3.07. Isolierte Kinder – Ratlosigkeit

(Fortsetzung Kapitel 3.05.)

Rica ist etwa 10 Minuten nach Michael vom Jugendamt des BSWD eingetroffen. Das war vor wenigen Minuten. Unter den Eltern und den aus dem Dorf Mitgereisten herrscht Ratlosigkeit über das Verhalten des BSWD und dass Rica die Kinder nicht besuchen durfte. Keiner weiß so recht, was zu tun ist. Michael, Matthew, Romolo, Kagawad Jacub Castro, der Pastor Jack und die beiden Teenager müssen vor dem Holzhäuschen der Born Again Gemeinde erst einmal eine rauchen.

Die Frauen, das sind Rica, Lang, Vicente und die Frau des Pastors, sitzen schluchzend beieinander, trösten Rica und wischen sich Tränen aus den Augen. Rica ist noch völlig aufgelöst und muss erst einmal zu sich kommen. Zu einem vernünftigen Gespräch ist sie noch nicht fähig.

Auch die Männer und die zwei Teenager Silas und Mikel-Loy sitzen jetzt beieinander. Michael erzählt atemlos und mit ausladenden Gesten, wie er mittels Marlboro den Wachmann dazu bewegen konnte, Einlass zum Heim zu bekommen. Dabei kichern er und seine Zuhörer einige Male leise.
Anschließend berichtet er mit gedrückter Stimme und ernstem Gesichtsausdruck vom Gespräch mit dem Chef des Jugendheimes, Sir Sala, und dessen unangenehmen Fragen und den merkwürdigen Verdächtigungen Tommy gegenüber.
Sein Gesicht hellt sich erneut auf, als er erzählt, wie sich die Kinder über die kleinen Kuscheltiere gefreut haben. Rica, die mit ihrem Ehemann Ernesto bei ihrer Tochter übernachtet hat, weiß nichts von Kuscheltieren. Die Frauen berichten Rica, kleine Geschenke, Süßigkeiten und Gebrauchsartikel für die Kinder heute Morgen im Gaisano gekauft zu haben.

Samuels Mutter Rica verflucht den ungepflegten Wachmann, der ihr den Zutritt zum Heim verwehrte und fast das schöne Essen in eine dreckige Pfütze gestellt hat. Ihre unschönen Erinnerungen an den Teufel ‚Dengue‘ und den anschließenden Nervenzusammenbruch verschweigt sie.
Rica ist tief empört über das Jugendamt. Aber unter ihren Freunden aus dem Dorf kehrt ihre Energie und Zuversicht zurück. Sie trocknet sich die letzten Tränen, richtet das Haar und sich selber auf dem Stuhl auf. Sie findet zu ihrem Kampfgeist zurück. So kennen ihre Freunde sie.
Trotzig spricht Rica mit fester Stimme: „Was fällt dem BSWD ein? Das können die nicht tun, unsere Kinder von uns trennen. Ich, nein, Ernesto und ich, wir werden um Samuel kämpfen!“
Auch Lang trocknet sich die letzten Tränen von den dicken Wangen und richtet das störrische Haar: „Das werden wir doch alle, Rica!“
Langs Ehegatte Matthew wiederholt: „Das werden wir alle!“
Auch Vicente, Phils Mutter pflichtet Rica bei: „Natürlich werden wir das!“
Michael, Vicentes Ehemann, nickt. Auch Romolo nickt mit ernster und entschlossener Miene.

Michael, Matthew, Romolo, Kagawad und die zwei Teenager sitzen nahe der Frauen. Rauchen dürfen sie im engen Gebetsraum der Born Again Gemeinde nicht.
Michael spielt mit einer unangezündeten Marlboro und schaut ernst: „Ich denke, das Besuchsverbot hat nicht das BSWD, sondern die nette Polizistin angeordnet.“ Das Wort „nette“ betont er und zieht es die Länge.

