13.00. Nichts wissen, nichts ahnen [OFFEN]

Es ist Donnerstag früh fünf Uhr. Ich konnte tatsächlich von neunzehn Uhr bis jetzt ohne große Unterbrechungen schlafen. Eigentlich ist das die erste von den dreizehn Nächten in diesem Kerker, in der ich einigermaßen gut geschlafen habe. Ich führe das auf den beständigen und beruhigenden Regen zurück, der alle anderen Geräusche dämpft. Die Temperatur hat sich auf ein erträgliches Maß reduziert. Auch die Luft ist frischer und scheint mit Sauerstoff angereichert zu sein.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis der Wachhabende auftaucht und ich eine Dusche nehmen kann. Ich hoffe, Officer Sarang ist im Dienst und lädt mich in sein gemütliches Büro zum Frühstück ein.

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Es hilft alles nichts, denn ich kann nicht länger warten. Anschließend nehme ich ein Blatt der Sonntagszeitung als Klopapier, verknote die Tüte und werfe sie wieder an der Hauswand entlang in Richtung Bad. Ich höre es klatschen und denke, dass die Tüte sicherlich weggespült wird. Jetzt wasche ich mir die Hände mit dem duftenden Alkohol, um anschließend die letzten beiden weichen Brötchen mit dem letzten Schluck Mineralwasser hinunterzuspülen.

Draußen ist es noch finster und ich habe auf der Bettkante eine Kerze angezündet. ‚Heute ist also Donnerstag‘, überlege ich. ‚Officer Sarang hat doch erzählt, dass sie mich nur vierzehn Tage ohne Haftbefehl festhalten können. Zwei Wochen inhaftiert wäre dann übermorgen. Vielleicht sind es ja tatsächlich nur noch zwei Tage in diesem Loch. Die Hoffnung stirbt zuletzt‘, denke ich und mein Gemüt hellt sich auf: ‚Die Hoffnung stirbt zuletzt, war gestern. Heute heißt es, mit Optimismus in die Zukunft blicken!‘ Ich knabbere an einem Kokosnusskeks. Der letzte Proviant. ‚Sind eigentlich schon einmal auf den Philippinen Menschen im Knast verhungert? Ich weiß es nicht.‘ Was für dumme Gedanken. ‚Optimismus sieht anders aus. Aber ich muss kämpfen!‘

Um sieben Uhr rasseln die Ketten am Tor des Drahtzauns. Gleich danach knackt das Schloss und quietscht meine Zellentür: „Mr. Heger, kommen Sie bitte in das Büro von Officer Sarang. Zuvor sollen Sie aber die Duschen besuchen.“

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„Danke, dass ich duschen durfte, Sir Sarang. Hallo John, wie geht es Dir?“

Officer Sarang bittet mich, auf der Sitzecke Platz zu nehmen. Sarangs Sohn John zieht als Antwort auf meine Frage nur die Augenbrauen leicht nach oben und spielt weiter Counter Strike.

„Keine Ursache, Mr. Heger, wenn Sie möchten, können wir Frühstück holen lassen.“

„Ja, natürlich, Sir.“

Officer Sarang telefoniert kurz und wenige Minuten später gebe ich an einen Polizeischüler in Trainingsanzug 500 Piso für Kaffee, Brötchen und Gebäck. „Kaufen Sie bitte auch drei Liter Mineralwasser.“ Der junge Mann salutiert und ist augenblicklich aus dem Raum.

„Das ist ja ein Regen, Sir.“

„Das Tiefdruckgebiet zieht wohl weiter, sagen die News.“

„Ganz schön hart, über 24 Stunden in der Zelle eingesperrt und vollkommen ohne Besuch zu sein.“

„Wo sind denn Ihre Leute, Mr. Heger?“

„Ach, die wollten sich beraten. Die Eltern und meine Freunde hatten gestern ein Treffen im Dorf.“

„Wir hatten gestern Großkampftag, Mr. Heger. Teilweise mit Überflutungen in der Stadt. Die Highways sind aber wieder frei. Wann kommen Ihre Freunde zurück?“

„Ich hoffe heute, Sir.“ Ich fahre mir durch das noch feuchte Haar: „Wann kann ich hier endlich raus?“

„Oh, Sir Heger, das weiß ich auch nicht. Ma’am Papillio hat mir aber gestern die Anweisung gegeben, Sie heute Früh duschen zu lassen. Haben Sie Rasierzeug?“

„Nein, Sir?“

„Hier, ein Einwegrasierer. Sie können sich nach dem Frühstück rasieren. Laut Ma’am Papillio haben Sie heute einen Termin im Gericht.“

„Ach?“

„Etwas Genaues weiß ich auch nicht, Mr. Heger. Anweisung der Chefin.“

Ich drehe den gelben Einwegrasierer zwischen den Fingern: „Und dafür muss ich mich schön machen?“

„Ich weiß auch nicht, Mr. Heger?“

„Allerdings ist es wirklich nötig“, stelle ich fest, als ich mit der Hand übers Kinn fahre.

