12.03. Die Hoffnung stirbt zuletzt [OFFEN]

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12.03. Die Hoffnung stirbt zuletzt

Zelle

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Kein einziger Officer hat sich mehr blicken lassen. Der Regen hält ununterbrochen an und das Wasser in der Zelle ist noch ein paar Zentimeter gestiegen. Ich muss darauf achten, dass die dreckige Brühe nicht in die Sandalen läuft. Zwischendurch habe ich an der Zellentür gestanden und beobachtet, wie der Regen auf die Blätter prasselt.
Der heftige Regen, die Luftfeuchte, die Wärme, die hohen dichten Bäume, sogar der Geruch von draußen und die Stimmen der tropischen Vögel suggerieren mir, wenn ich die Augen schließe, mitten in einem triefenden Regenwald zu stehen. Doch wenn ich die Augen wieder öffne, sehe ich das ganze Dilemma: dort ist der überflutete Platz vor den Zellen mit den gestapelten Colakisten, den rostigen Müllfässern, dem ebenfalls rostigen Drahtzaun mit dem verrammelten Tor und dahinter das verwitterte Polizeigebäude. Es scheint, dass alles dem Verfall preisgegeben ist. Tropische Endzeitstimmung, passend zu meiner Situation und meinem Gemütszustand.

Das monotone Geräusch des Regens hat mich einige Male auf dem maroden Bett einnicken lassen und das nur, um kurze Zeit später schweißgebadet hochzuschrecken und mit Grausen festzustellen, immer noch im Kerker zu sitzen. Irgendwann im Laufe des Tages habe ich lustlos das Hühnchen verspeist und ein wenig Kuchen als Nachtisch gehabt. Was hätte ich für einen Kaffee zum süßen Gebäck gegeben! Vorbeieilende Officers kann ich mit meinem Kaffeewunsch unmöglich belästigen. Ab und an huschen Studenten mit übergeworfenen Regencapes am Zellenhaus vorbei. Manchmal sind sie zu zweit und benutzen dann einen Regenschirm. Ihnen zuzurufen und sie zu fragen erscheint aussichtslos. Sie beeilen sich und blicken dabei ständig zu Boden, sicherlich um nicht ins Stolpern zu geraten. Außerdem, wie soll der Kaffee die Distanz vom verschlossenen Zauntor zur Zellentür überwinden? In Gedanken flehe ich: ‚Ein Himmelreich für einen Kaffee!‘ Stattdessen trinke ich lauwarmes Mineralwasser. Ich muss es mir nun einteilen. Anderthalb Liter sind noch übrig. Es wird noch einige Zeit dauern, bis Mik-Mik und Franco wieder erscheinen. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich: ‚Was wäre, wenn Sie mich fallen lassen würden? Wenn niemand zurückkehrt? Wer besorgt und erledigt dann das Nötigste, das Überlebenswichtige: Nahrung, Wasser, Kommunikation nach draußen, zum Attorney, ins Dorf hinein und zu den Eltern der Jungen?‘ Mik-Mik und Franco fehlen. Aus Langeweile qualme ich eine. Nach zwei Zügen werfe ich die Marlboro in die dunkle Ecke der Zelle, wo sie zischend erlischt. In Einsamkeit schmeckt die Zigarette grauenhaft. ‚Was wohl das Treffen der Eltern im Dorf gebracht hat?‘ Ich brenne vor Neugier.

Ununterbrochen wedle ich mir mit einer Sonntagszeitung Luft zu. ‚Schwitze ich nun wegen des Wedelns oder wegen der Hitze so sehr?‘

Die Flasche mit dem Urin habe ich schon mehrmals aus dem Zellenfenster gehalten und so geleert. ‚Das spült sofort der Regen weg‘, grüble ich beim Blick aus dem Fensterspalt. Zum Abendbrot gibt es schwammig-weiche Brötchen und lauwarmes Wasser. Passend zur Situation kommt mir ein Spruch in den Sinn, über den ich schmunzeln muss: ‚Verschärfte Haftbedingungen bei Wasser und Brot.‘ Meine erneute Sorge über das zur Neige gehende Trinkwasser lässt mich damit sparsam umgehen. An das Telefonieren wage ich erst gar nicht zu denken: ‚Was würde ich damit auch schon erreichen? Es ist Mittwoch. Meine Eltern haben sicherlich einen ihrer vielen Arzttermine. Sabine und Marie sind arbeiten. Es wäre schon interessant zu erfahren, ob die Botschaft in Manila helfen kann.‘ Vorsichtig gehe ich die zwei Schritte vom Bett zur Zellentür und wieder zurück. „Verdammt“, fluche ich, denn wie schon heute Früh kommt mir die Firma in den Sinn, „ich muss dringend dort Bescheid geben, dass ich kommenden Montag nicht auf der Matte stehe. Mein Chef, die lieben Kollegen, ja die gesamte Firma warten auf mich. Sie werden wohl vergebens warten. Wie soll es dort jetzt mit meinem neuen Projekt weitergehen? Ich muss hier raus! Mit dem blöden Attorney telefonieren, sodass der – verdammt nochmal! – endlich alle Hebel in Gang setzt, um mich hier irgendwie herauszubekommen! Und dann schnell weg hier. Vielleicht mit einer Fähre nach Indonesien oder Sumatra, zurück nach Deutschland und danach, nie wieder Philippinen!“

