3.21. Das kurze Telefonat [OFFEN]

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Meine Mutter ruft an, natürlich nicht mit Skype. Es erscheint ihre Handynummer in meinem Display. Ich fluche leise und nehme das Gespräch dennoch an: „Mutter, Du sollst doch nicht mit Deinem Handy meine philippinische Nummer anrufen. Das ist doch viel zu teuer!“

„Hör zu, Tommy“, unterbricht mich meine Mutter laut, „ich bin gerade im Auto unterwegs. Warte, da ist etwas frei, eine Parklücke, warte!“

Ungläubig starre ich auf mein Handy und warte. Etwa vier Minuten später höre ich zuerst das Geräusch des Blinkers, dann das Fluchen meiner Mutter, das Anziehen der Handbremse und anschließend das Geräusch eines Feuerzeuges und das Inhalieren des Zigarettenrauchs und schließlich die besorgte Stimme meiner Mutter: „Gut, da bin ich wieder, Tommy? Hallo?“

Meine Augen sind geschlossen und ich bin gerade gedanklich im Nirgendwo. Beide Ellenbogen habe ich auf den Oberschenkeln. Meine rechte Hand stützt meine Stirn, Die linke Hand drückt das wasserfeste Samsung B2100 an mein Ohr. Gut, dass es wasserfest ist, denn zwischen Ohr und Handy bildet sich bereits ein Schweißfilm.

„Ja, ich bin hier, habt Ihr etwas erreicht?“, frage ich erschrocken.

„Ja, höre zu, Junge. Sabine hat von der Arbeit aus die deutsche Botschaft in Manila informiert. Sie hat eine E-Mail geschrieben. Anrufen ging nicht, Warteschleife und zu teuer. Ich hatte gerade mit Sabine telefoniert. Sabine hat noch keine Rückmeldung der Botschaft. Schreibe Sabine noch mal genau den Namen des Ortes und in welcher Polizeistation Du bist und was man Dir überhaupt vorwirft.“

„Ja, gut, ich schreibe Sabine gleich eine SMS.“

„Höre zu, Thomas, deine Marie ist auch heute zur Arbeit gegangen. Sie hat von dort beim Auswärtigen Amt angerufen. Die wissen von nichts. Die wollen aber die deutsche Botschaft in Manila kontaktieren.“

„Okay, gut, dann müssen wir sehen, was wird.“

„Tommy, ich bin schon um acht Uhr auf der philippinischen Botschaft gewesen. Die ist ja zum Glück gar nicht so weit von uns weg. Die haben aber erst um neun Uhr geöffnet. Nur eine nette philippinische Angestellte kann dort Deutsch. Die wissen auch von gar nichts. Sie sagt, sie haben noch keine Informationen. Das wäre noch zu früh. Ich habe der netten Dame Deine Geschichte erzählt. Sie hat dann auch gemeint, dass das sicherlich nur ein Missverständnis sei. Sie hat aber dann etwas ganz Wichtiges gesagt!“

Eine Pause entsteht und ich höre erneut das Feuerzeug.

„Mutter, rauche nicht so viel! Was hat die Dame der philippinischen Botschaft nun ganz Wichtiges erzählt?“

„Was haben wir denn noch, außer das bisschen Rauchen in unserem Alter, Tommy? Aber Papa und ich, wir rauchen schon viel weniger!“

„Aber was hat denn nun die nette Angestellte gesagt?“

„Ach ja, sie sagt, Du sollst Dir so schnell wie möglich einen Anwalt suchen. Sabine hat in der E-Mail an die Botschaft in Manila nach philippinischen Anwälten gefragt. Auf der Homepage hat Sabine keine Anwälte gefunden. Also Anwälte, die die Botschaft in Manila empfehlen kann.“

Meine Mutter zieht an der Zigarette: „Ah, Mutter, das mit einem Anwalt muss sein. Pflichtverteidiger gibt es hier wohl nicht. Den Franco, Mutter, den Franco kennt Ihr doch auch? Von Franco hatte ich doch erzählt? Das ist der Junge, dem ich die Schule bezahle. Der jedenfalls hat einen Anwalt an der Hand und zwar hier aus dem Ort. Und dann ist da noch ein Anwalt aus Sendong City, der soll auch ganz gut sein. Und die netten Polizistinnen, haben auch einen Anwalt, den sie mir empfehlen können. Also Auswahl habe ich genug.“

„Nimm den Besten“, ermahnt mich Mutter, wie es nur Mütter tun können.

„Ja, natürlich, wenn ich nur wüsste, welcher der Beste ist?“

„Also, das kann ich auch nicht beantworten“, erwidert Mutter. Ich kann nicht einordnen, klingt das entrüstet, vorwurfsvoll oder scherzhaft?

