2.26. Ma’am Solano (und der Medienmann)

(Fortsetzung Kapitel 2.22.)

Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Ma’am Solano fährt direkt von der Polizeistation zum TV-Sender. Suzette Zambrano sagte ihr doch, dass Steiner sie erwarte. Sie ist neugierig und auch ein wenig aufgeregt.
Die Frage: „Was ist wohl die Gegenleistung für Ihre kleine ‚Gefälligkeit‘ an den Sender?“, beschäftigt sie schon den ganzen Morgen. Sie eilt – ganz im Gedanken – an der Schranke der Polizeistation vorbei. Den grüßenden Wachmann bemerkt sie nicht.
„Suzette Zambrano“, flüstert sie leise, „Du arrogantes junges Ding. Was findet Steiner nur an Dir?“ Ihre Gedanken möchte sie dann gar nicht weiter ausführen, denn sie muss anerkennen und spricht das ebenfalls leise aus: „Gut siehst Du ja aus, Suzette!“

Die Motorela, die sie stoppte, passiert soeben die Kreuzung mit der Gaisano-Mall und anschließend das Hotel. Zufrieden schaut Ma’am Solano über den riesigen unbefestigten Parkplatz vor dem Entrée. Der Flachbau ist mit Topfpalmen, anderen Gewächsen und mit Bambusrohr verziert und soll so tropische Atmosphäre vermitteln. Der Parkplatz ist nicht mit unzähligen parkenden Autos, sondern mit unzähligen großen Pfützen übersät. Die Sonne spiegelt sich in den dreckigbraunen Wasserlachen.

Ma’am erinnert zufrieden die letzte Nacht: „Erfolgreiche Aktion gestern!“
Sie seufzt leise: „Diese Geschichte wird mich wohl noch einige Zeit in Atem halten. Egal, ich bin Profi. Ist ja nicht mein erster Childabuse-Fall.“
Ihre Gedanken schweifen zu den schrecklichen Kindern, die ihr heute früh diesen grauenhaften Stress bereiteten. Mit Grausen kommen ihr die Eltern der Kinder in den Sinn.
Sie sinniert mit Unbehagen: „Mit denen muss ich schon in Kürze wohl oder übel zusammenarbeiten. Ungehobelte Fischerleute, Farmer oder Handwerker werden das sein. Arme Leute vom Land, den Bergen oder von der Küste. Kaum Bildung. Wissen nicht, wie die Welt funktioniert. Was sie wirklich gut können, ist ein Kind nach dem anderen in die Welt zu setzen. Ohne jegliche Planung. Irgendwie werden die schon groß. Auch ohne geregeltes Einkommen und ohne sichere Basis. Das Ergebnis sind dann fünf Jungs mit so einem wie Heger im Hotel.“ Sie schüttelt sich bei diesen Gedanken.
Ihr Gesicht hellt sich auf. Zorn weicht der Freude. Mit Behagen denkt sie nun: „Auch die Polizistin Ma’am Papillio wird ihren Spaß mit den bockigen Kindern und den nervigen Eltern haben.“
Der Motorela-Driver gibt soeben auf dem Highway ordentlich Gas und reißt sie mit dem Getöse aus den Gedanken. Sie muss sich festhalten, so sehr schaukelt das Gefährt. Ihr Gesicht verdüstert sich erneut, da Ärger in ihr keimt. Sie erinnert die Szene in Papillios Büro.
Unbewusst spricht sie ihre Gedanken: „Unmöglich, wie Papillio mich vor den Kinder abserviert hat. Die und die Zambrano, alles eine Sorte. Arrogante junge Karrierefrauen.“
Der Motorela-Driver dreht sich schnell zu ihr um: „Ma’am?“
Ma’am ignoriert ihn.

Die Motorela hält endlich vor dem schmucken Sendegebäude. „Das macht was her“, freut sie sich. Etwas aufgeregt ist sie, denn gleich trifft sie Steiner, den berühmten TV-Mann. Sie steigt die Treppen empor. Fahrstühle sind ihr nicht geheuer.

Die äußerst attraktive Vorzimmerdame bietet Ma’am Solano freundlich einen Kaffee an. Die lehnt dankend ab und pudert sich im kleinen Handspiegel das Gesicht. Sie möchte vor Steiner nicht wie eine Speckschwarte glänzen.

