3.05. Der Teufel „Dengue“ [OFFEN]

Nachdem Michael abgefahren ist, hält kurze Zeit später eine weitere Motorela vor dem BSWD-Gelände. Rica Restito, Sams Mutter, steigt aus. Auch sie trägt Tüten mit Speisen in Tupperdosen und Getränken. Auch sie hat für die Kinder gekocht. Ernesto, ihr Ehegatte, und sie waren über Nacht bei ihrer Tochter zu Gast. Mit den Freunden, die in der Kirche der Born Again Gemeinde geschlafen haben, telefonierten sie am Morgen nicht. Sind sie doch alle gegen 13 Uhr in der Polizeistation mit den Polizistinnen verabredet.

Rica freut sich, ihren Sam und seine vier Freunde wiederzusehen. Besonders freut sich Rica auf die großen Kinderaugen. Sie und ihre Tochter Silvia haben nur Lieblingsspeisen für die Jungen bereitet. Dazu gehören süßer Nudelsalat mit Sahne und Käse, Limpo (gegrilltes Schwein), Spaghetti und knusprig frittierte Hühnerteile. Außerdem trägt sie Cola und Sprite. Und eine Tüte mit Obst: Papaya, gelbe saftige Mangos, gewürfelte Ananasstücke, Bananen und sogar Äpfel. ‚Na, die Fünf werden Augen machen‘, freut sich Rica und eilt über den Hof.

Das Tor des Zaunes ist versperrt. Zaghaft rüttelt sie daran. Hilfesuchend schaut sie sich um. Eine nette Dame in ihrem Alter deutet auf den Kasten rechts. Rica klingelt dreimal. Nichts rührt sich. Sie weiß nicht recht, was sie tun soll. Also rüttelt sie nochmal am Tor und ruft: „Hallo, hallo!“
Die Ketten klirren und das Tor des Maschendrahtzauns scheppert. Endlich öffnet sich die Gebäudetür. Ein dicker Wachmann kommt schnaufend und in gebücktem Gang zum Tor. Er blickt nicht zu Rica auf, schnippt die Kippe weg, schaut weiterhin zu Boden und fährt Rica an: „Sie haben doch das Essen abgeliefert, was wollen Sie denn noch?“

Rica ist eine Sekunde perplex, dann stammelt sie: „Aber, aber, ich habe das Essen für die Kinder doch hier.“
Nun ist der Wachmann perplex, er hebt den Blick und schaut genervt in Ricas Gesicht: „Und wer sind Sie?“
Rica ist sofort gefasst: „Ich bin die Mutter von Sam, Samuel Restito. Mein Sohn ist hier und vier andere Kinder aus unserem Dorf.“
Der schwitzende Wachmann mit der zu großen und schlechtsitzenden Uniform ist verärgert: „Nein, so geht das nicht. Nein, nein. Ihr müsst Euch schon ein bisschen absprechen. Ich kann doch nicht ständig irgendwelche Leute hier reinlassen.“
Rica kräuselt die Stirn. Sie hat keine Ahnung, wovon dieser nach kaltem Zigarettenrauch riechende Mann nuschelt: „Was? Was ist das Problem? Ich habe Speisen und Getränke für die Kinder und ich möchte nun meinen Sohn sehen.“
Der Wachmann antwortet barsch: „Da war vor nicht einmal fünf Minuten ein Typ hier. Der Vater von Bill? Hat ’nen Zopf. Kettenraucher!“
Rica sagt nur: „Ach“, und wiederholt gedankenverloren: „Der Vater von Phil, der Michael…“
„Ja, ja!“, unterbricht der Wachmann Rica. Er schaut auf seine verschlissene Seiko: „So, ich muss zurück. Ich werde nicht für’s Quatschen bezahlt.“
„Aber, aber, ich will meinen Sohn sehen“, stammelt Rica leise und hebt die Tüten hoch.
„Besuchsverbot! Anordnung von oben, von ganz oben! Der Vater mit Zopf hat ’ne Ausnahme vom Boss gehabt. Aber ich gehe nicht nochmal zum Boss. Der reißt mich in Stücke, wenn ich den ständig nerve, ähm störe.“
Rica ist den Tränen nahe, sie schluchzt: „Ja, aber, was mache ich mit dem Essen?“
„Die Jungen haben doch schon vom Vater mit dem Zopf bekommen“, schnauft der Dicke und zündet sich eine Marlboro an.
„Ich, wir haben für die Jungen gekocht. Ich will meinen Sohn sehen! Sofort, bitte!“
„Nix da! Besuchsverbot!“, blafft der unrasierte, schwitzende Wachmann Rica an.
Rica kann die Tränen nicht zurückhalten und schluchzt erneut. Sie bringt kein Wort mehr über die Lippen.
„Na gut, geben Sie schon her.“ Bei diesen Worten kramt der Wachmann ein Schlüsselbund aus der ausgebeulten Jackettasche, öffnet die Schlösser und wickelt die Ketten ab.
Rica weint und schnäuzt sich unterdessen mehrmals in ihr kleines Tuch. Sie gibt die Tüten durch den Spalt und schreit spitz auf, als der Wachmann eine der Tüten fast in eine dreckig-braune Pfütze stellt.
„Ops, gerade nochmal gut gegangen“, ist seine freche Antwort auf Ricas Schrei. Er lässt Rica stehen und schreitet schwankend und pfeifend mit den Tüten zurück zum Gebäude.

