2.20. Die Abreise der Eltern [OFFEN]

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(Fortsetzung von Kapitel 2.15.)

45 Minuten bis zur Abreise sind zu gut geplant, denn es gibt noch zu viel zu erledigen. Kleinkinder müssen in die Obhut an Verwandte oder Freunde gegeben und es muss geduscht oder gebadet werden. Dazu tragen ältere Kinder oder Ehemänner Wasser in Toilettenhäuschen. Die Männer jedoch waschen sich im Fluss, wie jeden Tag.

Gut, dass das Fischen in der Früh ertragreich gewesen ist. So hat jeder genug für den Bus nach Tugalm City.

Treffpunkt ist der Waiting Seat, am Platz vor dem koreanischen Gebäude. Das fast hundertjährige Fachwerkhaus ist für sein Alter erstaunlich gut erhalten. Dort sind bis vor einiger Zeit Zündhölzer gefertigt worden. Der Siegeszug der Einwegfeuerzeuge bedeutete das Aus für die Manufaktur. Kaum einer erinnert sich an diese Epoche, obwohl die noch gar nicht so lange her ist.

Die flache Betonrampe vor dem Gebäude ist seit jeher beliebter Treffpunkt, besonders bei der Jugend des Dorfes. Wie auch heute. Neugierige Menschen sitzen, stehen und diskutieren dort und erwarten die Abfahrt der Eltern und deren Begleiter.

Auch der Waiting Seat ist bereits gut mit Neugierigen besetzt. Eine der schmalen Seiten des U-förmigen Waiting Seats ist zum Begehen offen. Bestehend aus einer soliden Grundkonstruktion aus Bambusstäben, sind die Sitzfläche und die Rückenlehne aus aufgenagelten gevierteltem Bambusrohr gefertigt. Das Dach besteht aus geflochtenen Blättern der Nipapalme.

Lautstarke und hitzige Diskussionen beherrschen auch hier die Szene. Der Tenor jedoch ist, Tommy ist unschuldig. Der Fernsehbericht beweise gar nichts. Sicherlich ist es töricht von ihm gewesen, mit den Kindern allein zu reisen. Alles in allem kann nur ein Missverständnis vorliegen. Es werde sich hoffentlich schnell klären. Und der Tommy ist nun einmal Ausländer. Vielleicht glaubt da Jemand, da gäbe es etwas zu holen. Einem Filipino wäre das ganz sicher nicht passiert. Wilde Spekulationen über die Arrestierung werden angestellt, zumal der Bericht nichts dazu aussagt, wieso die Polizei das Zimmer gestürmt hat und woher die Polizei überhaupt von Tommy und den Jungen im Hotel gewusst hat.

Von den Reisenden treffen als Erstes Romolo Senior Taslig, sein 16-jähriger Sohn Silas und Romolos Neffe Mikel-Loy Taslig am Waiting Seat ein. Romolo Sn. ist ein wenig mürrisch. Nein, nicht wegen der Geschichte um seinen Sohn Aboy (also Romolo Junior), sondern weil er die Arthrose im linken Knie nicht loswird. Auch das Schmerzmittel hilft kaum noch. Außerdem verpasst er den Flirt mit der hübschen Krankenschwester am Nachmittag. ‚Wie schade‘, denkt er bei sich.

Nur wenige Minuten später setzen sich Philipp (Phils) Eltern Vicente und Michael Kabaltos und Vicentes Mutter Marie-Ann zu den Wartenden. Kinder und Teenager springen auf und machen Platz für die Eintreffenden. Einige der jungen Leute führen die Handrücken von Marie-Ann und von Romolo Sn. an ihre Stirnen. Die Geste der Ehrerbietung der Nachgeborenen an die Alten. Oma Marie-Ann ist Romolo Seniors Schwester. Ihre Tochter Vicente somit eine Cousine ersten Grades von Silas, Mikel-Loy, Franco Taslig und vielen weiteren Cousins und Cousinen der großen Taslig-Familie.

Franco Taslig ist schon nach Sendong City vorgeeilt. Er holt die Dinge aus dem Apartment, die ihm Tommy aufgetragen hat. Am Busterminal werden sie sich treffen.

