2.12. Warten auf TV News in Kandayos Haus

Die Zuschauer müssen sich bis zur Ausstrahlung des Berichtes noch über 40 Minuten gedulden. Es wird immer wieder der Einspieler wiederholt. Auch den stets gleichen Werbeblock müssen die Zuschauer noch mehrmals über sich ergehen lassen.
Ein Enkel vom Vater Kandayo im Teenageralter, zappt von Zeit zu Zeit die Senderliste durch, auf der Suche nach mehr Informationen. Nichts zum inhaftierten Deutschen auf anderen Kanälen. ABC-PTV scheint tatsächlich exklusiv zu sein.
Immer wieder zu sehen sind die schlafenden Kinder während der sogenannten Rettungsaktion. „Schlafende Kinder? Also warum Rettungsaktion? Da war doch keine Notsituation? Keine Gefahr im Verzug? Kein Feuer oder etwas Ähnliches! Auch Tommy sah nicht aus, als müsse irgendwer vor ihm gerettet werden.“
Fragen ohne Antworten und merkwürdige Tatsachen, die heftig aber ergebnislos diskutiert werden.
Der Teenager – der immer wieder zappt – steht zeitweise neben dem Bildschirm und zeigt auf einen der verpixelten schlafenden Jungs, wenn dieser ins Bild kommt. Dann ruft er den vermeintlichen Namen des gerade Gezeigten und eine lebhafte Diskussion entsteht, ob er recht habe oder nicht. Besonders die vielen Kinder unter den Zuschauern beteiligen sich mit großem Eifer an diesem makaberen Spiel. Zu guter Letzt sind alle fünf Söhne auf den drei Betten lokalisiert und zugeordnet. Diese Tatsache beruhigt die Eltern aber keineswegs. Im Gegenteil. Die Eltern zucken jedes Mal zusammen, wenn einer ihrer verpixelten Söhne auf den Betten zugeordnet werden kann.
Silas wiederholt ständig ungläubig: „Die schlafen doch tief und fest. Warum Rettungsaktion?“ Romolo und andere im Raum nicken zustimmend. Ernesto schweigt eisern mit erstarrter Miene. Oft verlässt er für kurze Zeit den Raum. Vielleicht sind ihm das Gedränge oder andere Umstände zuwider. Andere verlassen ebenfalls kurz den Raum, um Luft zu schöpfen, zu rauchen oder zu diskutieren. Es drängen stetig mehr ins Wohnzimmer und der Raum füllt sich weiter mit Neugierigen. Die Luft wird schlecht, die Temperatur steigt und es riecht unangenehm nach Fisch, Schweiß und feuchter Kleidung. Keiner der Fischerleute hatte Zeit, sich richtig zu waschen oder die Kleidung zu wechseln. Vom starken Fischgeruch angezogen, schwirren nun unzählige Schmeißfliegen durch den Raum. Obschon sich alle der Schuhe entledigten, sind die Bodenfliesen schnell mit Fischteilen, Staub, Sand und Schmutz übersät. Haare, Körper und Kleidung trocknen schnell. Besonders die Haare der Frauen, die fleißig in den Morgenstunden den Fischern halfen, sehen schlimm aus. Das Haar vom Salzwasser verkrustet und mit Fischteilen und -blut und Sand verschmutzt. Die Arbeitskleidung der Fischerleute und der Helfer, die einfachen alten Hemden und Hosen werden nach dem Trocknen steif und scheuern unangenehm auf Haut und in Hautfalten. Alle fühlen sich unwohl, sind besorgt und verwirrt.

Bange Fragen stehen im Raum: „Was überhaupt ist passiert? Warum Rettungsaktion“ und „Was wird werden? Wie soll man reagieren?“

Ernestos Frau Rica schluchzt öfters: „Mein Sam im TV.“
Lang schluchzte ebenfalls zu Beginn der langen Wartezeit, beruhigte sich dann aber und hakte sich bei ihrem Mann Matthew unter und lehnt jetzt an dessen Schulter. Matthey hält das alles für vollkommen absurt: „Kinder im BSWD und Tommy verhaftet“, fasst er nüchtern zusammen. „Schlafende Kinder sind doch kein Grund, Tommy festzunehmen und unsere Kinder ins BSWD zu stecken? Das ist ein Missverständnis.“, ergänzt er. Er weigert sich zu glauben, was er im Fernsehen sieht. Oft ist für Matthew seine eigene Fantasie realistischer als die Realität. Auch in diesem Moment ist das so: Was nicht sein kann, ist nicht.
Michael gibt Matthew recht: „Die Aktion ist völlig überzogen. Typisch BSWD und Polizei!“, murrt er.

Tommy und die stark verpixelten Kinder im Polizeipräsidium kommen ins Bild. Irgendetwas ist mit seiner linken Hand. Wieder der Versuch eines Interviews. Tommy sagte nichts.
Schnitt. Die Kinder sitzen auf einem Betonklotz. Die dramatische Musik zur Untermalung der Szenen stoppt nicht.
Die Kinder sind nicht zu hören und die Gesichter weiter zur Unkenntlichkeit verpixelt.
Schnitt. Die Szene mit Sam und einer Reporterin im Interviev. Ebenfalls stumm.
Dafür umso lauter die Stimme des Spechers aus dem Off: „Was hat der Deutsche den Kindern angetan? Weitere Informationen folgen in den Acht Uhr Nachrichten! Hier auf ABC-PTV! Tugalm City! Bleiben Sie dran!“

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