3.15. Nackt im Hotel • Polizei – Eltern

[Die Geschichte baut sich auf]

Die Eltern stehen am Maschendrahtzaun. Auf der anderen Seite des Zaunes stehst du und die zwei Teenager Silas und Mikel-Loy. Franco und Kagawad sind noch nicht von den Besorgungen zurück. Du kommst kaum zu Wort, denn die Eheleute Vicente und Michael Kabaltos, Rica und Ernesto Restito, Lang und Matthew Zapeco und der alleinstehende Romolo Taslig sind aufgeregt und guten Mutes. Sie reden fröhlich alle gleichzeitig: Endlich, sie dürfen mit dir sprechen. Die Polizistinnen sagen, es liegt nichts Triftiges gegen dich vor. Wenn sogar die Polizei das sagt, na dann wird sich die Angelegenheit sicherlich schnell klären. Vorsorglich wird ein Attorney (Anwalt) aus Talungan City dich besuchen. Ernesto wirft ein, er kenne einen der besten Attorneys in Sendong City. Mit dem hat er bereits telefoniert. Später muss darüber geredet werden.
Die Männer rauchen hastig, außer Ernesto. Auch du paffst mit, mehr aus Gruppenzwang. Die Teenager schauen verschämt auf die Glimmstengel, müssen sich aber enthalten. Ernesto würde das Rauchen der Teenager nicht erlauben.
Die Eltern berichten, die Polizistin sei mit ihnen fertig, wolle sie aber noch mal kurz in ihrem Büro sehen. Sie kämen dann gleich zurück zu dir. Dann endlich könnt ihr euch ausführlich unterhalten.

Die Zeit ist heran und die Mütter und Väter müssen zurück zur Polizistin. Silas stupst dich, fixiert die Zigarette und gibt Michael Zeichen. Drei Zigaretten werden schnell von Michael durch eine grobe Masche des Zaunes gereicht. Ernesto ist schon am Gehen und bemerkt das nicht.
„Tommy, halte durch und bete“, ruft Vicente voller Überschwang, als sich die Gruppe auf dem Weg zurück befindet.
Nun herrscht wieder Ruhe am Zaun und auf dem Zellenvorplatz, abgesehen von den leisen Unterhaltungen der wenigen Besucher und der anderen Inhaftierten. Ihr Drei pafft die Marlboro. Die Teenager genüsslich und mit dem stolzen Gefühl endlich in der Erwachsenenwelt angekommen zu sein, du leicht schwindelig, des vielen Nikotins wegen. Aus der fünfminütigen Rauchpause sind über zehn Minuten geworden.

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Ma’am Papillio verharrt mit versteinerter Miene an ihrem Schreibtisch, als die Eltern zurück in das Büro kehren und sich schweigend auf die Stühle verteilen. Sie starrt weiter in den Laptop. Ma’am Tolisan arbeitet in der Kammer, nimmt kurz Notiz von den Eltern und tippt auf die Computertastatur ein. Die Eltern spüren, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht sind die Polizistinnen verärgert, wegen der fünfminütigen Verspätung?

Ma’am Papillio räuspert sich, knetet kurz ihre feinen Hände und setzt sich zu den Eltern. Auch Ma’am Tolisan setzt sich hinzu.
„Nun gut“, beginnt Ma’am Papillio das Gespräch, „wir haben neue Informationen zum Geschehen im Hotel erhalten.“
Ma’am Tolisan lässt die Spannung steigen: „Das BSWD hat uns informiert! Die Kinder haben da etwas erzählt. Also, es ist etwas vorgefallen im Cottage.“
„Ja, so könnte es ausgedrückt werden, Vorfall!“, redet Ma’am Papillio um den heißen Brei.

Die Eltern werden unruhig.

