14.07. Verzweiflung und Wut [OFFEN]

Die Gruppe aus dem Dorf brach gegen 16 Uhr auf. Neben den 7.000 Piso für den Jeepney drückte ich auch noch jedem Besucher 500 Piso als Dankeschön in die Hand. Die Teenager Silas, Mikel-Loy und Jonathan steckten sich – breit grinsend – jeweils 250 Piso in ihre Taschen. Dann gab ich noch Beträge an den Kagawad und Mik-Mik mit seiner Vicente, denn sie wollen im billigen Hotel übernachten. Die Mütter Rica und Lang bekamen 2.000 Piso, auch für das Essen der Kinder im Kinderheim morgen. Der Abschied war unkompliziert und mit Ausnahme von Marie-Ann emotionslos, denn sie musste unbedingt noch ein Gebet sprechen, bevor dann die Besucher das Büro vom Officer Sarang verließen. Zum Schluss schienen alle erleichtert zu sein, dass dieser unerfreuliche Besuchstag beendet war.

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Lange habe ich es nicht im Büro vor dem Fernseher ausgehalten. Zu viel ist mir durch den Kopf gegangen und ich habe mich nicht auf das TV konzentrieren können. Officer Sarang ist bei einer dieser billigen Shows hängengeblieben, einem Singwettbewerb. Ohne Tonlagen halten zu können und mit dünnen Stimmchen, glauben die aufgedonnerten Filipinas, ihr lautes Schreien und Kreischen sei professionelles Singen. Von diesem üblen und schrägen Gejohle habe ich schnell Kopfschmerzen bekommen. Dann hat eine der Armeleutestars auch noch „My Heart Will Go On“ von Celine Dion angestimmt. Das ist dann der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Bevor mir übel geworden wäre, habe ich den Officer um 17:30 Uhr gebeten, mich in die Zelle zu bringen. Über die vielen grausamen Tatsachen, die heute sukzessive für mich ans Licht gekommen sind, haben der Officer und ich kein Wort mehr verloren. Ein Gespräch habe ich aber auch nicht gesucht.

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Hinter mir quietscht die Zellentür und das Schloss knackt beim Abschließen. Officer Sarang wünscht mir eine gute Nacht, verschließt auch das Tor des Drahtzauns und verschwindet in die Abenddämmerung. Eine Dose mit Hühnerteilen, die verknotete Tüte mit Brötchen und die drei Literflaschen mit Mineralwasser verstaue ich auf dem oberen Bett.

Wieder im dunklen, stickigen Loch überfällt mich sofort die Einsamkeit. Nun stehe ich an der Zellentür, kralle die Hände um die rostigen Gitterstäbe, presse die Stirn dagegen und starre auf die verwitterte Gebäudewand der Polizeistation.
‚Was würde ich dafür geben, meine geliebte Musik hören zu können‘, denke ich. ‚Tangerine Dream oder etwas von Pink Floyd. Gemeinsam mit einem Gläschen Rotwein auf der Couch entspannen und runterkommen. Stattdessen bin ich wie ein Tier unter menschenverachtenden Bedingungen weggesperrt.‘ Die sentimentalen und blöden Gedanken werden sofort von den heutigen Ereignissen verdrängt.

„Verdammter Mist, dümmer kann es gar nicht sein! Warum geben mir alle nur unvollständige Informationen? Warum erkenne ich die Zusammenhänge nicht?“, rufe ich in den Abend.

Die Reaktionen aus den anderen Zellen sind Gemurmel und auch das „Hey, Joe!“

Leise rede ich weiter vor mich hin und raufe mir dabei wild die verschwitzten Haare. „Ma’am Papillio und auch Attorney Pizarro haben in Nebensätzen angedeutet, dass die Eltern mich anzeigen sollen. Aber ich Idiot habe es nicht kapiert, habe das als schlechten Scherz abgetan. Und selbst die Eltern haben nicht erzählt, dass diese merkwürdige Sozialarbeiterin erwähnt habe, dass die Eltern mich anzeigen sollen. Warum erfahre ich das erst heute?“

Ich grüble und zermartere mir das Gehirn: ‚Da sind nur diese verdammten Nebensätze zu Anzeigen der Eltern gegen mich gewesen. Und ich habe eins plus eins nicht zusammenzählen können! Wie auch? Solche Wege wären in Deutschland vollkommen undenkbar: mit vier Eltern in Verhandlungen treten, um angebliche Missbrauchsgeschichten aus der Welt zu schaffen. Dieser Weg ist doch vollkommen abstrus. Ohne explizit darauf hingewiesen zu werden, würde mir nicht im Entferntesten der Lösungsansatz „Korruption“ in den Sinn kommen.

