3.04. Marlboro als Türöffner

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Es sind etwa 20 Minuten mit der Motorela (dem Motorradtaxi) von der Polizeistation Central bis zum BSWD-Gelände. Beim Aussteigen aus der Motorela wundert sich Michael über den weißen Betonklotz, der das rot-blaue Emblem des BSWD trägt. Die schmalen Seiten des Betonklotzes folgen den Konturen des Emblems: Zwei senkrecht stehende Hände, die in Herzform gefaltet sind, und eine Menschengruppe umschließen. Michael wundert sich, da der Klotz schief steht. An einer der schmalen Seiten befinden sich Abdrücke von groben Sohlen. Wahrscheinlich feste Militär- oder Motorradstiefel.
„Da war wohl jemand mächtig sauer“, lacht Michael dem Fahrer zu. Der grinst breit, im Mundwinkel ein glühenden Zigarettenstummel. Die Motorela wendet auf der Stelle, die Maschine kreischt laut auf und rauscht mit einer blauen Abgasfahne davon.

Michael geht über den ersten Platz nach rechts. Dort sieht er das zerschlissene Basketballnetz, den Platz mit den rostigen Spielgeräten und der Schaukel. Umzäunt ist der mehrstockige Zweckbau mit einem hohen Maschendrahtzaun. Auf dem Zaun zu einer Endlosspirale gerollter Stacheldraht. Das Tor ist verschlossen. Michael rüttelt daran. Es scheppert und die schweren Ketten klimpern. Auf der rechten Seite ein wettergeschützter kleiner Kasten. Dort ist die Klingel. Nach dreimal Läuten kommt ein dicker Wachmann in schlecht sitzender Uniform. Die Hose hängt auf halb acht und das Hemd schaut heraus. Auf Michael wirkt das witzig, er grinst.

„Was klingeln Sie hier Sturm? Mann, was wollen Sie?“, blafft der Wachmann Michael an.
Michael hebt die Tüten mit den Tupperdosen, den Getränken und den Süßwaren hoch: „Für die Kinder aus Sendong. Ich bin der Vater von Phil, ähm Philipp Kabaltos. Wir haben gekocht und eingekauft. Auch Zahnbürsten und Zahnpasta und kleine Handtücher und was die Jungen halt so brauchen.“
„Besuchsverbot! Anweisung von ganz oben, Mann! Ganz oben!“
Michael ist unbeeindruckt. Er zündet sich eine Marlboro an und bläst sogleich den blauen Rauch scharf in die Luft: „Sir, ich will die ja gar nicht lange besuchen, nur das Essen schnell vorbeibringen und am besten die Tupperdosen gleich wieder mitnehmen. Sind nämlich nur geborgt.“
Während Michael redet, hält er dem schwitzenden Wachmann die Marlboroschachtel unter die Nase.
Dessen Augen leuchten auf: „Sie schickt der liebe Gott! Meine sind schon alle. Sehr komisch. Ein paar Stängel haben sich wohl von selbst geraucht!“, scherzt er und lacht: „Anders kann ich mir das nicht erklären. Normalerweise reicht eine Packung gut für eine Schicht. Danke, Mann! Und Sie sind einer der Väter der fünf Bälg… ähm Jungs? Sie kommen aus Sendong? Es geht mich ja nix an, aber warum waren die Jungs denn mit dem Ausländer unterwegs?“
Michael bleibt freundlich, innerlich kocht er. Michael weiß, in dem Moment ist dieser ungepflegt Typ der wichtigste Mann hier im gesamten verdammten BSWD. An dem muss er vorbei.
Michael antwortet ruhig: „Der Ausländer ist unser Freund. 2007 hat der auf meiner Hochzeit die Fotos geschossen. Der ist okay. Wir kennen den sehr gut.“
„Ach so!“, bläst der Wachmann den Rauch aus. Die Jacke, die er trägt, ist mindestens drei Nummern zu groß.
Michael hält ihm die Schachtel noch einmal unter die Nase: „Nehmen Sie, wenn Sie keine mehr haben!“
Der Wachmann zieht vier Marlboro: „Gut, warten Sie. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Versprechen kann ich aber nix.“ Schlurfend entfernt er sich Richtung Gebäude. Dabei ordnet er Hose und Hemd und zieht alles gerade.

