2.37. (Un)Geduld

Du bist wahrlich kein geduldiger Mensch. Das warst du noch nie, vielleicht als Kind. Wie soll es auch anders sein? Die Eigenschaft ‚Geduld‚ wird in Deutschland nicht gerade groß geschrieben. Alles muss sofort, gleich und jetzt sein, soeben passieren. Und du, der in der Industrie in einer Entwicklungsabteilung für neue Produkte angestellt ist, hast das Wort ‚Geduld‘ schon lange aus deinem Vokabular gestrichen – streichen müssen. Geduld bedeutet ‚Sich Zeit nehmen‚. Zeit ist Geld, heißt es. Deutschland gibt vor, beides nicht zu besitzen. Die Wahrheit ist, Geld ist da (in der Wirtschaft), aber wirklich niemals Zeit.

Du hast keine Geduld und stehst seit einer halben Stunde mit der Stirn an den rostigen Gitterstäben der Zellentür. Nichts – absolut nichts – passiert.
Du stellst die wüstesten Gedanken zu deiner VISA-Karte an: ‚Franco und Kagawad räumen das Konto und du siehst sie nie wieder.‘
Du erschrickst über deine Gedanken: ‚Warum bist Du nur so misstrauisch?‘
Räudige Katzen machen sich auf dem Zellenvorplatz über liegengelassenes Essen her. Obwohl die leichte Brise fettiges Papier und dreckige Plastiktüten an den Maschendrahtzaun drückt, ist es brütend heiß. Der widerwärtige Gestank der Zelle hinter dir umfängt dich, wie die Umarmung eines Monsters.

‚Verdammt, ich muss Sabine und der gesamten Familie Bescheit geben‘, trampelst du von einem Fuß auf den anderen.
„Lasst mich telefonieren! Bitte!“, flüsterst du, würdest das aber viel lieber laut heraus schreien. Die gegenüber gelegene verwitterte Wand des Polizeigebäudes anbrüllen, um so ordentlich Frust abzulassen.

Du wirst von Minute zu Minute nervöser.

Die Eltern und ihre Kinder haben das Polizeigebäude nicht mehr verlassen. Auch Silas und Mikel-Loy sind nicht mehr aufgetaucht.

Besuchszeit beendet! Der Wachmann hat die schwere Kette um die Tür des Maschendrahtzauns gelegt. Fest verschlossen. In den anderen Zellen ist es fast still.

Endlich, an der Schranke tut sich etwas. Kagawad und Franco diskutieren mit dem Schrankenwärter, wedeln mit großen Gaisanotüten und zeigen zu dir. Erleichtert stößt du die Luft aus.
‚Was für blöde Gedanken du hast‘, spricht dein Gewissen vorwurfsvoll zu dir: ‚Kagawad und Franco brennen mit deiner VISA-Karte durch. Verrückt, absurd!‘
Der Wachmann von der Schranke verschwindet im Gebäude, ist aber sehr kurze Zeit später mit dem Schlüsselbund und den Teenagern Silas und Mikel-Loy zurück. Gemeinsam mit Franco und Kagawad kommen alle zu dir. Der Wachmann aus dem Wachturm übernimmt die Stellung an der Schranke.

Die Schlüssel klimpern, das Vorhängeschloss knackt, die Tür quietscht, die Zelle ist offen.

„Sie haben 10 Minuten, sagt Ma’am Papillio“, murrt der Wachmann. Kagawad Jacub Castro hält ihm sofort die geöffnete Marlboro-Schachtel unter die Nase und zuckt auffordernd mit den Augenbrauen. Der Wachmann zieht gleich drei und zündet sich sofort eine an.

Ihr setzt euch auf das stehen gelassene Cola-Kisten-Arrangement und teilt das Geld wie besprochen auf. Feierlich übergibt Franco die VISA-Karte, vier Quittungen vom Geldautomat über jeweils 5000 Piso und die Tüten von Gaisano mit den Utensilien, die du am frühen Nachmittag auf der Einkaufsliste notiert hast.
Von den 20000 Piso bleiben nur 3450 Piso für dich. Den Betrag übergibt Franco auch mit sichtlichem Stolz und übertrieben feierlich. Kagawad schaut indes diskret beseite und raucht auffällig konzentriert. Silas und Mikel-Loy sitzen stumm mit breitem Lächeln und glänzenden Augen etwas abseits. Sie haben soeben jeder einen blauen Tausend-Piso-Schein erhalten. Der ist sofort in den Hosentaschen verschwunden. Kagawad und Franco bekommen jeweils 1500 Piso.
„Die Eltern bekommen dann später“, verspricht Franco und bekreuzigt sich. Kagawad nickt betreten.
‚Merkwürdig, dass Franco das ausführende Organ ist und nicht Kagawad. Der ist zum Zeugen degradiert. Aber Franco ist dir emotional einfach näher. Franco, dein Ziehsohn‘, sinnierst du kurz, während du Kagawad anlächelst und dessen Unbehagen bemerkst.

Der Wachmann räuspert sich und schaut auf die große Military-Armbanduhr.

„Bitte sagt der Polizistin, dass ich unbedingt meine Familie anrufen muss „, flehst du Kagawad an.
Der nickt heftig, aber Franco antwortet (bevor Kagawad das tun kann) mit festem Gesichtsausdruck: „Ja, klar, Tommy, keine Sorge!“
Kagawad nickt mit besorgter Miene.
Silas fügt schnell hinzu: „Machen wir, Tommy.“

„Sir“, spricht Franco zum Wachmann, „da ist doch bestimmt eine Minute? Für ein Gebet?“

Der Wachmann nickt teilnahmslos und riecht an einer Marlboro.

Ihr sitzt im Kreis, haltet euch an den Händen (‚Wie im Kindergarten‘, denkst du) und Franco betet inbrünstig in englischer Sprache. Mit „Lord! – Lord! – Lord!“, einem kurzen „Amen“ und Bekreuzigungen deiner Besucher endet das Gebet.

‚Das waren mindestens drei Minuten‘, sinnierst du und auch der Wachmann steht schon mit genervtem Gesicht an der Gitterstabtür und schwingt ungeduldig den Schlüsselbund. Hektisches Aufwiedersehen.

Die Tür quietscht, die Schlüssel klimpern, das Vorhängeschloss knackt. Der Wachmann verschließt sehr sorgfältig auch das Maschendrahtzauntor.

„Kagawad, Franco, wo bleibt Ihr die Nacht?“, rufst du deinen Freunden nach.
Franco dreht sich um: „In der Kirche der Born Again Gemeinde. Der Pastor räumt schon den Saal für uns frei. Ernesto und Rica, weiß ich nicht. Bestimmt bei Silvia.“
Die Vier winken und verschwinden an der Gebäudeecke aus deinem Sichtfeld.

Nun heißt es wieder Warten und in Geduld fassen. Auch wenn es schwer fällt.

Copyright © by NOKBEW!

Werbeanzeigen