3.01. Die Scheinheiligen

〰〰〰✴✴✴〰〰〰

Der verwilderte und leicht vermüllte Garten der Kirche der Born Again Gemeinde grenzt direkt an die Mauer zum Tugalm City Jail. Im Garten befinden sich sehr hohe und alte Mahagonibäume, einige Nipapalmen und sonstiges Baum- und Buschwerk. Das Gebäude, mehr oder weniger eine einfache weiß getünchte Bretterbude mit Wellblechdach und Betonfußboden, misst als Grundfläche nicht mehr als etwa 10×5 Meter. Es gibt drei kleine Nebenräume, die vom Hauptraum abgehen. Eine kleine Küche, einen Raum, in dem sich Plastikgestühl und Utensilien für den Gottesdienst befinden, und einen Raum, in dem gerade so das Bett der Eheleute Platz findet. Dort werden soeben zwei Kleinkinder wach. Die Frauen Lang, Vicente und March (die Hausherrin) werkeln in der Küche, seit es hell geworden ist, und unterhalten sich angeregt aber leise. Ihre Morgentoilette mit erfrischender Dusche haben die Frauen im Toilettenhäuschen draußen im Morgengrauen erledigt. Die Männer, Kagawad Jacub, Michael, Romolo, Matthew und der Pastor, dösen noch oder werden ebenfalls gerade wach. Die beiden Teenager liegen, eingerollt wie junge Hunde, in der anderen Ecke des Raumes und schlafen tief und fest. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch das Astwerk der gewaltigen Bäume, durch die winzigen Fenster und durch den seitlich offenen Giebel und zaubern Schattenspiele auf die Szene. Franco kommt, gut gelaut und leise ein Melodie summend, von seiner Morgentoilette zurück. Um die Schultern ein Handtuch. Seine schwarzen Haare glänzen feucht in der Sonne.
Die Männer in der Ecke erwachen mit schweren Köpfen und trockenen Kehlen. Eine große und eine kleine Flasche Tanduay Rhum und mehrere Flaschen Red Horse Bier sind am Abend zuvor konsumiert worden. Die Frauen Lang und March haben sich eine 1,5l-Flasche Bier geteilt. Vicente macht sich nichts aus Alkohol. Den Teenagern war ebenfalls eine 1,5l-Flasche Bier erlaubt. Franco hat sich dezent zurückgehalten. Es hat Limpo (gegrilltes Schwein), Reis, Nudelgerichte und andere Leckereien gegeben. Geraucht wird im Garten, des Raumes wegen, der ja schließlich eine Kirche sei. So hat sich der Hausherr und Hobbypastor Jack jedenfalls ausgedrückt, gestern Abend.

Kagawad Jacub Castro und der chinesischstämmige Jack Lee (Jack Lee ist ein Spitzname. Jacks chinesischen Namen kann sich niemand merken und schon gar nicht aussprechen) kennen sich vom Fruchtgroßmarkt in Tugalm City. Jack hat einen kleinen Obst- und Gemüsestand im Markt hier in der Barangay (Stadtteil) Buhansin. Kagawad kauft im Fruchtgroßmarkt von Zeit zu Zeit Waren für seinen Obst- und Gemüsestand im Markt von Sendong City ein. Man kennt sich, wenn auch flüchtig.
Jack Lees Gesicht hat nichts Weiches, Freundliches. Der tägliche Überlebenskampf, Alkohol und Zigaretten haben ihre Spuren am Hobbypastor hinterlassen. Sein gefrorenes Lächeln verzerrt das hagere Gesicht zur hässlichen Fratze. Das Gesicht mit den Furchen erinnert an ein grob geschnitztes Männerpuppengesicht.
Kagawad kennt Jack zwar nur flüchtig, hat aber einige unschöne Geschichten über ihn gehört: Unlauterer Geschäftsmann, nicht zurückgezahlte Kredite, einige Schulden bei Lieferanten. Jack, so erzählen die Leute, schramme permanent an der totalen Pleite vorbei.

