3.16. Nackt im Hotel • Meine Story dazu [OFFEN]

Beim Kommen umarmen mich die Mütter kurz und nicht zu innig. Lang und Rica schluchzen, Vicente weint leise. Die Gesichter der Frauen sind verheult und ich blicke in gerötete Augen. Die Männer begrüßen mich mit lockerem Handschlag, ohne mir dabei in die Augen zu schauen. Das ist hier so üblich.

Jetzt sitzen die Eltern auf umgedrehten Colakisten oder auf den wenigen schmuddeligen Kunststoffstühlen. Die Teenager Silas und Mikel-Loy hocken recht bequem auf dem Boden, in der typisch asiatischen Haltung: Die Knie an der Brust und den Oberkörper haben sie leicht nach vorne gebeugt. So können sie optimal das Gleichgewicht halten. Sie starren, zeigen und flüstern mit großen Augen über den Zustand und den Müll in der Zelle.

Franco und Kagawad Jacub Castro sind immer noch nicht von den Besorgungen zurück. Ich beginne mir Sorgen zu machen. Immerhin tragen sie meine VISA-Karte bei sich.

Es herrscht betretenes Schweigen. Die Mütter schluchzen noch ein wenig und die überschwängliche Freude von der ersten Begegnung heute früh ist dahin.

‚Die Polizistinnen haben den Eltern wohl noch einmal ordentlich zugesetzt‘, deute ich den Stimmungswandel. Mit der rechten Sandale male ich eine kleine Acht auf den schmierigen Betonfußboden. Ich bin unsicher und überlege nervös: ‚Wie kann ich das Gespräch in Gang bringen? Sollte ich mich zuerst einmal entschuldigen?‘ Dann kommen mir als Antworten in den Sinn: ‚Für was Entschuldigen? Vielleicht für den Stress, den ich den Eltern bereitet habe oder für die Isolation der Kinder im Kinderheim des BSWD?‘

Ich blicke auf. In den Gesichtern von Romolo, Vicente und Michael glaube ich Freude über das Wiedersehen zu erkennen und eine gewisse Erwartungshaltung an mich. Matthew und Ernesto haben undurchdringliche Mienen. Unmöglich, dort hinter die Fassade zu schauen. Den Frauen Lang und Rica stehen Trauer und Verzweiflung in den Gesichtern. Zwischen dem Putzen und Schnäuzen der Nasen, suchen sie immer wieder Blickkontakt zu mir.

Michael kramt umständlich Zigaretten und ein Feuerzeug aus der verschlissenen Jeans und bietet mir breit grinsend eine Marlboro an. Erleichtert und dankend nehme ich an, obwohl mein Nikotinspiegel schon toxisch sein muss. Auch Michael, Matthew, seine Ehefrau Lang und Romolo zünden sich eine an. Das Rauchen schafft Gemeinschaft, das Eis ist gebrochen. Ich blase den Rauch in den blauen wolkenlosen Himmel und versuche lässig zu klingen: „Oh, je, ist das alles anstrengend!“

Michael nickt heftig, so dass sein dichter Zopf umherwirbelt. Romolo und Matthew beginnen breit zu grinsen. Die Frauen atmen nun ruhiger, das Schluchzen wird weniger. Nur Ernesto hat noch ein bitteres Gesicht. Mit tiefer Stimmer eröffnet er das Gespräch: „Ja, das kann man wohl so sagen, es ist anstrengend.“

Nervös scharre ich mit der Sandale auf dem Boden und raufe mir das Haar: „Tschuldigung, mir tut das alles sehr leid. Ihr macht eine Menge durch. Und – verdammt noch mal! – die Kinder sind isoliert im BSWD.“

„Tommy, es ist besser nicht zu fluchen“, ermahnt mich Ernesto. Seine Frau Rica nickt zustimmend. Von den anderen Freunden kommen keine Reaktionen. Nur Michael grinst noch breiter als zuvor. Die Teenager verdrehen die Augen über Ernestos altmodisches Getue.

