2.04. Schatten über der Idylle [OFFEN]

(Fortsetzung Kapitel 2.02.)

Ernesto Restito, von allen nur „Boss“ genannt, zahlt seine Crew aus und führt genau Buch. Sie sind alle Mitglieder der Fisherfolk Association. Boot, Netz und sonstiges Equipment gehören der „Staatlichen Vereinigung der Fischerleute“ und die ist somit automatisch am Fang beteiligt.

Boss Ernesto Restito schlägt erschöpft aber zufrieden das Logbuch zu, in dass er zuvor den Fang protokolliert hat. Er schiebt den Kugelschreiber gewohnheitsmäßig hinter das rechte Ohr. Das Logbuch steckt er in eine einfache Umhängetasche. Seine Frau Rica trägt eine prall gefüllte Tüte Tamban, eine Sardinenart. In Ernestos rechten Hosentasche steckt sein offizieller Lohn für heute. Das sind rund 500 Piso. In der linken Hosentasche hat er in etwa den gleichen Betrag als „Extrageld.“

‚Das bekommen die von der Association überhaupt nicht mit. Dazu kennt er die Vereinigung zu gut. Vollkommen unmöglich, das mit dem Extrageld herauszufinden. Außerdem Peanuts für die‘, sinniert er.

Die Association wird zusätzlich von einer privaten ausländischen Organisation finanziell unterstützt. Wie oft hat er sich gewundert, wie hier und da mit den Geldern nur so um sich geworfen und Unsummen unnötig verbrannt wurden oder einfach in dunkle Kanäle geflossen ist. Die Freigiebigkeit dieser sogenannten Nongovernmental Organization (NGO), hatte immer wieder zu krummen Geschäften geführt.

Er schüttelt gedankenverloren den Kopf und erinnert sich: ‚Wie einfach es uns doch die NGO gemacht hat. Wir haben dann alle gut mitverdient! Das hat schon beim Bau des Fischerbootes begonnen. Das Holz und die Sperrholzplatten, alles wurde zum dreifachen Preis abgerechnet. Minderwertiges, dünnes und billiges Sperrholz ist zu dicker, teuren Qualitätsware geworden. Bei der Farbe haben wir dann einfach mehr budgetiert, als tatsächlich benötigt wurde.‘

Nun muss Ernesto schmunzeln: ‚Mein Schlafzimmer ist in den gleichen Farben, wie das Fischerboot gestrichen. Das gleiche nette Pastellblau und das satte Tiefrot.‘

Das Schmunzeln wird zu einem breiten Grinsen: ‚Auch der Hondamotor wurde ein ganz spezieller Motor und ist plötzlich nicht mehr ein gewöhnlicher aus dem Regal gewesen. Der Motor wurde also ebenfalls überhöht abgerechnet. Die Stümper von der NGO haben nie richtig geprüft oder einmal nachgefragt. Sie hatten wirklich nie echtes Interesse und geänderte Quittungen oder falsche Rechnungen anstandslos geschluckt. Was machen da schon 500 Piso in meiner linken Hosentasche?‘

Ernesto schaut nachdenklich zum Fischerboot. Das Netz ist zurück im Boot. Keine nennenswerten Schäden. Räudige Hunde und Katzen streiten sich um die letzten Reste Tamban. Fette, blaugrün glänzende Schmeißfliegen schwirren um das Boot herum, denn das Meer ist dort immer noch vom Fischfang blutrot.

Er befühlt das Extrageld. ‚Fühlt sich gut an‘, hängt er seinen Gedanken nach.

Er grübelt über diese ausländische NGOs, diese Nongovernmental Organizations: ‚Die kommen hierher, sind zum ersten Mal in meinem Land. Vom Alter könnten diese Besserwisser meine Söhne sein. Das sind alles studierte Leute. Kommen und wollen mir das Fischen beibringen! Erzählen etwas übers Wetter, Strömung und Technologie. Diese komischen Ausländer!‘

Mit Wehmut denkt er an die Vergangenheit und die Zukunft: ‚Mein Handwerk, dass Fischen habe ich von meinem Vater gelernt. Und ich werde diese Kenntnisse und Erfahrungen an einige meiner Kinder weitergeben. Diese arroganten Typen von der NGO. Räudige 500 Piso sind für die doch Fliegendreck, wie oft habe ich das gesehen. 500 Piso sind für uns im Dorf jedoch eine große Summe. Für viele sogar eine riesengroße Summe.‘

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Es wird ruhig am Strand. Etwas abseits, dort wo der Fluss im Meer endet, planschen ausgelassen, fröhlich und unbeschwert Kinder. Einige Jungen sitzen im Sand. Ihr jüngster Sohn ist darunter. Ernesto blickt seine Frau stolz und immer noch verliebt an.