Fünf Minuten später öffnet der Wachmann mühselig das Tor. Währenddessen faselt er: „Hab ’nen gutes Wort für Sie eingelegt. Sir Sala, mein Boss, gibt ihnen 20 Minuten. Aber nur, weil Sie ein Vater sind und nicht so ein hergelaufener Medienfuzzi. Und, ja und, weil Sie okay sind. Aber, nicht über den Fall, also ich meine über den Ausländer reden. Sonst ist der Besuch sofort beendet. Klar?“
„Glasklar, Sir!“, antwortet Michael knapp. ‚Nur nicht zu viel reden. Besser Klappe halten‘, denkt er und freut sich: ‚Mein Ziel habe ich erreicht.‘

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Michael sitzt in der Kantine. In der angeschlossenen Küche werkelt eine neugierig, aber freundlich blickende dicke Köchin. Zwei Mädchen im Teenageralter helfen ihr. Eines der Mädchen füllt Michaels Tupperdosen um und reinigt sie. Anstatt der Kinder kommt ein untersetzter Herr mit Glatze und beigefarbener Hose und Weste. Die Weste hat sehr viele Taschen. Auf Michael wirkt der ältere Herr eher wie einer dieser amerikanischen Angler, die im National Geographic Sender manchmal gezeigt werden. Er hat aber auch etwas von Buddha, stellt Michael fest.

„Guten Tag, Herr Kabaltis, Sie sind also der Vater von Phil?“
„Kabaltos, unser Familienname ist Kabaltos, Sir.“
Der Herr mit Glatze und Weste ist freundlich: „Mein Name ist Sala. Ich bin der Heimleiter, also der Leiter des BSWD Tugalm City, dem Jugendbereich. Das Kinderheim gehört natürlich dazu.“
Die beiden unterschiedlichen Männer (Michael ist schlank, mit vollem Haar und Zopf und Sir Sala, der dick und mit Glatze daherkommt) geben sich die Hände und setzen sich an einen der Tische.
Sala rümpft die Nase: „Nett, dass sie Essen für die Jungen bringen. Aber seien Sie unbesorgt, wir versorgen die Kinder gut.“
„Ähm, ja, da sind noch andere Sachen für die Fünf. Kleine Tücher, anderes Zeug, Zahnbürsten, Süßes, Cola.“
„Gestatten Sie mir eine Frage, Herr Kabaltos: Warum haben Sie Ihren Kinder erlaubt, mit einem Ausländer zu reisen?“
Michael ist überrascht und stottert: „Na ja, wir, wir, kennen den Tom, den Tommy doch schon ewig. Und der Tommy macht diese Reise doch jedes Jahr. Nur, nur diesmal mit Übernachtung. Wegen der Straßen und der langen Reisezeit. Sonst kommt der immer am gleichen Tag zurück.“
„So, so“, grübelt Sir Sala laut, „wegen der Straßen. Mhm, also die Straßen sind schuld?‘
„Die Baustellen, Sir. Wir haben auch anstatt zwei über vier Stunden hierher gebraucht. Der, der Tommy wollte wohl nicht in der Nacht zurückkehren. Also nach Sendong zurückkommen.“
„Und da hat es keine andere Lösung gegeben? Früher heim?“, fragt Sala ungläubig.
„Ich weiß nicht!“, antwortet Michael ehrlich.
„Nun gut, den Schlamssel haben wir ja schon. Also der Ausländer ist Ihr Freund, sagen Sie?“
„Ja, ja, unser aller Freund. Der ist okay. Unser Freund und der mag Kinder!“
„Mag Kinder? Was meinen Sie damit, Mr. Kabaltos?“
Michael ist das Gespräch nun unangenehm. Er fühlt sich in die Ecke gedrängt: „Die Kinder mögen ihn. Keine Ahnung“, antwortet er abwehrend und macht auch mit der ausgestreckten Hand eine abwehrende Geste. Er würde jetzt unbedingt gerne eine anzünden. Aber in der Kantine des Kinderheims?
„Warum war denn keiner der Eltern oder ein erwachsener Bekannter als Begleitung dabei?“
„Weiß ich doch nicht?“ Michael ist verärgert. Er fügt hinzu: „Sonst ist immer der Franco dabei. Der Cousin meiner Frau und vom Aboy, also Aboy ist Romolo Junior. Das ist sein richtiger Name. Aboys Vater ist der Bruder meiner Schwiegermutter.“
„Gut, dann sind Sie Aboys Onkel und natürlich der Vater von Phil. Haben sich denn die Kinder in der Zeit – während sie mit diesem Tom zusammen waren – verändert? Irgendwie verändert? Also vielleicht ruhiger oder verstörter?“
„Ja, natürlich haben sie sich verändert!“
Sala beugt sich vor: „Ach!“
„Die Kinder waren total aufgeregt, ja richtig aufgedreht, nachdem sie erfahren haben, dass Tommy ins Dorf zurückkehrt. Froh waren die. Richtig happy! Und ich sage Ihnen was, Sir Sala, ich, ich war auch happy. Der Tommy trinkt nämlich gerne einen. Und wir auch! Der ist immer lustig. Singt sogar Karaoke.“
„Hat das Ihr Tommy vielleicht nur getan, um Vertrauen aufzubauen? Um an die Kinder zu kommen?“
„Nein, so wie Tommy sich gibt, das kann nicht gespielt sein. Der hat halt ’ne gute Hand mit Kindern und ist immer nett.“
„Speziell zu den Jungen?“
„Sir, nein, Sir, alle Kinder lieben Tommy!“
„Ich hoffe für Ihren Freund – dem Ausländer – und für Sie, dass da nichts zwischen dem und den Kindern war. Und dass nicht unschöne Fotos irgendwo auftauchen. Alles schon dagewesen, Mr. Kabaltos. Alles schon dagewesen.“

