2.19. Sams Schwester

(Fortsetzung von Kapitel 2.17)

Die fünf Freunde sitzen vor Sir Salas und Ma’am Solanos Büro. Ma’am Burque verschwand vor einigen Minuten darin. Dodung zeigt den Jungs immer noch Grimassen und imitiert genüssliches Rauchen. Die Fünf geben genervt Zeichen, er soll endlich das Weite suchen. Sie sind auch zu aufgeregt. Über Dodungs alberne Scherze können sie jetzt gerade nicht lachen. Beim Öffnen der Tür sahen die Jungs kurz Silvia. Sams große Schwester. Sam sprang aufgeregt vom Stuhl. Bevor er oder einer der Freunde etwas sagen konnte, schloss sich die Tür. Sams Schwester unterhielt sich sehr angeregt und konzentriert mit Ma’am Solano und bemerkte die Kinder im Flur nicht.

Endlich öffnet sich die Tür. Sam stürmt – allen voran – ins Büro und umarmt Silvia wild: „Silvi, Silvi… holst Du uns ab? Wir wollen nach Hause.“
Sams vier Freunde stehen ratlos um Silvia und Sam. Sie schweigen betreten, unschlüssig etwas zu sagen. Nur von Jan und Phil kommen knapp: „Hay Silvi.“
Silvia ist von Sams heftiger Reaktion überrascht. Sam liegt quer auf Silvia und drückt mit seinen heftigen Umarmungen ihr ein wenig die Luft ab. Die Lehne des Plastikstuhls biegt sich gefährlich nach hinten. Sam lockert endlich die innigen Umarmungen und stellt sich neben die Schwester. Silvia ist sichtlich erleichtert, richtet sich auf und streicht Hose und Bluse glatt. Sam wiederholt: „Bitte Silvi, wir wollen heim.“ Die vier Freunde nicken heftig.
Aboy wiederholt: „Heim.“
Dan, Jans kleiner Bruder setzt sich ungefragt auf Silvias Schloß und kuschelt sich wie ein Baby an sie. Sam umschließt locker mit dem linken Arm ihren Hals. So, als wolle er sie nie wieder loslassen.
Silvia weiß nicht so recht zu antworten. Sie vermeidet Augenkontakt. Hilfesuchend blickt sie zu Ma’am Solano. Die aber bleibt stumm.
Silvia räuspert sich, holt tief Luft und sagt dann schnell: „Wir warten auf Mama und Papa. Alle Eltern kommen wohl“, sie räuspert sich erneut, ihr fällt das Sprechen sichtlich schwer, „dann werden wir sehen.“
Ma’am Solano schaut kurz von der Computertastatur auf und nickt kaum sichtbar. Dann richtet sie ihre goldene Lesebrille auf der breiten Nasenspitze und betätigt weiter im Schneckentempo die Tastatur.
Aboy stampft plötzlich heftig mit dem linken Fuß auf. Wütend zischt er: „Aber warum hat man uns verhaftet? Und was ist mit Tommy? Wir wollen nach Hause!“
Phil und Jan wiederholen: „Nach Hause!“
Dan, der Kleinste, heult plötzlich dicke Krokodilstränen. Silvias Bluse wird nass. Er stammelt: „Ich will nach Hause. Ich vermisse meine Mama und Papa!“ Silvia kann nicht anders, auch bei ihr rollen die Tränen: „Tsch, tsch“, flüstert sie mit erstickter Stimme und streichelt dabei vorsichtig über Dans glattes Haar, „beruhige Dich doch Dan, nicht weinen.“
Ma’am Solano reicht ungerührt eine Rolle Papiertücher an den nahe bei ihr stehenden Phil. Der reicht die Rolle weiter. Die Weinenden trocknen die Tränen und schneuzen in die Tücher.
„Nana,“ beginnt Ma’am Solano ihre Rede, „so große Jungs heulen doch nicht. Und nun beruhigt Euch! Ihr seid nicht verhaftet. Nur unter Obhut. Und Eure Eltern kommen. Dann sehen wir weiter. Es gibt also keinen Grund, wütend zu sein.“ Sie belegt Aboy mit scharfen Blicken. Der schaut verlegen zu Boden. Dan schluchzt noch. Sein schmaler Körper bebt auf Silvias Oberschenkeln. „Und hört jetzt auf zu heulen“, fährt Solana ungehalten fort. Sie steht jetzt und stützt sich leicht vorgebeugt auf der Tischplatte ab: „Eure Eltern kommen doch. Also beruhigt Euch jetzt!“, sagt sie bestimmend.
Die Jungs realisieren erst jetzt das Gesagte. Sam massiert Silvias verschwitzten Nacken. Vorsichtig fragt er: „Sie kommen?“ Seine Augen hellen sich auf.
Dan ist wie ausgewechselt, springt auf, umarmt seinen älteren Bruder Jan: „Sie kommen, sie kommen und holen uns ab. Jan, hast du gehört, sie kommen!“
Jan drückt seinen Bruder liebevoll an sich: „Alles wird gut, Dan.“
Aboy scharrt noch ein wenig mit dem linken Islander-Slipper auf dem Betonfußboden. Er traut sich nicht, in Ma’am Solanos Richtung zu schauen. Nun hat er sich im Griff und bleibt still, obwohl er die Lippen nervös bewegt.