Ma’am Tolisan räuspert sich und blickt Ma’am Papillio an: „Dass einige Kinder nackt geduscht haben und dass Heger merkwürdigerweise dabei im Bad zugegen war, wissen wir ja schon.“
Ma’am Papillio nickt kaum merklich und führt aus: „Aber neu ist, neu ist, und das ist wirklich nicht schön, die Kinder haben den BSWD-Mitarbeitern erzählt, sie hätten an ihren Geschlechtsteilen gespielt und onaniert.“
„Und Ihr großer Freund Tommy, der hat zugeschaut, das gutgeheißen und nicht unterbunden!“, ergänzt triumphierend Ma’am Tolisan mit spitzer Stimme und trommelt mit dem Bleistift laut auf ihren Notizblock.

Die Eltern sind geschockt.

„Nun fragen wir uns“, fährt Ma’am Papillio streng fort, „warum tun die Kinder das im Hotel?“
Ma’am Tolisan springt auf und brüllt: „Dazu gibt es doch überhaupt keinen Grund! Überhaupt keinen! Kinder tun das nicht einfach so!“

Vom Aufspringen und vom Brüllen erschrecken die Eltern, die Mütter Vicente und Rica zucken zusammen. Betretenes Schweigen.

Ma’am Tolisan setzt sich wieder. Sie schüttelt ärgerlich den Kopf. Ihre Lesebrille auf der Nasenspitze verrutscht, sie stöhnt und schwitzt stark.
Ma’am Papillio steht langsam auf und umrundet die Gruppe. Die Hände hat sie auf dem Rücken gefaltet. Es wirkt, als führe sie Selbstgespräche: „Warum unterbindet Mr. Heger, Ihr aller Freund, das nicht? Ergötzt er sich daran!?“
Der letzte Satz kann Aussage oder Frage sein.

Die Eltern schauen sich ungläubig an.

„Ergötzt?“, wiederholt Michael verdutzt, was meinen Sie damit?“
Ma’am Papillio sitzt wieder und mustert die Eltern scharf: „Findet Mr. Heger an solchen Dingen Gefallen?“
Rica ist aufgeregt und schwitzt: „Aber was unterstellen Sie dem Heger denn da, Ma’am? Und unsere Jungen tun das nicht!“
„Ha“, ruft Romolo und fuchtelt wild mit dem Zeigefinger in der Luft herum, „tun das nicht! Die sind in dem Alter, wo das anfängt. Das ist die Natur. Dagegen kann sich keiner wehren.“
Michael nickt zustimmend: „Das ist eben das Alter.“
„Quatsch, Romolo!“, Ernesto ist verärgert, „Das ist schlecht. Unsere Kinder tun das nicht!“
Michael ruft: „Du redest Quatsch, Ernesto, alle tun das!“
Die Mütter Vicente, Rica und Lang schluchzen leise.
Vicente fasst sich: „Wenn wir die Wäsche im Fluß waschen, kann man das schon manchmal beobachten. Das sind halt dumme Jungs.“
Auch Rica ist nun aufgebracht: „Unser Sohn macht das nicht, Vicente!“, behauptet sie.
Lang schüttelt nur den Kopf.
Ma’am Papillio und Tolisan schauen nicht ohne Wohlwollen der Diskussion zu. Ma’am Papillio hebt die Hand. Die Eltern schweigen sofort: „Die Frage ist, ergötzt sich Heger daran?“
„Wenn das eine Frage ist“, stellt Michael fest, „wissen Sie es nicht, Ma’am und wir erst recht nicht!“
Ma’am Papillio erkennt ihren Fehler: „Gut, wir müssen uns die Kinder dann noch einmal vornehmen, ähm befragen.“
„Und auch Mr. Heger“, fügt schnell Ma’am Tolisan hinzu. Sie spricht nun in Zimmerlautstärke und scheint nicht mehr ärgerlich zu sein.
Zögernd meldet sich Matthew, Langs Ehegatte. Es fällt ihm sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden: „Ma’am, ja ist denn…. also ist im Hotel, ich meine, also…. ist noch mehr passiert?“
„Sie meinen sexueller Kontakt zwischen Heger und den Kindern?“, erweitert Ma’am Papillio Matthews Frage.

