15.03. Neue Hiobsbotschaften! [OFFEN]

Auf Officer Sarangs Schreibtisch stapeln sich die flachen Akten. Er hat offensichtlich einen Berg von Arbeit, ist bereits vom Essen zurück an den Arbeitsplatz gekehrt und scheint nun in seine Büroarbeit vertieft zu sein. Ich spreche leise, sodass er uns nicht hören kann.

„Vicente, Mik-Mik, hättet Ihr mich angezeigt?“, frage ich unvermittelt.

Vicente verschluckt sich und trinkt schnell ein wenig Cola. Dann antwortet sie: „Nein, niemals, Tommy. Wieso auch? Die Kinder sind immer gerne mit Dir zusammen gewesen. Bevor Du dieses Jahr gekommen bist, waren Phil und die anderen schon ganz aufgeregt: Tommy feiert Weihnachten mit uns!“

Mik-Mik, Vicentes Ehegatte, schüttelt heftig den Kopf und ergänzt: „Tommy, Du bist doch unser Freund. Wir würden Dich niemals anzeigen.“

„Da sehen Sie es, Attorney. Die Eltern hätten mich nicht angezeigt.“

„Wir hätten den Eltern natürlich erklärt, warum die Anzeigen nötig sind.“

„Attorney, bei mir in Deutschland wäre es undenkbar, das Problem auf diese Weise einfach so aus der Welt zu schaffen!“

„Oh, einfach ist das hier bei uns natürlich auch nicht. Besonders, wenn gleich fünf Kinder involviert sind. Aber andererseits ist die Geschichte doch sehr mysteriös und die Beweislage scheinbar dürftig. Jedenfalls ist mir das so durch Hörensagen zu Ohren gekommen. Ich habe übrigens mit dem Head-Off vom BSWD Sendong City darüber gesprochen.“

„Sie können mit dem Head-Off vom BSWD darüber sprechen, Sir?“, wundere ich mich.

„Natürlich unterhalte ich mich mit dem BSWD, Mr. Heger. Sir Pagut, der Head-Off, ist ein guter Freund von mir. Sendong City ist keine große Stadt. Jeder kennt jeden – sozusagen.“

„Dann hätten wir doch einen Fuß in der Türe des BSWDs, Sir, wenn man es so ausdrücken kann.“

„Wir sagen hier auf den Philippinen eher, jemanden am Haken haben. Bei mehr als 7200 Inseln hat ein jeder das Fischen im Blut.“ Der Attorney grinst noch breit, wird aber wieder ernst und beantwortet meine eigentliche Frage: „Derzeit liegt die Verantwortung beim BSWD hier in Tugalm und leider nicht in Sendong City.“

Kagawad Jacub Castro kommt zurück und verspeist die Reste des Hühnchens. Wir sind bereits satt.

„Am Haken haben, wie passend“, scherze ich sarkastisch.

Attorney Tensung blickt zu Vicente und Mik-Mik und schmunzelt: „Wie Ihr um Eure Kinder gekämpft und wie Ihr Tommy verteidigt habt, hat Sir Pagut sehr beeindruckt.“

Mik-Mik schwillt die Brust: „Ja, dem haben wir es aber richtig gegeben!“

Vicente dagegen sagt traurig: „Pagut und Ernesto wollten uns davon überzeugen, mit dem BSWD zusammenzuarbeiten.“

„Gegen Dich, Tommy!“, ergänzt Mik-Mik schnell.

„Davon habt Ihr gar nichts berichtet“, sage ich erstaunt.

„Hat Pagut Anzeigen gegen Tommy erwähnt?“, fragt Attorney Tensung neugierig.

Mik-Mik und Vicente überlegen kurz. Dann antwortet Vicente: „Nein, der hat nur etwas von Zusammenarbeit mit seinem BSWD erzählt und dass das für uns besser wäre.“

„Das stimmt, nur diese Ma’am Solano hier aus dem BSWD Tugalm City forderte uns zu Anzeigen auf“, berichtet Mik-Mik. Er ist nun aufgebracht und führt aus: „Gedroht hat uns dieser Pagut! Er sagte, die Geschichte könne für uns sehr unangenehm werden. Alle fragen sich, sagte Pagut, warum wir unsere Kinder dem Tommy mitgegeben haben. Dann erzählte er uns etwas von einer merkwürdigen Story in Sendong City.“

Tensung wirkt nachdenklich: „Ja, diese Geschichte hat Pagut auch erwähnt. Da ging es um fünf Jungen, um Starkregen, Überflutungen und ums Übernachten, Duschen und Fotos gemeinsam mit Ihnen, Mr. Heger. Das alles soll sich in Ihrem Apartment in Sendong City abgespielt haben.“

„Das ist die Story aus den Nachrichten. Dieses verdammte TV-Team!“, rufe ich aufgebracht und werde wütend: „Das war der gleiche miese Sender, der auch bei meiner Verhaftung dabei war. Dieses schmierige Pack! Ziehen den Jungen unsinnige Geschichten aus den Nasen, die dann von allen möglichen Leuten aufgebauscht werden! Ich habe es so satt!“

„Tommy, kann man hier irgendwo rauchen?“, unterbricht Frank nervös meinen Wutanfall.