„Ja, natürlich, Ernesto, sorry.“

Ricas Gesicht hellt sich auf: „Wir sind alle sehr froh, Dich zu sehen, Tommy und das es den Kindern und Dir gut geht!“

Vicente, die neben mir Platz genommen hat, umschließt plötzlich meine Hände mit den Ihrigen: „Tommy, Deine Hände sind sehr kalt, das ist nicht gut. Silas und Mikel-Loy sollten sie Dir massieren.“

Sie holt eine kleine Flasche Efficascent Oil aus ihrer schmalen Handtasche und schon hocken die Teenager links und rechts neben mir und beginnen zu massieren. Die Massage ist in der Tat angenehm, stelle ich fest.

„Wir werden das schon schaffen. Alles hat einen Anfang und ein Ende, Tommy“, sagt Lang leise und wischt sich Schweiß von der Stirn. Sie klingt kaum überzeugend.

Michael dagegen ist fröhlich: „Wir haben den Kindern Essen gekocht. Also haben wir doppelt gekocht, erst wir und dann auch noch Rica.“ Traurig fügt er hinzu: „Ich durfte noch ins BSWD rein, aber Rica schon nicht mehr.“

Rica wirkt, als weine sie gleich. Sie flüstert: „Ich habe schon einmal ein Kind verloren.“

„Rica, wir haben Sam nicht verloren“, erwidert ihr Mann Ernesto in milden Tönen. Er wiederholt Langs Worte: „Alles hat einen Anfang und ein Ende. Außerdem weißt Du, mein Cousin ist im BSWD Sendong City angestellt. Das regeln wir schon!“

Rica blickt zu Boden, bleibt still, nickt vorsichtig und schnäuzt sich die Nase.

„Tommy, Du tätest gut daran, Dich fachmännisch beraten zu lassen. Ich habe schon mit Attorney Padernesto, das ist ein anderer Cousin von mir, telefoniert. Der würde aus Sendong City herkommen.“

„Padernesto?“

„Ja, Tommy, Attorney Padernesto“, antwortet Matthew für Ernesto schnell.

„Danke, Ernesto, Du hast recht! Ich brauche einen Attorney. Franco hat auch von einem Attorney gesprochen. Attorney De Baron ist von hier, aus Tugalm City.“

Ernesto antwortet angewidert und verächtlich: „Attorney De Baron, der Rechtsverdreher? Tommy, dessen schlechter Ruf reicht bis Sendong City!“

Rica, Lang und Matthew nicken aufgeregt. Vicente, Michael und Romolo zeigen keine Reaktionen.

Dann räuspert sich Vicente. Sie schaut sich unsicher und hilfesuchend um. Die Worte fallen ihr sichtlich schwer: „Tommy, die Polizistinnen haben da etwas Komisches erzählt…“

Ernesto fällt Vicente ins Wort. Er wird laut: „Auch deshalb brauchst Du den Attorney, Tommy!“

Ich werde nervös, mir wird heiß und ich beginne zu schwitzen: „Was Komisches erzählt?“, wiederhole ich mit erstickter Stimme.

Lang hat plötzlich einen roten Kopf, auch sie schwitzt. Sie stöhnt und sagt dann schnell: „Die Kinder seien nackt im Hotel gewesen und haben an ihren, na ja, also, an ihren Schniepel gespielt.“

Das Wort „Schniepel“ lässt die Anwesenden breit grinsen. Silas und Mikel-Loy kichern leise.

Ernesto bleibt ernst und die aufkeimende gute Stimmung ist damit dahin: „Tommy, die Polizistinnen sagen, Du hättest das nicht unterbunden und Dich daran ergötzt.“ Ernesto wird strenger und eindringlicher. Er gestikuliert heftig bei seinen Worten mit der rechten Hand: „Tommy, die Polizistinnen haben vom Onanieren gesprochen und Du hättest zugeschaut und habest Dich daran ergötzt!“

Die Teenager kichern leise und massieren weiter meine Hände. Die Eltern schauen mich erwartungsvoll an. Ich muss jedoch zunächst einmal das Gehörte verarbeiten und schüttel unwillig den Kopf. Plötzlich ist mir die Handmassage unangenehm.

