2.17. Fünf plus drei Kinder

(Fortsetzung Kapitel 2.07.)

Traurig und mit hängenden Schultern trottet Sam hinter den vier Freunden her. Das Basketballspielen ist ihnen gehörig vergangen. Ihre Spielkameraden, die drei Straßenjungen Dodung, Bernie und Necko wurden ja auch sehr unsanft von Ma’am Solano und Ma’am Burque ins Gebäude befördert.
‚Warum brüllt Dodung auch so rum?‘, denkt Sam, ‚Der ist doch selber schuld, wenn die Reporter und Solano sauer werden.‘
Dan und Aboy gehen voraus, schubsen sich, albern herum und lachen.
Phil will vom Sam wissen: „Was hat die Lady mit dem Mikrofon gefragt?“
„Das heißt Reporterin“, entgegnet Sam altklug.
„Ja, Reporterin, das weiß ich doch. Aber was wollte die wissen?“, bohrt Phil und legt beim Schlendern freundschaftlich seinen Arm um Jans Hals.
„Die wollte was übers Duschen wissen?“
„Übers Duschen?“, wundert sich Jan.
Phil ergänzt: „Aber was soll denn daran so interessant sein?“
„Weiß ich doch nicht?“ Sam ist genervt. Er wundert sich immer noch über die Reporterin und Solano. Erst sind die so freundlich und dann plötzlich wie ausgewechselt.
Er grübelt: ‚Hat er etwas Falsches auf die Fragen der Reporterin geantwortet? Warum war plötzlich Schluss mit dem Interview? Die sind komisch‘, schließt er seine Gedanken über die letzten zwanzig Minuten ab.
Die Gruppe betritt soeben das hässliche Gebäude.
„Die sind alle merkwürdig hier!“, unterbricht Sam das Schweigen. Seine helle Stimme hallt im trostlosen Treppenhaus: „Ich will hier nicht länger bleiben. Ich will nach Hause!“
Die vier Freunde nicken und heben schnell die Augenbrauen als Zeichen der Zustimmung. Die Gedanken an Zuhause tötet die aufkeimende Fröhlichkeit. Mit traurigen Gesichtern und schweren Beinen steigen die fünf die steile Treppe empor.

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Im Spiel- und Schlafraum werden sie schon sehnsüchtig von den drei Straßenjungen und Rugbyboys Dodung, Necko und Bernie erwartet. Müde setzen sich die fünf Freunde auf ihre Betten. Die letzte – sehr kurze Nacht – steckt ihnen in den Knochen. Dan kuschelt sich an seinen älteren Bruder Jan.
Der lange, spindeldürre Dodung redet sofort auf die fünf Freunde ein: „Na, das war ja ’ne Granate! Ihr Glückspilze! Der würde ich auch jederzeit ein Interview geben.“
Der kleinste Rugbyboy hänselt frech Dodung: „Mit uns Klebstoffjungs wollen die nicht quatschen. Straßenkinder sind denen egal. Wir sind hässlich. Mit uns will niemand was zu tun haben! Erst recht Du, Dodung! Du bist denen erst recht egal. Haste das nicht kapiert?“
„Halt die Klappe, Necko, sonst gibt’s ’ne Kopfnuss. Willste eine? He?“ Dodung deutet eine Kopfnuss an.
Necko macht – einem Äffchen gleich – mit beiden Händen ein schützendes Dach über seinen Kopf und schreit schon, obwohl noch gar nichts passiert ist: „Aua.“
Bernie, der dritte Rugbyboy lacht laut: „Ihr Fünf seit TV-Stars!“
Necko beginnt zu singen und zu tanzen:

Hey ya – Tiebie-Star;
Hey ya – Tiebie-Star;
Hey ya – Tiebie-Star;