Sie wartet etwas mehr als zehn Minuten. Das Telefon der Vorzimmerdame klingelt. Die hübsche junge Dame führt Solano in Steiners Büro. Sie kennt das Büro vom letzten Treffen. Viel verändert hat sich nicht.
„Mr. Steiner wird gleich bei Ihnen sein, Ma’am. Sorry, aber er ist noch in einer wichtigen Konferenz“, damit lässt die Vorzimmerdame Ma’am allein.

Solano sitzt in einem der drei hellgrauen Cocktailsessel, die sich um einen runden flachen Glastisch gruppieren. Die Glasplatte ist mit Fingerabdrücken, Getränkeresten und Unbestimmbarem verschmiert. Auf dem Glastisch unordentlich gestapelte Magazine aus der Männer-, Auto-, Sport- und Freizeitwelt. Auch einige Fachzeitschriften aus dem Medienbereich glaubt sie zu erkennen. Daneben eine halbleere Kaffeetasse, eine aufgerissene Chipstüte und ein überquellender Ascher. Asche und halb gerauchte Kippen befinden sich in und um den Ascher herum. Sie erkennt auch einige weiße Filter mit Lippenstift daran. Beides ist ihr zuwider: Rauchen und Lippenstift.

In der Ecke ein eleganter Schreibtisch aus Teakholz mit Computerscreen, Maus und Tastatur. Gegenüber dem Schreibtisch – an der Wand befestigt – ein riesiger Flachbildschirm. Der Ton ist aus. Das laufende Programm von ABC-TV läuft. In kleinen Fenstern auf dem Screen laufen Programme anderer Sender.

Ma’am Solano sitzt unbequem. Von oben betrachtet, haben die Sessel Hufeisenform. Rückenteil und Lehnen sind auf gleicher Höhe. Der gesamte Sessel und das Sitzpolster sind sehr weich und Ma’am sinkt langsam aber sicher immer tiefer. Ihre dicken Arme liegen auf den Lehnen auf Höhe ihrer Schultern und deshalb ist ein Hochdrücken kaum möglich.
„Flügelgespreiztes Hühnchen“, kommt es ihr unweigerlich in den Sinn. Wenn sie den Kopf in Richtung Arm dreht, bemerkt sie tatsächlich leichten Schweißgeruch unter ihren geöffneten Achseln. Wieder denkt sie mit Unbehagen und Ärger an die nervigen Bälger und die unschöne Szene in Papillios Büro.
„Das sind die Ursachen des Schweißgeruchs“, stellt sie grollend fest.
Der Sessel ist so eng, dass sie sich kaum bewegen kann. Die Arme in den Schoß legen ist unmöglich. Nun fühlt sie auch den Schweißfilm zwischen Sessel und ihrer Haut unter der Bluse aus Kunstfaser. Sie schwitzt, obwohl sie irgendwo das Surren einer Klimaanlage oder Belüftung vernimmt.

Die Tür geht auf und Steiner, der Hühne, steht unvermittelt vor ihr und reißt Ma’am Solano aus ihrer Gedankenwelt. Steiner trägt einen sehr eleganten grauen Anzug ohne Weste und ein modisches pinkfarbenes Hemd, aber keine Krawatte. Die obersten beiden Knöpfe offen.
„Das steht dem sehr gutaussehenden Steiner hervorragend“, stellt Solano – mit leicht offenem Mund und großen Augen – staunend fest.

Erst jetzt bemerkt sie, dass Steiner ihr die Hand zum Gruß vor die Brust hält. Er muss sich dabei etwas herabbeugen. Deshalb steht er leicht schief vor Ma’am und bekommt vielleicht deshalb auch jetzt diesen leicht gequälten Gesichtsausdruck.
Beim Herabbeugen öffnet sich Steiners Jackett ein wenig. Ma’am Solanos Herz macht einen Sprung. In der Innentasche des Jacketts steckt ein pralles Kuvert.

Ma’am versucht sich aus dem Sessel zu schälen, um aufzustehen und schafft es nach ein paar Sekunden.