Phil ruft plötzlich: „Sie kommen, sie kommen!“ Seine helle Jungenstimme überschlägt sich und kratzt unangenehm an Solanos Trommenfell. Die steckt den Zeigefinger ins Ohr und schüttelt ihn: „Ja Phil, sie kommen. Ich telefonierte mit Deinem Vater. Aber es war so laut bei Euch dort. Ich habe kaum was verstanden. Also beruhige Dich jetzt und schreie hier nicht so rum. Schrecklich ist das!“
Phil wundert sich, er kann sich nicht erinnern, geschrien zu haben.

Solanos Cellphone summt auf der Schreibtischplatte und bewegt sich dabei. Sofort nimmt Ma’am es auf. Ohne Silvia und den Kindern weiter Beachtung zu schenken, beginnt sie laut zu telefonieren:
„Oh Inspektor Papillio (dabei macht sie unbewusst eine leichte Verbeugung nach vorn), schön sie zu hören!“ Sie singt ihre Worte.
Pause. Nun ist eine leise Frauenstimme aus dem Lautsprecher zu vernehmen. Die Kinder und Silvia trauen sich kein Wort mehr zu sagen, sind mucksmäuschenstill. Sie schauen sich verlegen an.
Ma’am Solano redet nun wieder: „Ja gut Ma’am, wie gestern Nacht besprochen. Ach, Sie lassen die Kinder abholen? Umso besser!“
Die Frauenstimme redet. Dann wieder Solano: „Ja, natürlich, ganz wie Sie wünschen. Die Eltern? Ich habe mit einem Teil der Eltern telefonieren können. Die sind wohl schon unterwegs. Eine erwachsene Schwester ist auch gerade hier im Büro. Ja, die Kinder auch. Im Büro, hier…“
Die Frauenstimme redet jetzt sehr laut. Dann redet wieder Ma’am: „Nein, natürlich reden wir nicht über das Gesche…. Ähm.“ Solano dreht sich zur Wand und flüstert: „Geschehen…. Ja, bevor die Eltern… Ja natürlich. Die Kinder haben gefrühstückt… Sind bereit, ich meine abholbereit. Gut ok! Vielen Dank Ma’am Papillio.“ Wieder die unterwürfige unbewusste leichte Verbeugung nach vorn.

Grinsend fixiert sie die Gruppe und geht dabei langsam zum Fenster: „Gut Kinder, Inspektor Ma’am Papillio möchte nun mit Euch reden. Alleine!“ Sie bedenkt dabei Silvia mit dem gleichen scharfen Blick, mit dem sie zuvor Aboy bedacht hatte.
Silvia begreift den Wink mit dem Zaunpfahl. Schweiß steht ihr plötzlich auf der Stirn. Sie schaut hektisch auf ihre Armbanduhr und ruft spitz: „Oh mein Gott, schon so spät. Ich muss los! Werde doch auf unserer Farm gebraucht. Futter bestellen, Tierfütterung… sauber… machen… und…so… Alles… Viel Arbeit.“ Ihre letzten Worte sind wirr und abgehackt, einzeln ausgesprochen. Sie rauft sich die Haare, rafft mit nervösen Bewegungen ihre Handtasche zusammen und erhebt sich schnell, drückt kurz den verdutzten Sam, tätschelt mütterlich Dans Kindskopf, nickt den anderen Jungs aufmunternd zu, verabschiedet sich schnell von denen und dann emotionslos von Ma’am und verlässt schnellen Schrittes das Büro.
Im Flur fällt ihr ein Stein vom Herzen, der unangenehmen Situation entkommen zu sein.

Ma’am grinst: „So, und Ihr sagt schön die Wahrheit, Kinder. Die Polizei möchte die Wahrheit hören. Je schneller ‚wir‘ die Wahrheit erfahren, desto schneller dürft ihr heim. Ist doch ganz einfach, oder?“
Die Jungs nicken ängstlich und lupfen – kaum sichtbar – die schwarzen, fein gezeichneten Augenbrauen.

In dem Moment hält ein schwerer Toyota Pick-up der ‚Philippine National Police‘ auf dem Hof.
Ein schwerbewaffneter Polizist in Kampfuniform mit gekreuzten Patronengürteln über der schusssicheren Weste springt ab. Er schnippt angeekelt die Kippe in eine schmutzige Pfütze, bläst den blauen Rauch in die schwüle Luft und schultert das Maschinengewehr.

„Das Taxi ist da, Kinder. Wir wollen die Wahrheit hören. Dann geht es schnell nach Hause!“
Sie singt ihre Worte in einer piepsigen Vogelstimme und lächelt dabei milde.

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