2.31. Tumult

Die Eltern

Vor ihrem Büro hören die Polizistinnen erst lautes Geschrei und dann passiert alles gleichzeitig: Heulende Kinder, weinende Frauen, laute Diskussionen und brüllende Männer.

Tumultartige Szenen spielen sich im Flur der Policestation ab.

Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan stürmen sogleich aus ihrem Büro.

Die Polizisten Sarang und Pangunang, Frauen, Männer und die fünf Kinder bilden eine Gruppe, die in ständiger Bewegung ist. Alle reden gleichzeitig. Die Lautstärke der Unterhaltungen nimmt stetig zu. Frauen – sicherlich die Mütter – begrüßen und umarmen ihre Kinder und weinen bitterlich. Auch zwei der fünf Jungs heulen.
Zwei Erwachsene unterschiedlichen Alters und zwei Teenager stehen dezent abseits und beobachten mit ausdruckslosen Gesichtern die Szene.

Heger steht im Türrahmen zu Sarangs und Pangunangs Büro. Sarangs kleiner Sohn steht neben Heger. Aus Hegers entsetztem Gesicht ist deutlich abzulesen, dass ihm die Situation höchst zuwider ist.

Ein älterer Mann mit tiefbraunem und vom Wetter gegerbten Gesicht ist offensichtlich der Wortführer der Gruppe. Er diskutiert wild gestikulierend mit Sarang.
Zwei weitere Männer – etwas jünger als der Wortführer – bearbeiten lautstark Pangunang.
Ein weiterer älterer Mann, er steht unsicher und scheint Schmerzen zu haben, enthält sich der Diskussionen. Er drückt den heulenden Aboy an sich und stützt sich mehr auf Aboy auf, als ihn zu umarmen.

Allen vier Vätern ist anzusehen, dass sie den Lebensunterhalt für ihre Familien mit harter körperlicher Arbeit erarbeiten.

Die Mütter herzen ihre Kinder, als hätten sie diese Jahre nicht gesehen.

Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan stehen noch an ihrer Bürotür. Sie sind blickgeschützt, da direkt vor ihrer Tür – mitten im breiten Flur – die Treppe in den ersten Stock führt. Außerdem ist ihre Bürotür nicht die einzige, die geöffnet wurde.
Ma’am Papillio flüstert: „Mein Gott, die tun ja gerade so, als seien die Kinder eine Ewigkeit fort gewesen.“
Ma’am Tolisan nickt und staunt: „Also, die kniende Frau, die Jan und Dan umarmt, ist wohl deren Mutter.“
„Und der Mann neben ihr der Vater der Brüder“, ergänzt Papillio.
Ma’am Tolisan nickt und führt weiter aus: Sieh mal, Aboy heult und da ist nur ein Vater.“
Ma’am Papillio zuckt mit den Augenbrauen: „Richtig, sein Vater. Die Mutter lebt ja getrennt.“ Sie fügt hinzu: „Dann sind die jungen Eltern die Eltern vom Phil.“
Ma’am Tolisan erwidert:“Das ältere Paar ist demnach Sams Eltern.“
Ma’am Papillio stellt fest: „Und Sams Vater ist der Rädelsführer.“
Sie nickt entschlossen Ma’am Tolisan zu und flüstert: „Dann wollen wir mal Sarang und Pangunang aus der Patsche helfen.“

Das wird auch Zeit, da mehr und mehr Bürotüren geöffnet werden und Neugierige den Tumult begaffen. Der Verkehr auf dem Flur kommt nun ganz zum Erliegen. Auf der breiten Treppe stehen ebenfalls Schaulustige und bestaunen das Geschehen.

