2.38. Deine liebe Familie

Inzwischen geht es gegen 17:30 Uhr. Es beginnt bereits dunkel zu werden. Du kannst dich nicht erinnern, wem du heute Morgen eine SMS gesendet hast.
‚Das war eine an Marie, deine Lebensgefährtin, und eine an deine Mutter. Aber auch eine an deine Schwester Sabine?‘ Schon wieder Gedankenchaos im Kopf.
‚Ist egal!‘, kommst du zum Schluss. ‚Deine Mutter wird schon alle informieren.‘
Du bist sehr besorgt über das, was sicherlich gerade Zuhause passiert. Du hast ihnen geschrieben, dass du arrestiert worden bist und ihr könntet gegen neun Uhr in der Früh telefonieren. Das ist in philippinischer Zeit gegen 16 Uhr. Die Familie in trifft sich also gegen neun. Sicherlich bei deinen Eltern. Jetzt ist es eineinhalb Stunden später!
‚Die machen sich doch wahnsinnige Sorgen‘, haderst du, bekommst einen Schweißausbruch und ein ungutes Gefühl in der Magengrube.
‚Tommy meldet sich nicht! Da ist etwas passiert.‘ So wird das beherrschende Thema lauten. Oh Gott, deine Eltern, Sabine, Marie und wer da noch anwesend ist. Mit Schweiß auf der Stirn und zittrigen Händen sinnierst du: ‚Die werden sich sehr große Sorgen machen.‘
Jeder kennt die schlimmen Geschichten über die philippinische Polizei und dass die nicht gerade zimperlich ist. Auch nicht zu arrestierten Ausländern. Dann die Bilder im Fernsehen zu den total überfüllten Zellen in den Polizeistationen.
Je mehr du darüber nachdenkst, desto mehr wirst du von Sorgen zerfressen.
Mit steigender Kraft presst du krampfhaft Hände und Stirn an die Gitterstabtür. „Als ob das Abhilfe schafft“, flüsterst du leise frustriert.
Augenblicklich bist du total verzweifelt.
Diese verdammte Hilflosigkeit und die Abhängigkeit von anderen wird dir jetzt bewusst. Solange du arrestiert bist, wird das so bleiben. Du bist abhängig von irgendwelchen Personen. Wie ein Kind abhängig von den Eltern ist.
„Wo sind die Personen?“ flüsterst du. Viel lieber möchtest du das (wie schon heute Nachmittag) laut hinausbrüllen.
‚Sollst du auf dich aufmerksam machen? Mit etwas an die Gitterstabtür schlagen?‘ Du verwirfst sofort die Gedanken: ‚Falscher Weg!‘

Die Eltern (ohne ihre Kinder), Kagawad, Franco, die zwei Teenager und ein dir unbekannter Polizist verlassen das Gebäude. Die gedrückte Stimmung der Gruppe ist bis in deine Zelle zu spüren. Dennoch drehen sich alle kurz um und winken dir verhalten zu. Du winkst so stürmisch, wie du in deinem Leben zuvor noch nie gewunken hast und betest, der Polizist möge zu dir kommen und dich telefonieren lassen.
In der Tat trägt er das große Schlüsselbund. Du stößt einen Jubelschrei aus. Räuspern und Husten als Antworten aus den anderen Zellen.

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Ma’am Papillio sieht fertig aus. Auch für sie war wohl der heutige Tag und die letzte Nacht sehr anstrengend. Sie gibt dir deinen Rucksack mit den Gadgets und 20 Minuten. Du bist besorgt und aufgeregt. Deine Hände zittern.
‚Wie wird die Familie reagieren?‘, grübelst du.
Du schaltest das Cellphone ein. 62 SMS! Schnell scrollst du durch die Liste. Etwa 40 SMS mit philippinischen Nummern. Der Rest beginnt mit „+49“. Der internationalen Vorwahl für Deutschland. Zuerst eine SMS an Marie: „Bitte ruft jetzt an!“ Den gleichen Text sendest du an deine Mutter und Sabine. Sofort klingelt es. Es ist die Nummer deiner Mutter.

„Tommy, was ist passiert? Wir machen uns große Sorgen. Du verhaftet? Das ist nicht wahr. Wir glauben das einfach nicht.“

„Mutter könnt Ihr nicht über Skype anrufen? Du telefonierst mit Deinem Handy. Das kostet mindestens 1,20Euro die Minute.“

„Das ist doch jetzt vollkommen egal, Tommy.“ Deine Mutter schluchzt. Sie ist den Tränen nahe.

Dein Vater ruft im Hintergrund: „Die zwanzig Euro haben wir jetzt auch noch. Sage lieber, was passiert ist und was wir jetzt tun können!“

Auch Marie ruft ins Handy deiner Mutter: „Tommy, bitte sage, was los ist! Warum verhaftet?“ Jetzt weint Marie.

