2.22. Wütende Kinder [OFFEN]

Es sind keine 10 Minuten vergangen, da knallt ohne Vorwarnung die Bürotür auf. Die Polizistinnen schrecken hoch. Ma’am Solano steht im Türrahmen und wedelt hektisch mit den kurzen dicken Armen, als wolle sie Hühner verscheuchen. Dicke Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn, im hochroten Gesicht. Unter den Achseln hat sie dunkle Schweißflecken. Sie atmet kurz und scheint nahe am Hyperventilieren.

Die Kinder drängen ungefragt an Ma’am Solano vorbei und setzen sich wie selbstverständlich auf das Plastikgestühl. Die Rucksäcke knallen sie vor ihre Füße.

‚Die suchen Schutz‘, kommt es Ma’am Papillio in den Sinn.

Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan sind vom Zustand der fünf Kinder schockiert. Alle haben verheulte Gesichter.

Dan und Phil heulen plötzlich anklagend und laut los. Dicke Krokodilstränen laufen über ihre Wangen.

Sam, Aboy und Jan sind wütend und aufgeregt. Jan sitzt neben seinem kleinen Bruder Dan und tröstet ihn. Dan heult und schluchzt weiter ungehemmt. Jan schaut Hilfe suchend zu den Polizistinnen. Aboy scharrt mit dem linken Flip-Flop-Slipper auf dem Betonfußboden. Er schaut zu Boden und macht große Blasen mit Spucke.
Plötzlich springt er auf: „Wir wollen nach Hause und unsere Cellphones! Das sind unsere Cellphones!“

Phil heult nicht mehr, er schluchzt aber noch heftig und bekommt kaum ein Wort heraus: „Wir wollen unsere Cellphones und nach Hause und unsere Eltern anrufen.“
Er bekommt ein Papiertuch von einer Toilettenrolle von Ma’am Tolisan.

Auch Jan bekommt Papiertücher von der Rolle. Er trocknet Dan die Tränen, wischt ihm das Gesicht und lässt ihn schnäuzen. Er ruft laut, seine Stimme überschlägt sich und wechselt dabei beständig die Tonlagen: „Und was ist überhaupt mit Tommy? Warum ist Tommy verhaftet? Warum sind wir verhaftet?“

Sam hat zerwühltes Haar: „Mein Vater kommt und holt uns ab. Und wir wollen Tommy sehen!“

„Kinder, Ihr seid nicht verhaftet und jetzt beruhigt Euch erst einmal.“ Ma’am Papillio redet beruhigend und freundlich zu den Kindern.
Ma’am Tolisan nickt und schaut mütterlich besorgt. Ma’am Solano schaut irgendwohin.

Die beiden Polizistinnen mustern mit zusammengekniffenen Augen Ma’am Solano. Die atmet weiter beängstigend kurz.
Sie stammelt: „Sorry, Ma’am, aber die wollten nur mit ihren Rucksäcken und Cellphones herkommen. Rucksäcke konnte ich dann gestatten, aber die Cellphones sind sicher bei uns im Office.“ Nun grinst sie unsicher.

„Gut, Ma’am“, antwortet Ma’am Papillio ein wenig zu freundlich, „die Cellphones der Kinder geben Sie bitte dem Officer, der die Kinder später zurückbringt. Das sind Beweisstücke. Wir benötigen Sie dann vorerst nicht.“
Ma’am Solanos Gesicht hellt sich auf. Ohne jemanden im Büro auch nur noch eines Blickes zu würdigen, dreht sie sich auf dem Absatz um und ist aus dem Raum. Ihr Wissen über die Vorgänge im Hotel, vergisst sie den Polizistinnen mitzuteilen.

Aboy sitzt wieder. Er schnäuzt sich vorne ins Shirt. Ma’am Tolisan schaut angewidert und reicht ihm sofort ein Stück Papier von der Rolle. „Wir wollen Tommy besuchen! Wo ist Tommy?“, ruft Aboy trotzig und zerknüllt das Papierstück.

Mittlerweile weint keiner mehr. Ma’am Solano ist aus dem Raum und sofort entspannt sich die Situation.

Phil schnäuzt sich und kramt im Rucksack: „Ich habe noch eine Tüte Piattos-Chips. Die will ich Tommy bringen. Der hat doch noch nichts gefrühstückt? Der hat doch Hunger?“
Jan hat plötzlich eine Flasche Mineralwasser in der Hand: „Und Durst hat Tommy auch!“
Auch Sam wedelt mit einer kleinen Flasche Wasser: „Durst“, sagt er nur.
Dan schnäuzt sich, weint aber nun auch nicht mehr. Er schluchzt noch ab und an, so dass sein schmaler Körper bebt.

Die Polizistinnen schauen sich kurz an. Ma’am Papillio zieht nur kurz die Augenbrauen nach oben. Ma’am Tolisan verschwindet sofort aus dem Büro.

„Gut Jungs, ich gebe Euch fünf Minuten. Aber zuvor geht Ihr ins Bad und Ihr wascht Euch die Gesichter.“

Aboys Laune bessert sich augenblicklich. Er grinst und flüstert leise dass, was ihm im Kopf von den drei Straßenjungen nachhallt: „Wisch, wisch, wisch, Hände, Arsch und Gesicht.“
Auch Jans Fröhlichkeit kehrt schnell zurück. Er muss kichern und stupst Aboy leicht an.
Ma’am Papillio versteht das Getue nicht: „Was?“
„Nichts, nichts, Ma’am“, grinst Aboy und wechselt mit seinen Freunden verstohlene Blicke.

Ma’am Tolisan und Officer Sarang betreten das Office.
„Wie seht Ihr denn aus?“, entfährt es Officer Sarang lausbubenhaft. Er verzieht das Gesicht zu einer freundlich grinsenden Grimasse und klopft dabei Sam leicht auf die Schulter.
Sofort belegt ihn Ma’am Papillio mit einem ernsten Blick: „Officer“, weist sie streng Sarang an, „begleite die Herrschaften erst ins Bad und dann zu Tom Heger. Sie haben fünf Minuten!“

Die Jungen sind wie ausgewechselt. Ihre Gesichter entspannen sich. Sie nicken heftig mit den Köpfen und springen von den Stühlen. Officer Sarang grinst die fünf Kinder freundlich an und schon ist er mit der fröhlichen Meute aus dem Büro.

Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan schauen sich an. Ma’am Papillio sagt was beide denken: „Ma’am Solano wird langsam zu alt für den Job.“
„Langsam?“, wiederholt Tolisan und schüttelt den Kopf.
„Jetzt müssen wir die Kinder erst einmal wieder in die Spur bringen und eine vernünftige Grundlage schaffen.“ Ma’am Papillio kramt einen blauen 1000 Piso Schein aus ihrer kleinen Geldbörse, wendet ihn, betrachtet das Design mit der Perle in der Muschel. Sie lächelt dabei milde: „Ma’am, sende bitte Officer Pangutana zu mir. Der bekommt einen Spezialauftrag!“

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