14.04. Wunden lecken [OFFEN]

Den Eltern und dem Kagawad steht das Entsetzen in den Gesichtern, denn Tante Edin und einige andere der Mitgereisten springen erschrocken vom Tisch auf, als die Gruppe in das Restaurant hereinschleicht.

Tante Edin ruft: „Nicht gut gelaufen?“

Die Antworten sind betretenes Schweigen und gesenkte Blicke.

Besonders der Kagawad, der seine Umwelt immer mit einem jungenhaften Lächeln erfreut, sieht schwer angeschlagen aus. Seine sonst vor Tatendrang sprühenden Augen liegen nun tief in den Höhlen und die vom Wetter gegerbte, gesunde braune Gesichtsfarbe hat einen aschgrauen Farbton. Er, der immer aufrecht und stolz durchs Leben schreitet, setzt sich gekrümmt, mit glasigem Blick und wortlos an den Tisch. Tante Edin und die anderen sind verwirrt und besorgt. Die Mütter Rica, Lang und Vicente haben verheulte Gesichter, schluchzen noch und schnäuzen sich ab und zu die Nasen. Vicente sucht Trost und legt ihren Kopf auf Tante Edins Schulter. Tante Edins Töchterchen streichelt sogleich Vicentes Hand und stammelt: „Tante Cente, alles wird gut, nicht weinen.“ Die Väter Ernesto, Matthey, Michael (Mik-Mik) und Romolo schauen grimmig drein und setzen sich, schwerfällig und schweigend, an den großen Tisch.

Ernesto zetert plötzlich los: „Ich habe es doch gleich gesagt, das bringt nichts, zum Staatsanwalt zu fahren und es wird auch nichts bringen, mit denen vom BSWD zu reden. Hätte ich doch nur auf meine innere Stimme gehört und wäre ich doch bloß nicht mit hierhergefahren. Zuhause wartet ein kaputtes Netz und das Boot muss auch ausgebessert werden. Die Löcher im Rumpf werden immer größer und heute Nacht wollen wir fischen gehen.“

Rica schaut besorgt und ermahnt ihren Ehemann: „Ern, denke an Deinen Blutdruck, bitte rege Dich nicht auf!“

Matthey schnauft: „Nach dem Typ gerade habe ich absolut keine Lust auf die zwei komischen Gestalten vom BSWD.“

Seine Ehefrau Lang protestiert sofort: „Aber die Kinder wissen doch, dass wir in der Stadt sind. Die müssen wir besuchen, Matthey!“

Auch Vicente, Rica, Tante Edin und die Teenager Jonathan und Silas sind entsetzt. Vicente weint: „Das können wir den Jungs nicht antun. Ich will meinen Philipp sehen!“

Tante Edins Töchterchen reicht Vicente ihr Kindertaschentuch: „Nicht weinen, Tante.“ Vicente streicht dem Kind über das Haar.

„Ja, natürlich fahren wir da hin, aber mit dem BSWD rede ich nicht, basta! Was soll das auch bringen?“, antwortet wütend Matthey und haut mit der flachen Hand leicht auf den Tisch, sodass die Gläser klirren.

„Ich auch nicht!“, stimmt Mik-Mik zu. „Ich höre mir nicht wieder diesen Quatsch ‚Warum haben Sie dem Heger Ihre Kinder mitgegeben?‘ an! Darauf kann ich gerne verzichten!“ Seine Frau Vicente nickt, schnäuzt sich und lehnt sich nun an ihren Mik-Mik.

Romolo reibt das arthritische Knie: „Verdammtes Bein! Mit den Idioten vom BSWD habe ich nichts zu schaffen! Mit denen will ich nichts zu tun haben. Die haben mir die Kinder aus dem Haus geholt, als diese Schlampe…“

Silas unterbricht seinen Vater: „Papa, das sind Geschichten von gestern! Und wir sind doch zurück.“

Romolo ist aufgebracht und fährt ungestüm fort: „Hast recht, Silas, das ist heute egal! Aber jetzt holen die mir auch noch meinen Aboy fort. Das lasse ich nicht zu! Haben wir 20 Minuten? Ich brauche jetzt dringend ein Bier! Kagawad, hat Franco Dir Geld für uns gegeben?“

Der Kagawad fährt sich durch das Haar, reibt sich das Gesicht und sieht aus, als wäre er gerade wach geworden: „Ja, hat er, nur 500 Piso. Aber ich gebe einen aus. Aber nur ein Glas! Heute Abend genehmigen wir uns Tanduay Rum und Karaoke! Das brauchen wir!“ Er ruft die Bedienung herbei. Gedankenverloren blickt er zu Tante Edin: „Erinnere mich bitte später daran, Tommy wegen des Geldes für den Jeepney zu fragen.“

Tante Edin und ihr Fahrer nicken heftig.