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Rica ist fassungslos. Sie hat noch nicht realisiert, wie ihr gerade mitgespielt wird. Es brüllt in ihr: ‚Die lassen mich nicht zu Sam. Zu meinem Samuel!‘
Rica drückt mehrmals den Klingelknopf, aber die Klingel bleibt still. „Abgestellt!“, schluchzt sie und: „Die lassen mich nicht zu meinem Sohn.“
Diese Erkenntnis trifft sie wie ein Hammerschlag. Sie heult laut, erinnert sich ihrer Gedanken, die sie eben noch hatte: Die Vorfreude auf die großen, glücklichen Kinderaugen beim Anblick der Leckereien.
„Nein,“ ruft sie verzweifelt und rüttelt heftig am Tor, „ich lasse mir nicht meinen Sohn verbieten. Ich verliere nicht noch ein Kind.“
Einige Besucher, möglicherweise sind es Angestellte auf dem Weg zu den anderen Gebäuden, bleiben kurz stehen oder schütteln die Köpfe über die laut hysterisch weinende Frau am Tor.
In Rica jedoch kommen längst verschüttet geglaubte Emotionen hoch: Ihre süße Tochter, ihr Baby, ihre kleine Pinzessin. Sie erinnert sich und sieht den kleinen Körper auf dem Behandlungstisch liegen. Der kleine Handrücken, viel zu zierlich für die große Infusionsnadel. Rica erinnert das viele Blut. Blut, das aus allen Körperöffnungen kommt. Sie sieht vor ihrem geistigen Auge erneut, die hektischen Ärzte und die überforderten Schwestern. Und den genervten Arzt, der sie des Behandlungsraumes verwiesen hat, als sie einen Weinkrampf hatte. An die Beruhigungsspritze, die sie bekommen hatte, kann sie sich bis heute nicht erinnern. Aber an diesen plötzlichen monotonen Herzton. Es gab kein „Piep, piep, piep“ mehr. Und dann war da diese unerträgliche Stille. Die Ärzte und die Schwestern mit hängenden Schultern und gesenkten Blicken.

„Der Teufel ‚Dengue‚ hat wieder ein Kind geholt.“ In der Zeit der Epidemie war dieser Satz sehr oft zu hören.

Ihre Prinzessin, gerade drei Jahre alt. Rica erinnert sich an das süße Lachen. Sie wird es nie wieder hören. Nie wieder! Danach die zweideutigen Äußerungen der Krankenhausangestellten: Hätten sie nicht früher ins Krankenhaus kommen können? Bei Dengue-Fieber wartet man nicht. Ja, nutzen Sie denn kein Moskitonetz oder Baygonspray, Lion-Tiger oder eine Schutzcreme gegen die Mücken? Hatten Sie denn nicht alle Wasserlachen rund um das Haus beseitigt? Sie und ihr Gatte Ernesto, fühlten sich schuldig. Schuldig am Tod ihrer Tochter. Sie haben nie darüber gesprochen. Es hat lange gedauert, diesen Schmerz zu verarbeiten, das Geschehen und die Schuldgefühle zu verdrängen. Und dann kam Samuel. Sam hat einen sehr ähnlichen Charakter wie ihre kleine Prinzessin. Er ist immer an allem interessiert, aufgeschlossen und immer am Lachen. Er führt nie etwas Böses im Schilde. Ein gutes Kind.

Rica wird plötzlich schwindelig, ihr Blutdruck und der Blutzucker sacken rapide ab. Als sie wieder zu sich kommt, helfen ihr eine Frau und ein Mann hoch. Ihr Unterarm blutet leicht. Eine Schramme von einem hervorstehenden Draht des Zaunes. Sie braucht Sekunden, um zu realisieren, wo sie sich befindet und was gerade passiert.
Verwirrt stammelt sie und zeigt zum BSWD-Gebäude: „Mein Sam ist da drin. Die lassen mich nicht zu ihm. Meine süße Prinzessin ist im Himmel. Sam ist im Heim.“
Rica steht wieder. Ihre Kraft kehrt zurück. Sie reißt sich von den Helfern los: „Ist schon gut. Danke! Danke sehr!“
Jetzt merkt sie, dass sie blutet. Sie drückt das kleine Tuch auf die Wunde, streicht sich Strähnen von der Stirn, trocknet die Tränen und fühlt, dass sie schrecklich aussehen muss. Sie nimmt dankend ein Papiertuch der freundlichen älteren Dame entgegnen und streicht und klopft sich die Kleidung glatt: „Danke, geht schon. Ich bin in Ordnung, geht schon.“
Die Helfer erwidern etwas, aber Rica taumelt schon zur Straße, kramt das Cellphone aus der Damenhandtasche und wählt Langs Nummer: „Lang,“ schluchzt Rica, „die lassen mich nicht zu Sam. Ich wollte ihnen Essen…“ Rica weint wieder.
„Rica“, ruft es aus dem Cellphone, „Rica, beruhige Dich. Komm sofort zu uns. Born Again Gemeinde, neben dem Tugalm City Jail. Bitte, komme sofort hierher.“

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