Er singt und tanzt – wie ein Indianer um das Lagerfeuer – immer um seine beiden verdutzten Freunde herum.
Auch die Fünf aus dem Dorf, Sam, Aboy, Phil und Jan und Jans jüngerer Bruder Dan, schauen mit verdutzten Gesichtern dem Treiben zu. Aboy beginnt zu lachen und fängt an, im Takt zu Neckos Gesinge zu klatschen. Die vier anderen Freunde strecken sich auf den Betten und gähnen gemütlich.
Schnell wird es Dodung zu bunt: „Schluss jetzt, Necko“, brüllt er und versucht den tanzenden Knirps zu fangen.
Der ist schneller, flüchtet hinter die rote Kinderbank und zeigt Dodung eine lange Nase. Dodung verliert aber sofort das Interesse an Necko.
Er fragt Sam: „Warum ist die Süße so schnell weg? Die hatte es plötzlich so eilig? Hast Du ihr Deine Cellphonenummer gegeben? (Er lacht laut). Außerdem ist sie eine Lügnerin. Die hat doch gesagt, gleich seid Ihr dran. Also ich nach Euch.“
Necko versucht unterdessen Dodung weiter mit langen Nasen aufzuziehen, der aber beachtet das nicht.
Bernie steht weiter neben Dodung: „Die ist doch wie alle Erwachsenen. Die lügen doch alle. Erst was versprechen und dann nicht dran halten.“
Dodung nickt zustimmend: „Was wollten die eigentlich von Euch wissen?“
Aboy gähnt: „Alle wollen das Gleiche wissen. Wer Tommy ist? Ob der unser Freund ist? Was wir gestern so gemacht haben hier? Warum wir überhaupt herkamen? Ob wir im Hotel geduscht hätten?“
„Im Hotel geduscht?“, wiederholt Dodung.
„Mann, was ist denn daran so interessant? Ob wir im Hotel duschen?“, regt sich Sam auf.
„Komm runter Sam“, versucht Jan seinen Freund zu beruhigen.
Sam aber ist ärgerlich: „Mann, was die alles wissen wollen? Sind die alle verrückt hier? Tommy ist ein guter Mann. Der ist unser Freund. Die Solano hat doch zwei Gesichter. Erst scheißfreundlich und dann wie eine Hexe. Ich will nach Hause.“
Auch Aboy ruft laut: „Die haben einen Knall hier. Warum wollen die das alles wissen? Ist doch egal, ob wir duschen oder nicht. Und die Duschen waren klasse. Die Strahlen wie Wellen. Wie das Meer. (Er macht mit den Händen Wellenbewegungen). Und die Dusche war so schön warm. Zu Hause haben wir sowas nicht.“
Phil lacht: „Zuhause hat keiner von uns eine Dusche im Haus. Das Meer und der Fluss sind unsere Duschen.“ Nun lachen alle acht Jungs laut.
Dodung stimmt zu: „Wir auch, wir auch, waschen im Meer und im Fluss.“
Jan wird wieder ernst: „Warum haben die Tommy und uns verhaftet?“
Jans sonst eher schweigsamer Bruder sagt traurig: „Der hat doch gar nichts getan und wir auch nicht.“
„Ihr seid nicht verhaftet“, erklärt Dodung, „alle Kinder ohne Eltern kommen ins BSWD.“
„Aber wir haben alle Eltern!“, protestiert Aboy.
Sam stimmt zu: „Wir haben Mama und Papa und meine Schwester ist schon auf dem Weg und holt uns ab!“
„Ha“, unterbricht Dodung Sam, „wen das BSWD erst einmal hat, den gibt es so schnell nicht wieder her!“
Sam ist nicht zu stoppen: „Die rettet uns. Und mein Vater sowieso. Der kennt sie alle in Sendong City. Alle wichtigen Leute. Wirst schon sehen!“
Phil wirft ein: „Der Aboy, der hat nur einen Vater.“