Steiner schüttelt wild Ma’am Solanos Hand: „Ma’am Solano, das ist aber außerordentlich nett, Sie in unserer bescheidenen Welt empfangen zu dürfen. Haben Sie also schon wieder so ’nen Sexgangster dingfest gemacht?“
Ma’am spielt Bescheiden- und Schüchternheit: „Ach, Sir Steiner!“, wedelt sie sich mit der linken Hand (die Rechte wird noch geschüttelt), hektisch Luft zwischen die leicht geöffneten prallen Lippen und fährt fort: „Sie wissen doch, Sir Steiner, das ist doch nur unser Job! Uns liegt doch nur das Wohl der Kinder am Herzen. Nur die Kinder!“
„Natürlich! Natürlich, Ma’am!“, entgegnet Steiner schnell. Endlich besinnt der sich seiner Hand, entlässt sogleich Ma’ams kleine dicke Hand aus seiner Pranke und fordert Ma’am auf, sich wieder zu setzen.
Nun sitzen sie beide und Ma’am bemerkt, dass Steiner im Gegensatz zu ihr, fast mit dem gesamten Oberkörper über die Sesselarmlehnen ragt. Sie erkennt, dass sie gerade mal ab Höhe ihrer Schlüsselbeine aus diesem Ding von Sessel heraus schaut. Ihr kommt das Bild des flügelgespreizten Hühnchens wieder in den Sinn.
Steiner jedoch beginnt sofort mit seiner Rede: „Ma’am, ausgezeichnete Arbeit! Ma’am, ich bin Ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet! Danke, dass Sie uns informierten! Wir sind exklusiv! Wissen Sie, was das bedeutet?“
Ma’am ist schwer beeinduckt von diesem sportlich-eleganten, gutaussehenden und erfolgreichen Mannsbild. Sie traut sich vor Ehrfurcht kaum zu atmen, geschweige denn zu nicken und zuckt nur ganz schnell die fettglänzenden Augenbrauen.
„Ma’am, das bedeutet, unsere Einschaltquote geht heute Morgen ab wie eine Rakete! Sogar Manila – also unsere Mutter – will unseren Bericht ungeschnitten landesweit senden. Mein Boss in Manila sprach davon – sie werden es nicht glauben Ma’am – unseren Bericht ins Ausland zu verkaufen. Endlich haben wir hier auch mal was vorzuweisen! Ein Ausländer mit fünf Äffch… äh Jungs im Hotel! Um Vieles besser als diese dünne langweilige Story über diesen Amerikaner mit dem jungen Girlie!“
Steiner zündet sich eine Marlboro an und bläst den Rauch senkrecht in die Luft.
Gerüche vom Achselschweiß und der Zigarette vermischen sich. Solano wird flau in der Magengegend.
Steiner redet sich in Rage, erzählt vom Handel mit News und wie die augepeppt werden, von Quoten, steigendem Internetranking des Senders, Klicks im Internet und dass nur die Anzahl der Klicks zählen, Effizienz, nationale und internationale Entwicklungspotenziale, Medienlandschaften und wie TV und das Internet in der nahen Zukunft verschmelzen werden. Er als Master of Business Administration sei da genau der Richtige! Er haut Ma’am die Fachbegriffe nur so um die Ohren. Die versteht gar nichts. Es interessiert sie auch nicht im Geringsten, über was Steiner da lautstark schwadroniert, so dass die Glasplatte des Tisches vibriert.
Es fällt ihr immer schwerer Konzentration vorzutäuschen. Der zunehmend stärker werdende Schweißgeruch und der inzwischen dichte blaue Dunst der Marlboros lässt ihre Übelkeit und die Trockenheit in Mund und Rachen von Sekunde zu Sekunde schlimmer werden. Es kratzt im Hals und sie räuspert sich mehrmals, aber Steiner erzählt unbeirrt weiter.
„Mein Gott“, denkt sie bei sich, „das ist ein echter Medienprofi, wie er im Buche steht. Erzählt und erzählt unendlich viel, ohne auch nur irgendetwas zu sagen.“
Ihre Konzentration schwindet schnell. Die Lider werden schwer. Die letzt Nacht war kurz….
Sie schreckt hoch und reißt panisch die Augen auf, als plötzlich Stille herrscht.
Steiner räuspert sich laut und schaut auf seine gewaltige Armbanduhr.
Unaufgefordert quasselt Ma’am wirr los: „Ja, Sir, Mr. Steiner, gerne geschehen! Haben wir wieder einen dingfest gemacht. Haber wir wieder so einen oder einen ähnlichen Fall, rufe ich Sie selbstverständlich sofort an….“
Steiner blickt sie erst verständnislos, dann verschwörerisch an. Er beugt sich vor. Einerseits um die halb gerauchte Marlboro auszudrücken, andererseits um mit der linken Hand das Kuvert aus dem Jackett zu fischen und es Ma’am feierlich zu übereichen: „Ma’am, unser kleines Entgegenkommen für Ihre Nettigkeit uns gegenüber.“
Ma’am entreißt Steiner das Kuvert ein wenig zu heftig und ist sofort deswegen peinlich berührt und wedelt sich nun – als Übersprunghandlung – mit dem Kuvert Luft zwischen die wulstigen Lippen. Sie legt frivol ihre linke Hand auf die seine, kokettiert und versucht keck zu wirken: „Ach, Herr Steiner! Sir, das wäre doch nicht nötig gewesen. Das war doch selbstverständlich, Sir.“
Steiner beugt sich wieder vor und unterbricht das schleimige Gerede: „Ma’am, die Äffch… äh Jungs sind unter Ihrer Obhut?“
Solano schwebt noch in fernen Sphären, ist nicht auf diese Frage vorbereitet und stammelt: „Ähm, ja, ja, natürlich, ja, unter unserer Obhut.“
„Das ist gut, Ma’am!“, antwortet Steiner gedehnt und fügt hinzu: „Isolieren Sie die Kinder!“
Er beugt sich sehr nah an Ma’ams Gesicht (so nah, dass es Ma’am unangenehm ist und sie kalten Zigarettenrauch riechen muss) und flüstert mit harter Stimme: „Vor allem vor der Konkurrenz! Keine TV-, Radio- oder Zeitungsreporter. Verstanden? Ma’am!“
Ma’am nickt nun heftig. Sie ist eingeschüchtert.
Steiner fährt fort: „Wir brauchen noch ein zweites exklusives Interview. Dann, ja dann Ma’am, wird noch ein Sümmchen für Sie herausspringen. Das verspreche ich Ihnen.“
Ma’am Solano ist nun Steiner absolut ergeben: „Sir, ich werde alles in meiner Macht stehende…“
Steiner steht auf und unterbricht sie mit einem kindischen senkrechten Daumen an seinen Lippen: „Schhhh, Ma’am. Ich sehe, wir verstehen uns.“