Die aufkeimende Bitternis und Verzweiflung unterdrücke ich erfolgreich mit Ablenkung. Die falsch gelösten Sudokus skizziere ich einfach in mein kleines Buch ab und löse sie erneut. Diesmal erfolgreich.

Draußen ist es bereits dunkel, der Regen lässt nicht nach und dämpft weiter jegliche Geräusche. Gegen sieben Uhr schlafe ich endlich erschöpft ein.

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Dorf

Michael Kabaltos (Mik-Mik) steht an einem Sari-Sari-Store im Dorf und kauft gerade fünf Zigaretten der Marke More zu insgesamt 15 Piso. Beim Herausfischen der Münzen aus seinem Portemonnaie bemerkt er in der rechten Ecke des fast immer leeren Faches für Papiergeld den klein gefalteten blauen Tausender. Den hatte er nicht mehr im Sinn. Es waren eigentlich 2.000 Piso, die Tommy gestern für das Mittagessen der Kinder gegeben hat. Die Mütter Rica und Lang hatten sich aber geweigert, den gesamten Betrag anzunehmen. So ist die Hälfte des Geldes bei ihm geblieben, weil er sich nicht getraut hat, Tommy zu berichten, dass die Mütter ein Teil des Geldes zurückgewiesen haben. Die zwei Mütter verhalten sich seit dem Gespräch im BSWD in Tugalm City merkwürdig. Scheinbar gehen sie auf Distanz zu Tommy. Das wundert ihn sehr, da ausnahmslos alle im Dorf – so wie auch seine Frau Vicente und er – der Meinung sind, dass die Geschichte nur ein gewaltiges Missverständnis ist und Tommy bald wieder freikommt.

‚1.000 Piso Extrageld‘, überlegt Mik-Mik. Er kauft für zweihundert Piso Cola, Brötchen und Kartoffelchips, bringt das zu Vicente und den Kindern, die sich natürlich begeistert auf die Leckereien stürzen. Schnell verabschiedet sich Mik-Mik von seiner Familie und steuert die Billardhalle an.

Billardhalle ist übertrieben, denn es gibt nur zwei verschlissene und verstaubte Tische für Poolbillard. Die Seiten des grob gezimmerten Verschlages sind offen und das Dach besteht aus dünnem Wellblech. Auf der halbhohen Holzumzäunung sitzen Jungen, schauen dem Spiel der Männer zu und diskutieren vor jedem Stoß, wie der am besten gespielt werden sollte. Mik-Mik steigt beim nächsten Spiel mit 100 Piso ein und gewinnt. Das nächste Spiel wird mit 200 Piso angesetzt. Er gewinnt wieder und gibt – zur Freude aller – eine Flasche Tanduay Rum aus. Die Stimmung ist bestens und Mik-Mik in seinem Element. Als einige Freunde bemerken, dass Mik-Mik mehr Bares als gewöhnlich in den Taschen hat, wird er zum Kartenspiel eingeladen. Auch hier gewinnt er, sodass sein Guthaben auf über 2.500 Piso anwächst. ‚Jetzt ist der beste Zeitpunkt aufzuhören‘, denkt er noch, aber die Leidenschaft hat ihn gepackt. Keine drei Stunden später ist der gesamte Betrag verloren und schlimmer noch, er geht frustriert mit 500 Piso Schulden nach Hause. Er hat eine Woche, um die geborgte Summe zurückzuzahlen. Immerhin ist er heute nicht so sturzbetrunken wie letzte Nacht und morgen in der Früh will er zurück zu Tommy. ‚Vier Stunden Schlaf müssen reichen‘, denkt er, als er sich auf der Bambusbank vor seinem Haus ausstreckt und wegnickt.

[Ende 12. Kapitel und elfter Tag – Mittwoch]

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