„Na und! Ich habe eine Ma. Die lebt nur ein paar Häuser weiter“, kontert Aboy.
„Mann, das ist doch egal jetzt“, unterstützt Jan. Aboy beruhigt sich sofort. Er ist zu müde, um zu streiten.
„Jedenfalls seid Ihr wichtig.“ Dodung sitzt jetzt mit seinen beiden Leidensgenossen mit verschränkten Beinen vor den Betten der fünf Neuankömmlinge. Dodung hat ein dickes Kissen im Schoß und klopft manchmal darauf herum: „So lange wie wir hier sind, gab es noch nie ‚Beef Loaf‘ mit Ei und Juice zum Frühstück.
„Ja“, stimmt Bernie zu, „die sind plötzlich alle wie ausgewechselt. Wir haben immer nur getrockneten Tamban zum Frühstück gegessen. Ich kann den Schweinefraß nicht mehr sehen.“
„Solano hat zwei Gesichter, diese alte Hexe“, Sam schüttelt so heftig den Kopf, dass seine glatten Haare waagrecht umherfliegen.
„Zwei Gesichter“, murmelt Dodung nachdenklich.
„Ihr kommt aus Sendong City?“, fragt er nach einer kurzen Gedankenpause.
„Ja“, kommt von den Fünf und kurzes Nicken und das schnelle Hochziehen der Augenbrauen.
Dodung ist sichtlich um Worte bemüht, er räuspert sich und sagt vorsichtig: „Vielleicht hat Eurer Freund, der Tommy, ja auch zwei Gesichter?“
„Was sagst Du da?“, ruft Jan aufgebracht.
„Du spinnst wohl!“, ergänzt Sam ebenfalls aufgeregt. Auch Phil, Aboy und Dan werden ärgerlich, ihre Gesichter verfinstern sich. Sie fixieren Dodung feindlich.
„Jetzt kommt mal runter, Leute“, versucht Dodung zu beschwichtigen.
„Runter Leute“, wiederholt Bernie.
Dodung erzählt. „Viele Kinder leben auf der Straße.“
„In der Gosse“, fällt Bernie Dodung ins Wort.
„Sei doch mal still, Bernie! Wenn Erwachsene sich unterhalten, müssen Kleinkinder die Klappe halten. Wo ist Deine Erziehung?“
Bernie spielt beleidigt: „Erziehung? Kenn ich nicht. Mama und Papa kenn ich auch nicht. Keiner will mich.“ Nun heult er fast, behält sich aber unter Kontrolle.
Dodung erzählt weiter: „Wenn Ihr dort lebt, wo wir leben, könnt Ihr ’ne Menge erleben, sag ich Euch!“
„‚Ne Menge erleben“, wiederholt Bernie.
Der kleinste Rugbyboy Necko sitzt mit tieftraurigem Gesicht neben Dodung und schweigt.
‚So wie der aussieht, weint der gleich‘, denkt Jan. Er möchte Necko am liebsten trösten, hat aber gerade genug mit seinem Bruder Dan und auch mit sich selber zu tun.
„Fast alle Erwachsenen sind ja okay“, beginnt Dodung. „Gerade im Markt, da lassen sie uns den Müll kehren oder stecken uns was zum Essen zu.“
Necko hat seine Traurigkeit überwunden: „Oder mal fünf Piso.“
„Aber einige sind auch echt übel!“, fährt Dodung fort.
„Die scheiß Bullen zum Beispiel“, zischt wütend Bernie und zeigt auf einen großflächigen ehemals blauen und jetzt gelben Fleck am rechten Oberschenkel. Er fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Mein Andenken an die letzte Wiedersehensfeier mit den Bullen.“
Beim Anblick des blaugelben Flecks erschrecken die Fünf aus dem Dorf.
Dodung wirkt nachdenklich: „Und da gibt es die Bayot. Diese Typen, die einem an die Wäsche wollen.“
„Die meisten Schwulen sind doch okay!“, wirft Bernie ein.
