3.18. Der Abschied

[Fortsetzung von Kapitel 3.16]

Die Eltern sind nach deinen Ausführungen zum Geschehen im Hotel deutlich entspannter. Sie haben offensichtlich weiter Vertrauen in dich. Auch Kagawad und Franco sind der Auffassung, dass du im Hotel richtig gehandelt hast und dir niemand daraus einen Strick drehen kann.
Nun sind alle hungrig und ihr lasst es euch schmecken. Besonders das knusprige über Kokosnussholzkohle gegrillte Hühnchen schmeckt vorzüglich. Aber auch das Limpo, ein ebenfalls über Kokosnussholzkohle gegrilltes, großes Stück Schweinebauch (das in kleine Würfel geschnitten ist), ist sehr lecker. Als Beilage gibt es Reis. Gut, dass Franco und Kagawad auch an Getränke gedacht haben.
Von den beiden bekommst du die VISA-Karte zurück. Auch die Belege des Geldautomaten überreichen sie dir, zusammen mit dem Restbetrag vom Einkaufen. Mit Schrecken stellst du fest, dass der gestrige und heutige Tag fast 800 Euro kosten. Von der Seite aus betrachtet, erscheint es sogar besser, dass einige Elternteile heute zurückreisen.
Die Frauen schreien auf, als sie die Zelle genauer inspizieren und den Zustand erkennen. Auch die Männer sind entsetzt.
Michael sagt: „Tommy, frage später die Polizistinnen. Die sollen das in Ordnung bringen lassen.“ Er stemmt die Arme in die Hüften: „Wenn nicht, erledige ich das, gleich morgen.“
Du lachst: „Lass das die Verantwortlichen machen.“
Ernesto sieht es positiv: „Immerhin bist Du allein in der Zelle und musst sie nicht mit 15 Männern teilen, die sich wahrscheinlich nur einmal im Monat duschen.“
Bei diesem Gedanken wird dir ganz flau in der Magengegend. Aber wenn du einen schnellen Blick in die Zelle neben deiner wirfst, dann sitzen dort auf zwei durchgängigen Holzetagen und auf dem nackten Betonfußboden etwa die Anzahl Männer, die Ernesto soeben genannt hat. Und wenn das schwache Lüftchen von den überbelegten Zellen herüberweht, dann bestätigt sich auch das, was Ernesto über das Duschen geäußert hat.
Du kommst auf Michael zurück und fragst: „Du bleibst also, Michael?“ Dann scherzt du und lachst: „Weil, wenn Du morgen den Müll, die Insekten und die Tiere aus der Zelle entfernen willst?“
Michael nickt heftig und entschlossen, so dass sein dicker Zopf erneut umherwirbelt.
Vorsichtig fragst du: „Wer bleibt noch hier?“
Von den Männern bleiben Michael und Franco. Sie kommen weiter in der kleinen Kirche der Born Again Gemeinde unter. Von den Frauen bleiben Rica, Ernestos Ehefrau und Lang, Matthews Ehefrau. Die zwei Mütter bleiben bei Ricas Tochter.
Du übergibst an Vicente, Romolo, Matthew, Kagawad und Ernesto jeweils 1000 Piso und an die beiden Teenager jeweils 500 Piso. An deine Freunde, die in Tugalm City bleiben, also an Franco, Michael, Rica und Lang, ebenfalls jeweils 1000 Piso.
Du stellst fest: „Also bleibt zu jedem Kind ein Elternteil. Außer Aboy, da nur dessen Vater, Romolo angereist ist und Romolo reist heute zurück.“
Romolo erklärt dir: „Aber Michael ist sozusagen Aboys Onkel. Michaels Ehefrau Vicente und Aboy sind Cousins ersten Grades. Auch Franco befindet sich im Stammbaum der Taslig Familie auf diesem Ast. Auch er ist ein Cousin ersten Grades von Aboy und Vicente.“
Die Eltern verabreden, dass Rica und Lang morgen das Essen für die Kinder im BSWD bereiten. Auch dafür gibst du 1000 Piso.
Das Geld geht wie die Zeit schnell dahin.
Ernesto schaut auf seine verschlissene Armbanduhr und setzt sich demonstrativ die ausgeblichene blaue Mütze auf: „Herrgott, schon drei Uhr durch. Wir müssen nun wirklich los!“
Matthew springt auf: „Ja, ich muss bei meinem Auftraggeber heute noch vorbeischauen. Sonst ist der Job morgen vielleicht schon weg.“