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Ein Teil der Crew sitzt nun unter Palmen, zwischen den Hütten nahe am Strand. Sie bereiten „Kinilaw“ aus Tamban, dem beliebten Fischsalat mit Kokosnussmilch und Essig. Milchiger Coconut-Wine, er wird „Tuba“ genannt, kreist bereits in Kaffeetassen.
Ernesto schüttelt sich beim Gedanken an Tuba: ‚Schmuddeliger Tuba am frühen Morgen, das ist nichts für mich. Dann lieber später ein starkes kaltes Red Horse Bier und ein bisschen Karaoke grölen.‘

Seine Crew zahlt er korrekt aus. Da ist er extrem genau. Mit Stolz denkt er: ‚Meine eigenen Leute betrügen? Niemals!‘

Fast alle Frauen, Männer und auch die fröhliche Kinderschar, die den Tamban in Tüten gesammelt hat, sind schon ins Dorf verschwunden.

Mit leeren Kaffeetassen schlendert langsam Arm in Arm ein älteres Ehepaar an Ernesto und dessen Frau Rica vorüber. Da das Schauspiel „Ankunft der Fischer am Morgen“ nun vorbei ist, zieht es die beiden Alten heim.

Der Opa grüßt Ernesto: „Guten Morgen, Ern, guter Fang heute?“

Ernesto grüßt zurück: „Ja, der Fang war ausgezeichnet heute.“

Er schaut die betagten Eheleute lächelnd an und scherzt: „Über 70 und immer noch verliebt und geschmeidig wie Tamban im Pazifik.“

Opa Taslig drückt seine Frau fest an sich, lausbubenhaft antwortet er: „Wir beide haben doch schon vor langer Zeit den Fang unseres Lebens gemacht.“

Die vier Alten lachen herzlich. Rica fasst liebevoll ihren Ernesto unterm Arm, wie Opa und Oma Taslig das tun.

Rica stöhnt gespielt: „Zeit nach Hause zu gehen.“

Die beiden Ehepaare schlendern gemütlich ins Dorf zurück. Eile hat keiner. Das Wort „Eile“ gibt es in ihrem Wortschatz nicht.

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Unter Palmen am Strand, dort wo die ersten Hütten des Dorfes stehen, reibt ein Junge mit Sand altes ranziges Öl aus einer Pfanne. Mädchen und Jungen nehmen den schlanken, blutigen Tamban aus, putzen und waschen ihn. Eine zweite Gruppe Kinder sammelt Geäst für das schon glimmende Feuer. Sie werden den Fisch in Kokosnussöl braten. Ein Aluminiumtopf mit Reis köchelt bereits auf einem zweiten Feuer, unter den wachsamen Augen eines etwa 11-jährigen Mädchens. Ein gleichaltriger Junge drückt kleine Chilischoten platt und gießt Tojo, eine dunkle Sojasauce, darüber und verrührt das Ganze gut. Gleich gibt es Frühstück.

Frauen, Männer und Kinder begeben sich fröhlich nach Hause. Die Männer tragen den Fisch und die Frauen die Babys. Lärmend kreisen Kinder um die Erwachsenen und spielen Fangen. Ältere Kinder und Teenager schwärmen durch das Dorf, denn sie bieten die Tüten mit dem Tamban feil.

