2.08. Schockierte Eltern

(Fortsetzung Kapitel 2.04.)

Viermal klingelt es und dann ist das Gespräch endlich verbunden. Alle Augen sind auf Michael gerichtet. Michael zögert, spricht mit dünner Stimme: „Phil? Hallo?“ Schweigen im Apparat. Michael wird lauter, seine Stimme fester: „Phil, bist Du dran?“, und steigert die Lautstärke zu einem lang gezogenen „Hallo?“
Es meldet sich eine rauhe tiefe Frauenstimme: „Hallo, mit wem spreche ich?“
Michael ist wie vor dem Kopf gestoßen. Ihm fehlen kurz die Worte. Dann sprudelt es aus ihm heraus: „Wer, wer sind Sie? Warum benutzen Sie unser Cellphone? Wo ist Phil? Mein Sohn Philipp und die anderen Jungen?“ Er überlegt und sieht die besorgten Gesichter der Eltern, Verwandten und Freunde und das bange Gesicht seiner Frau Vicente. Die sitzt eng umschlungen mit Lang, die Mutter von Jan und Dan auf der schmalen Bank. In Langs verheultem Gesicht erkennt Michael aufkommende Panik.
Romolo, Aboys Vater, sitzt neben den beiden Frauen. Er versteht nicht so recht, was los ist. Sein älterer Sohn Silas, flüstert ihm ins gute Ohr, das andere Ohr ist taub: „Aboy ist im BSWD.“ Romolo schüttelt als Reaktion den Kopf.
Langs Ehemann, Matthew, sieht ratlos aus. Er murmelt ständig: „Das kann einfach nicht sein.“
Sams Mutter Rica, steht schweigend und steif zwischen ihrem Mann Ernesto und Matthew.

Michael schaltet den Lautsprecher ein und hält das Telefon schräg vor sein Gesicht. „Ist etwas passiert?“, fragt er mit zittriger Stimme ins Cellphone.
Im Lautsprecher knackt es. Alle schweigen und lauschen gespannt und vernehmen zuerst ein krächzendes Räuspern: „Mein Name ist Solano. BSWD Youth Social Worker, Ma’am Solano. Hier in Tugalm City. Seien Sie bitte unbesorgt! Die Kinder sind jetzt sicher!“
Das Adverb „jetzt“ betont die offensichtlich ältere Frau besonders, indem sie es dehnt und doppelt so laut, im Gegensatz zum übrigen Satz ausspricht.
Michael schluckt, er würde sich gerne „jetzt“ eine Zigarette anzünden.
Die Frau fährt fort: „Wir führten gestern gegen 10 Uhr abends eine Rettungsaktion durch. Im Hotel. Vor einem Ausländer gerettet. Der Ausländer wurde verhaftet. Die Kinder unter unsere Obhut gestellt.“
Michael schwitzt plötzlich. Ihm ist, als habe man ihn in den Magen geschlagen. Seine Kehle ist wie zugeschnürt. Ihm ist sogar etwas schwindelig. Er fühlt sich augenblicklich unterzuckert und beginnt leicht zu zittern. Die Leute um ihn herum schauen ihn gebannt an. Er wiederholt und stammelt: „Rettungsaktion? Ausländer? Hotel? Verhaftet? Obhut?“ Dann endlich kommt er zu sich, wird wach und laut: „Was ist mit Phil und den anderen Jungs? Ich will sofort mit Philipp sprechen! Sofort!“
Auch Ernesto löst sich aus der Schockstarre und ist jetzt besorgt und aufgebracht. Er will Informationen und reißt Michael, mit verzerrtem Gesicht, das Telefon mit den Worten, „gib mir das verdammte Cellphone“, aus der Hand.
Cholerisch brüllt er in das Cellphone: „Wer sind Sie und was wollen Sie? Sagen Sie sofort, was mit meinem Sohn Sam, mit Samuel ist? Ist ihm etwas zugestoßen?“ Er blickt sich hastig um und ergänzt schnell: „Sind die anderen Kinder in Ordnung?“ Ernesto wird immer lauter und lässt die Frau nicht zu Wort kommen. Auch er wiederholt nun: „Rettungsaktion? Hotel? Von einem Ausländer?“, und fügt ärgerlich hinzu, „sind Sie verrückt?“

