3.19. Horrortrip [OFFEN]

Marielou klammert sich um Franks Hüften und ihre rechte Wange ist fest an dessen Rücken gepresst. Frank ist nach vorne gebeugt und lenkt das knatternde altersschwache Motorrad. Marielou kommt nicht umhin, an Franks Jeansweste den kalten Rauch des Kettenrauchers zu riechen. Ihre langen Haare wehen wild im Fahrtwind und sie ärgert sich, ihre Haare vor Fahrantritt nicht zu einem Zopf gebunden zu haben. Jonathan, der hinter Marielou sitzt, hält sich krampfhaft mit der rechten Hand am Boden der leeren Propangasflasche fest. Mit der linken Hand ist er ständig damit beschäftigt, Marielous Haare aus seinen Augen und seinem Gesicht zu wischen. Die Propangasflasche, die Frank auf dem wackeligen Gestell mit Seilen hinter Jonathan verschnürt hat, drückt Jonathan schmerzhaft in den Rücken. Nun bekommt er zu allem Übel auch noch den Zigarettenrauch von Franks „More“ in das linke Auge. Der Yamahamotor röhrt, das Getriebe kracht, der Rahmen und die Stoßdämpfer der STX ächzen. Die Drei werden auf den ersten zwei unbefestigten Kilometern aus dem Dorf hinaus kräftig durchgeschüttelt. Das wichtigste Utensil ist die Hupe, die Frank auch pausenlos betätigt. Kinder, Hunde, Katzen und Hühner springen erschrocken beiseite. Trotzdem werden Marielou und Jonathan auf dem abgewetzten glatten Kunstledersitz beim Gasgeben nach hinten und beim Bremsen dann wieder nach vorne geschoben und das im ständigen Wechsel. Und da tauchen plötzlich noch viele andere Hindernisse wie
Fußgänger, Pfützen, Schlaglöcher und Äste auf. Frank hat da keine Probleme, er kann sich am breiten Lenker festhalten. Jonathan hat immerhin Marielou vor sich, eine grazile junge Frau mit angenehm duftendem Körper.

Auf dem sogenannten Highway, die Straße hat nur zwei Fahrspuren und unbefestigte Standstreifen, gibt Frank ordentlich Gas. Der Schalldämpfer hat Löcher wie ein Küchensieb und der Lärm ist ohrenbetäubend. Nun kriechen sie schon etwa drei Minuten hinter einem vollkommen überladenen Holzlastwagen her. Die Stämme sind mindestens eineinhalb bis zwei Meter dick.

Frank flucht, verliert die Geduld und schaltet einen Gang runter. Das Getriebe kracht, der 125-Kubikzentimeter große Motor heult auf. Aus dem Auspuff und den Rostlöchern qualmt es blau. Nun macht Frank einen Schlenker und dreht das Gas auf Anschlag. Sie befinden sich gerade auf Höhe der Anhängerkupplung des Sattelschleppers, da taucht vor ihnen plötzlich die gewaltige Front eines gelben Überlandbusses auf. Marielou sieht die Lichthupe und hört das Horn des Busses. Frank brüllt erschrocken „Shit!“ Marielou erkennt auch schon das Weiße in den weit aufgerissenen Augen des panischen Busfahrers und der Passagiere in den ersten Sitzreihen. Marielou sendet ein Stoßgebet gen Himmel, Jonathan brüllt hysterisch irgendetwas Unbestimmtes hinter ihr. Der Motorradmotor jault erneut auf, die Reifen des Busses und des Sattelschleppers qualmen vom Bremsen blau und wirbeln jede Menge Staub auf. Marielou riecht verbranntes Gummi und schließt die Augen: ‚Ich bin zu jung zum Sterben, Gott hilf mir!‘ Ein Schlenker nach rechts und sie befinden sich vor dem Sattelschlepper. Laut hupend, rauscht der gelbe Bus links an ihnen vorbei. Der Fahrtwind des riesigen Busses packt die alte Maschine mit den drei um ihr Leben kämpfenden Menschen darauf und rüttelt und schüttelt sie wild durch. Frank hat alle Hände voll zu tun, nicht die Kontrolle zu verlieren. Er spuckt die Zigarette weg und lacht! Frank lacht laut und irre. Er dreht den Kopf ein wenig: „Das war knapp! Seid Ihr noch da?“

Marielou dankt Gott, dass sie noch lebt.

Auch Jonathan betet mit zusammengekniffenen Augen.

Nach etwa zwei Kilometern drosselt Frank endlich die mörderische Geschwindigkeit und fährt gemütlich. Nur mit der linken Hand lenkt er jetzt lässig die Yamaha. Mit der rechten zieht er eine weitere Zigarette aus der Brusttasche seiner blauen Jeansweste und holt aus einer unteren Tasche der Weste ein Feuerzeug hervor. Er hält auf dem Seitenstreifen an. Der Sattelschlepper donnert mit hohem Tempo und wütendem Horn an ihnen vorüber. Was bleibt, ist der Schrecken und eine Staubwolke in der die Drei nun stehen.

Frank tut cool, aber seine Hand zittert, als er sich die Zigarette mit den Worten „Von dem will ich mich nicht jagen lassen, den lassen wir mal lieber ziehen“ anzündet.

Marielou hat keine Worte, Jonathan Schnappatmung. Frank gibt wieder ungerührt Gas. Bis vor das flache Gebäude mit dem ‚Law Office‘ von Attorney Padernesto spricht niemand mehr ein Wort.