Sabine, deine Schwester, ist gefasst: „Tommy, was ist passiert?“

Nun bist du es, der schuchzt: „Ich bin mit fünf Kindern im Hotel gewesen. Wir hatten einen schönen Tag. Wollten am nächsten Tag ein paar Sachen für die Schule kaufen. Wir schliefen schon. Dann gegen 22 Uhr klopfte die Polizei an die Tür des Cottages. Wir haben alle schon geschlafen. Ich öffnete die Tür. Dann bin ich festgenommen worden.“

„Das ist ein Witz!“, ist Sabines erste Reaktion.

Marie hat sich gefangen. Du hörst, wie sie sich laut die Nase schnäuzt: „Ja, aber, Ja, aber“, stottert sie. „Ja, aber, wo ist denn der Grund für eine Verhaftung?“

Deine Mutter wiederholt: „Ja, wo bitteschön ist der Grund für eine Verhaftung?“

Bei deinen Eltern rührt jemand heftig in einer Kaffeetasse. Die schabenden und klirrenden Geräusche des Löffels schallen unangenehm in deinem Ohr. Das Handy muss auf „Laut“ gestellt sein und auf dem Tisch liegen. Du hast plötzlich Kaffeeduft in der Nase.

Dein Vater ruft: „Das kann doch nicht sein. Schlafen im Hotel ist doch kein Verbrechen.“

Endlich kommst du zu Wort. Es platzt dein gesamter Frust heraus. Atemlos berichtest du: „Die Polizei erzählte, es gäbe ein Gesetz auf den Philippinen, wonach es verboten sei, mit Kindern unter zwölf Jahren im Hotel zu übernachten. Wir haben da auch nur geschlafen, weil wir so lange mit dem Bus von Sendong nach Tugalm City brauchten. Mensch, da waren so viele Baustellen, normale Reisezeit ist nur etwa zwei Stunden. Wir brauchten über vier! Ja, wären wir um 19 Uhr zurückgereist, wären wir doch mitten in der Nacht in Sendong angekommen. Das ist viel zu gefährlich – bitte glaubt mir das – so oft totaler Stromausfall dort. Dann die Drogengeschichten und die Besoffenen am Busterminal. Ich, ein Ausländer und fünf kleine Kinder. Nein, das mache ich nicht. Also lieber einfach im Hotel schlafen und am nächsten Tag zurück. Das wäre heute gewesen. Ich Idiot, warum bin ich nicht sofort zurück? Dann wäre das alles nicht passiert.“

Sabine ruft ins Handy: „Selbstvorwürfe bringen doch jetzt nichts, Tommy. Und Du hast es doch gerade erklärt.“

Marie ruft: „Hast Du das der Polizei erzählt? Wie behandelt man dich, Tommy?“

„Ja, natürlich habe ich das der Polizei erzählt. Alles: von den Baustellen, der verlängerten Reisezeit, dass ich die Erlaubnis der Eltern habe und dass ich die Kinder – fünf Jungs – seit deren Geburt kenne.“

Deine Mutter schluchzt und wiederholt die Frage: „Tommy, wie behandeln sie dich? Wir machen uns solche Sorgen!“

Mit Blick auf die hübsche, aber jetzt sehr mitgenommen aussehende Ma’am Papillio antwortest du: „Die Polizei ist furchtbar nett. Ich kann ja auch telefonieren.“

Deinen Frust und die Sorgen über die eineinhalbstündige Verspätung zum Telefonieren, den demütigenden Spießrutenlauf im Hotel und andere unschöne Details zur Festnahme, auch das Kamerateam, Police Inspektor Villanova und den unwürdigen Zustand der Zelle verschweigst du ganz bewusst.

Du ergänzt: „Die Eltern sind hier, durften mich aber heute nicht sprechen. Ich habe sogar zuvor mit den Kindern und einigen Polizisten zu Mittag gegessen. Ein Polizist hat die Sachen im Restaurant besorgt. Ihr könnt Euch doch an Franco erinnern. Von dem habe ich doch erzählt. Dem ich die Ausbildung finanziere. Der und der Kagawad, ah, sorry, das ist der Ortsvorsteher vom Dorf, also ein wichtiger Mensch, die waren hier, besuchten mich und kauften Dinge, die ich benötige.“
Nun sprichst du sehr optimistisch: „Das ist doch ein Missverständnis. Das wird sich schnell aufklären. Macht Euch bitte keine Sorgen!“

„Wie sollen wir uns keine Sorgen machen? Wie, Tommy?“, entrüstet sich vorwurfsvoll deine Mutter.

