2.29. Wiedersehen mit den Kindern

Auf dem kurzen Weg vom Zellenhaus in das Polizeigebäude weist Officer Sarang dich höflich an, nicht mit den Jungs über den gestrigen Tag, die Verhaftung oder über deren Befragungen zu sprechen. Für dich ist das eine Selbstverständlichkeit.
Ihr stoppt an der Gebäudeecke. Sarang schaut zufrieden. Ihr seid außer Sichtweite der Wachmänner, die an der Schranke ihren Dienst verrichten. Der Wachmann am Zellentrakt ist mit den Besuchern zu beschäftigt, um euch Beachtung zu schenken. Sarang schaut sich dennoch verstohlen um und flüstert: „Sir Heger, die Jungs sagten nichts Nachteiliges gegen Sie. Aber bitte erzählen Sie niemandem, dass ich Ihnen das gesagt habe.“
Sarang wendet sich zum Weitergehen. Du bist voller Hoffnung und erwiderst erleichtert: „Sir, wie lange können sie mich hier noch festhalten? Wann ist der Spuk endlich beendet?“
Sarang windet sich sichtlich um eine Antwort: „Wir werden sehen, Sir. Verlieren Sie nicht die Hoffnung und vor allem beten Sie. Kommen Sie nun, die Kids warten schon sehnsüchtig auf Sie.“

Sechs schwer beschäftigte Jungs im Büro. Officer Sarang und du stehen im Türrahmen. Aboy liegt quer auf der Kunststoffbank und spielt mit einem Cellphone. Er schielt dabei leicht. Phil und Sam spielen gemeinsam mit Sarangs Sohn am Laptop und diskutieren angeregt über das Computerspiel. Jan döst auf einer Bank aus Bambusrohr in der Büroecke. Sein kleiner Bruder Dan sitzt neben Jan, auf einem der flachen Bambusstühle. Sein Gesicht mit den großen dunklen Augen und den Pausbäckchen wird vom Screen des Tablet-PCs beleuchtet, so dicht hält er das Gerät vor seine Nase. Keiner der Jungs bemerkt euch. Sarang beobachtet die Szene und flüstert: „Der Knirps ist mein Sohn John. Er ist fast so alt wie Ihre Jungs.“
‚Meine Jungs?‘, wiederholst du gedanklich.

Sarang räuspert sich: „Na, das ist ja eher ’ne Spielhölle als ein Policeoffice!“

Die Kinder schrecken hoch, springen auf und sind schon an dir dran. Nur John spielt ungerührt weiter am Laptop.
„Tommy, Tommy“, rufen die fünf Freunde überrascht und umringen dich.
„Alles wird gut!“, ruft Aboy und zieht dich auf die Kunststoffbank.
Sam wiederholt Aboys Worte: „Alles wird gut!“ und ergänzt ernst: „Unsere Eltern kommen und holen uns ab!“
Du hast darauf keine Antwort.
Dan erschrickt: „Tommy, Deine Hand!“
Phil fragt besorgt: „Wie geht es Deiner Hand, Tommy?“ Er zeigt auf das mittlerweile verschmutzte und vom Blut durchtränkte Pflaster auf deinem linken Handrücken.
„Ach, das ist doch nichts, Jungs. Nur ein kleiner Ritz von den blöden Handschellen.“
Sam schaut ernst und besorgt: „Tommy, warum hat man uns verhaftet?“
„Psst“, antwortest du, „wir sollen nicht davon reden.“
„Ach so!“, gibt sich Sam zufrieden und schaut kurz mit scheuem Blick zu Police Officer Sarang.
Aboy setzt sich neben dich und legt freundschaftlich seinen Arm auf deine Schulter und um deinen Hals. Sam beginnt sofort deine rechte Hand zu massieren. Dan hingegen lehnt seitlich an deinem linken Oberschenkel, legt ebenfalls seinen Arm um deinen Hals und macht Anstalten sich auf deinen Schoß zu setzen. Dir ist die Nähe unangenehm. Die Police Officer Sarang und Pangunang nehmen jedoch keine Notiz von der Belagerung durch die Kinder. Sarangs Sohn spielt mit verbissenem Gesichtsausdruck am Laptop. Das Spiel hört sich stark nach ’Counter Strike’ an. Da bist du dir ganz sicher.
Nun beginnt Phil auch noch deine Schultern zu massieren.
Jan fragt besorgt: „Tommy, Du siehst müde aus.“
„Ihr seht aber auch nicht besser aus, Jungs. Wir haben wohl alle zu wenig gepennt letzte Nacht.“ Du sagst das scherzhaft und mit einem breiten Grinsen. Dennoch nicken die Jungs ernst und zucken kurz mit den Augenbrauen. Dan versucht weiter auf deinen Schoß zu gelangen. Es fällt dir schwer ihn abzuweisen. Du möchtest ihn nicht – in dieser Situation – verletzen.
‚Andererseits sind die Jungs gerade viel zu dicht an dir dran. Das könnte missverstanden werden‘, sinnierst du. Verlegen schaust du zu den Polizisten und stellst erneut fest, Sarang und Pangunang interessiert das überhaupt nicht.
‚Was ist aber,‘ blickst du besorgt zur Tür, ‚wenn plötzlich eine der ermittelnden Polizistinnen herein kommt?‘