Kurzangebunden und verärgert entgegne ich: „Da musst Du Officer Sarang fragen, vielleicht kann der etwas arrangieren.“

Tatsächlich kommt nach einem kurzen Telefonat ein junger Officer ins Büro und sogleich verschwinden Frank, der Kagawad und natürlich Mik-Mik zum Flur hinaus.

Wolfgang unterbricht unterdessen sein Schweigen: „Tommy, Highblood bringt nichts! Rege Dich ab. Das ist deren Business. Deine Story ist nun einmal eine Sensation. Gerade hier in unserer abgelegenen Gegend, wo neben den Motorradunfällen, dem üblichen Mord- und Totschlag und vielleicht noch die eine oder andere Familientragödie nichts weiter Aufregendes passiert.“

„Auf diese Sensation kann ich gerne verzichten, Wolfgang!“

Der lacht und wird zynisch: „Deine Sensation geht auch nur so lange, bis die nächste Sensation über uns hereinbricht.“

Attorney, Vicente und ich lachen mit Wolfgang. Officer Sarang grinst breit und freut sich sichtlich über die nun ausgelassene Stimmung.

Attorney Tensung wird sofort wieder ernst: „Pagut sagte, man überlege, eventuell dieser Geschichte in Sendong City nachzugehen.“

„Nachzugehen?“, wiederhole ich erschrocken. „Was meinen Sie damit, Sir?“

„Befragung der Kinder durch die Polizei. Aber es ist noch nicht klar, ob das tatsächlich stattfinden wird.“

‚Eben noch gute Laune und jetzt schon wieder einen Tiefschlag eingesteckt‘, denke ich und bin frustriert. „Attorney, diese Geschichte muss doch einmal ein Ende haben. Es wird aber von Tag zu Tag alles nur noch schlimmer.“

„Nun warte doch, Tommy. Ich habe die Nachrichten auch im Fernsehen gesehen. Das ist keine Geschichte, um Dir daraus einen Strick zu drehen.“, kommt Wolfgang zum Schluss. Er blickt zu Officer Sarang: „Die Kinder waren bei Dir doch wegen des Regens und Du wolltest die Kinder nur schützen. Das verhält sich wie hier in Tugalm City. Ihr habt nur im Hotel gepennt, weil Du mit den Kindern nicht nachts auf den unsicheren Straßen unterwegs sein wolltest.“ Der Attorney und Vicente nicken.

„Das sind sehr gute Argumente, Mr. Heger, die für Sie sprechen. Ich werde mich erkundigen, wie es in Sendong City weitergeht“, erklärt der Attorney, „und gebe Ihnen dann Bescheid. Ich denke, ich werde Sie in der kommenden Woche im Tugalm City Jail besuchen. Dann weiß ich mehr und wir können das weitere Vorgehen besprechen.“

Inzwischen sind die Raucher zurück und Wolfgang schaut auf seine Armbanduhr: „Tommy, wir müssen langsam los. Frank will unbedingt noch im Motorradshop wichtige Ersatzteile kaufen.“

Frank verzieht das Gesicht: „Wenn ich schon einmal in Tugalm City bin.“

Wolfgang schaut sich um: „Den Platz hätte ich, wollen Deine drei Freunde mit uns zurück nach Sendong City fahren?“

„Meine Frau Vicente fährt gerne mit Euch mit. Ich bleibe noch bei Dir, Tommy. Dann kann ich am Montag Essen an das Gefängnistor vom City Jail bringen. Montag ist ja dort kein Besuchstag. Dienstag besuche ich Dich dann.“

Kagawad räuspert sich: „Ich habe oft in Tugalm City zu tun. Ich besuche Dich auch und bringe meine Familie mit. Die werden sich freuen, Dich wiederzusehen. Meine Frau wird für Dich kochen.“

Beim Gedanken an das Stadtgefängnis wird mir ganz mulmig in der Magengegend. „Sir“, wende ich mich an Officer Sarang, „wann genau bringen Sie mich in das City Jail, Montag oder Dienstag?“

Nachdenklich blickt der Officer von seinem Laptop auf: „Ich denke, gleich am Montag. Morgen sind sie doch schon volle vierzehn Tage hier?“

„Ja, das sind tatsächlich schon vierzehn Tage!“, wiederhole ich gedankenverloren und resümiere: „Die Zeit vergeht rasend schnell.“ Dann fällt mir etwas Wichtiges ein: „Sir Sarang, was ist mit meinem Cellphone, dem Laptop und dem Tablet? Kann ich das mitnehmen?“

Officer Sarang lacht laut: „Nein, natürlich nicht, Mr. Heger. Das ist alles im Gefängnis verboten. Außerdem sind das Beweisstücke. Sie stehen jedenfalls auf der Liste der Beweise und sind deshalb konfisziert.“

Attorney Tensung schaut mit leerem Blick zu Boden und schüttelt langsam den Kopf. Das Neonlicht spiegelt sich in seiner Glatze.