Der Freizeitpastor der Born Again Gemeinde und Franco sitzen abseits der beiden Gruppen.
Der Pastor, ein hagerer Mittvierziger mit prägnant hervorstehendem Kehlkopf und rauher Stimme, räuspert sich: „Da hat Michael vollkommen recht. Die Polizei will verhindern, dass Ihr auf die Kinder Einfluss nehmt. Und vielleicht will die Polizei die Kinder auch vor den Medien schützen. Aber in solchen Fällen ist das normal.“
Kagawad entgegnet: „Das denke ich weniger, dass die Polizei verhindern will, dass Ihr mit den Kindern sprecht. Die Polizei hat die Jungen doch schon befragt. Sagte die Polizei nicht, dass bisher nichts Negatives gegen Tommy vorliege? Das haben die Polizisten doch klar gesagt?“ Er schaut erst Michael, dann Romolo und dann Matthew an. Auch die Frauengruppe blickt er hilfesuchend an. Er fragt unsicher: „So habt Ihr es doch gestern berichtet?“
Alle nicken heftig oder liften kurz die Augenbrauen als Zeichen der Zustimmung.
Michael ist der Erste, der antwortet: „Ja, ja, die junge Polizistin sagte, keine eindeutigen Aussagen.“
Lang richtet das wirre, widerspenstige Haar und räuspert sich: „Und gestern vor der Polizeistation haben die Jungen auch nichts ‚Merkwürdiges‘ berichtet.“
„Die Jungen waren doch gestern total eingeschüchtert. Die hatten Angst. Ist Dir das nicht aufgefallen, Lang?“, unterbricht Langs Ehegatte, Matthew sie.
Lang ist die Szene, die sie gestern vor der Polizeistation mit ihren Söhnen provoziert hat, jetzt peinlich. Verlegen schaut sie zur Seite und schweigt.
Romolo reibt sich das schmerzende Knie: „Da war nur dieser dumme Fernsehbericht, der rein gar nichts aussagt. Und dass Tommy im Bad war, als mein Aboy geduscht hat, das bedeutet ebenfalls nichts.“
Vicente bricht ihr Schweigen und stellt fest: „Dann wollen die Polizistinnen also die Kinder noch mal ausquetschen.“
„Sicher,“ antwortet ihr Ehegatte, „aber zuerst uns. Um ein Uhr haben wir Termin. Wie spät ist es?“
„Kurz nach 12 Uhr.“, erhebt der Pastor das Wort und fährt fort: „Ihr und Euer Freund Tommy, Ihr braucht einen Attorney (Anwalt). Wir haben ja schon drüber gesprochen. Ihr müsst Euch beraten lassen. Ihr braucht professionellen Beistand. Soweit ich weiß, ist bei solchen Fällen das BSWD berechtigt, die Kinder in Obhut zu nehmen. Aber Isolation ist etwas ganz anderes. Ich denke das können die nicht tun. Ich kenne mich aber damit nicht aus. Nur ein Attorney kann hier helfen!“
Kagawad sagt schnell: „Ja, das ist wahr. Laut Gesetz darf das Jugendamt ‚BSWD‘ die Kinder in Obhut nehmen. Auch die Polizei oder ein Staatsanwalt oder Richter kann das anordnen. Ich als Ortsvorsteher habe einige Fälle erlebt.“ Er blickt seine Leute aus dem Dorf an: „Und die meisten Fälle bei uns im Dorf sind Euch bekannt.“
Die Dorfbewohnen wollen an diese unschönen Geschichten nicht erinnert werden, nicken betreten und schweigen.
Matthew bricht die belastende Stille: „Das haben die Polizistinnen doch auch gestern gesagt. Also, die haben gesagt, dass die Kinder im BSWD bleiben.“
Michael ergänzt: „Aber nur solange wie die Ermittlungen laufen!“
Lang massiert sich die linke Schläfe: „Und danach läge die Entscheidung über die Kinder beim Gericht. Das hat die Polizistin gestern so gesagt.“
Kagawad ergänzt: „Ja, das ist richtig so. Das Mädchen von Kokoy war über fünf Monate im BSWD. Ihr erinnert Euch doch alle? Aber isoliert war das Kind nicht, soweit ich mich erinnere. Naja, da gab es ja auch keinen Fernsehbericht und es war auch kein Ausländer involviert.“
Das Thema ist nun allen zuwider. Es herrscht betretenes Schweigen.

Kagawad zündet sich, sehr in seine Gedanken vertieft, eine Marlboro an. Der strenge Blick von Pastor Jacks Ehefrau entgeht ihm.
Kagawad springt auf, als habe er eine Eingebung: „Tommy ist der Schlüssel! Wenn Tommy entlassen wird, gehen auch die Kinder heim.“
Die Dorfbewohner nicken, liften wieder kurz die Augenbrauen, aber sie antworten nicht.
Vicente erinnert sich an das, was ihre Mutter gestern Morgen gesagt hat, und wiederholt es leise, aber hörbar: „Wen das BSWD erst einmal hat, den gibt es so schnell nicht wieder her.“
Das drückt die Stimmung nun vollends. Es herrscht Ratlosigkeit und Frustration. Die Eltern und Dorfbewohner schauen beiseite und schweigen. Keiner ist mehr an diesem Thema interessiert.

Dem Freizeitpastor Jack entgeht die gedrückte Stimmung und Frustration der Dorfbewohnen nicht. Er nutzt die Situation: „Also, ich werde De Baron Bescheid geben, er soll den Tommy besuchen und Ihr müsst auch mit dem reden. Euch beraten lassen.“
Rica kneift die Augen zusammen: „Und wer ist De Baron?“
Jack antwortet schnell mit rauher Stimme: „Ein sehr guter Attorney hier in Talungan City. Der ist wirklich gut. Hat mich schon oft rausgehauen!“
Rica wird ärgerlich, fixiert Jack, den Freizeitpastor, und fragt vielsagend: „So, so, schon oft rausgehauen?“ Bevor der etwas erwidern kann, erläutert Rica: „Mein Mann Ernesto hat gestern lange mit unserem Freund und Verwandten Attorney Padernesto telefoniert. Dem Attorney die ganze dumme Geschichte erzählt. Der hat sofort zugesagt. Der würde den Fall übernehmen. Er wird uns heute noch seine Acceptance Fee (Gebühren zu Annahme des Falles) nennen. Wir haben Tommys Telefonnummer nicht. Aber vielleicht können wir mit Tommy später darüber reden.“
Jack und Franco wechseln verstohlene Blicke. Sie wollen unbedingt De Baron als Attorney. Franco antwortet bestimmend: „Tommy muss entscheiden, welchen Attorney er will. Wir werden sehen!“
Rica blickt Franco misstrauisch an: „Ja, wir werden sehen!“, wiederholt sie langsam. Dann fügt sie hinzu: „Müssen wir nicht langsam los? Ich rufe Silvia an. Ernesto soll sich auf den Weg zur Polizeistation machen.“
Franco schaut auf das Display seines LG-Cellphones und liest die Zeit ab. Er seufzt: „Ja, Zeit aufzubrechen.“

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