Steiner dreht sich überraschend auf dem Absatz um und verlässt eilig das Büro. Ma’am kramt ihre Handtasche zusammen, in der sie schnell das Kuvert gesteckt hat und folgt ihm wortlos.

Vor dem Büro ist Steiner sofort mit der Vorzimmerdame beschäftigt. Zu Ma’am sagt er nichts. Seine glühenden Blicke und das zynische Grinsen in Richtung Ma’am sagen mehr als tausend Worte.
Ma’am ist schwindelig und flau. Sie möchte nur noch gehen.
Steiner ist gedanklich schon beim nächsten Thema: „Ma’am, danke für das ausgesprochen nette und konstruktive Gespräch. Es ist immer wieder wohltuend, mit Menschen Ihres Schlages und Ihrer Erfahrungen zu diskutieren. Ma’am, wir sehen uns. Vielen Dank!“
Ma’am ist sprachlos.
Desinteressiertes kurzes Händeschütteln und schon ist Steiner in einer der Türen entschwunden.

Ma’am holt tief Luft, als sie endlich vor der Tür des Gebäudes steht. Sie holt nochmal tief Luft, um den Schwindel, die leichte Übelkeit und den bleiernen Zigarettengeschmack im Mund loszuwerden. Sie drückt sich in eine Nische der Hausdurchfahrt, blickt sich verstohlen um, reißt hektisch das Kuvert auf und zählt. Sie zählt nochmal. Das sind etwa 30 blaue Tausender! Mehr als ihr Monatslohn! 20 waren abgemacht.
Ein spitzer Freudenschrei entfährt ihr. Sie erschrickt, blickt sich erneut verstohlen um, packt das Kuvert zurück in die Handtasche, verschließt die außerordentlich sorgsam und springt wie eine 14-Jährige auf die Straße, um eine Motorela zu stoppen.

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