Ernesto, der Älteste der Gruppe und Sams Vater, ist erzürnt. Er brüllt: „Wir waren im BSWD. Keiner konnte uns sagen, in welcher Polizeistation wir unsere Kinder finden!“
Die drei Väter und die anderen zwei Männer nicken zustimmend.
Officer Sarang rudert mit den Armen: „Jetzt beruhigen Sie sich doch erst einmal! Kommen Sie bitte hier in das Büro.“ Aber keiner macht Anstalten Sarangs Aufforderung zu befolgen.
Officer Pangunang sagt zeitgleich: „Bitte, seien Sie nicht so laut. Die gesamte Polizeistation ist schon alarmiert.“ Tatsächlich stehen im Windfang plötzlich zwei schwerbewaffnete Polizisten. Sie schreiten nicht ein. Amüsiert beobachten sie den Tumult. Den Sturm im Wasserglas.
Michael, Phils Vater, wiederholt: „Keiner im BSWD konnte uns sagen, wo unsere Kinder sind!“ Er berichtet ungebremst weiter: „Wir sind dann erst in die Policestation South. Aber keine Kinder dort!“
„Können Sie sich unsere Sorgen vorstellen, Sir?“, fällt Vicente ihrem Mann Michael ins Wort.“ Sie schluchzt und schneuzt sich demonstrativ laut die Nase.
Sarang blickt ungeduldig und unsicher zu den Eltern, dann zu den Schaulustigen, anschließend zu Heger und dann hilfesuchend zu Pangunang.
Pangunang wirkt ebenfalls hilflos. Ihre Chefin Ma’am Papillio bemerkten sie nicht.

Ernesto erhebt wieder – über Gebühr laut – sein Wort: „Und warum müssen wir diese Geschichte aus den TV-News erfahren?“

Seine Frau Rica ist sehr beunruhigt und versucht ihn, sogleich zu beruhigen: „Ern, bitte, denke an Deinen Blutdruck.“

Sam, der Sohn, klammert sich wie ein Baby, welches soeben laufen lernte, an Mutters Bein.

Matthew, der Vater der Brüder Jan und Dan und Langs Ehemann, hilft Rica: „Ernesto, beruhige Dich bitte. Das wird sich schon klären.“

Lang ist ebenfalls verärgert. Sie beruhigt den weinenden Dan und hat rote Flecken im Gesicht. Ihre Augen treten aus den Augenhöhlen. Sie holt tief Luft: „Da rief eine seltsame Frau an.“

Vicente wirft ein: „Eine Polizistin war das nicht!“

Michael erklärt: „Die war vom BSWD! Ich sprach mit der Frau. Die hat einfach aufgelegt.“

Lang holt wieder tief Luft: „Wir hatten solche Angst um unsere Jungs! Und dann dieser komische TV-Bericht.“

Die Jungs haben sich inzwischen beruhigt. Dan und der sonst coole Aboy schluchzen noch.

Aboys Vater Romolo, steht sichtlich auf wackligen Beinen. Der stützt sich weiter auf Aboy. Ein Teenager springt Aboy zu Hilfe. Er ist unbestritten Aboys großer Bruder. Das gleiche Gesicht, nur eben ein paar Jahre älter. Romolo wird nun von beiden Söhnen gestützt. Er räuspert sich umständlich und krächzt: „Was ist denn überhaupt los?“

Sams Vater, Ernesto, wird wieder laut: „Ja, das möchten wir alle nun gerne einmal wissen. Was – verdammt nochmal – ist überhaupt los? Warum sagt uns niemand Bescheid? Warum diese mysteriösen Anrufe? Diese merkwürdige Frau und unsere Söhne. Zuvor sendeten die SMS.“

Lang und Michael nicken heftig.

Ernesto reißt sich nervös die ausgeblichene Mütze vom Kopf und spricht weiter: „Ich, wir möchten sofort die Verantwortlichen sprechen! Sofort!“

In dem Moment treten Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan vor die Gruppe. Ma’am Papillio stützt beide Hände in die Hüften, atmet tief ein und ruft mit fester Stimme: „Ich bin hier die Verantwortliche!“

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Du

Augenblicklich ist es still. Auch die Schaulustigen und Neugierigen verstummen. Eine gefährliche Stille herrscht plötzlich.
Du denkst: ‚Wird sie explodieren? Die Eltern für den Tumult abstrafen?‘
Sie ist ein hoher Polizeioffizier, eine Respektsperson. Ihr Dienstgrad ist für alle klar an ihrer Uniform erkennbar: Superintendent.
Über ihrer linken Brust das schwarze Namenschild mit weißer Schrift: Papillio.

