2.02. Mystischer Morgen [OFFEN]

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Mystischer Morgen

Es ist zwischen 5:30 und 6:00 Uhr.
Über den Bergen und zwischen vereinzelten Wolken die ersten Sonnenstrahlen. Kleine Feuer vom zusammen gefegten Laub und leichtem Unrat, glimmen und schwelen gemütlich. Die Luft duftet würzig danach. Der weiße Rauch steigt fast senkrecht empor und hängt träge in Schwaden in den hohen Bäumen und den dichten Mangroven am Fluss. Die aufkommende schwache Briese, lässt das Blattwerk der Mahagoni-, Mango-, Akazien-, Mangroven- und Papayabäume und der Kokosnuss- und Nipapalmen in diesem besonderen Morgenlicht golden glänzen. Das Funkeln, Flimmern und das Flirren der Blätter gemeinsam mit dem Licht- und Schattenspiel des schweren trägen Rauchs im ersten Sonnenlicht, zaubert einen mystischen Augenblick ins Dorf.

Der Tag erwacht.

Am Strand schon emsige Betriebsamkeit. Das etwa acht Meter lange und an seiner breitesten Stelle etwa 1,5 Meter breite Fischerboot, liegt längsseits zum schwarzen Sandstrand. Der Rumpf wird durch zwei Ausleger – beindicke Bambusrohre – stabilisiert. Einer der Ausleger liegt am Strand. Der Ausleger der Gegenseite ragt über die Wasseroberfläche, da das Boot schräg steht. Es ist eines der besseren, teureren Fischerboote. Angetrieben von einer 27 PS starken Hondamaschine. Das Boot hat keinerlei Aufbauten. Kein Führerhaus und keine Segel. Das mit Tamban (eine Sardinenart) pralle Fischernnetz, füllt fast den gesamten Platz im Bauch des Bootes und türmt sich über den Rumpf auf. Ein sehr ertragreicher Fang, heute in den frühen Morgenstunden.
Auf dem Boot stehen vier kräftige Fischermänner nebeneinander. Ihre Gesichter und die nackten Oberkörper werden vom frühen Sonnenlicht goldfarben beschienen. Sie entheddern das Netz, schütteln es wild und geben es an die vier ihnen gegenüber stehenden Fischer am Strand. Diese ziehen das Netz zu sich. Es wird geschüttelt und geschlagen. Der Fisch fliegt im hohen Bogen umher und wird von Frauen, Männern und Kindern aufgesammelt.

Die Fischer pflücken den Fisch – der sich nicht löste – vom Netz. Der Fang wird in rechteckige Styroporkisten gesammelt. Mit Erlaubnis des Bootsführers sammeln einige Kinder im blutgetränkten Wasser um das Boot herum zerrissenen Tamban in ihre Plastiktüten. Die Kinder mit den nun gut gefüllten Tüten werden ihren Fang später im Dorf feilbieten oder die Angehörigen bereiten daraus das Frühstück.

Tief im Boot steht ein nackter Knabe und schöpft unermüdlich mit einer Kaffeetasse Wasser aus dem Rumpf. Die Frauen reißen zotige Witze. Alles lacht. Es herrscht eine ausgezeichnete Stimmung. Inzwischen sind alle Beteiligten über und über mit Fischteilen, -blut und -schuppen beschmutzt.

Die Styroporkisten füllen sich schnell. Bevor Stangeneis dazu gegeben und die Kisten mit den Deckeln verschlossen werden, wird gewogen. Der Bootsführer, er wird von allen nur „Boss“ genannt, protokolliert genau. Er überwacht gleichzeitig mit äußerst zufriedenem Gesichtsausdruck die Arbeiten. Fahrer mit knatternden Motorrädern stehen bereits ungeduldig bereit, um die Styroporkisten in Halterungen hinter den Fahrersitzen zu verstauen. Sie bringen den Fisch zum Markt in die Stadt oder in die Berge. Dort wartet man schon. Gezahlt wird am Strand sofort und in bar. Der Boss managt auch das. Einigen Männern seiner Crew wird der Fang gleich einen wohligen Rausch verschaffen. Milchfarbener Tuba (auch ‚Coconut-Wine‘ genannt) steht schon in schmuddeligen Kanistern bereit. Keinen stört, dass im Tuba so einige andere Dinge, wie Ameisen und andere Insekten und undefinierbare Fremdkörper, schwimmen.

Die Arbeiten nähern sich dem Ende.

Etwas abseits sitzt ein älteres Ehepaar auf einer Kunststoffbank. Sie schlürfen laut Kaffee und beobachten mit zufriedenem Lächeln das frühmorgendliche Treiben. Neun Kinder und unzählige Enkelkinder. Das ist ihr Lebenswerk, ihre Altersversorgung. Um Fisch brauchen sie sich keine Sorgen mehr zu machen. Die Alten werden geehrt, geachtet und versorgt.

In einer ärmlichen Holzhütte, nicht weit vom Geschehen am Strand, vibriert ein Nokia 3310 Cellphone. Es ist niemand anwesend. Nicht weit davon entfernt, in einer anderen einfachen Hütte klingelt leise ein Cherry Mobile Cellphone. Auch hier bemerkt keiner das Klingeln.

Gerade verlässt das letzte Motorrad schwer mit Kisten beladen, laut knatternd den Strand. Frauen, Männer und Kinder sitzen erschöpft im Sand, unterhalten sich und lachen laut. Andere waschen sich notdürftig im Fluss. Das Netz muss zurück ins Boot. Nun geht die Arbeit in umgekehrter Folge. Die Männer im Boot ziehen und die Männer am Strand entwirren das Netz. Gleichzeitig wird auf Schäden im Netz gesucht.

Zufriedenheit bei allen Beteiligten an diesem gewöhnlichen aber wundervollen Morgen, mit dem kurzen mystischen Augenblick.

Der Tag kann kommen!

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