Während sie gestern Abend über Tommy gesprochen haben, ist Kagawad nicht das plötzliche, starke Interesse von Jack an Tommy entgangen. Als dann noch klar wurde, dass Tommy Deutscher ist, hat es den Hobbypastor kaum noch auf dem Stuhl gehalten. Einen Anwalt brauche Tommy, rief Jack schon etwas angetrunken und dass er – der Jack – einen sehr guten kenne. Auch kenne er – der Jack – alle Prosecutor (Staatsanwälte) in der Hall of Justice (dem Gericht). Das seien alles sehr gute Freunde von ihm, hat er geprahlt. Er, in der Funktion als Pastor, er würde Tommy da schon raushauen. Da brauchen sie sich überhaupt keine Sorgen zu machen. Überhaupt keine! Kagawad, Michael, Matthew, Romolo, Lang und Vicente haben sich – während der Zeit der peinlichen Prahlerei – verstohlene Blicke zugeworfen. Das war ihnen alles nicht geheuer. Dann änderte sich das Thema. Der Alkoholspiegel stieg, bis sie die Müdigkeit überkam und sie sich schlafen legten. Jetzt denkt keiner mehr an Jacks Großmannssucht.

〰〰〰✴✴✴〰〰〰

Die 15-jährige Tochter des Pastors bringt herrlich duftendes Pandsal, Toastbrot und andere Backwaren. Die Frauen haben Reis und Hühnersuppe aufgetischt. Inzwischen sind alle aufgestanden und haben sich frisch gemacht. Die zwei Teenager können sich nicht entscheiden zwischen dem atemberaubenden Anblick der 15-Jährigen und dem Anblick des superleckeren Frühstücks. Für die Zwei hat sich die Reise allemal gelohnt. Die Gruppe sitzt nun um den Plastiktisch herum. Der Tisch dient auch als Altar bei Gottesdiensten. Der Fertigkaffee duftet gut und dampft in den Tassen. Die Köpfe der Männer sind – vom Alkohol – noch schwer.

„Eurer Tommy, der Deutsche braucht einen Anwalt“, eröffnet Jack das Thema.

Kagawad räuspert sich: „Ja, wir haben da an Attorney Padernesto aus Sendong City gedacht. Wir sprachen aber mit Tom noch nicht darüber.“

„Padernesto?“, hustet Jack angewidert: „Den kennen wir hier in Tugalm City auch. Aber sorry, der ist doch viel zu alt. Und hat der Erfahrung in Child Abuse Cases?“

Die Leute aus Sendong zucken leicht mit den Schultern und schütteln verunsichert ein wenig die Köpfe.

„Außerdem ist der viel zu teuer“, führt Jack gähnend weiter aus. „Der Padernesto wird bestimmt 100k Piso Acceptance Fee verlangen (Gebühr für den Anwalt bei Annahme des Falls. Die Summe ist vom Mandanten an den Anwalt bei Übereinkunft sofort zu entrichten). Ich denke aber eher, Padernesto wird 120k verlangen.“
Jack lacht böse: „Tommy, Ausländer, big Money! Ha, ha!“
Nun blickt er bitter und sagt ernst: „Ich habe Attorney De Baron eine SMS gesendet. Der hat den Bericht im TV gesehen. Der hätte Interesse.“

„Ja, aber den kennen wir doch nicht“, wendet Franco ein.

Jack bedenkt Franco mit einem scharfen Blick und antwortet: „Der ist gut. Der hat mich schon ein paar Mal rausgehauen. Geldgeschichten und so. Dann ist der von hier, kennt also alle: BSWD, Richter, Staatsanwälte, Sekretärinnen im Gericht, auch die Polizei und die Medien. Einfach alle. Padernesto ist in Eurer Stadt bekannt und erfolgreich. Aber hier bei uns? Nein, Leute, der Deutsche braucht einen lokalen Anwalt. Und De Baron fragt auch nicht immer nach Geld. Der ist okay!“

Die Argumente sind einleuchtend. Michael wendet trotzdem ein: „Das wird nur Ernesto nicht gefallen. Padernesto ist Ernestos Cousin ersten Grades. Ernesto hat Padernesto bestimmt schon involviert.“

Vicente, Michaels Ehefrau, ist ebenfalls nicht einverstanden: „Padernesto hat sehr gute Arbeit geleistet. Damals, als ich noch ein Kleinkind war und dieser Polizist unserer Familie das angetan hat. Der Polizist hat Lebenslänglich bekommen. Warum sollen wir Tommy einem unbekannten Anwalt anvertrauen, frage ich Euch?“

Jack antwortet mürrisch. In seinem Tonfall schwingt auch Ärger mit: „De Baron ist nicht unbekannt. Er ist sehr bekannt hier und sehr erfolgreich. Wichtig ist doch, wichtig ist doch, dass der alle kennt. Hier! Alle!“