Sabine fügt hinzu: „Tommy, Du bist auf den Philippinen verhaftet worden. Jeder weiß, dass dort weder Gesetz noch Ordnung herrschen. Über dieses Land hört man nichts Gutes. Tommy, das weißt Du.“

„Aber, aber,“ verteidigst du dich, „ich hatte hier noch nie Probleme. Außer …. in der Nacht sollte man eben nicht unterwegs sein. Deshalb schliefen wir doch im Hotel.“

Marie schluchzt. Du kannst es förmlich sehen, wie sie wild den Kopf schüttelt und sich rote Flecken in ihrem blassen Gesicht bilden. Die kommen immer dann, wenn ihr etwas zuwider ist. Sicherlich trägt sie das gemusterte lila Tuch, das sie so sehr liebt, um ihren schlanken Hals. Es ist Winter in Deutschland.
Sie sagt bitter: „Ich habe Dich immer gewarnt dort hinzureisen, Tommy.“

„Du warst ja immer mit Deinen Selbsthilfegruppen unterwegs. Da haben ja Männer nichts verloren. Fernreisen liegen Dir auch nicht, Marie. Also warum soll ich in Deutschland versauern? Hier kann ich Urlaub machen und mit sehr wenig Geld auch noch etwas Gutes tun.“

Marie will antworten, aber Sabine schreitet ein: „Marie, Tommy, das bringt doch jetzt nichts. Wir müssen sehen, wie wir Tommy da rausbekommen.“

„Tschuldigung, Marie“, sagst du zerknirscht.
„Ist schon in Ordnung, Tommy“, schluchtzt Marie.

Sabine redet weiter: „Während Ihr Euch so schön gefetzt habt, habe ich an Papas Computer die Adressen der Deutschen Botschaft in Manila und der Philippinischen Botschaft hier in unserer Stadt im Internet gefunden. Heute am Sonntag, wird dort keiner sein. Mutter kann aber morgen früh auf die Botschaft der Philippinen fahren. Die ist ganz in der Nähe. Tommy, gibt es denn eigentlich einen Haftbefehl?“

„Haftbefehl? Weiß ich nicht. Sorry nochmal, Marie. Ich bin total kaputt. Letzte Nacht kaum gepennt, heute war dann so viel hintereinanderweg. Ich bin auch schon verhört worden. Ach, die Kinder übrigens auch. Ein netter Polizist steckte mir, die Kinder haben mich nicht belastet.“

Deine resolute Mutter reagiert erneut entrüstet: „Wie denn auch, Tommy? Ihr habt doch alle geschlafen, sagst Du.“

„Ja, Mutter, da ist keine ‚Crime scene‘, ähm, ich meine gesetzwidrige Situation.“
Du räusperst dich, du weißt nicht so recht, wie du die folgenden Worte aussprechen sollst: „Also, also Fakt ist doch, Fakt ist doch, keiner war ohne Kleidung und die Kinder schliefen tief und fest.“

„Also ein echtes Missverständnis“, fasst Marie emotionslos zusammen.

Im Hintergrund klappert Papas Computertastatur. Plötzlich ruft Sabine: „Das ist die Lösung! Das kann die Lösung sein. Deutsche Botschaft Manila. Über Deutschland, über die Philippinen. Öffnungszeiten, VISA-Service, da Tommy, Rechtsabteilung. Was im Notfall zu tun ist.“
Nach kurzen gespannten 30 Sekunden ruft Sabine erfreut auf: „Ah da, gut versteckt, eine Telefonnummer und die E-Mail der Rechtsabteilung. Bürozeiten, nur von Montag bis Freitag. Tommy, ich sende Dir die Daten per SMS und E-Mail. Hast Du Deinen Laptop?“

„Ja, der ist hier, vielleicht können wir ja sogar skypen. Morgen oder später in der Woche.“

„Gut Tommy, ich schreibe gleich eine E-Mail an die Rechtsabteilung. Wo bist Du genau?“

„Tugalm City, in der Police Station Number One oder Central. Die Stadt Tugalm City gibt es nur einmal auf den Philippinen, soweit ich weiß.“

„Tommy, vielleicht kann die Botschaft direkt helfen? Mit einem Rechtsanwalt zum Beispiel“, ruft Marie ins Handy deiner Mutter.

„Rechtsanwalt?“, wiederholst du gedehnt. „Ich hoffe, den brauche ich nicht. Ich bin sicher, nächste Woche komme ich hier raus. Dann fliege ich sofort zurück nach Deutschland und dann – das verspreche ich Euch – erstmal nicht wieder her. Dann hat sich das Thema Philippinen für’s Erste erledigt. So schön das Land auch ist, so freundlich und immer gut gelaunt die Menschen auch sind.“

Ma’am Papillio räuspert sich und tippt sachte mit einem Fingernagel auf ihre Armbanduhr.

