3.03. Der Polizeimajor [OFFEN]

Es geht gegen neun Uhr und ich liege auf dem Etagenbett und hänge meinen Gedanken nach. Von Zeit zu Zeit blase ich in den Teppich aus Spinnweben an der Unterseite des Bettes über mir. Die Spinnweben bewegen sich in Wellen, vom Punkt ausgehend, den ich anblase. Spinnen sind nicht zu sehen, dafür umso mehr deren ausgesaugten Opfer. Die schwülwarme Luft steht. Mir kommt das Dorf in den Sinn. Der Plan ist gewesen, dort ein Haus zu errichten. Neben dem Haus des Deutschen und direkt an der Flussmündung. Mit fantastischem Blick über das Meer und mit blutroten Sonnenuntergängen. Dazu hätten aber die schönen Akazienbäume gefällt werden müssen. Die unnötigen Gedanken verscheuche ich mit einem Kopfschüteln.

„Tagträume und Spinnereien!“, flüstere ich und ergänze frustriert: „Nichts anderes als das war es. Nichts anderes!“

Es ist klar, dass ich rennen werde. Sobald ich hier raus bin, werde ich flüchten. So schnell wie möglich den erstbesten Flug nehmen. Nur raus aus dem Land. Nur weg! Alle Träume sind geplatzt. Sie platzen gerade jetzt, in diesem unwürdigen Kerker, in dieser stinkenden Gruft.

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Durch den Fensterspalt unter der Decke dringen Stimmen und jetzt auch blecherne Musik in die Zelle. Ich stelle mich in Sandalen auf die Kante des unteren Bettes und blicke aus dem Fenster, darauf bedacht, wegen des Schmutzes so wenig wie möglich zu berühren.

Auf einem Kunststofftisch haben Polizisten eine kleine Stereoanlage aufgebaut. Einer der Polizisten prüft das Mikrofon am Ende des Kabels: „Eins, zwei, eins, zwei. Zwo, zwo, zwo. Soundcheck, Soundcheck.“ Zwei Polizisten entfalten feierlich die philippinische Flagge. Sie tun dies sehr bedacht, als würde es sich dabei um rohe Eier handeln. Die Flagge wird an den Mast geknüpft. In Gruppen stehen Polizisten und Polizeianwärter und unterhalten sich leise. Alle sind in Uniform. Einige prüfen sich gegenseitig die Uniformen, rücken Mützen und Namensschilder oder die geflochtenen Bänder, die von der rechten Brust zur linken Schulter hängen, zurecht. Andere schneiden sich mit Nagelknipsern die Fingernägel. Wieder andere wischen sich den Staub von den schweren schwarzen Lackschuhen, so dass die Sonne darin glänzt. Keiner nimmt von mir Notiz, keiner entdeckt mich.

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Ein Gong ertönt von irgendwo, die Musik wird auf minimal gestellt und das Testen des Mikrofons ist sofort beendet. Die Polizisten formieren sich. Die Männer rechts, die Frauen links, dahinter die Anwärter, auch getrennt nach männlich und weiblich. Ich erkenne die Officers Sarang und Pangutana in der ersten Reihe. Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan sind, wie es Officer Sarang heute Morgen angedeutet hat, nicht anwesend. Der Major betritt feierlich den Platz und baut sich vor seiner Mannschaft auf. Links und rechts neben dem Major positionieren sich Officers, sicherlich seine direkten Untergebenen.

Ich erinnere das Bild des Majors in Sarangs und Pangutanas Büro und den Schauer, der mir über den Rücken gelaufen ist. Der Major hat tatsächlich eine unheimliche Ähnlichkeit mit Idi Amin, dem verstorbenen blutrünstigen afrikanischen Diktator. Er und seine zwei Officers stehen jetzt aber mit dem Rücken zu mir.

Der Untergebene rechts vom Major nimmt das Mikrofon und klopft daran. Die Polizisten senken die Blicke und falten die Hände. Der Officer betet. Danach öffnet er seine Bibel und beginnt daraus zu zitieren. Das gemeinschaftliche Amen und das gleichzeitige Bekreuzigen beendet das Gebet.
Der linke Officer tritt hervor, hebt die Arme wie ein Dirigent und sagt: „Singing the National Anthem.“ Die Melodie der Nationalhymne ertönt blechern aus der Stereoanlage. Alle Polizisten haben die rechte Hand zum militärischen Gruß an der Stirn, die Anwärter die rechte Hand auf dem Herzen. Mit Inbrunst wird mitgesungen. Währenddessen wird die Flagge gehisst.
Nun hält der Major eine kurze Ansprache in Visayan. Ich verstehe kein Wort. Er schreitet die Reihen ab, gefolgt von den zwei Officers. Hier und da prüft er eine Uniform, lässt sich Fingernägel zeigen oder lässt einen Gürtel oder eine Schirmmütze zurechtrücken. Das dauert keine fünf Minuten und wirkt eher oberflächlich. Zurück vor dem Kunststofftisch stehen der Major und die zwei Officers wieder frontal zur strammstehenden Mannschaft. Einige Worte vom Major, dann Salutieren und die Mannschaft steht gelöst. Der Spuk ist vorüber.

