3.02. Heulende Ratten [OFFEN]

Das Drahtzauntor ist heute früh mit schweren Gliederketten und Vorhängeschlössern verrammelt. Drei der fünf Freunde aus dem Dorf und die drei Straßenjungs sitzen gelangweilt auf den Betonquadern. Aboy und Dan schaukeln. Soeben sind aus dem Gebäude zwei neue Kinder gekommen und sitzen nun scheu etwas abseits. Sie sind Brüder und im gleichen Alter wie sie. Dodung, der Anführer der Straßenjungen, den Rugbyboys, weiß das zu berichten. Dodung ist überhaupt über alles, was im BSWD-Kinderheim passiert, immer gut unterrichtet.

Jan wundert sich: ‚Woher Dodung das alles weiß?‘

Dodung kann dann auch nicht warten. Sein Wissen über die zwei Neuen platzt aus ihm heraus: „Der Alte hat besoffen seine Alte verprügelt. Sala hat höchstpersönlich die zwei Brüder einkassiert. Die Alte ist im Krankenhaus, der Alte sitzt im Knast.“ Dodung schüttelt den Kopf, blickt abschätzig und zeigt mehrmals zu den zwei bedauernswerten und ängstlich blickenden Gestalten und führt aus: „Nee, nee, immer die gleichen Geschichten. Ich sage Euch, ich werde nie heiraten.“

Bernie ruft und lacht laut: „Dodung, Du bist so hässlich, Dich will eh keine haben!“

Dodung deutet als Antwort eine Kopfnuss an. Bernie duckt sich weg. Alle lachen. Jan hat Mitleid mit den beiden Brüdern. Die sehen verheult und übernächtigt aus. Auch Sam und Phil können sehr wohl nachvollziehen, wie es den Brüdern gerade geht. Sie waren doch vor kurzer Zeit in einer sehr ähnlichen Situation.

Jan sagt laut, was er denkt: „Ich will hier endlich raus!“

Dodung antwortet verächtlich: „Nun hab‘ Dich mal nicht so. Ihr seid doch gerade mal eineinhalb Tage hier drin. Und seit Ihr hier seid, gibt es plötzlich vernünftiges Essen.“ Dodung spottet: „Von mir aus könnt Ihr gerne noch ein bisschen bleiben.“

Seine zwei Kumpane, Bernie und Necko lupfen zustimmend die Augenbrauen, nicken und grinsen breit.

„Ha, ha,“ ruft Phil, „das könnte Euch so passen! Die Polizei hat gestern gesagt, wir bleiben nur so lange hier, bis die mit ihrer Arbeit fertig sind.“

„Und das kann ja wohl nicht mehr lange dauern“, ergänzt Sam und fügt schnell hinzu: „Außerdem, mein Vater hat viele Bekannte in Sendong City. Der wird uns schon hier rausbringen.“

Dodung zieht eine Grimasse: „Da bin ich anderer Meinung. Das kann lange dauern, bis Ihr gehen könnt. Was haltet Ihr denn nun von meinem Plan?“

Aboy hat genug vom Schaukeln. Er fühlt sich auch plötzlich irgendwie zu alt dafür. Er kommt zur Gruppe: „Was für ein Plan, Mann?“

„Na, wir hauen gemeinsam ab und gründen die coolste Straßengang von Tugalm City“, schwärmt Dodung mit glänzenden Augen. Seine beiden Kumpane, Bernie und Necko nicken, grinsen und schweigen.

Sam ruft schnell: „Kannste vergessen, Mann. Schau mal das Tor, mit Ketten umwickelt und verriegelt.“

Phil nickt: „Ja, kannste wohl vergessen, Mann, heute.“

Dodung gibt nicht auf: „Doch nicht jetzt, Leute! Heute Nacht natürlich. Dann, wenn der Fettsack von Wachmann pennt. Der pennt jede Nacht und gestern Nacht habe ich dem sogar vier Zigaretten geklaut. Die Schachtel lag auf dem Tisch. Hat der überhaupt nicht gemerkt.“ Dodung lacht. Dann blickt er sich verstohlen um: „Hier können wir nicht rauchen, aber später auf dem Klo.“

„Gangster!“, bemerkt Jan ehrfürchtig, schüttelt den Kopf und ergänzt: „Beklaut den Wachmann!“

„Der Dicke ist okay, säuft heimlich. Der erzählt auch ’ne Menge, was im BSWD abgeht. Der hat gesagt, die machen gerade ’ne riesen Story aus Euch. Ich meine, die da draußen. Also die wichtigen Leute da draußen. Na, die Typen, die im Rathaus sitzen. Und die ganze Stadt redet über Euch und den blöden Ausländer.“

Aboy wird wütend: „Tommy ist nicht blöd!“

„Dodung, Du bist blöd. Warum sagst Du, Tommy ist blöd?“, ruft Phil laut und spitz.

Sam ergänzt: „Schlafen im Hotel ist doch nicht blöd!“

Dan hat auch genug vom Schaukeln. Er sitzt nun neben seinem Bruder Jan. Der legt schützend seinen Arm um Dans Schulter.

„Wir müssen hier weg, Leute“, versucht Dodung zu beschwichtigen. „Ich weiß ja auch nicht, was daran so schlimm sein soll, im Hotel zu pennen?“

Dodungs Kumpane, Bernie und Necko schweigen, nicken aber ununterbrochen, wenn Dodung redet.