Ich bin verwirrt, traurig und besorgt, da ich mich bald von meinen Gadgets trennen muss: „So ein Mist! Nein, das geht nicht! Wie soll ich dann Kontakt zu meiner Familie halten?“

„Da werden sich schon Wege finden, Mr. Heger. Mik-Mik sollte Ihnen ein billiges Cellphone besorgen. Das können Sie dann im Büro vom Warden hinterlegen. Versuchen Sie das.“

„Gut, Mik-Mik, das kannst Du gleich kaufen. So ein billiges Cherrymobile. Die kosten nur etwa 800 Piso.“

Wolfgang räuspert sich: „Die haben wir auch bei uns im Shop vorrätig. Keine 16 Euro muss man für die Dinger hinlegen. Die haben zwei Plätze für SIM-Karten und einen für eine Memorykarte. Dann kannst Du sogar MP3 hören. Gut, Internet, WhatsApp oder Facebook gehen damit natürlich nicht.“

„Nach MP3 ist mir gerade gar nicht“, scherze ich bitter und frage Vicente: „Brauchst Du noch Geld?“

Vicente druckst herum, ihr Mik-Mik schaut beschämt zur Seite.

„Vicente, ich gebe Dir 2.000 Piso. Dein Mik-Mik will ja hier bleiben und kann kein Geld für Euch verdienen. Mik-Mik, hier sind 1.000 Piso für das Cellphone, kaufe auch gleich eine SIM-Karte dazu. Dann nehme noch die 1.000 Piso hier für Dich.“ Ich überlege laut: „Oh, dann muss ich heute Abend alle wichtigen Telefonnummern aus meinem Adressbuch im Laptop in mein kleines Heft übertragen.“

Kagawad wehrt sich zwar zuerst, steckt sich die 500 Piso dann doch mit einem gezwungenen Lächeln in die Hosentasche.

Wolfgang nimmt seinen Schlüsselbund vom Tisch. Das unmissverständliche Zeichen des bevorstehenden Aufbruchs.

„Wolfgang, bekommst Du etwas für Benzin?“

Wolfgang macht mit der Hand eine abwehrende Geste: „Nein, nein, Tommy, sage mir lieber, was Du noch brauchst, denn wir kommen auf dem Rückweg hier noch einmal vorbei.“

„Eine kleine Thermosflasche wäre gut. Dann könnte ich heute Abend heißes Wasser mit in die Zelle nehmen und bringe mir bitte löslichen Kaffee mit. Ein Glas Nestlé Gold vielleicht, Mineralwasser und Kekse. Was bekommst Du, Wolfgang?“

Der macht wieder diese abweisende Handbewegung und antwortet: „Sei vorsichtig mit dem Geld, Tommy. Gerichtsverfahren auf den Philippinen können extrem teuer werden.“

„Male den Teufel nicht an die Wand.“ Es soll scherzhaft klingen, hört sich aber eher verbittert an. ‚Das waren aber auch heute schon wieder einige unerfreuliche Neuigkeiten zuviel. Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab‘, sinniere ich kurz.

Meine Freunde und der Attorney erheben sich.

„Mik-Mik, Du kommst später wieder hierher?“

„Ja, klar. Du brauchst doch Dein neues Cellphone.“

Copyright © by NOKBEW™

-★-

Kapitel zum Thriller mit Passwort?
Einige Kapitel sind mit einem Passwort geschützt. Fragen Sie das Passwort (ein Passwort für alle Kapitel!) per E-Mail hier an.

➡ Passwort anfragen! • Hier klicken!

-★-

Kontaktieren Sie mich:

Schreiben Sie mir gerne Ihre geschätzten Anregungen, Meinungen, Kritiken in die Kommentarzeile unten oder klicken Sie einfach hier, um zu meiner Kontaktseite zu gelangen.

➡ NOKBEWs Kontaktseite

-★-

Empfehlungen

WordPress.com

-★-

Jetpack

-★-

WooCommerce

-★-

• Seitenende • Copyright © by NOKBEW™ • Juli 2020 •

3 Kommentare zu „15.03. Neue Hiobsbotschaften! [OFFEN]“

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.