Er steht vor dir und hält dir seine große Hand zum Gruß entgegen. Ein kräftiger Kerl mit ausgeprägten Muskeln, von der schweren Arbeit als Schreiner auf Baustellen. Die fast schwarze Hautfarbe hat er an seine Kinder Jan und Dan vererbt.
Sams Vater Ernesto ist ein drahtiger, sehniger Typ, der sein Leben lang Fischer gewesen ist. Das Meer und die Natur sind seine Reviere. Auch er streckt dir freundlich seine Hand zum Abschied entgegen. Das wertest du als ausgesprochen positive Geste. Stehen er und seine Frau doch bisher sehr kritisch der Geschichte und dir gegenüber. Kritischer als die anderen Eltern. Das empfindest du jedenfalls so.
Ernesto räuspert sich, er scheint verlegen zu sein: „Tommy, ich wünsche Dir viel Glück. Um die Kinder mach Dir keine Sorgen, das bekommen wir schon geregelt. Einer meiner Cousins arbeitet im BSWD in Sendong City. Und zwar in der obersten Etage. Lass Dich von Attorney (Anwalt) Padernesto beraten.“
„Natürlich Ernesto, und danke für Deine Hilfe.“
Du schaust in die Gesichter deiner Freunde: „Danke für Eure Hilfe.“
Ernesto führt aus: „Gleich morgen treffe ich mich mit Attorney Padernesto. Er wird Dich kontaktieren. Ich gebe ihm Deine Nummer.“
Beim Namen ‚Padernesto‘ zuckt Franco zusammen. Er sitzt hinter Ernesto und verdreht die Augen.
Dir erscheint Francos Verhalten übertrieben und unangebracht.
‚Ist es nicht das Beste, wenn mich mehrere Attorneys beraten?‘, überlegst du. Du möchtest aber jetzt keine weiteren Gedanken daran verschwenden.
Silas und Mikel-Loy verabschieden sich mit traurigen Gesichtern. Für sie hätte das Abenteuer gerne noch eine Weile weitergehen können.
Auch Kagawad und Romolo verabschieden sich herzlich, wie es alte und gute Freunde tun.
Alle wünschen dir Glück. Bevor die Gruppe aufbrechen kann, spricht Franco sein obligatorisches Gebet.
Nach dem „Amen“ bleiben nur Michael und Franco zurück. Traurig blickst du der Gruppe nach und dir wird wieder schmerzhaft deine prekäre Lage bewusst: Du bist festgenagelt an diesem gottverlassenen Ort.
Michaels Ehefrau Vicente dreht sich noch einmal um: „Sei stark, Tommy, und vergiss nicht zu beten!“
Dann verlässt die Gruppe nachdem sie die Besucherformalitäten an der Schranke erledigt haben das Gelände.
Michael bietet dir noch eine Marlboro an. Diesmal lehnst du dankend ab. Der Geschmack nach kaltem Rauch in Mund und Rachen ist jetzt doch sehr unangenehm.
Für die Nacht stellst du zwei leere Wasserflaschen beiseite. Es gibt keine Toilette. Zwei volle Literflaschen Mineralwasser hast du. Eine zum Trinken und eine zum Händewaschen. Franco und Kagawad haben auch eine 150ml-Flasche Alkohol gekauft. 70%-Solution verrät das Etikett. Der Alkohol duftet erfrischend nach Frisör.
Franco beginnt, für seinen favorisierten Attorney (Anwalt) De Baron Werbung zu machen und spricht von dem in höchsten Tönen.
Du winkst genervt ab: „Franco, lass doch die Attorneys kommen, dann werden wir sehen.“
Michael nickt zustimmend.
Du schaust auf die Armbanduhr und erschrickst: „Es geht schon gegen halb vier Uhr. Die Besuchszeit wird gleich zu Ende sein.“
Außer dir hat keiner der Arrestierten mehr Besuch.
Schnell sagst du: „Franco, Michael, bitte fragt die Polizistinnen nach meinem Cellphone. Die haben mir versprochen, dass ich mit meiner Familie in Deutschland telefonieren darf. Bitte kauft auch Load für mich. Ich will Frank Bescheid geben und ich muss sicherlich auch einige SMS an Freunde senden.“
„Okay, Tommy“, antwortet Franco schnell.
In dem Moment rüttelt der Wachmann am Maschendrahtzaun: „Besuchszeit beendet!“

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