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Die Tür geht auf und die fünf Jungen stürmen in die Kantine. Sofort wirft sich Phil um Michaels Hals: „Papa, Papa, holst Du uns ab?“ Bevor Michael seinem Sohn antworten kann, steht Sir Sala auf: „Wir sprechen uns!“
So wie Sala das sagt, klingt es für Michael wie eine Drohung.
Zu Ma’am Burque raunt Sala: „Mr. Kabaltos hat 10 Minuten. Eigentlich ist derzeit Besuchsverbot.“ Er grinst ölig mit Blick auf Michael: „Aber, wo kein Richter, da kein Henker.“

Die fünf Kinder belagern Michael und rücken ihm zu sehr auf den Leib. Er schwitzt nach dem unangenehmen Gespräch, und er befieht im scharfen Ton: „Kinder, setzt Euch auf die Stühle!“
Die Jungen, überrascht vom scharfen Tonfall, verteilen sich auf die Stühle.
Michael tut sofort sein scharfer Tonfall leid und ist um Freundlichkeit bemüht: „Ich habe Essen gebracht und hier ist Cola. Dann Schokolade und seht hier. Für jeden ein kleines Kuscheltier. Ein Äffchen, ein Teddybär, ein Schweinchen, ein Hund und? Ist das ein Pferdchen?“
Die Kinder freuen sich und teilen die Getränke, die Kuscheltiere und andere Utensilien artig auf.
„Essen könnt Ihr später“, sagt Ma’am Burque, die auch am Tisch Platz genommen hat. Sie staunt über die kleinen Kuscheltiere: „Wie süß die sind. Ihr habt aber nette Eltern.“
Aboy hat das pinkfarbene Schweinchen erwischt. Er schaut traurig: „Onkel, wann können wir heim?“
Michael und die hübsche Ma’am Burque wechseln Blicke. Michael sagt schnell: „Bald, Kinder, bald.“

Die leeren Tupperdosen werden in Tüten gebracht.
Ma’am Burque schaut auf ihre kleine Timex-Uhr: „Gut Jungs, Zeit, uns auf das Mittagessen vorzubereiten.“
Michael erhebt sich und umarmt schnell jedes Kind. Traurig trotten die Jungen mit hängenden Köpfen und Schultern gemeinsam mit Ma’am Burque aus der Tür. Michael schnappt sich die Tüten, ist schnell aus dem Gebäude und schon am Zaun. Der verschwitzte Wachmann öffnet fluchend das Tor. Hastig zündet sich Michael eine Marlboro an. Auch der Wachmann zieht sich noch eine.

Michael steht an der Straße und winkt eine Motorela herbei. Er blickt zum Betonklotz mit dem BSWD-Emblem und kann nun erahnen, warum der schiefsteht. Die Motorela wendet auf der Stelle und hält. Michael nennt das Ziel, die Kirche der Born Again Gemeinde neben dem Tugalm City Jail. Der Fahrer lässt die Maschine laut aufheulen und haut krachend den Gang ins Getriebe. Michael zündet sich erneut eine an. Seine Hände zittern, er schwitzt immer noch. Die Motorela reiht sich flink in den fließenden Verkehr ein. Der kühlende Fahrtwind wirkt beruhigend. Michaels Stimmung hellt sich auf: ‚Alles wird gut‘, denkt er optimistisch, ‚Alles wird gut.‘

Keine drei Minuten später hält eine weitere Motorela vor dem BSWD-Gelände. Rica Restito, Sams Mutter steigt aus. Auch sie trägt Tüten mit Tupperdosen und Getränken.

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