2.18. In der Gruft

Fortsetzung von Kapitel 2.16.)

Zurück in der schrecklichen Zelle liegst du auf versiffter Pappe. Es stinkt nach Urin, Schweiß, Kotze, Fäulnis und Verwesung. Alles ist feucht. Die schwülwarme Luft steht. Keine Zirkulation zwischen Zellentür und Zellenfenster. Das befindet sich unter der rußschwarzen Decke. Zellentür und -decke bestehen aus grob verschweißtem, rostigem Baustahl. Durch das schmale Fenster fällt trübes Licht und beleuchtet schwach den furchtbaren Müllberg an der Wand gegenüber.

„Also Franco kommt!“, das ist die gute Nachricht.
„Die Eltern der Kinder kommen wohl auch? Wie die reagieren werden? Alvin sprach von Highblood. Sind sie verärgert? Oder richtig wütend? Auf dich? Auf die Polizei?“, dass Denken fällt schwer.
„Verdammt, du bist es gewesen, der die Jungs hierher und alle in diese schreckliche Situation gebracht hat“, rumort es in dir.
Und du kennst die Eltern dann doch auch zu wenig, um deren Reaktionen einschätzen zu können. Frustration und Müdigkeit setzen ein.

Der linke Handrücken pocht leicht. Das Pflaster löst sich vom Schweiß. Dein T-Shirt ist klamm und riecht schlecht. Es ist mit weißen Salzrändern überzogen. Es wurde ja auch schon ein paarmal durchgeschwitzt. „Hoffentlich denkt Franco an Ersatzwäsche“, sinnierst du, bist zu klaren Gedanken aber kaum fähig. Der fehlende Schlaf steckt dir in den Knochen, im Körper, im Kopf.

Francos schneller Stimmungswandel kommt dir in den Sinn. Vom bitterlichen Weinen zum freudigen Tatendrang. So, als würde ein Schalter umgelegt.
Das Weinen erinnert dich an seinen Vater. „Wie lange ist das her?“, fragst du dich, „zehn, elf Jahre?“ Damals rief Francos Vater in Deutschland an. Franco habe zum zweiten Mal Denguefieber. Das Kind blute bereits aus allen Körperöffnungen. Also auch innerlich. Er habe kein Geld für Blutkonserven. Ohne Infusionen hätte das Kind keine Chance. Ihr habt beide am Telefon geheult. Es waren etwa 400 Euro, die Franco das Leben retteten. Später – du zurück im Dorf – fragte Francos Vater, ob du die Schulausbildung übernehmen möchtest. Für dich ein kleiner Betrag, für das Kind die Zukunft.

Franco Senior war dein bester Freund im Dorf. Warum ist er nur so früh verstorben? Francos Vater wäre jetzt der Richtige. Der hätte das Standing. Der kannte so gut wie jeden. Der wüsste, was zu tun wäre. Der würde das Problem auf philippinische Weise klären. Aber er ist nicht mehr da. Kann nicht helfen. Sinnlose Gedanken.

Schwerfällig drehst du dich auf den Rücken. Trotz widriger Verhältnisse übermannt dich die Müdigkeit. An der Unterseite des Bettes über dir unzählige Spinnweben. Ein wahrer Teppich von Spinnweben. Hunderte eingesponnene Insektenkörper, aber keine einzige Spinne zu sehen. Du fühlst dich wie die Insekten. Gefangen in einem (unsichtbaren) Netz. Je mehr du dich bewegst, desto mehr verhedderst du dich, desto mehr wird dir die Luft abgedreht. So wie die Spinnen, sind auch deine Gegner nicht auszumachen.
Diese Frage beschäftigt dich plötzlich: „Wer ist dein Gegner?“
Und es fallen dir Kernfragen ein: „Woher wussten die, dass ihr im Hotel übernachtet? Wer hat die Polizei gerufen?“
Es gibt keine Antworten!
„Diese Fragen müssen gestellt werden!“ Mit diesen Gedanken schließt du die Augen und fällst in einen unruhigen Schlaf.

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