Die jungen Eheleute Vicente und Michael Kabaltos, sie ist 29, er ist 35 Jahre alt, lösen sich von der Gruppe und gehen nach rechts, zu ihrer Hütte, die aus Bambusrohr gefertigt ist. Die Wände bestehen aus geflochtenen Blätter der Nipapalme. Das Dach ist mit dünnem Wellblech gedeckt und die Giebel sind offen. Die Hütte steht auf Stelzen, da sie dicht am Fluss gebaut ist. Bei Flut drückt das Meer den Fluss unter die Hütte. Um zu ihrem Heim zu gelangen, muss die junge Familie deshalb über einen schmalen Steg. Hinter der Hütte befindet sich ein Damm aus Beton, der das Dorf vor Hochwasser während der Regenzeit schützt. Vicente Kabaltos übergibt ihrem Ehemann Michael das kleine schlafende Mäxchen. Um den Hals hat Vicente ein dünnes Band, mit dem Schlüssel zum Vorhängeschloss zur Hütte, hängen. Michael legt Mäxchen vorsichtig auf die Bank. Vor ihrer Haustür wird der schmale Steg zu einem kleinen Vorplatz, mit schmalen Bänken links und rechts. Die 5-jährige Tochter kommt hüpfend über den Steg. Der 8-jährige Sohn und die 11-jährige Tochter sind bei ihren Freunden am Strand geblieben, um den Fisch zu braten.

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Romolo Taslig, einer der Fischer, ist mit zwei Tüten Tambanfisch und mit 400 Piso Lohn in der Tasche den anderen vorgeeilt. Er lebt mit zwei seiner fünf Kinder in einer schäbigen Hütte nahe der Dorfschule. Seine 12 Jahre jüngere Frau hat ihn wegen eines jüngeren Kerls verlassen.

‚Nun schon über drei Jahre Single‘, denkt Romolo mit Grausen, als er die Unordnung in der windschiefen Hütte sieht. Auch der Berg schmutzige Wäsche in der Ecke stört ihn schon einige Tage. Einer seiner Söhne, der 16-jährige Silas, kocht gerade Wasser für Kaffee, kaut mit offenem Mund Pandesalbrötchen und schmatzt dabei laut.
Vor kurzem ist Romo, das ist sein Spitzname, in den Club der Alleinerziehenden hier im Dorf eingetreten. ‚Ob das zum Erfolg führt, eine neue Partnerin zu finden?‘, denkt er schwermütig und setzt sich auf den wackligen Schemel.
Als 52-Jähriger hat er es schwer, eine neue Gefährtin zu finden. Dazu kommen seine diversen körperlichen Leiden und Makel: Gicht in den Fingern, Arthrose im Knie und die Schwerhörigkeit. Ein Unfall beim Fischen von Krabben hat ihn vor langer Zeit das linke Auge gekostet. Später, schon wieder diese verdammten Krabben, den kleinen Finger der rechten Hand. Geld die latenten Leiden zu behandeln hat er nicht. Er muss sich mit dem begnügen, was ihm die attraktive Krankenschwester zusteckt. Immerhin kommt die nette junge Frau zweimal wöchentlich ins Gemeindehaus. Er freut sich schon, denn heute Nachmittag ist Sprechstunde.
‚Ein wenig flirten ist doch die beste Medizin‘, grinst er in sich hinein.
Romos Plan für den heutigen Morgen: Tamban ausnehmen, putzen und in der Sonne trocknen. Also haltbaren „Bulat“ herstellen. Zum Selbstverzehr oder zum Verkauf. Er kippt den Tamban in einen flachen Behälter. Das ist ein zur Hälfte senkrecht geteilter Wasserkanister. In die andere Hälfte des ehemaligen Kanisters kommt der Fischabfall.
Er schlürft den heißen Kopiko-Fertigkaffee, den Silas gerade hinstellt. Zum Aufschlitzen der Fischbäuche, nutzt Romolo seinen rechten Daumennagel. Der ist etwa zwei Zentimeter über den Daumen hinausgewachsen. Die Seiten seines stabilen Fingernagels hat Romo wie Messerklingen geschärft. Er beginnt gerade mit seinem Tagwerk, da hören Vater und Sohn Geschrei im Dorf. Silas ist von Neugier gepackt und stürmt aus dem Haus.

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Ein paar Häuser weiter hält die kleine etwas übergewichtige Frau, ihr Name ist Lydia Barcella, sie wird von allen aber nur Lang gerufen, ein rotes Cherry Mobile-Cellphone in der Hand und starrt es ungläubig an. Sie ist immer noch mit Fischteilen, -schuppen und -blut übersät. Jetzt beginnt sie zu schluchzen und zu weinen und fällt ihren Mann Matthew um den Hals. Der greift das Cellphone und liest die SMS. Seine erste Reaktion ist ungläubiges starres Blicken.

„Das glaube ich nicht!“, sagt er fassungslos, schüttelt wild den Kopf und schaut sich unsicher um.