Solano bleibt ruhig: „Die Kinder wurden vor einem Deutschen gerettet, in einer gemeinsamen Aktion. Also wir, das BSWD und natürlich die Polizei. Gestern Abend. TV war auch da.“
Michael massiert Ernestos linke Schulter: „Beruhige dich, Ern.“
Der aber redet sich in Rage: „Sind Sie verrückt? Der Deutsche ist unser aller Freund! Warum gerettet? Ist ihm etwas zugestoßen?“ Er wird lauter: „Ist allen etwas zugestoßen? Nun sagen Sie endlich, was los ist und wo die Kinder sind? Sind die Kinder in Ordnung?“

Die Frauenstimme redet ungerührt in normaler Lautstärke weiter. Sie geht mit keinem Wort auf Ernestos cholerischen Anfall ein: „Die Kinder sind in Ordnung und unversehrt. Das heißt, wir wissen noch nicht, ob Ihnen etwas zugestoßen ist. Meiner Erfahrung nach ja, aber das wird sich noch herausstellen. Wir fragen uns natürlich, wie kann es sein, dass Ihre Kinder, in einer fremden Stadt, mit einem Ausländer im Hotelzimmer aufgegriffen werden? Was sind das für Eltern, die das erlauben? Das fragen sich sehr viele hier! Sehr viele!“

Ernesto ringt um Worte. Die letzten Sätze treffen ihn wie Hammerschläge.
Auch die Leute um Michael und Ernesto schweigen betreten. Abgesehen vom Schluchzen einiger Frauen und dem ständigen Husten und Räuspern ist es bedrückend still. Einige halten sich gegenseitig im Arm. Auch Sie müssen das Gesagte erst einmal verdauen und zuordnen. Eine gefährliche, nervöse Spannung liegt in der Luft. Auch der kleine Max spürt, dass etwas nicht stimmt und nuckelt ängstlich an Ernestos Kugelschreiber.

In dieses kurze Schweigen platzt Alvin, Ernestos ältester Sohn. Er sprintet über den kurzen Steg und wedelt wild mit seinem LG-Touchscreen Cellphone: „Ich habe Silvia dran! Die Kinder sind im BSWD in Tugalm. Silvia sagt, wir sollen TV schauen. Die acht Uhr Sendung!“
Ernesto reißt das LG Cellphone an sich, übergibt gleichzeitig das Nokia 3310 an Michael, dreht sich zur Seite und redet lautstark mit seiner Tochter.

Der Lautsprecher ist zwar eingeschaltet, trotzdem muss Michael sein Telefon an das Ohr drücken, da Ernesto extrem laut ist: „Hallo? Wo ist mein Sohn? Ich möchte sofort mit ihm sprechen!“, ruft Michael ins Cellphone.
„Der spielt mit den anderen Kindern auf dem Hof Basketball. Ich rate Ihnen, kommen Sie so schnell wie möglich. Schauen Sie aber die ABC-PTV News um acht Uhr. Da werden Sie alles Wichtige erfahren.“ Das Gespräch ist ohne Vorwarnung beendet. Michael starrt ungläubig auf das Nokia 3310 und schüttelt den Kopf.
Ernesto beendet zeitgleich sein Gespräch mit den Worten: „Wir kommen Silvia. Wir fahren sofort ins BSWD.“

Noch gut 30 Minuten bis zu den Acht-Uhr-News. Doch weder Michael, Ernesto, Matthew oder Romolo besitzen einen TV-Apparat. Die Masse an Leuten hat sich auch schon auf den Weg gemacht. Sie gehen eilig und laut diskutierend in Richtung Papa Kandayos Haus. Zwei Töchter sind in den USA gut verheiratet. Also kann sich Papa Kandayo Satelliten-TV und einen Flachbildschirm leisten. Den Größten im Dorf.

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