„Das stimmt und nett und helfen uns und wollen nichts von unserer Wäsche!“, erzählt Necko mit ernstem Gesicht.
Die Jungen lachen.
Necko fühlt sich nicht ernst genommen: „Was?“, fragt er mit beleidigter Miene.
„Uns an die Wäsche, heißt das“, korrigiert Dodung Necko.
„Hab ich doch gesagt!“, erwidert Necko und grinst nun.
Dodung kommt wieder zum Thema: „Und was ist, wenn Tommy Euch verkaufen wollte? Oder Euch an die Wäsche? Mich hat mal so ein Typ angequatscht. Er habe ’nen Job auf der Hühnerfarm für mich. Der holte die Kamera raus. Sagte, er müsse ein paar Fotos für den Boss der Farm machen. Ich wäre aber zu dreckig. Soll mitkommen. ‚Ne Dusche nehmen. Dann bin ich schnell weg.“
„Ha, gelogen Dodung“, lacht Bernie, „du bist doch so hässlich, wer will Dir schon an die dreckige Wäsche?“
Dodung täuscht eine Kopfnuss an. Er lacht: Nein, das ist nicht gelogen und so ’ne Typen gibt es.“
„Du bist bescheuert, Mann! Tommy ist nicht so einer“, ruft Aboy wütend.
„Rede nicht so ein Quatsch“, stimmt Sam zu.
Jan ergänzt: „Tommy ist nett. Der unterstützt uns in der Schule!“
Phil wiederholt: „nett und unterstützt uns in der Schule.“
„Ja, ja. Ist ja schon gut. Aber so ’ne Typen gibt es, habe ich selber erlebt“, wehrt Dodung ab.
„Gibt es“, wiederholt Bernie.
Dodung ist bemüht das Thema zu wechseln: „Oh Mann, ich bräuchte jetzt aber Eine.“ Er hat plötzlich ein Feuerzeug in der Hand und lässt es unaufhörlich aufflammen. „Hat wer ’ne Kippe?“, fragt er in die Runde.
Aboy lacht laut: „Sorry, aber wir rauchen nicht. Ähm, gerade nicht.“
„Dachte ich doch“, antwortet Dodung gelangweilt. „Wenn Eure Leute kommen, könnt Ihr doch fragen?“
„Meinst Du, ich will mir ’ne Ohrfeige von meinem Alten einfangen?“, lacht Sam laut.
„Also, ich könnte jetzt auch ‚Eine‘ gebrauchen“, sagt Aboy trocken.
Plötzlich geht die Türe auf. Sofort ist Dodungs Hand mit Feuerzeug hinter seinem Rücken. Ma’am Burque steckt die Nase durch den Türspalt. Das Feuerzeug hat sie nicht bemerkt: „Ihr Fünf, Ihr habt Besuch. Ma’am Solano redet noch mit dem Besuch. In zehn Minuten sollt Ihr bei Ma’am sein. Also wascht Euch Hände und Gesicht.“ Die Tür schlägt zu und schon ist Ma’am Burque wieder fort.
„Und vergesst den Arsch nicht“, kommentiert lachend Bernie, Ma’am Burques Ansprache.
Necko springt auf und beginnt erneut seinen Indianertanz und singt dazu:

Wisch, wisch, wisch,
Hände, Arsch und Gesicht.

Und das wiederholt er immerzu.
Die sieben lachen lauthals.

Nach kurzer Zeit erhebt sich ungeduldig Sam.
Aboy und Phil werden ebenfalls unruhig.
Sam ruft: „Das ist bestimmt Silvia. Jetzt können wir heim!“ Er strahlt über das ganze Gesicht.
Dodung schüttelt den Kopf: „Wir werden sehen.“

Die Neugier treibt die fünf Jungen an und zuerst ins Bad und dann vor Ma’am Solanos Büro. Dort warten sie auf Einlass. Dodung schaut vorsichtig um die Flurecke und imitiert das genüssliche Rauchen einer Zigarette. Die fünf Freunde schütteln genervt die Köpfe und geben lautlos Zeichen: Hau ab!

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