Ernestos und Ricas Sohn Jonathan fragt trotz der miserablen Stimmung: „Wie ist es gelaufen? Wann dürfen die Jungs nach Hause? Kommt Tommy bald frei?“

Silas ergänzt: „Wir wollen doch eine Strandfete machen. Wo ist denn eigentlich das verdammte Problem? Warum halten die Tommy überhaupt fest?“

Rica fährt die Jungen an: „Seid still und flucht nicht!“ Die Eltern und der Kagawad belegen die naiven Teenager mit scharfen Blicken.

Es setzt ein ungutes Schweigen ein, welches nach belastenden Sekunden von Tante Edin unterbrochen wird: „Also kommt Tommy vorerst nicht frei und Eure Jungs kommen nicht zurück ins Dorf?“

Kagawad zieht lange an der Marlboro, hustet und antwortet: „Der Staatsanwalt hat gesagt, Tommys Attorney solle nun sofort tätig werden.“

„Aber das ist doch gut!“, freut sich Tante Edin. „Ich meine, wenn der Staatsanwalt das selber vorschlägt, dass der Attorney jetzt arbeiten soll, dann ist das doch ein gutes Zeichen, oder?“

Es hat niemand eine Antwort auf diese Frage.

Ernesto verzieht das Gesicht: „De Baron, dieser Stümper von Attorney! Na dann, Tommy, gute Nacht! Attorney Padernesto wäre heute mitgekommen, hat er mir gesagt! Der hätte dem Oberstaatsanwalt aber so richtig Paroli gegeben. Wo ist denn der tolle De Baron? Aber so kennt man ihn ja! Nur so! Er macht seinem Ruf alle Ehre!“

Mik-Mik raucht mit zitternden Händen eine nach der anderen. Mit Ausnahme von Tante Edin, Rica und Vicente rauchen alle mit. Sogar die Teenager Silas und Jonathan greifen frech zu und nutzen so die Ausnahmesituation. Es achtet sowieso keiner auf sie und eigentlich gehören sie schon mehr zu den Erwachsenen als zu den Kindern. Beide grinsen breit.

Die kalten Bierflaschen und jede Menge Gläser kommen. Der Kagawad sieht wieder etwas gesünder aus und bezahlt: „Es war ein Fehler, den Staatsanwalt zu besuchen. Gehe niemals zu einem König, wenn er dich nicht ruft!“

Die Teenager und einige Freunde aus dem Dorf kichern über Kagawads Spruch und die Stimmung wird besser.

Die Gläser sind voll und Kagawad ruft: „Auf Tommy, wir werden uns nicht unterkriegen lassen, von niemandem! Prost!“

„Ja!“, prosten Tante Edin, Mik-Mik, Romolo, Lang und Matthey, die Teenager und die anderen dem Kagawad zu und kippen das Bier in einem Zug runter.

Romolo rülpst und stöhnt: „Ah, besser als jede Medizin.“

Der Fahrer des Jeepneys, Rica, Vicente und Tante Edins kleine Tochter trinken Cola. Auch Ernesto nippt nur am Glas. Ihm ist wahrlich nicht zum Biertrinken zumute. Missmutig und unzufrieden denkt er: ‚Heute sind wir so richtig erniedrigt worden. Mit Attorney Padernesto wäre das nicht passiert. Vielleicht wären sogar die Jungs jetzt schon frei und bei uns. Wie soll das alles nur enden? Der Kagawad und ich, wir müssen schauen, wo wir stehen. Wir können uns nicht gegen die Regierung stellen. Dazu steht zu viel auf dem Spiel.‘ Er äußert keine Silbe seiner Gedanken, sondern schweigt, vermeidet Augenkontakt zu seinen Nachbarn aus dem Dorf und nippt weiter nervös am kalten Bier.

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