2.16. Von einer Sekunde zur anderen ist alles anders

(Fortsetzung Kapitel 2.14.)

Du hast schnell einige SMS gesendet. An Sabine und an die Familie in Deutschland. Immer den gleichen kurzen Text (Die Anzahl der Zeichen ist stark limitiert): „Bin in Polizei. Keine Sorge, Missverständnis! Ruft zwischen 9 u 10 Eurer Zeit an. Gr. Tom“ Das Substantiv „Verhaftung“ lässt du ganz bewusst weg.
Freunde und Arbeitskollegen willst du erst einmal nicht mit dem „Missgeschick“ belästigen. Außerdem ist es Samstagnacht oder Sonntagfrüh (je nachdem wie man es sieht) in Deutschland. „Die meisten schlafen oder sind noch unterwegs. Hier auf den Philippinen ist es neun Uhr fünfzehn durch. Sieben Stunden zurückgerechnet, also in Deutschland etwa zwei Uhr fünfzehn nachts“, rechnest du gedanklich.

„Eltern und nahe Verwandte sind nicht erlaubt“, hallen dir Ma’am Papillios Worte – wie ein Echo – in den Ohren nach. Das macht eine Auswahl sehr schwer. „Wem sollst du eine SMS senden?“, überlegst du fieberhaft. Du bist im Stress, weißt nicht, wie lange du das Handy nutzen darfst. So gut wie alle im Telefonbuch deines Samsung B2100 Cellphone haben mit den fünf Kindern ein verwandtschaftliches Verhältnis. „Das ist eine große Familie“, wird dir schlagartig klar, jetzt wo du darüber nachdenkst.

Ma’am Papillio ist aus dem Raum. Ma’am Tolisan arbeitet konzentriert am Computer. Ihr Blick ist auf den Screen gerichtet. Ab und an starrt sie auf die gelben etwa A4-großen Notizblätter, die sie beim Verhör beschrieb. Danach blickt sie immer mal wieder kurz prüfend zu dir.
„Das sind einige Blätter?“, stellst du verwundert fest. Du hättest schwören können, es sei nur ein Blatt gewesen.
„Wem aus dem Dorf kannst du eine SMS senden?“, fragst du dich erneut. Die Textnachrichten nach Deutschland haben fast das gesamte Guthaben aufgebraucht. Jetzt reicht das Guthaben nicht mehr aus, um eine „Promo“ zu buchen. Die günstigste Promo schlägt mit 30 Piso zu Buche. Du hast aber nur noch 19 Piso. Und diese Promo würde auch nur „unlimited SMS“ innerhalb der Philippinen beinhalten und keinesfalls Ausland. „Egal“, denkst du, „das Guthaben reicht eh nicht für eine Promo und an Anrufen ist bei diesem Guthabenstand auch nicht zu denken.“
Du sendest eine SMS an Souwella, an den Kagawad und an den Deutschen. Von dem hast du ab und zu das Haus am Stand gemietet, sofern es vakant war. Dann noch schnell eine an Richard Taslig. Letzterer ist zwar Aboys Onkel, aber wer weiß das hier schon?“, Du schaust dich beim Senden dieser SMS – wie ein Dieb vor der Tat – verstohlen um. An die drei sendest du immer den gleichen Text (Inland-SMS lassen mehr Zeichen zu): „Bin in Polizeistation in Tagulm City. Missverständnis. Hoffe heute oder morgen rauszukommen. Kinder in BSWD. Alle ok! Keine Sorge!“ Anschließend bist du mit dem Löschen des Ordners „Gesendet“ beschäftigt. „Die netten, aber von Natur aus neugierigen Polizisten müssen nicht alles wissen.“, denkst du beim Anblick von Police Inspector 1 Ma’am Tolisan.