Die Eltern sind von Ma’am Papillios Offenheit peinlich berührt und schockiert.

Romolo und Michael haben trotzige Gesichter.
Michael erwidert schnell: „Bei allem Respekt, Ma’am, aber das ist nun wirklich Unsinn.“
Romolo fügt laut hinzu: „Niemals!“
Ernesto steigt die Zornesröte ins Gesicht, er bleibt aber still. Die Frauen weinen leise.
Romolo reibt sich das schmerzende Knie und stöhnt: „Dummes Zeug.“
Matthew ist auch zornig: „Ma’am, so habe ich meine Frage nicht gemeint! Ich will wissen, war das alles, an den Genitalien gespielt?“
„Und onaniert“, antwortet Ma’am Papillio schnell und fügt hinzu: „Sonst ist uns nichts Weiteres zugetragen worden.“
Ernesto schweigt mit zusammengekniffener Miene. Michael wirkt trotzig. Romolo und Matthew schauen beiseite. Die Mütter schützen sich, legen die Gesichter in ihre Hände und schluchzen leise weiter.

Michael fasst nüchtern zusammen: „Mit den Genitalien spielen. Das machen die jeden Tag! Ich sehe da nichts Unnatürliches.“
Ernesto will antworten und holt tief Luft.
Aber noch bevor die Diskussion erneut unter den Eltern aufflammen kann, schreitet Ma’am Papillio ein: „Gut, ich habe Sie nun von den neuen Fakten in Kenntnis gesetzt.“ Sie schaut auf ihre Armbanduhr und dann zu Ma’am Tolisan: „Wir werden das investigativ untersuchen.“
Ma’am Tolisan nickt.
„Heißt das, wir dürfen Tommy heute nicht besuchen?“, schluchzt Vicente.
Ma’am Papillio reibt sich die Schläfen: „Oh nein, das habe ich Ihnen ja schon zugesagt. Das ist okay.“
Ernesto atmet tief ein: „Ma’am, ich kann es mir nicht leisten, noch einen Tag hier zu verschwenden. Ich muss zurück nach Sendong City.“
Matthew sagt sofort: „Ma’am, ich auch.“
Romolo und Vicente müssen ebenfalls zurück in ihren Heimatort.
Ma’am Papillio hat keine Einwände: „Demnach bleiben die beiden Mütter Ma’am Restito und Ma’am Zapeco und der Vater Mr. Kabaltos in Tugalm City?“
Die Eltern bejahen.
Ma’am Papillio wirkt plötzlich müde: „Das ist gut! Dann können Sie die Kinder im BSWD versorgen. Das Essen dort ist wahrlich nicht besonders. Es könnte auch sein, dass wir Sie noch einmal hier benötigen. Mr. Heger, hat der Familie hier, Freundin, Freund? Irgendwer muss den Mann hier versorgen.“
„Kein Problem, Ma’am!“, ereifert sich Michael und nickt schnell, so dass sein Zopf heftig hin und her geschleudert wird. „Da ist ja auch noch Franco, sein Freund, der bleibt bestimmt auch hier!“
Ma’am Papillio hat einen glasigen Blick. Sie wirkt geistig abwesend und wiederholt leise: „Franco, sein Freund.“ Dann kommt sie zu sich und springt auf: „Nun gut, gehen Sie zu Heger! Der braucht Sie.“

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Langsam und schweigend trotten die Eltern durch den düsteren und bedrückend engen Flur der Polizeistation Central. Das Atmen fällt schwer. Der sauerstoffarmen abgestandenen schwülwarmen Luft, oder des soeben Gehörten wegen. Romolo schmerzt das Knie. Er stöhnt. Die Vorfreude, Tommy zu sehen, ist den Eltern gehörig vergangen. Sie wissen nun nicht, wie sie Tommy gegenübertreten sollen. Die Geschichte wird immer mysteriöser. Die Kinder sind isoliert. Die können die Eltern nicht fragen. Nur das bevorstehende Gespräch mit Tommy kann Klarheit schaffen – hoffentlich.

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