2.36. Penetranz

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Es geht gegen 15:30 Uhr. Der Platz vor dem Zellenhaus ist gut mit Besuchern gefüllt. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Ihr sitzt neben der Zellentür. An eine Unterhaltung ist jetzt, nachdem Kagawad und Franco gegangen sind, nicht mehr zu denken. Irgendeiner der Besucher kennt Kagawad. Wohl vom Gemüsegroßmarkt. Es hat sich schnell herumgesprochen, dass Jacub Castro ein Kagawad (Ortsvorsteher) ist. Und diese Tatsache schützt deine Besucher und dich vor aufdringlichen Fragen der neugierigen Besucher. Das Bollwerk ‚Kagawad‘ ist nun fort. Nur noch die zwei Teenager und du sitzen auf den Cola-Kisten.
Nun stürzen Fragen und Kommentare zum Geschehen auf euch ein. Fragen zu deiner Person, zur Tatsache inhaftiert zu sein und was man dir vorwirft und dass die Vorwürfe ja nur dazu dienen, dir Geld aus der Tasche zu ziehen. Die meisten Fragen verstehst du nicht, da in Visayan. (Visayan, ist eine Sprache die vornehmlich im Süden der Philippinen gesprochen wird). Einige Besucher sprechen ein wenig Englisch. Du verstehst die Fragen: „Bist Du Amerikaner? Sind die Teenager Deine Söhne? Sprichst Du Visayan? Bist Du verheiratet und wieviele Kinder hast Du? Und ob Du die Philippinas (Philippinische Frauen) zum Anbeißen findest?“
Einige Fragen kannst du beantworten. Es sind zu viele Fragen und alle Fragen kommen stets zur gleichen Zeit. Du weißt nicht, wem du dich zuwenden sollst. Auch Silas und Mikel-Loy sind in angeregten Unterhaltungen verwickelt. Nachdem die Menge, die nun im Halbkreis um euch steht, herausgefunden hat, dass du Deutscher bist, kommen schnell die Fragen, ob du Adolf Hitler und Dirk Nowitzki (den NBA-Basketballer) persöhnlich kennst.
Von da an ist es dir zuviel und zu dumm. Dein Kopf schmerzt leicht und die letzten 18 Stunden sind alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen. Dazu der Schlafmangel. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo das lustige Frage-Antwortspiel in Stress ausartet. Die penetrant fragende Meute bemerkt deine Bedrängnis nicht. Du stehst abrupt auf, streichst die Hose glatt und schüttelst dich.
Die Menschen weichen zwar ein wenig zurück, die Fragen oder die anerkennenden Worte zu deinem Aussehen (ikaw gwapo / du bist gutaussehend, taas ilong / lange Nase) prasseln weiter auf dich ein. Der gut beleibte Wachmann erkennt dann doch deine Not und verscheucht die aufdringliche, aber weiter fröhlich durcheinander plappernde Menge.

Du setzt dich wieder und nickst dem Wachmann dankend zu. Die wenigen Stühle, die es gibt, bestehen aus vergilbtem Kunststoff und da sind auch zwei grob gezimmerte Holztische. Fast alle sitzen, so wie ihr, auf umgedrehten, schmutzigen Cola-Kisten. Die sind reichlich vorhanden. Silas und Mikel-Loy haben von Kagawad jeweils eine Marlboro erbettelt.
„Ausnahmsweise“, sagte Kagawad.
Genüsslich rauchen die Zwei und fühlen sich sichtlich erwachsen. Den Wachmann interessiert das Rauchen der Teenager nicht die Bohne. Hat er doch von Kagawad auch zwei Marlboro bekommen. Eine steckt schon im wulstigen Mundwinkel, brennt aber noch nicht, die andere steckt hinterm rechten Ohr.

Du stehst noch und spähst durch den Maschendrahtzaun. Kagawad und Franco reden mit den Eltern. Du setzt dich wieder. Silas erklärt in sehr gebrochenem Englisch, dass du intensiv beten musst. Dann wird auch alles wieder gut. Und Mikel-Loy ergänzt, dass du die Bibel studieren sollst. Er bläst dabei, wie ein geübter Raucher, den blauen Rauch aus.