„Leute, die nette Polizistin gibt mir Zeichen, zum Ende zu kommen. Moment, ich frage sie nach Skype morgen.“

„Ma’am Papillio, könnte ich mit meinem Laptop skypen? Vielleicht Morgen zur gleichen Zeit?“

Ma’am Papillio schaut dich mit großen Augen fragend an, dann lächelt sie belustigt.

Jetzt wird dir bewusst, dass du sie auf Deutsch angesprochen hast.
„Oh, sorry, Ma’am“, entschuldigst du dich rasch und wiederholst die Frage in Englisch.

„I’m thinking, yes. We have WiFi here“, schmunzelt Ma’am.

„Habt Ihr mithören können?“, fragst du, wartest die Antworten aber nicht ab: „Ich darf meinen Laptop benutzen. Ich versuche es wie heute. Also 17 Uhr hier, das wäre gegen 10 Uhr morgens bei Euch.“

„Tommy, Marie und ich, wir müssen doch arbeiten“, ruft Sabine.

Vater grummelt: „Und ich habe einen Termin beim Kardiologen. Den kann ich nicht verschieben.“

„Und danach fahren wir aber gleich zur Philipinischen Botschaft. Die müssen dich gehen lassen, Tommy“, ruft deine Mutter mit fester bestimmter Stimme. Sie scheint Feuer und Flamme zu sein, das Problem so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen. So kennst du deine Mutter. Nicht lange reden, handeln.

„Gut, gut, ich kann Euch dann aber E-Mails schreiben, mit Verteiler an alle.“

Ma’am Papillio räuspert sich erneut.

„Ich muss Schluss machen. Macht Euch keine Sorgen.“

Die Stimmung in Deutschland scheint nun entspannter zu sein. Du hörst, während du redest, wie Geschirr auf den Tisch gestellt wird.
„Na, Ihr macht jetzt wohl Frühstück? Ich kann den Kaffeeduft bis hierher riechen“, scherzt Du.

„Holger ist gerade gekommen und hat Brötchen mitgebracht“, ruft deine Mutter.

„Tommy, was ist denn los? Du verhaftet? Ich glaube es nicht!“, äußert sich besorgt dein Bruder.

„Holger, ich muss das Telefonat beenden. Die nette Polizistin ist schon ganz nervös. Will sicherlich Feierabend machen. Lass es Dir von den anderen erzählen. Das ist ein dummes Missverständnis. Macht Euch keine unnötigen Sorgen. Und jetzt, tschüss.“

Bevor du das Gespräch beenden kannst, wird Marie noch mal laut: „Tommy, Tommy, nimm Dich vor der Polizei in Acht! Auch wenn die – wie Du sagst – nett tun. Die Polizei ist Dein Gegner. Die arbeiten gegen Dich. Unterschreibe nichts Tommy und schweige von nun an. Dazu hast Du das Recht, überall auf der Welt. Bitte sei auch still gegenüber irgendwelchen Medien. Traue niemandem. Ich kenne Dich, Du redest gerne und viel. Lass das. Versprich es mir.“

Dir kommt das ätzende Kamerateam von gestern Abend in den Sinn: „Versprochen Marie.“

Aus dem Cellphone hörst du noch das mehrstimmige „Tschüss.“ Dann schaltest du das Gerät aus.

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„Danke Ma’am!“

„Ihre Familie ist in Sorge?“

„Ja, sehr“, raufst du dir das Haar. „Ich auf den Philippinen verhaftet. Ma’am, wann kann ich heim? Es liegt doch nichts gegen mich vor.“

„Nichts, außer Paragraf Republic Act 7610. Es ist ein Gesetzesverstoß, mit Kindern von 12 Jahren und darunter im Hotel zu übernachten. Es sei denn, sie sind mit den Kindern verwandt oder haben einen sozialen Auftrag.“

„Wir wollten Schulsachen kaufen, Ma’am. Wie geht es denn nun weiter?“

„Wir werden unsere Ermittlungen zu Ende bringen. Dann geht das Ganze zum Staatsanwalt und der entscheidet, ob die Beweislage für eine Anklage ausreichend ist. Anders verhält es sich, wenn Sie jemand anzeigt. Dann wird es sicherlich ein Gerichtsverfahren geben, in dem Sie Ihre Unschuld beweisen müssen.“

„Wer soll mich denn Anzeigen?, Ma’am“, lachst du.

Ma’am lacht nicht. Sie schmunzelt oder lächelt nicht einmal.
„Manchmal ist es besser, die Eltern zeigen an“, sagt sie gedankenverloren.

„Niemals, Ma’am!“, rufst du erschrocken, „Die Eltern sind Hundertprozent an meiner Seite!“

„Das ist gut, Mr. Heger, das ist gut!“

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