Superintendent Ma’am Papillio bleibt ruhig: „Wir begeben uns nun alle in das Büro hier. Und wir beruhigen uns und dann reden wir gemeinsam und beantworten Ihre Fragen.“

Dir ist die gesamte Situation höchst unangenehm. Du machst dir Selbstvorwürfe und bemitleidest die Kinder, deren Eltern und sogar die Polizisten Sarang und Pangunang.
‚Du bist die Ursache des Übels. Wärst Du nur nicht in diese Stadt gefahren. Hättest Du nur nicht in diesem Hotel übernachtet. Was hat dich nur geritten?‘, fragst du dich verzweifelt.
Du bist verunsichert. Sollst du Sarang und Pangunang beistehen? Ihnen helfen die Eltern zu beruhigen und in das Büro zu lotsen.
Die Fragen im Kopf: ‚Was darfst du noch? Was ist angebracht? Wo würdest du Grenzen überschreiten? Asiaten verlieren nicht gerne das Gesicht. Wärst du eingeschritten, hätte Sarang das Gesicht verloren?‘

Du fühlst dich zutiefst verunsichert. Nichts ist, wie es gestern um diese Zeit war.

Die Eltern sind dermaßen in Rage, die beachten dich jetzt nicht. Oder ihnen ist nicht aufgefallen, dass du als Zaungast im breiten Rahmen der Bürotür stehst?

Trotzdem, es gibt keine Vorwürfe, keine Anklagen, keine Schläge, kein Augenauskratzen der Eltern oder der Mitgereisten gegen dich.

Es folgen verstohlene Blicke mit dem mitgereisten Kagawad Castro. Nichtssagende Blicke.
Auch die Augen der Mütter treffen deine Blicke. Nur ganz kurz. Du deutest die Blicke eher scheu und unsicher, aber auf jeden Fall traurig. Traurigkeit, das liest du in ihren Augen.
Die Gesichter der Teenager Silas und Mickel-Loy zeigen ein winziges Lächeln. Für die ist das ein Abenteuer.
Franco schaut müde aus. Er wirkt gestresst und hat das traurigste Gesicht von allen. Er scheut direkten Blickkontakt. Dir kommt sein Weinkrampf am Cellphone in den Sinn. An seine Brust drückt er krampfhaft eine zerknitterte weiße Plastiktüte.
‚Wechselshirt‘, denkst du erleichtert kurz.

Sarangs Sohn John ist verschwunden. Du drehst dich langsam um und begibst dich in das Büro. John spielt Counter Strike.
Um Platz zu lassen, begibst du dich in die Ecke mit den Sitzgelegenheiten aus Bambusrohr. Du setzt dich aber nicht, sondern drückst dich in die Raumecke.

Die Gruppe mit den Kindern folgt schweigend. Das Büro füllt sich.

Papillio erhebt das Wort: „Ich möchte, dass nur die Eltern und deren Kinder bleiben. Officer Sarang, würdest Du bitte Mr. Heger zurück zur Zelle bringen. Wer ist kein Elternteil?“

Kagawad Castro, Franco, Mickel-Loy und Silas melden sich.

Ma’am Papillio fährt fort: „Gut, Sie können Heger gerne zum Zellendorm begleiten. Bis 16 Uhr ist noch Besuchszeit. Mr. Heger benötigt auch sicherlich einiges. Das können Sie dann draußen besprechen. Die Eltern möchte ich in meinem Büro sprechen.“
Zu den fünf Söhnen sagt sie freundlich: „Und Ihr seid lieb und leistet Sarangs Sohn ein bisschen Gesellschaft. Spielt noch ein wenig Computer. Alles wird gut.“

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