteher) Jacub Castro schließt sich Michael an. Auch Matthew und Lang und weitere Zuschauer brauchen ‚Eine‘.
Kagawad zieht an der Zigarette und bläst aus: „Das sagt doch gar nichts. Nackt geduscht? Tommy im Bad? Das rechtfertigt doch keine Festnahme.“
„Das ist richtig“, stimmt Michael zu und hustet, da er sich am Zigarettenrauch verschluckt hat.
Im Wohnzimmer ist eine laute Diskussion entbrannt, was als Nächstes zu tun sei.
Kagawad wirkt nachdenklich und schaut Michael ins Gesicht: „Das Wichtigste hat der Bericht verschwiegen.“
Lang und Matthew, Rica (Ernesto blieb noch im Wohnzimmer), Vicente und Michael, Romolo und weitere Umstehende bekommen fragende Gesichter.
„Na wer – verdammt – hat die Polizei oder das BSWD informiert? Die reiten doch nicht ohne Grund dort ein! Ins Hotel, meine ich“, redet sich Kagawad in Rage.
„Nicht ohne Grund?“, wiederholt langsam LangLang.
„Ja, Du hast recht Kagawad“, bemerkt Vicente, die nur zum Reden bei den Rauchern steht.
Ernesto verlässt nun wie alle Anderen das Wohnzimmer.
„Wir fahren hin“, sagt Ernesto im vorüber gehen und nimmt seine Frau Rica an die Hand. Romolo hinkt vorbei und nickt. Silas schaut gierig auf die Zigaretten.
Ernesto setzt wohl voraus, dass alle Eltern ihn begleiten: „Also“, schaut er auf seine abgenutzte und am Armband stark korrodierte Seiko Armbanduhr, „es ist fast neun Uhr. Um 9:45 Uhr am Waiting Seat!“
Ernesto wartet die Antworten nicht ab. Denn schon entfernen sich Ernesto und Rica von der Gruppe, auf dem Weg zu ihrem Haus.
„Ich begleite Euch natürlich!“, ruft Kagawad im Gehen.
„Darf ich mit?“, fragt Silas seinen Vater Romolo. Der murrt nur mürrisch etwas Unverständliches. Silas freut sich. Scheinbar war das ein „Ja.“
Mickel-Loy macht ein trauriges Gesicht. Dann hellt es sich plötzlich auf: „Ich frage Onkel Richard (Romolos Bruder)“, ruft er freudig und ergänzt, „der hat gestern gleich fünf Schweine verkauft.“, und schon ist er davon.
Vicente stöhnt: „Und Mäxchen, Kriss, Tristan und Loudielyn?“
Vicentes Mutter steht aber schon neben ihr und übernimmt demonstrativ das Kleinkind: „Fahrt Ihr mal. Das ist jetzt wichtiger. Phil braucht Euch. Und der Tommy sicherlich auch.“
Michael schaut auf die Uhr des Nokia 3310: „Nur noch 45 Minuten, da müssen wir uns aber beeilen.“
Die Gruppen in und vor Vater Kandayos Haus lösen sich schnell auf. Mutter Kandayo ist schon mit dem Wischen der Stube beschäftigt. Die Kleinkinder schauen wieder, als sei nichts gewesen, ‚Tom and Jerry‘. Vater Kandayo schüttelt den Kopf, setzt sich auf die Bank auf der Veranda und sagt zu seiner Frau: „Was ist denn das für eine wirre Story?“
Michael, Vicente und deren Mutter gehen soeben los. Da sprintet Franco vorbei. Noch einer der zahlreichen Cousins und Cousinen von Silas und Mikel-Loy, wenn auch Franco Taslig schon etwas älter ist. Vicentes Mutter macht den Versuch Franco zu stoppen, ihm die Neuigkeiten mitzuteilen. Franco ist schon vorüber. In seiner Hand ein Cellphone, im Gesicht Entsetzen.

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