2.25. Kinder im Verhör (1)

Aus den von Ma’am Papillio geplanten fünf Minuten sind dann doch mehr als 20 Minuten geworden. Das Fast-Food war nicht schneller zu organisieren, obwohl die Filiale gleich auf dem Platz gegenüber der Polizeistation gelegen ist.

Ein den Kindern unbekannter Polizist verlässt gerade Ma’am Papillios Büro. Es duftet verführerisch nach Jolibee. Knusprig frittierte Hühnerteile, Pommes frites, Reis und ein Becher Cola warten. Auch Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan lassen es sich schmecken. Die Jungs schmatzen zufrieden beim Essen und putzen sich die Münder und die Hände mit Servietten. Das Eis in den Cola-Bechern klimpert.
„Danke Ma’am“, beginnt Aboy schüchtern. Seine vier Freunde tun es ihm gleich und bedanken sich höflich.

Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan schauen mütterlich. Die Kinder haben sich beruhigt und die Vernehmung kann beginnen.

„Gut Jungs“, beginnt Ma’am Papillio gut gelaunt, „wir möchten von Euch jetzt noch ein paar Dinge zum gestrigen Tag wissen.“

Ma’am Tolisan reicht Ma’am Papillio einen Computerausdruck. Sie selber hat wie am Vorabend gelbes Notizpapier und einen spitzen Bleistift zur Hand.

Ma’am Papillio ordnet einige Blätter: „Wann seid Ihr gestern in Tugalm City angekommen?“

Die Jungs überlegen:

„Um 12 Uhr mittags“, ruft Sam.

„Nein, es war ein Uhr“, wendet Jan ein.

„Um zwölf am Busterminal, um eins im Hotel“, kommt Phil Sam und Jan zuvor.

Sam und Jan nicken jetzt.
Auch Aboy nickt.
Dan zuckt mit den Schultern.

Ma’am Tolisan notiert wiederholend: „Zwischen zwölf und ein Uhr im Hotel eingetroffen.“

Papillio fragt: „Und dann?“

Diesmal ist Jan der Schnellste: „Gaisano, wir waren im Gaisano.“

Papillio: „Aber zuerst Hotel?“

Sam und Phil antworten fast gleichzeitig: „Haben unsere Sachen in den Raum gelegt.“

Tolisan: „Was für Sachen?“

Dan war bisher still: „Rucksäcke!“

Die vier Freunde nicken.

Papillio: „Was ist in den Rucksäcken?“

Aboy: „Cellphone!“

Jan, Phil und Sam nicken.

Dan wiederholt: „Cellphone!“

Tolisan: „Was ist sonst in den Rucksäcken?“

Alle Jungs rufen verwundert über die Frage gleichzeitig und unterschiedlich laut: „Nichts!“

Tolisan wiederholt: „Nichts.“

Papillio: „Im Gaisano, was habt Ihr dort gemacht?“

Die Augen der Kinder leuchten vor Begeisterung. Sie ereifern sich, zuerst zu antworten und sprechen dann alle gleichzeitig.
Aboy: „Pizza essen!“
Sam: „Gaming Zone!“
Dan: „Eis essen!“
Jan: „Shopping!“
Phil: „Rumlaufen und Hosen kaufen!“

Tolisan rauft sich die Haare, schreibt und lässt die Jungs einzeln das Gesagte wiederholen.

Papillio: „Warum Hosen kaufen?“

Aboy springt aufgeregt vom Stuhl und beginnt gerade, die Frage zu beantworten. Ma’am Papillio mahnt Aboy sich zu setzen. Der sitzt wieder, murrt und beginnt erneut die Frage zu beantworten.

Phil ruft, bevor Aboy seinen Satz beginnen kann: „Hotelmanager!“

Papillio kräuselt die Stirn: „Hotelmanager?“

Aboy steht wieder: „Weil der, der sagte doch, mit Hosen, Hosen mit Reißverschluss…“

Sam fällt Aboy ins Wort: „Verboten, die Hosen sind im Pool verboten.“

Aboy schmollt der entgangenen Pointe wegen kurz. Dann ruft er: „Deshalb…“

Nun fällt Jan Aboy ins Wort und beendet Aboys Satz: „Hosen kaufen.“

„Jaha“, ruft Aboy nur noch und setzt sich wieder.

Tolisan wiederholt und notiert: „Hosen kaufen, weil Straßenhosen mit Reißverschluss nicht erlaubt sind im Pool.“

Die Fünf nicken.

Papillio schaut auf ihre Micky Maus Armbanduhr und seufzt: „Gut, nach dem Gaisano? Was dann?“

Aboy und auch Phil springen auf und rufen laut: „Swimmingpool!“

Auch Dan springt auf und deutet Schwimmbewegungen an.