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Frank knattert laut und mit der obligatorischen Kippe im Mund davon. Marielou und Jonathan klopfen sich den Staub von den Kleidern.
Jonathan erkennt sofort, dass Marielou geladen ist und lässt sie deshalb zuerst reden: „Der hätte uns fast umgebracht! Der ist verrückt!“

„Hast Du gehört, wie der gelacht hat, Marielou?“, fragt Jonathan vorsichtig.

„Oh, nie wieder, Jonathan! Da zahle ich lieber 10 Piso für die Motorela. Komm, lass uns Deinen Onkel besuchen. Ich hoffe, der ist überhaupt da.“

Jonathan Restito weiß nicht so recht, wie sein Vater Ernesto Restito mit Attorney Padernesto verwandt ist. Irgendwie Cousins. Der Sohn von einer Großtante, glaubt er.

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Grüne Wände, Kunststoffstühle, blank polierter Betonfußboden, zwei Deckenventilatoren und eine Vorzimmerdame im mittleren Alter, die gleichzeitig auch Sekretärin ist. Aktenschränke und dazwischen Aktenberge. Der Desktop-Computer könnte aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Als Bildschirmschoner schwebt das Logo von Windows-XP über den Röhrenmonitor.

Marielou erklärt in knappen Sätzen, warum sie gekommen sind. Flüchtig kennen Marielou und Jonathan die Sekretärin. Die Stadt Sendong City ist eine Stadt von der Größe, wo man sich kennt. Mit Stolz erklärt Jonathan, mit Attorney Padernesto verwandt zu sein. Die beiden Teenager müssen sich gedulden. Der Attorney hat noch zwei Mandanten vor ihnen. Die Sekretärin und Marielou reden nur noch kurz über Tommy und sind sofort in einer angeregten Unterhaltung über Familie und Verwandtschaft vertieft.

‚Frauen‘ denkt Jonathan und blättert gelangweilt in einigen Zeitschriften über Law and Order.

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Marielou und Jonathan begrüßen den Attorney, indem sie seine Hand an ihre Stirnen führen, das ‚Blessing‘ der Alten durch die Nachgeborenen.

„Kinder, ich habe wirklich nicht viel Zeit“, begrüßt der steinalte Padernesto die Teenager. „Ihr kommt wegen des Deutschen? Da habe ich mit Deinem Vater telefoniert.“ Der Attorney blickt zu Jonathan.

Die Teenager sind eingeschüchtert. Wann sitzen sie schon einmal einem so hochangesehenen Bürger ihrer Stadt und einer absoluten Autoritätsperson gegenüber? Soweit Marielou weiß, begleitet der Attorney auch ein politisches Amt im Rathaus, aber welches genau, das weiß sie nicht.

Der Attorney hingegen redet und redet. Er redet ohne Unterbrechung und ohne Punkt und Komma.

‚Typisch Attorney und Politiker‘, sinniert Marielou. Mit ihren Gedanken ist sie abwesend.

Jonathan räuspert sich und tippt Marielou leicht auf den Unterarm. Marielou kommt zu sich. Padernesto hat eine Frage gestellt. Sie denkt noch ‚Kann Jonathan nicht antworten?‘ da tut sie es selber: „Sir, wir wollen Tommy, also Thomas Heger, helfen. Der hilft uns doch auch.“

Padernesto schaut auf die goldene Uhr am Handgelenk: „Inwiefern hilft der Euch?“

„Er hilft uns in der Ausbildung“, antwortet Marielou schnell.

Jonathan nickt und wiederholt: „In der Ausbildung.“

„Dann ist dieser Heger also ein sehr großherziger Mensch?“

Die beiden Teenager nicken vorsichtig.

„Müsst Ihr das Geld zurückzahlen? Irgendwann, wenn Ihr mit der Ausbildung fertig seid?“

Marielou und Jonathan sind von der Frage überrascht. Diesmal antwortet Jonathan: „Nein, darüber hat Tommy nie gesprochen.“

„Aber, warum hilft dann dieser Heger?“, fragt Padernesto und sortiert Papiere auf seinem Schreibtisch.

„Wir tun Tommy wohl leid“, antwortet Marielou schüchtern und leise.

Jonathan kennt Marielou so gar nicht.

„Gut, also leid. Der Deutsche ist da in eine dumme Geschichte hi­n­ein­ge­ra­ten. Weiß der nicht, dass es laut Gesetz nicht erlaubt ist, sich mit Kindern unter 12 Jahren im Hotel aufzuhalten? Das ist eine dumme Sache.“

Marielou und Jonathan schütteln vorsichtig die Köpfe.

„Da hätte nur ein erwachsener Verwandter dabei sein müssen. Du zum Beispiel, junger Mann. Wie alt bist Du?“

„18, Sir.“

„Warum bist Du nicht mitgereist?“

„Der Tommy wollte mit den Jüngeren fahren“, antwortet traurig Jonathan.

„Gut, okay, ich werde dem Heger mein Angebot zur Annahme des Falls die ‚Acceptance‘, zukommen lassen. Wenn der Heger das dann akzeptiert werde ich für ihn tätig werden.“

„Und was können wir nun tun, Sir?“, fragt Marielou vorsichtig.

„Beten, Ihr könnt nur beten für Euren Freund und Sponsor. Hoffentlich ist da nichts im Hotel gewesen. Jetzt ist wichtig, was die Kinder aussagen. Sonst Gnade dem Deutschen Gott.“

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