Leute strömen herbei und wollen wissen, was passiert sei. Lang löst sich vom Ehemann, reißt ihm das Cellphone aus der Hand und ist bemüht, sich wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Matthew, ich laufe zu Vicente“, schreit sie hysterisch mit hochrotem Kopf, „lauf Du zu Ernesto und Rica, die sind noch am Strand gewesen!“

Vicente und Michael Kabaltos stehen noch vor ihrer Hütte.

„Lang!“, ruft Vicente entsetzt, als Lang mit rudernden Armen und hochrotem Kopf über den Steg eilt und fast mit Michael kollidiert. Lang ist vom kurzen Sprint völlig außer Atem.
Sie zeigt ihr Cellphone, stammelt und keucht: „Kinder im BSWD, Tommy verhaftet!“

Vicente und Lang fallen sich in die Arme, setzen sich auf die Bank neben der Haustür und beginnen bitterlich zu weinen.

Michael nimmt Lang das Cellphone aus der verkrampften Hand: „Lang, hast Du zurückgerufen?“

„No Load, kein Guthaben!“, schluchzt sie laut.

Ernesto Restito und seine Frau Rica und Langs Ehemann, Matthew Barcella, eilen über den Steg. Der Schrecken ist ihnen in die Gesichter geschrieben.

Ernesto ruft schon auf dem Steg: „Was ist passiert? Kinder im BSWD? Tommy verhaftet? Ist das ein Scherz? Wer macht denn solche dummen Witze?“

Ernestos runzelige Stirn wirft nun noch mehr Falten. Er ist der Älteste der Eltern der fünf Jungen, die mit Tommy nach Tugalm City gereist sind. Er hat sonnengegerbte Haut und trägt einen ehemals dunkelblauen Schlapphut, der von der Sonne vollkommen ausgeblichen ist.

Inzwischen füllt sich der schmale, wacklige Holzsteg und der kleine Platz vor der Haustür gefährlich mit Menschen.

Etwas Schreckliches sei passiert, macht die Runde. Romolo Taslig und sein Sohn Silas treffen ein. Die Leute auf dem Steg bilden eine Gasse, damit beide passieren können.

Romolo humpelt und ruft ständig: „Was ist passiert? Was ist passiert?“

Nun schiebt Romolo das auf der Bank schlafende Mäxchen beiseite. Er muss sich setzen. Sein Knie schmerzt. Mäxchen wird wach und ist verwirrt. Nervös schließt Michael die Tür auf, stürzt in die kleine Hütte und ist sofort mit seinem Nokia 3310 zurück.

„Da war ein Anruf! Moment! Hier ist eine SMS von Phil“, keucht Michael. Nur Sekunden später liest er laut vor: „Sind in Tugalm in youth home. Tommy in Police verhaftet.“

Ein Raunen geht durch die Menge. Michael drückt die Rückruftaste. Er vernimmt leise eine Stimme, aber verstehen kann er nichts. Er zittert vor Nervosität, beendet den Anruf versehentlich und brüllt zu aggressiv: „Ruhe jetzt! Ich verstehe nichts!“

Augenblicklich ist es mucksmäuschenstill.

Ernesto rauft sich die Haare. Dort ist aber die Kappe mit hängender Krempe. Der Kugelschreiber fällt herunter. Ernesto bemerkt das nicht. Mäxchen greift den Kugelschreiber, steckt ihn in den Mund und lutscht daran. Niemand beachtet Mäxchen.

Alle starren auf Michael. Seine Hände zittern noch heftiger. Vor Aufregung drückt er die falsche Taste. Er hört sein Herz im Hals schlagen. Ein dumpfes Gefühl in der Magengegend steigt auf und verursacht einen Klos im Hals. Schweiß tritt auf seine Stirn. Endlich drückt er die richtige Taste für Rückruf. Panik erfasst ihn. Plötzlich muss er auf das Klo. Er beißt auf die Zähne. Verzweifelte, fragende und panische Gesichter blicken ihn erwartungsvoll an. Er traut sich nicht, mit irgend jemandem Augenkontakt aufzunehmen. Absolutes Schweigen. Sogar Mäxchen ist still und lutscht zufrieden an seinem neuen Spielzeug.

Die Taste für Rückruf ist gedrückt. Aus dem Lautsprecher tutet es einmal, zweimal, dreimal…

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