2.18. Zurück im Kerker [OFFEN]

(Fortsetzung von Kapitel 2.16.)

Zurück in der schrecklichen Zelle, liege ich auf der versifften Pappe. Es riecht nach Urin, Schweiß, Erbrochenem, Fäulnis und Verwesung. Die schwülwarme Luft steht. Da ist überhaupt keine Zirkulation zwischen Zellentür und dem Fensterspalt, der sich unter der rußschwarzen Decke befindet. Durch den schmalen Spalt fällt nur wenig Licht. Dennoch ist es hell genug, um den furchtbaren Müllberg an der Wand gegenüber sichtbar zu machen.

Meine Gedanken drehen sich um die letzten Stunden: ‚Also Franco kommt! Das ist die gute Nachricht. Die Eltern der Kinder kommen wohl auch. Nein! Die werden ganz bestimmt kommen. Es dreht sich um ihre Kinder! Wie die Eltern wohl reagieren werden? Alvin sprach von Highblood. Sind sie verärgert oder etwa richtig wütend? Auf mich? Auf die Polizei?‘

‚Verdammt, ich bin es gewesen, der die Jungen hierher und alle in diese schreckliche Situation gebracht hat‘, rumort es in mir.

Und ich kenne die Eltern dann doch auch zu wenig, um deren Reaktionen einschätzen zu können.

Frustration und Müdigkeit setzen ein. Der linke Handrücken pocht leicht. Das Pflaster hat sich vom Schweiß gelöst. Mein T-Shirt ist klamm und riecht schlecht. Es ist mit weißen Salzrändern überzogen. Es wurde ja auch schon ein paarmal durchgeschwitzt.

‚Hoffentlich denkt Franco an Ersatzwäsche‘, sinniere ich, bin zu klaren Gedanken aber kaum noch fähig, weil der fehlende Schlaf in den Knochen, im Körper, im Kopf steckt.

Francos schneller Stimmungswandel kommt mir in den Sinn. Vom bitterlichen Weinen zum freudigen Tatendrang. So, als würde ein Schalter umgelegt. Francos Weinen, lässt mich an seinen Vater denken, denn dessen Weinen, hat sich genauso angehört.

„Wie lange ist das her?“, frage ich mich leise, „Neun, zehn Jahre?“

Damals hat Francos Vater in Deutschland angerufen. Sein Sohn Franco habe zum zweiten Mal Denguefieber. Das Kind blute bereits aus allen Körperöffnungen. Blute also auch innerlich. Er (Francos Vater) habe kein Geld für Blutkonserven. Ohne Infusionen wären die Überlebenschancen des Kindes sehr gering. Wir beide haben am Telefon geheult. Es sind dann etwa 400 Euro gewesen, die Franco das Leben gerettet haben. Später, als ich zurück im Dorf gewesen bin, hat Francos Vater mich gefragt, ob ich die Schulausbildung übernehmen möchte. Für mich ein kleiner Betrag, für das Kind die Zukunft.

Nun sitze ich auf der Bettkante und fahre mir durch das verschwitzte Haar: ‚Da waren diese Zweifel damals: Helfen oder nicht helfen?‘

„Verdammt“, sage ich leise, „hatte ich eine Wahl? Hätte ich dann noch in den Spiegel schauen können, wenn ich nicht geholfen hätte, wenn das Kind an Denguefieber verstorben wäre? Hätte ich dann noch in das Dorf reisen können und dann noch meinen besten Freund – Francos Vater – in die Augen blicken können? Wie? Und dann ist das Helfen ja auch ein gutes Gefühl. Und Franco studiert heute. Es ist also eine Erfolgsgeschichte.“

Francos Vater fehlt!

Es sind die Schattenseiten des Landes. Für mich ist es ein perfektes Urlaubsparadies. Für den größten Teil der Bevölkerung ist es ein sehr oft brutaler Überlebenskampf.

Erschöpft lege ich mich wieder auf das ächzende, wackelige Etagenbett.

Francos Vater ist mein bester Freund im Dorf gewesen. Ich versenke mich in unfruchtbare Gedanken: ‚Warum ist er nur so früh verstorben? Francos Vater wäre jetzt der Richtige. Der hätte das Standing. Der hat so gut wie jeden gekannt. Der wüsste, was zu tun wäre. Der würde das Problem auf philippinische Art und Weise klären. Aber er ist nicht mehr da. Er kann nicht helfen.‘

Sinnlose Gedanken.

Schwerfällig drehe ich mich auf den Rücken. Trotz der widrigen Verhältnisse übermannt mich die Müdigkeit. An der Unterseite des Bettes über mir ist ein wahrer Teppich von Spinnweben. Hunderte eingesponnene und ausgesaugte Insektenkörper. Es ist aber keine einzige Spinne zu sehen. Ich fühle mich wie die Insekten. Gefangen in einem Netz. Je mehr ich mich bewege, desto mehr verheddere ich mich, desto mehr wird mir die Luft abgedreht. So wie die Spinnen, sind auch die Gegner nicht auszumachen.

Diese Frage beschäftigt mich plötzlich, zum Teppich aus Spinnweben flüstere ich: „Wer ist mein Gegner?“

Kernfragen bilden sich, trotz der Müdigkeit heraus: „Woher wussten die, dass wir im Hotel übernachten? Wer hat die Polizei alarmiert?“

‚Diese Fragen müssen gestellt werden!‘ Mit diesen Gedanken schließe ich die Augen und falle in einen unruhigen Schlaf.

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