Ich zische in die Dämmerung: „Verdammt, ich bin unschuldig!“

Das Grübeln setzt wieder ein: ‚Aber unschuldig oder nicht, das interessiert hier absolut niemanden. Um Schuld geht es nicht. Das war schon bei der Verhaftung mit der erniedrigenden öffentlichen Zurschaustellung klar. Es geht nicht um Gerechtigkeit für angebliche Opfer oder mutmaßliche Täter. Es geht um lautes Spektakel, Medienrummel, Profilierungssucht diverser Personen und natürlich um das Geld.‘

Erneut rufe ich in die Nacht: „Wo bin ich nur hineingeraten? Das kann doch nicht sein? Lasst mich gehen, ich bin unschuldig!“

Aus den anderen Zellen vernehme ich Kommentare auf meine Ruhestörungen. Da in Visayan geflucht wird, verstehe ich kein Wort.

‚Was ist nur mit Franco los?‘, frage ich mich und bemerke, wie sich meine Herzfrequenz beschleunigt und mir das Blut in das Gesicht steigt. ‚Warum stiehlt er Geld?‘ Enttäuschung und Wut kochen hoch. Nun kommt mir auch noch der Attorney De Baron in den Sinn: ‚Der hätte Verhandlungsmöglichkeiten mit den Eltern andeuten oder zumindest als Alternative ansprechen müssen.‘ Sein hohles Geschwafel erklingt in meinen Ohren: ‚Er kenne sie alle! Alle wichtigen Personen bei der Polizei, dem Gericht und dem Jugendamt BSWD. Da könne er etwas unter der Hand regeln.‘

Die Wut steigert sich, aber noch rüttle ich nur leicht an der Gittertür, sodass das Schloss leise gegen den stählernen Riegel schlägt. Erneut zische ich: „Scheiße, das kann doch alles nicht sein!“ Doch jetzt bricht die ganze Frustration, die Verzweiflung und die Wut heraus. Ich explodiere. Wild und unkontrolliert trete und schlage ich mit den Füßen und den Fäusten gegen die Zellentür, sodass es knallt und laut scheppert und brülle wie von Sinnen: „Scheiße, so eine blöde Scheiße! Hey, lasst mich sofort hier raus! Wer gibt Euch das verdammte Recht, mich wie ein Tier einzupferchen? Ich bin unschuldig!“

Das Echo der anderen Zellen folgt sogleich: Es wird scheinbar mit allem Metallischen gegen die Gitterstabtüren geschlagen, was zu finden ist und ein lautes Jauchzen, Johlen, Gelächter und Gebrülle setzt ein. Der gleißende Scheinwerfer des Wachturms an der Schranke wird eingeschaltet und in unsere Richtung gedreht. Sofort verstummen die Zellen neben mir. Sekunden später steht der Wachmann am Zauntor, knipst seine Stabtaschenlampe an und blendet mich: „Alles okay, Mister German?“

„Alles okay, Sir“, keuche ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. Das T-Shirt klebt am Rücken und ich reibe meine schmerzenden Fäuste auf meinem Bauch.

In Richtung der anderen Zellen flucht der Wachmann wüst, laut und aggressiv. Ich verstehe nichts, da er Visayan spricht. Dort ist es jetzt mucksmäuschenstill. Kein Lachen und Gejohle, kein Räuspern, kein Husten, kein Seufzen oder Stöhnen.

Die Taschenlampe erlischt. Ich greife eine Wasserflasche, setze mich auf das marode Bett, nehme einen tiefen Schluck und wiederhole leise: „Alles okay, Sir, es ist alles okay!“

[Ende 14. Kapitel und dreizehnter Tag in Haft – Freitag]

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