2.34. Francos Fauxpas

Die Raucherecke befindet sich neben dem Haupteingang des Polizeigebäudes und gegenüber der Schranke.

Kaum sind die Eltern und die Kinder aus dem Gebäude getreten, hören sie Silas und Mikel-Koy. Am Zellenhaus, hinter Maschendraht stehen Silas, Mikel-Koy, Franco, Kagawad Castro und Tommy. Silas, Mikel-Koy und Franco winken überschwänglich und rufen: „Hallo“, und: „Hier sind wir!“

Die Eltern und Kinder schauen zwar, aber reagieren nicht. Tommy wendet sich schnell an Silas.
Der spurtet augenblicklich zur Eltern-Kind-Gruppe: „Was sagen die Polizistinnen?“, keucht er, „Dürfen die Jungs heute heim?“
Die ernsten und versteinerten Mienen der Eltern und die angespannte Atmosphäre erübrigt eine Antwort. Er nickt schnell den fünf Jungs zu, seinen beiden Cousins Aboy und Phil und seinen drei Freunden Sam, Jan und Dan. So traurig und verschlossen wie heute hat er sie sehr selten erlebt.
Silas stammelt: „Ähm, okay, ich soll Euch von Tommy sagen, er möchte mit Euch reden.“ Sein Gesicht hellt sich auf, die Augen bekommen einen eigenartigen Glanz: „Und Franco und Kagawad gehen gleich Geld holen, auch für uns!“

Michael zündet sich eine Zigarette an und reicht die Schachtel weiter: „Wir dürfen nicht mit Tommy reden. Anweisung der Polizei.“

Silas ist ungeduldig und wartet weitere Antworten nicht ab. Schon ist er zurück am Zellenhaus und berichtet atemlos. Tommy unterhält sich wenige Sekunden angeregt mit Kagawad und Franco. Kagawad und Franco brechen sogleich auf.
Michaels Schachtel ‚More‘ und sein Feuerzeug kreisen. Selbst Ernesto und Romolo, die vor langer Zeit das Rauchen aufgaben, rauchen.
Auch Officer Sarang bedient sich. Er gibt das Feuerzeug an Michael zurück: „Das sind also Ihre Jungs. Ich habe auch einen Sohn. Der ist aber etwas jünger als Ihre Söhne.“ Er ist sichtlich um ein unverfängliches Thema bemüht.

Die Eltern nicken betreten.

Die Frauen haben verheulte Gesichter. Lang raucht als einzige der Frauen. Die Zigarette in ihrer Hand zittert. Aboy stützt seinen Vater. Romolo hustet den Rauch aus. Jan und Dan die Brüder, stehen zwischen Lang und Matthew. Dan steht mit dem Rücken zu seiner Mutter. Lang hat ihre Hände vor Dans schmaler Brust gefaltet und drückt ihn an sich. Sam hängt an seiner Mutter. Rica putzt ihm das Gesicht mit ihrem schmuddeligen Taschentuch. Phil steht vor Vicente und Michael. Michaels Hand ruht auf der Schulter seines Sohnes.

Phil fragt vorsichtig: „Ma, dürfen wir heute mit Euch kommen?“
Jan flüstert: „Wir möchten nicht wieder in diesem komischen Haus schlafen.“
Auch den anderen drei Jungs brennt diese Frage auf der Seele. Mit großen Augen schauen die Kinder ihre Eltern an. Die Eltern trauen sich nicht, die fragenden Blicke der Kinder zu erwidern. Starren schweigend auf ihre Zigaretten oder zu Boden.

Kagawad Jacub Castro und Franco stehen plötzlich neben der schweigenden Gruppe. Die Stimmung ist am Boden. Die Eltern gestresst, ihre Söhne traurig. Alle sind tief verunsichert und mit der Situation überfordert. Kagawad zündet sich schnell eine Marlboro an und schweigt ebenfalls. Tiefe Sorgenfalten zeichnen seine Stirn.
Franco hingegen ist in Hochstimmung: „Ist etwas Schreckliches passiert?“, ruft er laut und fröhlich und korrigiert sich sofort: „Ähm, ich meine, passiert, während wir bei Tommy waren?“
Die Mütter und Väter mustern Franco scharf, schweigen aber. Wie bei ihren Söhnen ist jegliche Fröhlichkeit aus den Gesichtern gewichen. Selten sind die Eltern so ernst und noch nie hat Franco die Kinder so traurig erlebt. Auch in der widrigsten Situation gibt es die Möglichkeit, durch Galgenhumor oder einen dummen Spruch die Stimmung zu erheitern -zu lösen. Nicht so heute. Es ist bedrückend.
Franco ist die Situation jetzt unerträglich peinlich: „Wir haben von Silas schon gehört, die Jungs dürfen heute nicht heim. Aber kein Problem, ich und Kagawad holen Geld von ATM, auch für Euch. Wir können heute Nacht hier bleiben!“
Kagawad blickt Franco kurz an und verzieht genervt das Gesicht, hebt dann aber dennoch schnell die Augenbrauen.

Matthew räuspert sich und bläst scharf blauen Rauch aus: „Wir müssen hier bleiben, die Polizistinnen sind noch nicht fertig mit uns.“
Er nimmt einen tiefen Zug, so dass die Glut der Zigarette fast weiß leuchtet: „Was die für ein dummes Zeug quatschen.“
Jetzt erinnert er sich an Officer Sarang und schaut peinlich berührt zur Schranke.

Sarang tut so, als habe er nichts gehört.

Phil und Dan beginnen zu schluchzen.
Sofort sind die Mütter bei ihnen und beginnen zu trösten.
Lang putzt Dan die Rotznase: „Ist doch nur für eine kurze Zeit. Jetzt heule nicht.“
Vicente streicht Phil liebevoll die Haare glatt: „Alles wird gut.“ Und an alle Jungs gerichtet sagt sie: „Ihr seid doch schon groß. Nun seid nicht traurig.“
Rica ergänzt: „Die Polizistinnen sagten, es sei nur für kurze Zeit. Ihr seid doch fünf Freunde.“
Ernesto schüttelt leicht den Kopf

Franco schaut auf sein Cellphone: „Kagawad, komm, wir müssen los! Und Ihr wartet hier auf uns!“

Ernesto kneift die Augen zusammen. Sein Gesicht ist bereits steinhart und wird nun zusätzlich bitterböse. Er sagt nichts. Auch die Frauen schauen verwirrt zu Franco. Michael und Matthew ist die Situation sichtlich peinlich.
‚Wie kann dieser junge Kerl den Kagawad kommandieren. Das ist eine absolute Respektlosigkeit der älteren und höher gestellten Person gegenüber. Franco, wo bleibt deine Erziehung?‘, schämt sich gedanklich Romolo über seinen Neffen. Er schüttelt betreten ein wenig den Kopf und schaut beiseite.

Kagawad bleibt cool. ‚Derzeit haben wir andere Probleme‘, sinniert er. Mit einem süffisanten Lächeln im Mundwinkel wirft er die Kippe in die Stahltonne, klatscht in die Hände, schaut Franco amüsiert an und sagt: „Na, dann lass uns Mal aufbrechen.“

Officer Sarang schaut auf seine Militäruhr: „Reden Sie nicht mit den Kindern über Heger oder den Tag gestern. Ich habe zu tun. Bitte entschuldigen Sie mich. Sind Sie fertig mit dem Rauchen, begeben Sie sich bitte in mein Büro.

Endlich sind die Eltern mit ihren Söhnen allein.

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