Mit fester Stimme bitte ich: „Officer Sarang, ich muss heute unbedingt telefonieren. Mit meiner Familie und dem Attorney. Es ist wichtig! Mein Chef denkt, ich bin kommenden Montag zurück. Ich muss in der Firma Bescheid geben, dass ich ein paar Tage später zurückkehre. Auch wegen der deutschen Botschaft muss ich telefonieren. Bitte, Sir!“

„Sie können Ma’am doch später selber fragen, denn sie wollte um acht Uhr hier erscheinen und Sie sollen um neun Uhr fertig für das Gericht sein.“

„Okay, Sir, ich werde Ma’am fragen.“

Die Bürotür öffnet sich und der Polizeischüler bringt die Brötchen und das Mineralwasser. Es folgt ihm Mik-Mik, der ebenfalls stolz eine Tüte Brötchen trägt.

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Nach einer kurzen und herzlichen Begrüßung platzt es aus mir heraus: „Mik-Mik, wie ist das Treffen gestern gewesen? Was ist dabei herausgekommen?“

„Ach, Tommy, eigentlich nichts, genauso wie im BSWD.“ Mik-Mik erscheint plötzlich, als habe er versehentlich ein Geheimnis ausgeplaudert.

„BSWD?“

Mik-Mik bläst verlegen in den heißen Kaffee: „Ja, also, das BSWD in Sendong City hatte uns Eltern eingeladen.“

„Und was wollten die von Euch?“

„Eigentlich nur hören, wie wir zu Dir stehen, warum die Kinder mit Dir gewesen sind und wie lange wir Dich schon kennen? Denen vom BSWD haben wir es aber richtig gezeigt, Tommy. Wir stehen zu Dir! Das haben wir ihnen ganz klar gesagt!“ Von Ernestos, Ricas und Langs merkwürdigem Gebaren erzählt Mik-Mik lieber nichts.

Über das Treffen im BSWD bin ich verunsichert und verwundert. Ich frage mich, warum das BSWD die Eltern einlädt und nicht die Polizei: „Waren der Kagawad, Franco und Marielou auch dabei gewesen?“

„Nein, Tommy, nur wir Eltern. Sogar Romolos Ex war anwesend. Sie hat aber nicht viel gequatscht, ist nämlich den Abend zuvor sturzbetrunken gewesen.“

„Was war denn mit Eurem Treffen? Ihr Eltern wolltet Euch doch zusammensetzen.“

Mik-Mik kichert: „Das ist doch der Grund, warum Romolos Ex betrunken gewesen ist. Wir, also alle Väter, haben natürlich auch etwas getrunken. Franco hat Tanduay Rum, Bier und etwas zu essen besorgt. Die Stimmung ist gut gewesen, Tommy.“ Die Dissonanzen zwischen Romolos Ex-Frau, Ernesto, Rica und Lang und den Rest der Eltern verschweigt Mik-Mik ebenfalls.

Ich bin über Mik-Miks Ausführungen verwirrt, lasse es aber dabei und frage nicht weiter nach. Ändern kann ich sowieso nichts. Auch stelle ich die Frage, warum anstelle der Polizei das Jugendamt BSWD einlädt, nicht. Ich denke, das kann nur ein gutes Zeichen sein, bedeutet es doch, dass die Polizei in Sendong City nicht ermittelt. ‚Was wollen die auch ermitteln?‘, ärgere ich mich sogleich über meine Gedanken und beiße herzhaft in ein warmes Brötchen. Officer Sarang hört nur interessiert zu, schweigt aber. Sein Sohn John kaut mit vollen Wangen eine Zuckerschnecke und trinkt ein Schokoladengetränk der Marke „Milo.“

„Mik-Mik, ich habe heute noch einen Termin im Gericht.“

„Oh, das ist vielleicht ganz gut! Ich hoffe, sie werden Dir mitteilen, dass die Ermittlungen eingestellt sind und Du zurück nach Deutschland darfst.“

Wir klatschen mit den Handflächen ab.

„Mik-Mik, das hoffe ich auch!“ Sofort werde ich wieder ernst: „Ist Franco nach General de Santos gereist?“

„Ich denke, ja, Tommy. Ich bin heute sehr früh los und habe Franco nicht gesehen. Der hat bestimmt noch geschlafen oder ist schon abgereist.“

„Was ist denn mit Rica und Lang? Besuchen die mich heute? Bringen sie den Jungs Mittagessen? Ich weiß gar nicht, was mit den Jungen ist, wie es ihnen geht?“

„Tommy, ich kann die doch nachher besuchen. Wenn Du ins Gericht fährst, besuche ich die Kinder und bringe ihnen Pandesal-Brötchen und Kakao.“

„Gute Idee, Mik-Mik. Es regnet auch noch. Wir können also sowieso nicht vor den Zellen sitzen. Später kannst Du dann das Mittagessen bringen.“

„Tommy, das BSWD hat gesagt, sie wollen es nicht, dass Du weiter das Essen für die Kinder bezahlst.“

Ich reagiere verärgert und etwas zu laut: „Dem BSWD kann es doch egal sein, woher das Geld für das Essen kommt!“

John, der wieder Counter Strike spielt, schreckt hoch. Auch sein Vater Officer Sarang, er arbeitet inzwischen am Desktop Computer, schaut auf.

„Entschuldigung, Sir.“

„Ist schon okay, Mr. Heger“ Der Officer schaut auf die Uhr. „Wollen Sie TV schauen? In einer Stunde müssen Sie sich dann fertig machen. Kommt Mr. Kabaltos mit ins Gericht?“

„Nein, nein, Sir. Mr. Kabaltos wird die Kinder besuchen, die hatten gestern doch auch keinen Besuch.“

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