Lydia (sie wird von allen nur Lang gerufen) und Matthew Barcella sind die Eltern der Brüder Dan und Jan. Lang ist nun nicht mehr verheult. Ihr Haar ist noch nass, hängt glatt in Strähnen bis auf die Schultern und glänzt wie schwarze Schuhcreme in der Morgensonne. Sie beginnt sofort eine Diskussion über das Geschehen. Tommy verhaftet, Polizei, Kinder im BSWD, Anrufe, TV-Bericht. Das überfordert Lang. „Irreal“, bringt es ihr Ehegatte auf den Punkt.

Marie-Ann hat tiefe Sorgenfalten auf der Stirn: „Kinder im BSWD! Das gefällt mir gar nicht. Ganz und gar nicht! Ihr wisst alle, wen das BSWD erst einmal hat, den gibt das BSWD so schnell nicht wieder her. Denkt an die Geschichte vom Romolo. Also wir sollten…“

„Mama, male den Teufel nicht an die Wand“, fällt Vicente ihr ins Wort.

Romolo Sn. räuspert sich laut. Es wird still und alle Blicke sind auf ihn gerichtet: „Die, die haut mit ’nem jüngeren Kerl ab und zur Krönung holt das BSWD meine Kinder aus dem Haus! Die Schlampe hat doch Ehebruch begangen und nicht ich.“ Romolo stampft leicht mit dem linken Fuß auf und stöhnt vor Schmerz auf. Wütend ergänzt er: „Verfluchte Idioten vom BSWD, Idioten sind das!“

„Papa, regt Dich nicht auf. Wir sind doch zurück zu Dir“, antwortet Silas schnell und massiert Papas rechte Schulter.

Marie-Ann ermahnt ihren Bruder: „Romolo, fluche nicht, schon gar nicht vor den Kindern. Wir sollten jetzt gemeinsam…“

Kagawad Jacub Castro, der Ortsvorsteher, trifft soeben ein und fällt Marie-Ann ins Wort: „Wer fehlt denn noch?“ Er setzt sich, schaut sich um, zündet eine Marlboro an und inhaliert tief.

Silas stößt Mikel-Loy an und flüstert leise: „Echte Marlboro, keine Fakeware. Bestimmt lecker.“
Mikel-Loy grinst lausbubenhaft.

Matthew schaut in die Menge: „Ernesto und Rica fehlen. Ah, da kommen sie ja!“

Ernesto Restito, das ist Samuels (Sams) Vater, nimmt nicht Platz. Er hat es eilig, ist ungeduldig und flucht: „So ein Mist, ist noch keine Motorela da?“

Der staubige Platz am Waiting Seat, gegenüber dem koreanischen Gebäude und dem zerschlissenen Basketballnetz, ist auch gleichzeitig der Wendepunkt der Motorelas (der Motorradtaxis) im Dorf.

„Also los, lasst uns zum Highway gehen!“, schimpft Ernesto.

Silas schüttelt wild den Kopf: „Aber nicht mit Papas Knie!“

Romolo Sn. nickt heftig.

„Gut, dann warten wir eben alle“, bestimmt Ernesto ungehalten und setzt sich demonstrativ neben seine Frau Rica.

Marie-Ann versucht ihren Satz zu Ende zu bringen: „Gut, dann lasst uns…“

Ihre Stimme geht im Geschrei der aufgebrachten Kinderhorde unter. Die Kinder rufen: „Wir rennen zum Highway und stoppen Motorelas!“

Schon sehen die Wartenden nur noch die Rücken der Kinder, die wehenden Shirts und die fliegenden Haare der Mädchen. Mit lautem Geklapper der Flip-Flops und fröhlich kreischend entfernt sich schnell die Kinderschar und verschwindet im aufgewirbelten Staub der unbefestigten Dorfstraße.

Marie-Ann versucht es erneut und diesmal mit fester Stimme. Noch einmal lässt sie sich nicht abwürgen. Schnell ruft sie: „Lasst uns beten! Lasst uns gemeinsam für die Jungen und für Tommy beten und dass Ihr alle gut ankommt.“ Dabei bekreuzigt sie sich mehrmals.

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King and his Motorela

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