Papillio mahnt: „Kinder, setzt Euch und schreit nicht so laut. Ma’am und ich haben es nicht mit den Ohren.“

Tolisan: „Also, vor dem Schwimmen habt Ihr die Hosen gewechselt?“

Aboy antwortet wieder eifrig und schnell: „Nur die Straßenhosen gegen die Basketballhosen.“

Jan meldet sich wie in der Schule, redet aber sofort los: „Tommy hat auch Unterhosen für uns gekauft…“

Sam fällt Jan ins Wort: „Die sollten wir später anziehen, sagte Tommy.“

Dan wiederholt: „Später, nach dem Pool, sagte Tommy.“

Tolisan schreibt emsig.

Papillio: „Wie lange seid Ihr im Pool gewesen?“

Die Fünf antworten wieder gleichzeitig.
Ma’am Tolisan rauft sich erneut die Haare und schreibt.

Aboy: „Lange!“
Sam: „Sehr lange!“
Phil: „Der Pool ist riesig!“
Dan: „Da ist ’ne Rutsche!“
Jan: „Und ein Wasserfall!“
Papillio: „Wie lange?“
Tolisan: „In etwa?“
Aboy: „Zwei Stunden!“
Jan: „Ja, bestimmt zwei Stunden.“
Dan, Sam und Phil nicken.

Papillio: „Tommy hat auch gebadet?“

Sam: „Nein, der sagte, ihm tut der Hals weh. Der hat Kaffee getrunken.“

Phil: „Dann sagte Tommy, er will den Laptop reparieren. Weil, weil hier gibt es Internet.“

Jan: „Ja, Tommy ist vor uns zurück ins Zimmer.“

Papillio: „Als Ihr dann zurück in das Cottage seid, wo war da Tommy?“

Aboy: „Na draußen, hat am Laptop gespielt.“

Jan stimmt dem zu: „Ja, da ist ein Tisch und Stühle.“

Dan freut sich plötzlich: „Und Kaffee hat Tommy getrunken. Der trinkt doch immer Kaffee.“

Papillio: „Gut, und Ihr habt Eure Wäsche im Zimmer gewechselt und habt geduscht?“

Wieder sind die Jungs begeistert.

Aboys Augen leuchten: „Die Dusche ist klasse! Da kommen Strahlen auch aus der Wand!“
Der schmale Dan springt auf und ruft mit piepsiger Stimme: „Die Dusche ist wie ein warmer Regen. So schön!“
Phil lacht: „So eine schöne lustige Dusche haben wir zuhause nicht“, und fügt grinsend hinzu: „Zuhause haben wir gar keine Duschen.“
Jan lacht ebenfalls: „Wir haben alle geduscht, weil die Dusche so schön war! Ich aber nur kurz. Ich wollte lieber Cartoon Network sehen.“
Sam stimmt Jan zu: „Ich wollte auch lieber fernsehen.“

Ma’am Papillio holt tief Luft: „Aber Ihr habt alle ohne Hosen geduscht?“

Sam sagt schnell: „Nein!“

Jan schaut verschämt zur Seite.

Phil lacht laut: „Ich nur kurz, aber Aboy und Dan lange. Also lange geduscht!“

Tolisan wiederholt: „Aboy und Dan ohne Hosen lange geduscht.“

Aboy protestiert: „Aber nicht so lange. Erst mit Hosen und dann kurz ohne Hosen.“

Dan nickt mit aufmerksamem Gesicht.

Papillio: „Warum habt Ihr denn ohne Hosen geduscht?“

Aboy antwortet ehrlich verwundert über die Frage: „Weiß nicht? Ma’am, warum?“

Dan beantwortet die Frage: „Ma’am, im Fluss und im Meer gehen wir doch auch immer ohne Hosen baden.“

„Ich nicht!“, ruft Sam verlegen.

Papillio: „Während Ihr also nackt geduscht habt, war da Tommy im Bad?“

Tolisan ergänzt: „Und hat mit seiner tollen Kamera Fotos gemacht?“

Aboy und Dan schütteln heftig die Köpfe und weichen ein wenig vor den Polizistinnen zurück.

Sam sagt leise: „Aber der Tommy, der war doch im Bad.“

Aboy wird ärgerlich: „Ja, aber nur weil Dan – der Doofkopf – die Dusche auf Superheiß gedreht hat und wir wussten nicht, wie es zurück zu Kalt geht.