Lang schaut verlegen in die Kaffeetasse: „Wir müssen positiv bleiben. Ja, vielleicht, vielleicht braucht Tommy doch gar keinen Anwalt. Ihr habt doch gehört was, die Kinder gesagt haben. Nämlich nichts!“

Matthew, Langs Ehegatte, wiederholt: „Nämlich nichts!“

Jack, das Holzpuppengesicht, lacht gehässig: „Ha, habt Ihr nicht den Fernsehbericht gesehen? Was glaubt Ihr, was nun da draußen los ist?“ Er zeigt mit dem Zeigefinger zur offenen Tür, redet sich in Rage und wird von Wort zu Wort lauter: „Die Stadt kennt kein anderes Thema mehr. Ein Deutscher mit gleich fünf Äffchen im Hotel! Ja, wie bescheuert ist das denn? Ähm, unbedacht wollte ich sagen, unbedacht. Wie unbedacht ist das denn?“
Jacks Besucher schauen erschrocken und angewidert weg.
Jack ist noch nicht fertig und nun richtig in Rage: „Der Bürgermeister, die Polizei, die Medien, die Gruppen gegen Gewalt gegen Kinder, die ausländischen Hilfsorganisation, das BSWD und wer weiß wer noch? Die formieren sich gerade. Ha, Euer Tommy, der braucht keinen Anwalt. Das stimmt sogar, der Deutsche braucht gleich mehrere! Eine ganze Armee von Anwälten braucht der!“

Die Anwesenden sind sprachlos. Von der Seite haben sie das Thema noch nicht betrachtet.

Lang erwidert trotzig: „Die Kinder sagen aus, da war nichts. Punkt. Aus. Ende.“

Die Eltern, Kagawad, Franco und die Teenager nicken heftig.

Romolo hat bislang geschwiegen. Er räuspert sich: „Lang hat vollkommen recht. Die Jungs sagen, da war nichts. Und das bisschen heiß Duschen im Hotel? Ich bitte Euch! Das reicht niemals zu einer Anklage. Und wenn wir zu Tom halten, passiert dem nichts. Gar nichts!“

Vicente ist um Frieden bemüht und wechselt das Thema: „Wir sollten den Kindern im BSWD etwas zu essen und was süßes bringen. Die Polizei hat zwar gesagt, wir dürfen die Jungs im BSWD vorerst nicht besuchen, aber Michael kann den Jungs doch unser Essen bringen. Michael und ich, wir müssen auch noch ins Gaisano, Dinge für Phil und uns kaufen. Wer kommt mit?“

Alle wollen mit. Alle möchten nur noch der unangenehmen Situation entkommen. Die Gruppe bereitet sich zum Aufbruch.
Mikel-Loy ruft erfreut: „Knallrote Islander Flip-Flops. Die kaufe ich mir!“ Silas zerzaust Mikel-Loy das Haar. Alles lacht. Die gute Laune kehrt zurück.

Jack, der Hobbypastor nimmt Franco beseite: „Franco, lass uns im Garten gemeinsam beten.“
Nun schreiten die Zwei wie Lehrer und Schüler (zwei Mönchen ähnlich) mit gefalteten Händen durch den Garten. Die Gruppe ist sich sicher, die meditieren und sind Gott nahe.

„Franco“, betet Jack leise, ohne Franco anzublicken. „Franco, gestern als ich noch nicht zu viel Alkohol hatte, habe ich heimlich im Garten mit Attorney De Baron telefoniert. Er verlangt 80k Piso. 40k weniger als Euer Padernesto verlangen wird. In den 80k Piso sind 10k für dich und 10k für mich. Einverstanden?“

Franco grinst breit und nickt andächtig.

„Franco, Du musst nur Deinen Freund Tom dazu bringen, De Baron zu engagieren. Wenn De Baron das Mandat dann hat, wird er später einfach eine Nachforderung stellen. Ist so üblich und weiß Dein Tommy ja nicht. Und wir kassieren noch mal ab.“ Der Hobbypastor grinst gehässig.

Franco nimmt davon keine Notiz. Er wandelt selig mit halbgeschlossenen Augen über den Gartenweg und bekreuzigt sich gleich zweimal: „Amen, Pastor!“

Copyright © by NOKBEW!

Werbeanzeigen