2.32. Besucher und Geldgeschichten

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Im Flur des Polizeigebäudes begrüßt ihr euch schweigend und herzlich. Kagawad umarmt dich sogar schnell, obwohl das keine philippinische Gepflogenheit ist. Franco und die beiden Teenager Mickel-Loy und Silas begrüßen dich mit einem Handschlag. Cool holen dabei eure Arme weit aus, sodass die Hände laut klatschen.

Die Polizistinnen sind mit den Eltern und den Kindern noch in Officer Sarangs Büro. Officer Sarang hat es eilig und drückt euch durch – Windfang und Tür – aus dem Polizeigebäude hinaus.

Bei der Ankunft am Zellendorm, werft ihr einen flüchtigen Blick in die Zelle rechts neben deiner Zelle, da gerade die Tür geöffnet wird, weil ein schlanker Häftling hineinschlüpft. Schnell verschließt der Wärter die Zelle.

Der Zellendorm (das Zellengebäude) erinnert dich an einen Pferdestall, da die Zellen etwa die Größe von Pferdeboxen besitzen. In der Zelle hausen etliche Männer. Sie verteilen sich auf zwei Plateaus und den Fußboden darunter. Der strenge Geruch aus der Zelle schlägt euch ins Gesicht und ihr wendet euch schnell ab. Die Arrestierten erblicken euch und sammeln sich sofort hinter der Gittertür.
Jetzt ist aber kein: „Hey, Joe!“, zu hören. Du vermutest, wegen der Anwesenheit des Kagawads.

Entsetzt fragst du dich: ‚Warum pferchen die so viele Menschen auf so engem Raum, unter diesen absolut unwürdigen Bedingungen zusammen und musst du deine Einzelzelle als Luxus ansehen?‘

„Das können gut und gerne 30 Arrestierte sein“, flüsterst du zu Kagawad.
Der nickt nur desinteressiert.

Auf dem Vorplatz herrscht noch reges Treiben. Alle möglichen Leute tummeln sich dort. Sicherlich Familien, Verwandte und Freunde der Arrestierten. Die Familie des Weggesperrten verlässt gerade den Vorplatz. Die haben dir vor kurzem Cola und Brötchen geschenkt.
Die vier Kinder grinsen und verabschieden sich fröhlich mit: „Bye-bye.“
Der Opa zwinkert dir zu: „Meine Enkel mögen Sie.“
Franco fragt dich verwirrt: „Kennst Du die?“
„Eigentlich nicht.“

Gut für euch, dass die Familie gerade geht. Ihr nehmt auf den freien umgedrehten Cola-Kisten Platz. Mickel-Loy und Silas räumen den zurückgelassenen Müll der Familie in ein riesiges rostiges Ölfass. Erst jetzt bemerkst du die Tüte in Kagawad Jacub Castros Hand. Alle nennen ihn nur ‚Kagawad‘, denn das bedeutet ‚Ortsvorsteher.‘ Kagawad holt einige kleine Flaschen Cola und ein spiralförmiges Gebäck aus der Tüte, dann streicht er die Tüte glatt, legt diese auf die umgedrehte Cola-Kiste (die als Tisch dient) und arrangiert darauf die Getränke und die pfannengroße Zuckerschnecke.
„Ensaymada“, fordert er dich grinsend auf, ein Stück vom Kuchen abzureißen.
Er holt aus der aufgenähten rechte Hosentasche ein Feuerzeug und eine Flasche mit der Aufschrift ‚Ethyl Alcohol, 70% Solution‘ heraus: „Hier, Tommy, dort ist eine LED am Boden des Feuerzeugs. Da hast Du Licht in der Nacht und der Alkohol ist zum Desinfizieren der Hände.“
„Danke, Kagawad!“ Du kaust auf dem gebutterten Hefezuckerstück herum.
Kagawad greift indessen in die linke Tasche seiner knielangen Hose und kramt vorsichtig eine flache Pappschachtel hervor: „Lion Tiger, gegen die Mücken.“
„Ach“, entgegnest du, „dann macht das Feuerzeug ja doppelt Sinn.“
„Ja“, antwortet Kagawad schnell, „damit kannst Du die Spiralen anzünden. Der kleine Metallständer ist auch drin. Es ist ein neues Päckchen. Ich habe alles in Sendong City gekauft, als wir am Busterminal gewartet haben.“
„Kagawad, sage, was Du bekommst.“
Kagawad winkt ab.

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Du weißt nicht recht wie du, dass dir unter den Nägeln brennende Thema, beginnen sollst: Wie stehen die Eltern jetzt zu dir?