Jan scheint nun deine Verlegenheit wegen des aufdringlichen Bruders zu bemerken, zieht Dan gekonnt ein wenig von dir weg und hält ihm das Tablet unter die Nase.
„Angry Birds! Tommy, das Spiel ist so lustig.“ Dan ist begeistert und er begibt sich wieder in die Ecke und spielt sofort konzentriert weiter. Du wirfst Jan einen dankbaren Blick zu. Jan zwinkert schnell als Antwort und lächelt.
Phil begibt sich wieder zu Sarangs Sohn. Aboy schmiegt sich dichter an dich: „Tommy, die haben tolle Spiele hier.“
Als Abwehrmaßnahme legst du deinen Arm um Aboy, drückst ihn kurz fest an dich und schiebst ihn dann ein wenig von dir weg. Aboy grinst breit und betrachtet jetzt das Cellphone, dass er immer noch in seiner Hand hält.

Officer Sarang klatscht unvermittelt laut in die Hände und erhebt sich: „Na, die Jungs scheinen Sie ja echt zu mögen!“ Er sagt das mit einem ehrlichen, zufriedenen und frohen Tonfall.
„Kinder, habt Ihr Hunger?“, fragt Sarang und blickt dich an.

„Die Kinder nicken heftig, einige rufen erfreut: „Ja!“
„Was können wir denn kaufen, Sir?“, fragst du unsicher.
„Wie wäre es denn mit Limpo, Sir? Auf dem Platz gegenüber der Polizeistation könnten wir Limpo – das ist gegrilltes Schwein – kaufen. Panu, ähm Sir Pangunang wird es besorgen. Wenn Sie möchten.“
Beim Wort „Limpo“, werden die Augen der Kinder groß. Sogar Sarangs Sohn John, schaut vom Laptop auf.
„Limpo“, wiederholst du und fragst: „Und was ist mit Reis oder anderen Beilagen? Und Getränke?“
„Kein Problem Sir, das können wir dort alles kaufen, ähm, kaufen lassen“, informiert Officer Sasang und schaut zu Officer Pangunang. Der grinst, nickt und schaut dich auffordernd an.
„Limpo?“, wiederholst du. Im Gedanken bist du aber in deiner Geldbörse und zählst Scheine. Die holst du nun umständlich aus der Hosentasche und gibst Pangunang zwei blaue Tausend-Pesoscheine.
„Oh!“, schaut Pangunang erstaunt und fügt schnell hinzu: „Das ist mehr als genug. Wir sind drei Erwachsene und sechs Jungs. Das reicht allemal. Getränke, Sir, was soll es sein? Cola, Royal, Sprite? Wasser?“
Du bist ein wenig überfordert und fühlst dich überfahren. Es wird still vorausgesetzt, dass du das Mahl zahlst.

‚Gut, gut, ist ja im Dorf auch nicht anders. Der Ausländer zahlt! Bei den Trinkgelagen war das oft so‘, erinnerst du und musst schmunzeln. Und sofort wischst du die blöden Gedanken beiseite, statt dessen freust du dich: ‚Sei froh und glücklich! Du sitzt hier in einer freundlichen und ausgelassenen Atmosphäre, gemeinsam mit den Jungs. Sarang sagte, die Kinder hätten nicht nachteilig gegen dich ausgesagt. Besser kann es doch wohl nicht sein!‘
Du schaust zufrieden und gibst überschwänglich vor Freude deine Order an Pangunang: „Bringen Sie doch von jedem zwei große Flaschen und auch Kuchen oder Kekse als Nachtisch. Bitte bringen Sie drei Flaschen Wasser. Eine für die Zelle später, Sir“
„Gerne, Sir Heger!“, und schon ist der Officer aus dem Raum.

Nun ist es Aboy, der sich nicht davon abbringen lässt, deine rechte Hand und den Unterarm zu massieren. Das Cellphone gab er vor wenigen Minuten Sarang zurück. Auch Phil ist dein Wohlergehen wichtiger als Counterstrike. Er steht nun wieder hinter dir und massiert leicht deine Schultern. Du kannst sie davon nicht abbringen.
’Die Jungen sorgen für die Alten. Das ist ein kulturelles Ding, tief verwurzelt in der Gesellschaft. Ebenso wie das Massieren. Alle Sorgen und Probleme werden einfach wegmassiert in diesem Land.’ So erscheint es dir gerade. Deine müden, schweren Gedanken schweifen durch Raum und Zeit. Die Augenlider senken sich: ’Mein Gott, was ist das nur für eine dumme Geschichte….’

„Mr. Heger, Sir“, hörst du von weit her eine Stimme rufen. Aufgeregte Kinderstimmen im Hintergrund. Augenblicklich bist du hellwach und schaust in das lächelnde Gesicht vom Officer Sarang.
Es duftet verführerisch nach gegrilltem Schweinebauch. In der Sitzecke sitzen die Jungs und Officer Pangunang bereits um eine riesige Schüssel gewürfeltes Fleisch. Auch Reis, Getränke, Kuchen und was sonst noch zu einer rustikalen Mahlzeit dazu gehört, befinden sich ebenfalls auf dem flachen Tisch.

Nun herrscht gespannte Stille. Alle Augen sind auf dich gerichtet.

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