Sams Augen glänzen plötzlich: „Ich hab’s! Wir verduften, aber wir borgen uns bei meiner Schwester, die lebt doch hier, Geld und wir fahren in unser Dorf. Dort kommt Ihr Drei allemal unter. Ihr werdet Fischer oder was anderes.“

Jan freut sich: „Sam, Du schlaues Köpfchen, da hast Du die Idee Deines Lebens!“

Phil freut sich ebenfalls: „Bei uns im Dorf sucht Euch keiner. Die Polizei kommt nie vorbei. Und Ihr könnt bei uns oder unseren Onkeln oder Tanten wohnen.“

„Oder am Strand pennen, so wie wir manchmal. Das ist voll cool“, schwärmt Dan.

„Aber auch gruselig“, schüttelt sich wohlig Aboy.

„Oder mit uns Kokosnüsse und Papaya klauen gehen“, lacht Phil.

„Oder Holz sammeln und verkaufen“, freut sich Dan.

Dodung und seine zwei Freunde wissen nicht so recht, auf diese Idee zu reagieren und schweigen lieber.

In dem Moment hält Salas großer SUV vor dem verrammelten Tor. Sala hupt zweimal. Der Wachmann stürmt aus dem Gebäude, öffnet die Schlösser, wickelt umständlich die Ketten ab und öffnet das Tor. Sala hält neben den erstaunten Jungen. Die Beifahrerscheibe fährt lautlos herab. Sala lässt einen funkelnagelneuen Basketball aus dem Fenster fallen.

Sofort springt Aboy zum Wagen und ruft erfreut: „Salamat kaayo, Sir (vielen Dank, Sir)“, und lässt den Ball prüfend auf den Boden knallen. Scharf wirft Aboy den Ball zu Dodung: „Wir Fünf gegen Euch Drei und die zwei Neuen!“

Die zwei Brüder kommen neugierig zur Gruppe.

Das SUV verschwindet hinter dem Gebäude. Dodung ruft trotzdem: „Salamat kaayo, Sir Sala!“

Das Tor wird wieder sorgfältig verschlossen.

Sam brüllt: „Wer zuerst fünfzehn Körbe hat!“

Und schon beginnt der wilde Kampf ums zerfetzte Basketballnetz.

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Sir Sala ist soeben mit zufriedenem Gesicht im Gebäude verschwunden, da hält mit quietschenden Reifen in einer Staubwolke das schwarze SUV vom TV-Sender. Sofort springen die Reporterin, der Kamera- sowie der Tonmann aus dem Wagen.

Dodung ist bereits am Zaun: „Ma’am, Sie haben es mir gestern versprochen, das Interview, bitte, Ma’am. Ich weiß so viele spannende Geschichten von der Straße!“ Dodung spuckt in die Hände und richtet sich das nicht vorhandene Haar, denn sein Kopf ist kahlgeschoren. Er stellt sich zackig in Pose und fleht verzweifelt: „Bitte, Ma’am, bitte, Sie haben es versprochen!“

„Verpiss Dich einfach Freundchen!“, schnauzt ihn der Kameramann an. „Wegen Dir Ungeziefer sind wir bestimmt nicht hier. Schau Dich doch mal an, Freundchen. Du bist doch so ein armseliger Klebstoffschnüffler ohne Zukunft. Dein Hirn ist doch vom Rugby-Kleber schon ganz aufgeweicht.“ Der Kameramann spuckt laut aus. Angewidert blufft er Dodung an: „Mann, Du bist echt widerlicher Abfall.“

Suzette Zambrano, die Reporterin, nimmt weder Notiz vom Kameramann, noch von Dodung und seinen zwei Freunden, den drei spindeldürren, armseligen Gestalten. Sie ist mit Lippenstift, Gesichtspuder und Handspiegel beschäftigt.

Der Tonmann setzt sich den Kopfhörer auf: „Habt Ihr nicht gehört, Ihr kleinen, stinkenden Ratten, weg da!“ Er rüttelt am Tor: „Scheiße, abgeschlossen!“

In Dodung brodelt es wie in einem Vulkan. Plötzlich laufen ihm die Tränen über das Gesicht. Dodung explodiert und schreit hysterisch mit überschlagender Stimme: „Ihr Scheißtypen, verpisst Ihr Euch doch! Ihr Schweine!“ Er tritt und rüttelt wie von Sinnen gegen das Tor. Es scheppert und die Ketten klirren. Dodung und seine zwei Leidensgenossen heulen laut und anklagend ihren Frust hinaus und belegen die drei Medienleute mit allen Schimpfwörtern, die sie kennen. Und das sind viele, sehr, sehr viele, stellen die sieben Jungen im Hintergrund staunend fest.

Sir Sala packt Dodung im Nacken, Ma’am Burque greift Bernie am Arm und der dicke Wachmann hebt den kleinen Necko hoch. Die drei bitterlich heulenden Kinder werden rüde ins Haus gestoßen. Zu den Medienleuten brüllt Sir Sala genervt: „Verschwindet! Anordnung von ganz oben! Keine Interviews.“ Zum Wachmann keucht er gehetzt: „Tor bewachen, keine Medien. Niemand redet mit den Kindern!‘

Ma’am Solano rudert indessen ratlos in der Gebäudetür mit den Armen. Auf der Stirn Schweiß, im Gesicht Entsetzen.

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