Franco hat glasige Augen und wirkt abwesend. Die Tüte drückt er immer noch an die Brust, scheint sich aber derer nun zu erinnern, denn er schaut gedankenverloren in die Tüte und räuspert sich: „Tommy, hier ist Wäsche. Hose, T-Shirt, Handtuch und Waschzeug.“
Die Zuckerschnecke rührt er nicht an.
„Danke Franco!“, antwortest du schnell und klopfst Franco leicht auf die Schulter.
„Dir auch, Kagawad. Danke, dass Ihr die Eltern begleitet habt. Ich bin so froh, dass Ihr hier seid!“

Jetzt bist du den Tränen nahe. Du verschluckst dich, hustest und schluchzt: „Was für eine blöde Geschichte. Ehrlich gesagt, weiß ich immer noch nicht genau, was überhaupt los ist? Es kann doch nicht verboten sein, eine Nacht im Hotel zu schlafen. Das war doch nur wegen der Baustellen und der längeren…“
Franco unterbricht dich mit zusammengekniffenen Augen und abwehrenden Händen: „Warte, Tommy, lass uns zuerst kurz beten.“
Du bist eine Sekunde perplex, stimmst aber zu. Alle falten die Hände und senken die Köpfe.

Du brennst darauf zu erfahren, wie die Eltern reagieren und wie sie nach der Geschichte zu dir stehen? Franco findet kein Ende. Die anderen Besucher auf dem Vorplatz nehmen von eurem Gebet überhaupt keine Notiz.

Du kannst dich beim besten Willen nicht auf das Gebet konzentrieren, weil dir zu viele Gedanken durch den Kopf gehen: ‚Die Eltern werden gerade vernommen. Werden Sie von den Polizistinnen in die Mangel genommen? Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan sind absolute Profis. Die darf man auf keinen Fall unterschätzen. Wird die Polizei die Eltern gegen dich aufbringen?‘
Bei den Gedanken wird dir mulmig, dein Blutdruck steigt, du schwitzt heftig und trocknest die Schweißperlen auf der Stirn.
Du denkst an die Jungen im BSWD und fragst dich besorgt: ‚Was wird aus den Kindern? Können die heute mit den Eltern zurück ins Dorf kehren? Die Polizei ist doch fertig mit den Kinderverhören. Das hat jedenfalls Officer Sarang gesagt. Und was passiert mit dir? Wann gehst du heim?‘
Bei den Gedanken an Zuhause kommt dir deine Familie in Deutschland in den Sinn.
‚Telefonieren!‘, schrillt es in deinem Kopf.‘
Du erinnerst: ‚Die Polizisten hatten dir versprochen, das du dein Handy später benutzen darfst.‘

„Amen!“

„Tommy!“, wirst du aus deinen Gedanken gerissen und du öffnest die Augen. Mickel-Loy hält dir eine kleine Cola vor die Nase.
Kagawad, Franco und Silas schauen dich verwundert an.

„Kagawad, Franco, sorry! Sorry, dass ich nach Talungan City gefahren bin und das hier alles verursacht habe.“
Deine vier Besucher schauen dich mit ungläubigen und fragenden Gesichtern an.
Kagawad entgegnet: „Warum sorry, Tommy? Ist doch nicht Deine Schuld, wenn sie Dich verhaften! Wir wissen ja nicht einmal, wer die Polizei gerufen hat.“
Die zwei Teenager nicken und kauen mit dicken Backen Zuckerschnecke.
Franco ist der gleichen Meinung wie Kagawad: „Ja, was Kagawad sagt, ist richtig, Tommy. Das ist nicht Deine Schuld, wenn die hier so einen Zirkus veranstalten. Wir beten und dann wird sich das hier schon klären.“

Du raufst dir die Haare und fragst mit zittriger Stimme: „Wie geht es den Eltern?“
Kagawad versteht die eigentliche Frage hinter der Frage und antwortet: „Keine Sorge, Tommy, wir sind alle an Deiner Seite. Wir wissen, dass du unschuldig bist.“
„Unschuldig“, wiederholen die Teenager gleichzeitig und kauen mit vollen Backen.
Franco nickt nur leicht und reißt nun doch ein Stück von der Zuckerschnecke ab.

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Ihr genießt das riesige Hefestück und trinkt die Cola. Franco wird unruhig und wechselt verstohlene Blicke mit Kagawad. Er möchte offensichtlich etwas sagen, schaut dich verlegen an und schaut dann wieder zum Kagawad.

„Franco, was hast Du?“, fragst du.
Franco beginnt sehr leise und stottert: „Tom, Tommy, also weißt Du, die Busreise hierher ist sehr teuer. Wir haben auch nur sehr wenig Fisch heute und in den letzten Tagen gefangen.“
Mickel-Loy wirft ein: „Aber heute Morgen war der Fang spitze.“
Franco straft ihn mit einem strengen scharfen Blick ab und führt aus: „Wir und die Eltern glauben nicht, dass Du und die Jungen heute nach Hause gehen können.“
Kagawad fällt Franco ins Wort: „Wir wollen heute alle hier übernachten.“
Nun fällt Franco dem Kagawad ins Wort und das ist eine ungeheure Respektlosigkeit einem Älteren gegenüber. Mickel-Loy und Silas sind auch sofort angespannt wegen der zu erwartenden Reaktion vom Kagawad. Die aber bleibt aus.