Du bist soeben dabei die letzte und etwas ausführlichere SMS an Franco zu tippen, da klingelt das Cellphone. Vor Schreck gleitet es dir aus der Hand. Vor dem Aufprall kannst du es fangen. Ma’am Tolisan zuckt nervös bei deinen hektischen Bewegungen und schaut dann vorwurfsvoll wegen deiner ungewollten Jongliereinlage. Du machst ein unschuldiges Gesicht und denkst, „nur keine Aufmerksamkeit erregen. Sonst wirft die dich gleich raus.“
Es ist Franco.
„Der Cousin ersten Grades von Aboy“, denkst du und wägst ab, „Anruf annehmen oder wegdrücken?“ Dein Entschluss steht binnen Sekundenbruchteile: „Egal, weiß ja keiner hier.“
Ma’am Tolisan blickt neugierig. Das ignorierst du.
„Hallo Franco?“
„Tom, Tommy?“, stammelt es aus dem Lautsprecher, „danke Gott, Du kannst telefonieren. Bist Du schon entlassen?“ Was ist denn los Tommy? Warum verhaftet?“
Du bremst Francos Redefluss: „Nein, ich bin noch in der Polizeistation. Wurde gerade verhört. Darf kurz das Cellphone benutzen. Familie informieren, SMS schreiben.“
„Warum schreibst Du mir nicht?“, fragt Franco mit vorwurfsvollem Unterton.
„War gerade dabei Franco. Wollte gerade ‚Senden‘ drücken.“, deine schnelle Rechtfertigung.
Ma’am Tolisan schaut immer noch neugierig.
Du sagst schnell in ihre Richtung: „Es ist ein Freund, Ma’am“ und kommst damit Ma’ams Frage zuvor. Die scheint mit der Information zufrieden zu sein und widmet sich wieder ihrer Computerarbeit. Sie hat nun einen gelangweilten Gesichtsausdruck. Den Screen kannst du nicht sehen. „Wahrscheinlich surft sie im Internet.“, denkst du gehässig und lächelst ihr milde zu.
„Tommy? Hallo. Wie, warum verhaftet? Was ist denn geschehen Tommy?“, stammelt Franco. Im Hintergrund hörst du spielende Kleinkinder. Ein Hahn kräht. Dann eine zweite Stimmen: „Hallo Tommy, wie geht’s? Wie geht’s den Jungs? Die haben hier alle Highbood! Tommy warum….“
„Alvin, halt doch mal den Mund. Ich kann nichts verstehen.“, bringt Franco Alvin zum Schweigen.
Dich fragt Franco schluchzend: „Tommy, aber warum verhaftet? Du und die Jungs verhaftet?“ Franco ist den Tränen nahe.
Die zweite Stimme (Alvin) nervt weiter: „Tommy, was ist mit Deiner Hand. Du hast geblutet. Hat man Dich gefoltert? Diese Schweine!“
Franco schluchzt ungehemmt: „Halt die Klappe Alvin, ich verstehe kein Wort.“
Und an dich gerichtet: „Blut? Tommy, bist Du verletzt?“, Franco heult jetzt wie ein Fünfjähriger. Du verstehst ihn kaum noch.
„Franco, jetzt beruhige Dich. Ich bin okay. Nur ein kleiner Ritz.“
Franco heult Rotz und Wasser. Das erschrickt und verunsichert dich zutiefst. Der 21-jährige Kerl heult wie ein Kleinkind. Dir wird schlagartig klar, dass diese Geschichte alle betreffen wird. Und welche dramatischen Reaktionen folgen können. Und noch eine grauenvolle Tatsache drängt sich in dein Gehirn:

