2.28. Begebenheiten an der Zellentür

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(Fortsetzung Kapitel 2.23.)

Du schreckst auf, fährst hoch und verfehlst wieder nur um Haaresbreite den Querbalken der Unterseite des Bettes über dir. ‚Das hätte weh getan!‘, erinnerst du die Begegnung mit dem Türquerbalken letzte Nacht im Policeoffice. ‚Alles für Zwerge gebaut‘, sinnierst du weiter.
Der Teppich aus Spinnweben an der Unterseite des Bettes zwischen den Querbalken weht in Wellen mit langer Amplitude nach. Von den Spinnen ist jedoch nichts zu sehen.
Du hast einen miesen bleiernen Geschmack im Mund. Dir ist nach Rachen freikratzen und ausspucken. Dein Rachen ist so dermaßen trocken. Auch schmeckst du noch die salzigen Piattos-Chips, die Piattos-Kartoffelchips der Jungs.
Aber es ist der widerwärtige Gestank, der schwer in der heißen, schwül-feuchten Luft hängt, der das Atmen schwerfallen lässt und diesen ekelhaften Geschmack erzeugt.
Das Mineralwasser ist alle. Damit hattest du die Chips runtergespült.
Ein paar der flachen Chips liegen noch an der Zellentür und leuchten dort auf dem rußschwarzen Boden wie Goldnuggets.
Draußen vor den Gitterstäben befinden sich Kinderfüße, die schmutzige, ausgelatschte Flip-Flop-Slippers tragen.
Dein Blick wandert schnell nach oben und du schaust in die großen Augen staunender Kindsgesichter. Es sind vier schweigende Kinder, die dort aufgereiht wie die Orgelpfeifen stehen. Der Jüngste ist wohl etwa sechs, der Älteste vielleicht zwölf, dazwischen zwei Mädchen. Jetzt bemerkst du auch die Betriebsamkeit auf dem Vorplatz des Zellenhauses. Das müssen Besucher der Arrestierten sein. Angeregte Unterhaltungen, Gelächter, Teller und Essbesteck klappern und Flaschen werden lautstark in Kisten deponiert.
Über die Köpfen der schweigenden Kids geschaut, erkennst du, dass dort draußen auch ein reger Verkehr herrscht.
Die Kinder sind ärmlich gekleidet und spindeldürr. Die Blusen der Mädchen ausgewaschen. Die zwei Jungs tragen gleiche Basketballtrikots, obwohl sie vom Alter am weitesten auseinander liegen.
Du winkst ihnen mit der linken Hand und grüßt ein freundliches „Hello.“
Das zaubert Lächeln in die Gesichter und sie grüßen in der gleichen Weise zurück. Die rundliche Mutter mit leicht gestresstem aber freundlichem Gesicht taucht unvermittelt auf und scheucht die Kids fort. Hinter ihr steht nun ein älterer Herr, wahrscheinlich ihr Vater. Er staunt nicht minder als seine Tochter und die Enkel, als er dich erblickt. Sein Mund ist fast ohne Zähne.
„Hey, Joe“, grüßt er mit eingefallener Mundhöhle und dürren Fingern.
Du grüßt mit dem gleichen „Hello“, mit dem du auch die Kids gegrüßt hast, zurück.
Die beiden wenden sich ab. Die Frau kann ihren Blick nicht von dir lassen. Sie ist nah dran, sich den Hals zu verrenken. Dann verschwinden sie aus dem Blickfeld.
Es laufen ständig Menschen vor deiner Zellentür hin und her. Dir kommt die Toilette neben deiner Zelle in den Sinn: „Natürlich, die waschen dort ihr Geschirr oder nutzen das Klo. Daher auch die Geräusche.“

‚Was ist heute für ein Tag?‘, fragst du dich verwirrt. ‚Samstag oder Sonntag? Und wieviel Uhr es wohl ist?‘
Deine Armbanduhr beantwortet die Fagen: ‚Sonntag und es geht schon (stellst du verwundert fest) gegen ein Uhr.‘ Du hast also etwas geschlafen.

Die ältesten Geschwister stehen unvermittelt wieder vor der Gitterstabtür. Der Junge hält einen großen Becher Cola in die Zelle. Das Mädchen eine kleine Plastiktüte mit zwei Brötchen. Ihr Opa taucht auf und ermuntert dich mit einem verschmitzten Lächeln, die Gaben anzunehmen.
„Kaon“, sagt er. Daumen und Zeigefinger zur Pinzette geformt, führt er so die Hand mehrfach zum Mund. Die Geste für Essen.
Der Anblick der Cola lässt deinen Rachen noch trockener werden. Der erste Schluck schmeckt köstlich. Das Eis klirrt im Becher. Auch die frischen weichen Brötchen mit Zuckerschicht schmecken erstaunlich gut.
„Salamat kaayo“, bedankst du dich und gibst den Becher zurück. Die Reaktionen sind freundlich lächelnde, aber weiterhin staunende Gesichter.
„Eine Langnase in der Zelle, das ist die Sensation“, denkst du, als du dich wieder auf dem viel zu kurzen Bett langmachst.
‚Das war Rettung in letzter Sekunde‘, sinnierst du weiter und lächelst in dich hinein.

Unvermittelt verstummen die angeregten Gespäche und das Gelächter auf dem Vorplatz. Die Frauen und Männern grüßen respektvoll: „Maayong hapon, Sir.“

Der Schlüsselbund klimpert, das Schloß knackt, die Zellentür quietscht erbärmlich.
„Mr. Heger, die Befragung der Jungs ist beendet! Die Kids bekommen langsam Hunger! Wollen Sie Essen kaufen? Ähm, kaufen lassen?“, fragt Officer Sarang rhetorisch. Er steht quasi in der Zelle und zeigt ein jungenhaften Lächeln.
„Ja klar, natürlich, Sir. Ich habe auch Hunger. Mit dem Durst geht es. Ich könnte auch eine Toilette gebrauchen, Sir.“

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