Ich stottere: „Onaniert, ergötzt? Ich habe das nicht unterbunden? Aber ich habe den Kindern doch gesagt, sie sollen damit aufhören. Ich war draußen und habe am Computer gespielt. Also, als ich in den Raum zurück gekommen bin, da waren einige nach dem Duschen nackt. Wie Kinder nun einmal so sind. Die haben zuvor auf den Betten getobt. Ich habe das wilde Schreien gehört. Dann war plötzlich Ruhe und ich dachte, schau mal was da los ist. Und da liegen die also auf den Betten, nicht alle Jungs, und spielen mit ihren Schniepel. Ich habe gelacht und gesagt: „Schluss jetzt.“ Bin dann aber erst mal aufs Klo, hatte wohl zu viel Kaffee den Tag.“

Rica ist nun voller Eifer: „Aber die haben im Fernsehen erzählt, Du seist im Bad gewesen, als die nackt geduscht haben.“

Ich schüttel die rechte Hand, Silas lässt los und ich kann mir endlich mit dem kleinen Tuch den Schweiß vom Gesicht wischen. Silas setzt ungerührt die Massage fort.

„Das war zuvor, Rica“, antworte ich heiser, „Aboy und Dan haben plötzlich so laut gebrüllt, dass ich es bis vor dem Cottage gehört habe. Bin sofort rein, dachte einer sei hingeknallt auf den rutschigen Fliesen. Es war dann aber nur das Wasser der Dusche. Es war kochend heiß. Der Dan ist aber schnell raus. Bin dann auch raus aus dem Bad. Aboy hat mich zurückgerufen. Wollte was über die Dusche wissen. Eine Dusche, wo die Strahlen verändert werden können.“ Mit Blick zu den Teenagern stöhne ich: „Eine Massagedusche! Ich habe dann Shampoo vor dem Bad gefunden. Dann habe ich Aboy die Dusche erklärt. Die Badtür war immer offen. Jan kam rein, hat gepinkelt. Ich saß auf dem Hocker. Aboy hat gesagt, er fürchte sich allein im Bad, wolle aber auch duschen. Dann habe ich ihm beim Abtrocknen geholfen und bin schnell raus. Den Laptop, draußen vor der Cottage, den hatte ich total vergessen. Wo ich zurück durch das Zimmer bin, lagen die unter den Decken und grinsten breit. Ich fragte: „Habt ihr die Unterwäsche angezogen?“ Aber die grinsten bloß. Gut, ich bin dann schnell raus aus dem Raum, weil der Laptop draußen vor dem Cottage ohne Aufsicht war.“

Die Gesichter der Eltern sehen nun, nach meinen Ausführungen, deutlich entspannter aus. Die Männer und ich, wir zünden Zigaretten an. Sogar Ernesto raucht eine mit. Auch Lang greift zu.

Ernesto ergreift das Wort: „Gut, Tommy! Erzähle das den Polizistinnen, denn die Geschichte wird schon von denen verdreht!“

„Ha!“, ruft Michael, „Genauso verdreht, wie sie es brauchen.“ Vom verschluckten Zigarettenrauch hustet er, lacht aber dennoch ein herzliches, ehrliches Lachen.

Romolo grinst schräg und stöhnt: „Ja, so wie sie es brauchen!“

Matthew inhaliert tief und raunt beim Ausatmen: „Das ist doch immer so. Einer erzählt etwas und der Letzte erzählt dann eine ganz andere Geschichte.“

Vicente tut so, als bete sie: „Tommy, wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Das mit den Attorneys ist eine richtige und gute Sache.“

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In diesem Moment betreten Franco und Kagawad die Szene. Sie tragen große Einkaufstüten. Tüten mit Getränken und Tüten mit wohlduftenden Grillfleisch. Franco kommt ausgesprochen fröhlich daher und summt sogar ein Lied. Kagawad aber stutzt: „Wie seht Ihr denn aus? Ist etwas schlimmes passiert?“

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