„Von einer Sekunde zur anderen ist alles anders.“

So wird es auch deiner Familie ergehen. Die von dir emotionslos getippten SMS an deine Lieben sind Sprengstoff. Sie werden Leben verändern.
„Oh Gott“, denkst du, „die arme Sabine, deine Eltern, die Geschwister. Wie werden die mit der Story umgehen?“
Dir ist plötzlich extrem heiß. Du schwitzt stark. Dein Puls beschleunigt ins Ungesunde. Es pocht in den Schläfen. Du zitterst und wischst dir den Schweiß von der Stirn. Beim Wischen mit dem linken Handrücken verrutscht das Pflaster.
Die Wunde beginnt zu brennen.
„Scheiße“, zischst du und schüttelst die Hand. Ma’am Tolisan schaut wieder erschrocken. Danach blickt sie schnell auf ihre kleine Armbanduhr und dann wieder zu dir. Sie bemerkt sicherlich deinen rotglühenden Kopf. Du grinst gequält. Sie tippt weiter gelangweilt auf der Tastatur herum. „Wahrscheinlich ist sie nur noch wegen dir hier.“, sinnierst du kurz und fühlst dich schuldig. Dein T-Shirt ist auf dem Rücken bereits durchgeschwitzt. Du rutschst nervös auf dem Plastikstuhl hin und her. Der knarzt extrem unangenehm laut in der Stille des Büros.
„Franco, beruhige Dich doch! „, versuchst du den Freund und Ziehsohn zu beruhigen. Das Trösten fällt dir aber gerade selber schwer, bist du doch auch nahe den Tränen und hast einen dicken Kloß im Hals.
Im Hintergrund kichert Alvin. Franco schluchzt nur noch, hat sich scheinbar wieder im Griff. Eine Frau redet etwas, Alvin schimpft, ein Kleinkind beginnt zu flennen, als habe man ihm das Spielzeug entwendet.
„Oh Mann“, denkst du, „die Situation, diese blöde Story läuft völlig aus dem Ruder.“ Ma’am Tolisan schaut vorwurfsvoll zur Armbanduhr und dann zu dir.
„Franco“, sprichst du gehetzt, „ich muss Schluss machen.“
Franco ist wie ausgewechselt. Fast fröhlich verkündet er voller Tatendrang: „Ich komme Tommy! Mach Dir keine Sorgen, wir lösen das Problem schon. Wir schaffen das!“ Alvin ruft, um den weinenden Sohn zu übertönen laut: „Die anderen kommen auch. Hat mein Pa Ernesto beschlossen. Na, der hat ’nen Highbood, sage ich Euch. Der wird die alle rund machen. So richtig rund!“
„Sei doch mal still, Alvin, ich kann nix verstehen“, brüllt nun Franco mit fester Stimme. Seine Verzweiflung ist wie weggeblasen. Das wundert dich etwas. „Aber gut“, sinnierst du, „nichts kann besser sein, als dass deine Freunde und die Eltern der Jungs dich besuchen und dir – hoffentlich – Unterstützung geben.“

Der Computer spielt die Abschiedsmelodie von Windows XP. Ma’am Tolisan steht demonstrativ auf und schaltet mit einem Räuspern den Computer aus.
„Franco, ich muss Schluss machen“, sprichst du schnell in das Samsung Cellphone.
„Das ist gut. Ähm, ich meine gut, weil meine Promo auch jede Sekunde endet“, stottert Franco.
Mit fester Stimme sagt er nochmal: „Tommy, wir schaffen das“, und fügt hinzu, „ich borge mir das Fahrgeld, ich brauche es aber zurück.“
„Klar doch, Franco“, kannst du gerade noch sagen, dann ist das Gespräch beendet.
Dein T-Shirt ist zum x-ten Mal durch geschwitzt. Langsam wird es unangenehm auf der Haut und es müffelt merkwürdig. Sicherlich auch nach der ekelhaften Zelle.
„Ma’am“, redest du hastig auf Tolisan ein, „eine kurze SMS bitte!“
Diese nickt nur leicht, lüftet ganz kurz die Augenbrauen und beginnt, Papiere zu ordnen.
„Du hast Ersatzschlüssel. Bring Wechselwäsche und den Reisepass. Der ist im Schrank. Ich bin OK“. Mehr Zeichen lässt das Cellphone nicht zu. Du drückst ‚Senden‘ und erhebst dich. Deine Knie sind weich.
Ma’am Tolisan wirft die Papiere, die sie ordnete, in den Papierkorb.
„Ma’am, könnte ich zwischen 4 pm und 5 pm telefonieren? Da ist es in Deutschland gegen 9 am morgens.“
Ma’am Tolisan schaut dich verständnislos an: „Ja, aber warum denn?“
„Na, wegen der Zeitverschiebung. Um 4 pm Uhr hier ist es in Deutschland 9 am Uhr in der Früh. Meine Familie wird dann anrufen.“
„Ach so“, erwidert Tolisan langsam und verharrt mit leicht geöffnetem Mund, was ihr ein dummes Aussehen verleiht.
„Das ist Fassade. Die hat es faustdick hinter den Ohren. Vor der musst du auf der Hut sein“, schießt es dir durch den Kopf. „Wahrscheinlich hat sie sich noch nie um Zeitverschiebung Gedanken gemacht“, schließt du aus ihrem fragenden Gesicht.
„Da muss ich Ma’am fragen“, beantwortet sie sehr langsam gesprochen deine Frage.

Sie liefert dich beim netten Police Officer 1 Sarang im Büro ab. Der bringt dich zurück in die Alptraumzelle.

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