Jan räuspert sich: „Tommy war da doch gerade im Zimmer und sagte zu Phil, er solle aufhören zu toben und sich was anziehen.“

Phil fällt Jan ins Wort: „Aboy hat so laut gebrüllt nach Tommy, das hat das halbe Hotel gehört. Außerdem hast Du auch getobt.“

Dan knufft Aboy leicht in die Rippen: „Bin kein Doofkopf. Er lacht aber: „Die Dusche war so heiß, das hat richtig gedampft. Tommy kam und guckte und lachte. Ich bin dann weg. Hatte genug geduscht.“

Papillio zu Aboy: „Also Tommy war mit Dir allein?“

Aboy: „Der hatte ein Briefchen Shampoo mitgebracht. Das hat er mir gegeben. Ich habe mich gewaschen. Das Shampoo hat so schön geduftet. Dann hat mir Tommy beim Abtrocknen geholfen. Aber Jan kam rein und hat gepinkelt.“

Jan zuckt schnell mit den Augenbrauen und nickt leicht: „Stimmt, ich war im Bad. Tommy hat Aboy abgerubbelt.“

Papillio und Tolisan wiederholen ungläubig: „Abgerubbelt?“

Aboy: „Na, mit dem riesigen Handtuch.“

Jan nickt wieder und zuckt mit den Augenbrauen.

Tolisan seufzt: „Aha!“

Papillio fragt ernst: „Und dabei hat Tommy Dich da unten angefasst?“

Aboy verschränkt die Arme auf der Brust und antwortet vollkommen emotionslos mit einem langen: „Nö!“

Papillio schüttelt kurz den Kopf, reibt den verspannten Nacken und drückt die Schultern durch. Wieder hat sie ein ernstes Gesicht.
Sie wendet sich an Phil: „Du hast auf dem Bett getobt? Tommy sagte zu Dir, Du sollst Dir was anziehen?“

Phil ist verwundert. Er stottert: „Ja, ja, nur kurz. Die Betten sind so schön weich. Ich habe meine neue Unterhose erst nicht gefunden. Da bin ich ein bisschen rumgehüpft. Der Jan aber auch.“

Jan gähnt laut.

Ma’am Tolisan erkennt mit Schaudern zwei große Löcher in Jans Backenzähnen.

Jan reibt sich die Müdigkeit aus den Augen: „Ich habe nur kurz auf dem Bett getobt. Wollte es mal ausprobieren.“

Tolisan fragt im scharfen Tonfall: „Nackt?“

Jan erschrickt. Er antwortet ehrlich und schnell: „Nein!“

Papillio schaut in die jetzt müden Kindergesichter. Sie fragt in die Runde: „Hat Tommy Euch fotografiert im Hotel?“

Tolisan wird laut: „Nackt, ohne Alles, fotografiert?“

Eine belastende Stille setzt ein. Die Kinder vermeiden direkten Augenkontakt. Die gelöste Stimmung ist dahin. Ma’am Papillio ist sich sogleich nicht mehr sicher, ob diese Taktik die Richtige ist.
Die Jungs rutschen verlegen auf den Kunststoffstühlen hin und her. Die knarzen unangenehm in der Stille.
Jan legt schützend den Arm um Dans Schultern. Der kleine Bruder lehnt sich an Jan.

Aboy klopft auf die Stuhllehne: „Nein!“, ruft er einfach und ruhig und wiederholt: „Nein!“

Nun schütteln alle die Köpfe und sinken erschöpft in die Stühle. Die Müdigkeit übermannt sie. Gähnen und kleine Augen sind das Ergebnis. Das Verhör hat Spuren in den jungen Gesichtern hinterlassen.
Die Gesichtsfarben sind weder gesund und braun, sondern kränklich und aschfahl. Die Wangen eingefallen. Dunkle Ringe unter den großen asiatischen Augen.

‚Vielleicht ist es auch der fehlende Schlaf. Die hatten ja eine kurze Nacht‘, sinniert Ma’am Papillio. Sie schaut auf die alberne Micky Maus Armbanduhr, die ihrer kleinen Tochter gehört. Ihre eigene Armbanduhr – die falsche Rolex – ist zur Reparatur. ‚Sicherlich nur die Batterie‘, kommt sie gedanklich zum Schluss.

Ma’am Tolisan legt die Blätter und den nun stumpfen Bleistift beiseite.

Ma’am Papillio reckt sich erneut. Ihr Nacken ist verspannt und schmerzt leicht. Sie nimmt das Fläschchen Efficascent Oil vom Schreibtisch, schraubt es auf, riecht daran und fragt die müden Kinder: „Möchte Ihr etwas Efficascent Oil?“

Sogleich tropft das giftgrüne aber wohlriechende Öl in die Kinderhände.
Ma’am Tolisan bringt Mineralwasser in kleinen Flaschen und Schokoladenkekse aus der Kammer: „Kekse und Wasser“, sagt sie freundlich zu den fünf Freunden.

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