2.23. Besucher an der Zellentür

Du bist in einem merkwürdigen Halbschlaf. Da sind Geräusche an der Zellentür. Deine innere Stimme spricht: „Wahrscheinlich doch nur irgendein Viehzeug? Die Katze, Ratten, Mäuse, der dicke Frosch oder die Kakerlaken. Vielleicht haben die Spinnen am Unterboden des Bettes über dir Ausgang?“

Es raschelt abermals und dort ist jetzt auch ein Scharren zu hören. Die Zellentür scheppert leise. Du registrierst im Unterbewussten das Flüstern von Kinderstimmen.

Das zaghafte Flüstern wird lauter: „Tommy“, haucht es mehrstimmig zur Zelle hinein.
Dann die Posaune!: „Mr. Heger, Sir, Sie haben Besuch.“

Sofort springst du auf und knallst fast mit Kopf an die Unterkante des Bettes über dir. Es ist düster in der Zelle. Die Besucher vor der Tür nehmen fast das gesamte Licht.
„Kinder!“, entfährt es dir als Schrei.
Die fünf Jungs stehen dicht gedrängt nebeneinander an der Gitterstabtür. Ein jeder hat beide Hände auf Ohrhöhe um die senkrechten rostigen Stäbe gekrallt. Dazwischen pressen sie neugierig ihre Kindsgesichter. Sarang steht hinter den Kindern, breit grinsend. Er spielt den Unbeteiligten. Die Jungs schauen mit großen Augen ungläubig in die Zelle. Ihre Gesichter verheult und verquollen.

„Wie seht Ihr denn aus?“, fragst du ehrlich besorgt. „Habt Ihr geheult?“
Ausgerechnet der Kleinste, Schmalste und der mit dem verheultesten Gesicht, der Dan, antwortet schnell: „Nur ein bisschen, Tommy. Wir haben nur ein bisschen geheult.“ Er grinst unsicher, die Augen tieftraurig.
Jan legt brüderlich seine Hand auf Dans rechte Schulter: „Hatten Streit mit dem BSWD.“
„Die Hexe, ähm die Ma’am“, Aboy schaut scheu zu Sarang (der schaut schnell verlegen in den Himmel), „will uns nicht unsere Cellphones geben. Tommy, weißt Du, wie Du aussiehst?“ Aboy beantwortet seine Frage schnell selber: „Du siehst aus wie ein Zombie.“
„Ihr bekommt die Dinger schon zurück, keine Sorge. Ich sehe aus wie ein Zombie? So fühle ich mich auch. Ihr schaut aber auch nicht gerade besser aus, Jungs.“
Du verziehst dein Gesicht zu einer Grimasse, hebst die Schultern, so dass die schief stehen und trampelst – wie ein Untoter – auf der Stelle. Dazu grunzt du wie ein Zombie.
Die Jungs lachen und Sarang grient von einem Ohr zum anderen.

„Tommy“, ruft Phil und schüttelt eine Tüte Piattos-Kartoffelchips, „Frühstück, Tommy.“
Sam und Jan wedeln mit kleinen Flaschen Mineralwasser.
Aboy fragt besorgt: „Tommy, Du hast doch bestimmt Hunger? Du hattest doch kein Frühstück, oder?“
Sarang und du, ihr werft euch verstohlene Blicke zu. Padesal mit Kaffee am frühen Morgen, davon erzählt ihr nichts.
Die Jungs reichen mit zufriedenen Gesichtern die drei Dinge in die Zelle. Mit gespieltem Heißhunger reißt du mit den Zähnen – einem Zombie gleich – die Chipstüte auf.
Es fallen einige hellgelbe flache Chips auf den rußschwarzen Zellenboden und leuchten dort wie Goldstücke im Dreck.
Eine Handvoll stopfst du dir grunzend in den Mund.
Die Kinder lachen.
Dann spülst du die klebrige Masse mit einer Flasche Mineralwasser hinunter: „Ahh, das tut gut!“
Du gibst die Chipstüte an die Jungs zurück. Jeder bedient sich, auch Sarang kann nicht widerstehen.

Sam spricht mit vollem Mund: „Tommy, unsere Eltern kommen und holen uns ab.“
„Ja, das hoffe ich, dass Ihr schnell nach Hause kommt.“, deine schnelle Antwort.

Sarang wird unruhig und schaut verlegen auf seine Uhr: „Sorry Kinder, aber mein Boss hat nur fünf Minuten erlaubt. Sorry, aber wir sollten nun zurück. Sonst wird mein Boss noch sauer.“

Die Kinder schauen traurig. Phil sagt schnell: „Alles wird gut, Tommy!“
Aboy ergänzt nur: „Gut, Tommy!“
Sam wiederholt nochmal: „Unsere Eltern kommen, Tommy, keine Sorge.“

Langsam drehen sich die Jungs zum Gehen um.
Sam ballt die Hand. Du tust es ihm gleich, alle ballen die rechte Hand. Von rechts nach links berührst du alle Fäuste.
Sarang eilt ungeduldig voraus, hüpft wie ein Zwölfjähriger über die offenen Abwasserkanäle.
Du blickst den traurigen Kindern nach und denkst: „Warum hüpfen die Zwölfjährigen nicht?“

Jan dreht sich zu dir. Mit großen traurigen Augen raunt er: „Alles wird gut“, und winkt dabei leicht mit der rechten Hand.“
Dan, der immer im Schutzkreis seines älteren Bruders Jan ist, wiederholt Jans Geste.

Sarang ist schon an der Gebäudeecke. Die Jungs müssen sich nun beeilen.

Du hörst von allen Jungs: „Alles wird gut, Tommy! Alles wird gut!“

„Wie das Echo im Gebirge“, sagst du leise und legst dich wieder auf die versiffte Pappe. Du wischst die klebrige Hand am T-Shirt ab.
„Jetzt auch egal“, resignierst du und spülst den Rest Chipsmasse im Mund mit der zweiten Flasche Wasser hinunter.

„Die Jungs dürfen dich besuchen. Das ist wohl als gutes Zeichen zu werten“, flüsterst du.

Hoffnung keimt in dir auf: „Alles wird gut!“, möchtest du in die Welt hinaus brüllen. Es ist aber nur ein Flüstern.

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