„Wie geht es Papa, wollte der heute nicht zum Kardiologen?“

„Ach du meine Güte, der wartet doch! Der ist bestimmt schon fertig mit seinen Untersuchungen. Den habe ich heute früh als allererstes beim Arzt abgeliefert. Ich muss Papa abholen. Der wartet nicht gerne. Der ist bestimmt schon sauer.“

Ich höre, wie Mutter flucht und den Wagen startet.

„Tommy, geht es Dir gut? Sage die Wahrheit!“

„Den Umständen entsprechend. Ich bin immerhin allein in der Zelle. Morgen kommen Franco und Michael. Michael ist der Vater eines der Jungen.“

Jetzt vernehme ich die Geräusche des Blinkers und des Motors.

„Ein Vater eines der Jungen?“, fragt meine Mutter ungläubig.

„Mutter, Du sollst nicht gleichzeitig Auto fahren und telefonieren. Wahrscheinlich rauchst Du auch noch, oder?“

„Ja, woher weißt Du das?“

„Mutter, wir machen jetzt Schluss. Das Telefonat wird sonst zu gefährlich. Macht Euch keine Sorgen. Das wird sich schon klären. Ich mache jetzt Schluss. Der nette Polizist schaut auch schon die ganze Zeit auf seine Uhr.“ Mein letzter Satz ist eine Notlüge.

„Gut, Mutter, liebe Grüße an alle. Morgen zur gleichen Zeit, dann aber mit Skype.“

„Gut, Tommy, tschüss!“

„Tschüss.“

Officer Sarang macht nicht den Eindruck, als habe er es eilig. Sein Sohn ist wieder mit ‚Counter Strike‘ beschäftigt. Der wird heute Nacht wohl wieder in der Kammer schlafen.

Schnell schreibe ich zwei SMS an meine Schwester Sabine mit den Informationen, die sie braucht. Meiner Lebensgefährtin Marie, teile ich mit, dass ich in Ordnung bin. Schnelle Antworten erwarte ich nicht, da beide arbeiten sind.

Da ist auch eine SMS von Frank, dem Deutschen: „Ich habe immer gewarnt, nicht mit den Affen irgendwo hinzufahren. Du brauchst ein gut Anwalt. Padernesto ist gut. Marielou und Sohn von Ernesto sind hin. Wenn Du was brauchst, sage. Viel Glück!“

Über das Reisen mit Kindern haben wir nie großartig gesprochen. Dass Frank mich gewarnt habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Es ist auch das erste Mal, seit ich mit den Kindern reise, dass ich nicht am selben Tag zurückgekommen und im Hotel geschlafen habe.

‚Soll ich Frank kurz antworten? Nein!‘, beantworte ich mein Frage selber.

Von meiner Schwester Sabine kommt doch eine schnelle Antwort: „Danke, ich werde die Infos an die dt. Botsch. Manila senden. LG Bine.“

Auch meinen Brüdern und der älteren Schwester Uta schreibe ich, dass ich in Ordnung bin.

Rasch antworte ich noch einige SMS an Freunde aus Sendong City, möchte aber SMS-Chats oder langwierige unergiebige Telefonate vermeiden. Ich bin einfach zu kaputt und habe nicht die Nerven dazu.

Nun schalte ich das Handy aus und setze mich zu Officer Sarang an dessen Schreibtisch: „Sir, könnten Sie das Cellphone laden? Lowbatt!“

„Natürlich, Mr. Heger.“

„Gibt es Neuigkeiten, Sir? Sind die Polizistinnen noch im Büro? Warum sind die Kinder isoliert, Sir? Die Eltern dürfen die Kinder nicht sehen.“ Ich lache künstlich: „Wann werde ich entlassen?“

Der letzte Satz war sarkastisch gemeint. Aus Officer Sarangs Gesicht deute ich, dass er den Sarkasmus nicht verstanden hat. Schnell füge ich hinzu: „Also, hoffentlich bald.“

Mir tut sofort der nette Officer Sarang leid, weil ich ihn mit den Fragen offensichtlich überfordere. Der braucht dann auch ein paar Sekunden, um die Fragen zu verarbeiten und um zu antworten: „Ähm, ja, das weiß ich nicht. Nein, die Polizistinnen sind schon zu Hause. Die müssen sich auch einmal um ihre Familien kümmern. Und die Kinder isoliert? Die Eltern brauchen nur ein wenig Geduld. Ich hoffe für Sie, Mr. Heger, dass Sie möglichst bald zurück zu ihrer Familie dürfen. Beten Sie, Sir. Beten Sie!“

[Ende 3. Kapitel und 3. Tag]

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