Du bist mehr an dem interessiert, was zwischen Eingang Polizeigebäude und Schranke passiert, als an einer Unterhaltung mit Silas und Mikel-Loy. Die genießen auch schweigend die Marlboro, die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Besucher, da sie deine Besucher sind. Und auch das Erwachsenwerden.

Du stehst auf und gehst die wenigen Schritte zum Zaun. Immer unter den freundlichen Blicken des Wachmanns.
Am Eingang wird geraucht. Kagawad und Franco sind fort. Du siehst Officer Sarang bei den Schweigenden neben Michael rauchen. Dann verschwindet Sarang im Gebäude. Es wird zwischen Eltern und Kinder sofort heftig diskutiert. Verstehen kannst du nichts, dafür sind die Besucher um dich herum zu laut. Du beobachtest, wie Kinder geschüttelt werden. Jungs heulen. Dann heulen die Mütter. Anschließend werden die Kinder geherzt. Mütter und Väter umarmen ihre Söhne. Der Wachmann im Turm an der Schranke ruft den Eltern und ihren Kindern etwas zu. Michael gibt dem Schrankenwärter eine Zigarettenschachtel. Officer Sarang kommt aus dem Gebäude, bittet die Eltern-Kindgruppe herein.
Du stehst am Zaun, die Hände auf Augenhöhe in die Drahtmaschen gekrallt. Hinter dir die brodelnde Masse. Arrestierte und ihre liebe Verwandtschaft. Jede deiner Aktionen wird von den beiden Teenagern, dem Wachmann, den Arrestierten in den Zellen und den Arrestierten mit ihren Besuchern am Vorplatz genau beobachtet. Der arrestierte Ausländer, die Sensation! Du setzt dich wieder zu Silas und Mikel-Loy. Die lächeln unsicher, als Antwort auf dein gequältes Gesicht.

Plötzlich ertönen hinter dir laute Gongschläge und lassen dich vor Schreck hochfahren.
„Time! – Time! -Time!“, ruft laut der Wachmann und haut weiter mit einem daumendicken Stahlstift gegen das rostige Stahlrohr. Das hat den Durchmesser einer Panzerkanone.
Dir klingeln die Ohren. Alle erheben sich in Zeitlupentempo und beginnen halbherzig, den Müll in die Stahltonnen zu befördern. Der Wachmann mahnt zur Eile, der meiste Müll bleibt liegen. Auch Cola-Kisten und andere Utensilien bleiben dort, wo sie sind.

Die Teenager und du, ihr verabschiedet euch, wie ihr euch begrüßt habt. Mit einem weit ausholenden Handschlag. Wie Rap-Musiker, cool eben.
„Bis Morgen, Tommy“, freuen sich die beiden.
„Bis Morgen“, antwortest du traurig.
Schnell sagst du zu Silas und Mikel-Loy: „Bitte sagt einem der Polizisten, dass ich meine Familie anrufen muss und dass mir das die Polizistinnen versprochen haben.“
„Machen wir“ und „Ja, Tommy“ antworten die Zwei nun pflichtbewusst.

Alle Arrestierten sind bereits weggeschlossen. Du bist der letzte. Schnell sagst du zum Wachmann, das gleiche wie zu den Teenagern: „Sir, ich muss meine Familie informieren und die Polizistinnen haben das Benutzen vom Cellphone versprochen.“
Dann fragst du: „Kann ich den Kagawad und seinen Begleiter Franco später noch mal kurz sprechen? Die bringen einige Dinge, die ich benötige.“

Der Wachmann brummt etwas in seinen ungepflegten fettigen Dreitagebart. Die Marlboro glimmt jetzt. Er hebt und senkt kurz die dicken Augenbrauen. Das bedeutet: „Ja!“
Die Tür quietscht, die Schlüssel klimpern, das Vorhängeschloss knackt. Der Wachmann verschließt auch das Maschendrahttor, schultert das Gewehr und entfernt sich mit schnellen Schritten.

Augenblicklich ist es still, abgesehen vom leisen Murmeln in den anderen Zellen.
Und du bist weggeschlossen und abgeschnitten vom Leben.

Du spürst eine in deinem Leben zuvor selten erlebte Emotion: ‚Einsamkeit‘

Und noch etwas kriecht an dir hoch wie widerliche Insekten. Sorge und Ungeduld!

‚Werden sie dich und dein Cellphone einfach vergessen?‘

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