Franco redet ungerührt weiter: „Also, ich habe mir das Geld für den Bus geliehen und auch Silas Fahrgeld ausgelegt.“
Silas will protestieren, wird aber wieder mit giftigen Blicken von Franco zum Schweigen gebracht.
„Wir haben auch noch nichts Richtiges gegessen heute.“ Franco blickt zu den immer noch kauenden Teenagern.
Die nicken verlegen.
Franco will weiter reden, aber du stoppst seine Rede: „Okay, okay. Ich brauche ja auch noch einige Dinge. Zahnpasta und Zahnbürste. Unterhose. Ein Kissen und Kerzen, weil es keinen Strom in der Zelle gibt. Wir machen eine Liste, aber ich habe keinen Stift.“
Kagawad grinst und kramt einen Kugelschreiber und ein Fetzen Papier aus der tiefen Hosentasche. Franco ist sofort wie ausgewechselt. Sein trauriges Gesicht hellt sich auf, die Sorgenfalten auf seiner jungen Stirn verschwinden, das jungenhafte Lächeln kehrt zurück und seine Augen beginnen zu glänzen.

Ihr notiert, was du benötigst. Auch fünf Zahnbürsten und Zahnpasta für die Jungen im BSWD vergesst ihr nicht. Dann überschlagt ihr, wie viel Geld jeder ungefähr braucht und kommt zum Ergebnis: Jedes Elternpaar bekommt 2000 Piso für die nächsten drei Tage. Also drei Elternpaare. Romolo ist ohne Ehefrau und wird 1500 Piso bekommen. Kagawad und Franco jeweils auch 1500 Piso und die zwei Teenager jeweils 1000 Piso.
„Tausend Piso!“, stößt flüsternd Mickel-Loy Silas an.
„Soviel hast Du doch auch noch nie in Deinem Leben gehabt“, flüstert Silas zurück.
„Du etwa? Knallrote Flip-Flops von Islander. Die habe ich mir immer schon gewünscht“, freut sich Mickel-Loy.

Du bist aufs Rechnen und Schreiben konzentriert und bekommst von der Unterhaltung der Teenager nichts mit: „Okay, das sind 12500 für Euch, Franco.“

Franco ist ausgelassen wie ein kleiner Junge. Er klatscht begeistert in die Hände: „Ja, Tommy“, und springt auf: „so machen wir es! So ist es richtig! Und beten werden wir für Dich! Ernesto, Rica, Matthew, Lang, Vicente, Michael und Romolo werden richtig froh sein!“

Kagawad scheint die Situation peinlich zu sein. Er schaut verlegen an dir vorbei. Die Teenager kauen mit großen Augen langsam ihre Zuckerschnecke.

„Wo wollt Ihr denn überhaupt bleiben, heute Nacht?“, fragst du neugierig.

Kagawad setzt gerade zur Antwort an, aber Franco kommt ihm schon wieder zuvor (Kagawad rollt als Reaktion mit den Augen): „In meiner Kirche. Ich habe dem Pastor schon eine SMS gesendet. Nur Ernesto und Rica wollen bei ihrer Tochter Silvia übernachten.“
„Okay, da ist es bestimmt gut. Und Ihr könnt dort alle schlafen?“
„Ist nur ’ne kleine Kirche, aber wenn wir die Stühle raus räumen, geht das schon.“

Du holst deine Geldbörse aus deiner Hosentasche: „Franco und Kagawad, hier ist die Geheimnummer auf dem Einkaufszettel. Ich schreibe sie rückwärts. Ihr müsst viermal Fünftausend abholen. Der Höchstbetrag am Automat ist, denke ich 5000 Piso. Bitte bringt mir die VISA-Karte, die Sachen für mich und das Restgeld heute noch. Aber geht nur zu zweit zum ATM. Zu viele Badboys in der Stadt. Wisst Ihr doch!“

Beim Wort ‚Badboy‘ fixiert Kagawad Franco und beginnt wie ein Schelm zu grinsen, dann schaut Kagawad milde zu dir. Auch du kannst ein leichtes Hochziehen der Mundwinkel nicht verkneifen. Franco ist so in Fahrt, der bekommt die wortlose Kommunikation zwischen dem Kagawad und dir nicht mit.

Ein wenig mulmig ist dir schon, als du Franco die VISA-Karte in die Hand drückst.

Aber hast du eine Wahl?

Mickel-Loy und Silas springen plötzlich auf: Tommy, Kagawad, Franco, seht mal dort!“
Sie zeigen mit den Fingern in Richtung Schranke.

Die Eltern und deren Kinder treten aus dem Polizeigebäude.

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