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Ich lasse mich wieder auf das Bett nieder. Es vergeht keine Minute, da quietscht erbärmlich das Tor des Drahtzauns und ich springe auf. Genau im richtigen Moment stehe ich an der Gitterstabtür. Idi Amin steht mittig, seine Officers haben sich links und rechts neben ihrem Major aufgebaut. Dunkle, fast schwarze Haut, aufgeschwemmtes Gesicht, riesige Schirmmütze mit rotem Band, der Major misst aber keine 1,65 Meter.

Er spricht gebrochenes Englisch. Seine Stimme ist tief und streng. Befehlston: „Name?“

Automatisch salutiere ich und stehe stramm, obwohl mir das sofort albern vorkommt. „Thomas Heger“, stoße ich hervor.

Der rechte Officer wiederholt: „Thomas Heger, Sir.“

Ich wiederhole atemlos: „Thomas Heger, Sir!“

„Nationalität?“

„Deutscher, Sir.“

„Warum hier?“

Es sprudelt aus mir heraus: „Sir, ich wollte nur eine Nacht im Hotel übernachten und am nächsten Morgen sofort zurück. Hatte Erlaubnis der Eltern. Wollten Schul…“

Der Major reagiert verärgert: „Beantworten Sie nur meine Frage.“

Gestresst fällt mir keine Antwort ein.

Der linke Officer öffnet einen dünnen weißen Ordner aus Pappe und liest in militärischem Ton und viel zu laut vor: „Republic Act 7610, Sir. Child Abuse (Missbrauch von Kindern)!“

Er klappt den Ordner zu. Alle drei nicken mit angewidertem Gesichtsausdruck. Die Mundwinkel nach unten gezogen, die Augen zusammengekniffen. Ohne weitere Worte zu verlieren, drehen sich die Officers und der Major wie auf Befehl nach links und sind schon zur nächsten Zelle verschwunden.

Verwirrt setze ich mich auf das Bett. Weitere mir unbekannte Polizisten und Polizistinnen begaffen mich. Die Situation ist mir plötzlich ausgesprochen peinlich. Es wird vor der Zelle über mich getuschelt. Ich vernehme deutlich die Schlagwörter: Deutscher, Hotel, fünf kleine philippinische Jungen, halbnackt, gerettet, Kamera, Missbrauch, 7610.

Polizistinnen öffnen über die Informationen ihre Münder, gaffen entsetzt oder ungläubig zu mir.

Es ist wie im Zoo, ich im Käfig und draußen die Zuschauer und Besucher. Die Attraktion ist ein kinderfressendes Monster.

Mein Verdruss schlägt in Ärger und sofort in Wut um: ‚Die machen dich hier zum Täter‘, schreit es in mir. ‚Ich muss etwas tun, etwas unternehmen, aktiv werden, mich endlich wehren!‘

„Aber was?“, flüstere ich verzweifelt, „Aber was?“

Das Tor des Zauns quietscht erbärmlich. Es wird still, die Visite ist vorüber. Mein Blutdruck jedoch im ungesunden Bereich.

Ich gehe zwei Schritte, kehre um, gehe zwei Schritte, kehre um. Mehr Platz gibt die Zelle – die stinkende Gruft – nicht her.

„Idioten!“, sage ich leise, würde es ihnen aber am liebsten laut hinterher brüllen.

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Ich muss eingeschlafen sein. Jemand rüttelt an der Zellentür: „Tommy, Essen, Cola, Padesal, Kekse.“ Es ist Michael, in Begleitung eines Wachmannes. Schlaftrunken schaue ich auf die Armbanduhr: 10:42:43.

In gebrochenem Englisch mit Visayan durchsetzt, redet Michael aufgeregt vom Essen, das sie in der Kirche zubereitet hätten und von Getränken und Keksen, die er besorgt habe und schiebt dabei die Plastikdosen hochkant durch die Gitterstäbe. Sogar an Besteck aus Plastik hat er gedacht.

„Ich bringe jetzt Essen und Getränke und Süßigkeiten zu den Jungs!“, ruft Michael fröhlich. Seine schulterlangen Haare hat Michael zum Zopf gebunden.

„Das ist gut Michael. Wir müssen die Jungs ordentlich verwöhnen. Reicht das Geld?“

Michael zuckt unschlüssig mit den Mundwinkeln.
„Gut, hier sind 1000 Piso. Kauf auch Schokolade!“

„Danke, danke“, nickt Michael schnell. Dann sagt er plötzlich: „Tommy, Du brauchst einen Attorney. Franco hat einen, aber Attorney Padernesto aus Sendong City ist auch gut.“

„Lass uns darüber später reden. Besucht Ihr mich?“

„Ja, klar. Wir sollen gegen ein Uhr bei Ma’am Papillio sein. Ich muss los, Tommy. Das Essen ins BSWD bringen. Die Jungs haben doch bestimmt Hunger. Wir haben viel gekocht. Bis später, Tommy.“

Sehnsüchtig schaue ich dem Wachmann und Michael hinterher.

Die Plastikdosen sind noch warm, die Cola kalt. Ich freue mich: ‚Sie haben für mich gekocht, denken an mich, stehen also zu mir.‘

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